Schattenspiele am Erciyes Dağı

Vulkane, Tankstellen und die weiße Hölle

Leaving Cappadocia

Am Tag unserer Abfahrt brachte uns Meriç zu einem Laden, wo ich eventuell eine Ersatzpumpe für meinen Kocher bekommen würde. Doch hier scheint es ein kleines Missverständnis gegeben zu haben, denn der Besitzer des Ladens, der auch Waschmaschinen und andere Haushaltsgeräte verkaufte, versuchte uns einen unheimlich unhandlichen und schweren Gaskocher anzudrehen. Als Meriç meinte, es gäbe da noch einen Laden, lehnte ich ab, da ich mir recht sicher war, dass er nicht wusste, was ich überhaupt suchte.

Höhlen in Ürgüp

Höhlen in Ürgüp

Auch die Strecke von Avanos in Richtung Osten führte uns an imposanten Gesteinsformationen vorbei. Hier karrten Busse haufenweise Japaner an, für deren Fotoapparate auch wir Radreisenden ein gefundenes Fressen waren. Ürgüps Zentrum mit seinen Holzhäusern, das am Rande einer Klippe liegt, an die sich ebenfalls Behausungen schmiegen, ist ebenfalls einen Besuch wert.
Unsere eigene Höhle bei Akköy

Unsere eigene Höhle bei Akköy

Es fing gerade an zu regnen, als wir nahe der Straße den Höhleneingang entdeckten.

Ab hier führte unser Weg angenehm