Felder bei Amol

Zum Pass, zum Meer, zum Teufel!

Hoch zum Pass

Am Dorfplatz von Abe Ali

Am Dorfplatz von Abe Ali

Endlich ließen wir den stinkenden Moloch Teheran hinter uns. Es dauerte eine Weile, bis die endlose Aneinanderreihung schmuckloser Wohnblöcke und stinkender Industrieanlagen Bäumen und Sträuchern wich. Von der Hauptstadt aus ging es unmittelbar wieder ins Alborz Gebirge und somit in Richtung Meer. Wir campten in einem kleinen Baumhain inmitten eines kleinen Dorfes und bezwangen am darauffolgenden Tag die verbleibenden Höhenmeter bis zum auf 2600 Metern gelegenen Pass, wobei wir von der Provinz Teheran wieder nach Mazandaran fuhren.

Feiernde Hähnchen

Feiernde Hähnchen

Aufwärts ins Elburs Gebirge

Aufwärts ins Elburs Gebirge

Der Hashem Schrein auf 2700m

Der Hashem Schrein auf 2700m

Auf der Passhöhe stand ein heiliger Schrein – ein ebenfalls schmuckloser Bau aus grauen Backsteinen mit goldenen Kuppeln. Über der Straße hing ein Banner, das den kürzlich stattgefundenen Koran-Wettbewerb ankündigte. Was genau man bei einem Koranwettbewerb macht, blieb leider im Unklaren. Um uns herum war kein einziger Baum zu sehen, die Landschaft glich alten Aufnahmen der Apollo Mondmissionen.

Runter vom Pass

Die Abfahrt, Belohnung für den langen Aufstieg, war, wie immer, rasant und abenteuerlich. Auf den ersten Kilometern stürzten sich Schwärme von grashüpferähnlichen Suizidinsekten vor unsere Räder, einige Kilometer später rasten im Tunnel scharenweise persische Automobilterroristen an uns vorbei, die sich am ohrenbetäubenden Hall ihrer kreischenden Hupsignale erfreuten, bevor sich noch ein Stück weiter die weiße Krone des Damavand hinter den grünen Hügeln hervorschob wie ein gigantischer Berg aus Zucker.

Damavand, mit 5610m höchster Berg des Iran

Damavand, mit 5610m höchster Berg des Iran

Der Damavand ist vulkanischen Ursprungs und mit 5610 Metern der höchste Berg des Iran. Er ist leicht zu besteigen und zieht deshalb viele Bergtouristen in die nahegelegenen Dörfer. Trotzdem blieb man hier vom aufdringlichen Kommerz des Massentourismus verschont.

Entlang eines Flusses, dessen Rauschen an den steilen Wänden des Canyons widerhallte, durch den er sich im Laufe der Jahrhunderte gegraben hatte, ging es immer weiter bergab, bis die Straße langsam flacher wurde und die hohen Berge rollenden, bewaldeten Hügeln wichen.

Polour und Berg Damavand

Polour und Berg Damavand

Verkehr und Polizei

Dorf im Elburs Gebirge

Dorf im Elburs Gebirge

Mittlerweile konnten wir die vielen Empfehlungen, auf keinen Fall so lebensmüde zu sein, die Chalus Road zu fahren, überhaupt nicht mehr verstehen. Sie war zwar eng, aber die Fahrzeuge fuhren entsprechend langsamer und vorsichtiger. Die Straße, auf der wir uns jetzt befanden, war breit, gut ausgebaut und übersichtlich. Hier krochen die Autos nicht mit 30km/h vorüber, sondern rissen uns mit dem Stoß und Sog ihres Fahrtwindes fast von den Rädern, wenn sie mit 120km/h an uns vorbeirasten. Wieder einmal dachte ich: Vertraue nie der Aussage eines Autofahrers.

Elburs Gebirge

Elburs Gebirge

Zwei Polizisten, die von ihrem Wagen am Straßenrand aus Geschwindigkeitskontrollen durchführen, hielten uns an. Da sie unfähig waren, irgendwie zu fragen, wo wir her seien, verlangten sie unsere Pässe und studierten sie eingehend. Offensichtlich kamen sie immer noch zu keinem Ergebnis, so dass ich ihnen auf die Sprünge half und „Almania“ sagte. Das befriedigte ihre Neugierde und wir durften weiterfahren.

Drogenschwein

Dorf im Elburs Gebirge

Dorf im Elburs Gebirge

Wenige Minuten später, wir wollten gerade eine Zigarette rauchen, hielt ein protziger Geländewagen neben uns an. Ihm entsprangen zwei goldkettchenbehangene Hip Hop Hoschis, die uns sofort zu sich an Hause einluden. Sie wohnten in Amol, hätten aber auch ein Haus am kaspischen Meer und wir könnten dort so lange bleiben, wie wir wollten. Das klang sehr verlockend, lag aber leider nicht auf unserer angedachten Route, so dass wir ablehnten.

Anschließend fragte mich einer der beiden, ob ich denn rauche. Ich zeigte mit hochgezogenen Augenbrauen auf meine Zigarette und setzte mein „offensichtlich“-Gesicht auf, Doch er schüttelte den Kopf und machte mir klar, dass er nicht Tabak sondern Spaßhanf meinte. In Deutschland rauche ich, erklärte ich ihm, doch im Iran sei mir das zu gefährlich. Er winkte nur ab und begann sofort eine Purlunte zu rollen, die selbst einem Kampfkiffer die Schuhe ausgezogen hätte.

Wir verköstigten gemeinsam die Sportzigarette, als mir das Tatoo am Oberarm des kleineren der beiden auffiel. Es war ein chinesisches Schriftzeichen, dass ich nach kurzem Überlegen als „Schwein“ identifizierte. Ich fragte zuerst mich und dann den Tatooträger, wie man als Iraner denn auf die Idee käme, sich „Schwein“ auf den Arm zu tätowieren, ob das nicht etwas ironisch sei. Er erklärte, es handle sich dabei um sein Geburtsjahr, das chinesische Jahr des Schweines. Ich verstand, fand es aber immer noch fragwürdig.

Die beiden luden uns abermals ein – wir lehnten abermals ab – drückten mir einen Batzen Grünzeug in die Hand und wünschten uns viel Spaß auf unserer weiteren Reise. Ich wickelte das Material in eine kleine Plastiktüte und steckte es seitlich in meine Lenkertasche.

Polizeikontrolle

Nur wenige Minuten später, wir hatten gerade die Kuppe einer kleinen Anhöhe erreicht, erspähten wir auf der gegenüberliegenden Kuppe eine weitere Verkehrskontrolle. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von drei Kilometern zweimal in eine Verkehrskontrolle zu geraten? Mein Puls beschleunigte und ich beschloss, das Zeug loszuwerden, bevor wir durch die Kontrolle führen.

Wir waren uns zwar relativ sicher, dass die Polizisten uns nicht durchsuchen würden, aber ich wollte kein Risiko eingehen, zumal meine Augen aussahen wie die Saurons in den Herr der Ringe Filmen. Ich hielt an einem kleinen Schotterpfad an, der nach rechts hinter einen kleinen Hügel führte, stellte mein Bike ab, schnappte ein Päckchen Taschentücher aus meiner Lenkertasche, zog dabei gleichzeitig das kleine Plastikbeutelchen heraus, und verließ unter eindringlichem Pfeifen, Rufen und Winken der Verkehrsbeamten deren Sichtbereich.

Aus den vielen herumliegenden Steinen wählte ich einen relativ auffälligen, aufrecht stehenden aus und versteckte das Zeug darunter. Dann ging ich zurück zum Rad, während die Polizisten oben bereits Kopfstände machten, um uns herbeizuzitieren. Wir radelten die kleine Steigung hinauf und ich fragte mich, was die Offiziellen wohl zu meiner „Flucht“ sagen würden. Gespannt hielten wir direkt neben ihnen an. Sie schüttelten reihum meine Hand und begannen bei Schritt eins des iranischen Katalogs für „Fragen, die sie Touristen unbedingt stellen müssen“.

Woher kommen wir? Oooh, Deuschland, sehr gut! Wo fahren wir hin? Mit dem Fahrrad? Sehr gut, sehr gut. Wie finden wir den Iran? Sehr gut! Spätestens jetzt war ich mir sicher, dass sie trotz meiner Werwolfaugen nicht die geringste Absicht hatten, uns zu durchsuchen. Ich rieb mir zum dritten Mal die Augen und deutete an, dass heute sehr viel Sand in der Luft sei. Sie nickten zustimmend. Dann zündete ich mir eine Zigarette an und schaute zu, wie sie zwei Wagen anhielten, die zu schnell gefahren waren, bis Mia mich fragte, ob sie auch kurz aufs Klo gehen solle. Ich erklärte den Beamten, dass mein Kollege kurz mal weg müsse, was diese mit Gelächter quittierten und sie machte sich auf die Suche nach dem aufrechten Stein.

Nachdem sie fünf endlose Minuten später zurückkam, verabschiedeten wir uns von unseren Fans und rollten weiter in Richtung Meer, unser Abendspaß sicher in Mias BH ruhend.

Picknick

Picknick mit Iranern

Picknick mit Iranern

Eine Zeltstelle zu finden, war an diesem Tag nicht einfach. Auf jeder freien Fläche stand entweder ein Gebäude, eine Industrieanlage, oder es handelte sich um ein geflutetes Reisfeld. Nach einigem Suchen fanden wir etwas abseits der Hauptstraße eine schöne Stelle am Fluss, an der wir unser Zelt aufbauen wollten. Dummerweise waren aber genau an dieser Stelle zwei iranische Familien am Picknicken.

Iranische Mädchen

Iranische Mädchen

Man rief uns hinzu, versorgte uns mit Wassermelone und Keksen, erzählte über den Iran und fragte nach Deutschland. Ein Picknickgast von anderer Stelle zückte eine Flasche Selbstgebrannten und wir verköstigten gemeinsam einige Gläser der höchst illegalen Droge. Bei Anbruch der Dunkelheit räumten alle Anwesenden das Feld und wir konnten doch noch in Ruhe campen.

Die letzten Hügel des Elburs

Die letzten Hügel des Elburs

Strand Heil

Ollo und Geiß

Ollo und Geiß

Am nächsten Tag wollten wir den Strand erreichen. Durch unglaublich flaches Terrain rollten wir abermals aufs kaspische Meer zu. Diesmal allerdings mit Rückenwind. Unterwegs fuhren mehrere Transporter voller Erdbeeren an uns vorbei. Ich verspürte eine unbändige Lust auf meine Lieblingsnuss als, deus ex machina, einer der Wagen vor uns anhielt und uns eine Tüte Erdbeeren überreichte. Sie waren unglaublich lecker.

Michi

Mia

Wir fuhren durch einige weitere Dörfer, in denen man uns freundlich mit ausgestrecktem, rechten Arm begrüßte, kamen am Meer an, verließen es wieder für einige Kilometer, trafen einen Englischlehrer, der seine Unterrichtssprache sogar ausreichend beherrschte, allerdings eine der Personen war, die am liebsten sich selbst reden hörte und oft gar nicht erst auf Antworten oder Fragen des Gesprächspartners einging, erfuhren, dass wir ganz in der Nähe von Juybar waren, der iranische Hauptstadt des Ringkampfes, erreichten abermals den Strand und fanden schließlich eine geeignete Stelle für unser Zelt.

¡Me cago en tu pabellón!

Wir zeigen Flagge am Strand

Wir zeigen Flagge am Strand

Unser Zelt war fast fertig aufgebaut, als von einem etwa 200 Meter entfernten Pavillon ein Iraner zu uns kam und mit Händen und Füßen darauf beharrte, dass wir unser Zelt in seinem Pavillon aufbauten. Er hatte einen Betonboden und war bis aufs Dach in alle Richtungen offen. An der Intelligenz unseres Wohltäters zweifelnd, erklärte ich ihm erst, dass wir keine Heringe in den Beton hauen können, worauf er meinte, das sei nicht nötig, man könne das Zelt auch festbinden, bevor ich ihm klar machte, dass wir aber so das Außenzelt nicht befestigen könnten. Alles kein Problem, meinte er, wir sollten das Außenzelt einfach um die mit Holzsplittern gespickten Balken des Pavillons binden. Er bestand darauf, dass ich mir den Pavillon aus der Nähe ansah und auch die anwesenden Freunde bestätigten mir, dass das Zelt ohne Heringe im Pavillon viel geschützter stehe als im Freien. Ich lehnte noch weitere vier oder fünf mal ab, bevor mir der Kragen platzte und ich ihn anfuhr, was genau er an dem Wort „No!“ nicht verstehe. Den Rest meiner Tirade feuerte ich auf Spanisch ab, bevor ich mich umdrehte und zurück zum Zelt ging.

Geliebter Iran, ich hasse dich!

Es war wieder einer der Tage, an denen ich mir nicht erklären konnte, warum alle Radfahrer den Iran als so unglaublich schön, problemlos und gastfreundlich darstellten. Ein Land, in dem es keine Freiheit gibt, in dem die meisten Menschen religiös sind, in dem einem nicht aus Freundlichkeit geholfen wird, sondern „weil’s einfach so ist“. Nein, der Iran kam heute nicht gut weg. Aber ich glaube, genau das ist es, was den Iran ausmacht. Es ist ein Land der Gegensätze und Widersprüche. Ein Land, in dem das Gute schlecht und das Schlechte gut sein kann. Wo Freundlichkeit unfreundlich sein kann, Willkür rein willkürlich auftritt und Touristen als Bereicherung, aber auch als Last angesehen werden.

Ich mochte den Iran. Aber heute ging er mir auf die Nüsse. Und was morgen passiert, könnt ihr im nächsten Artikel lesen.

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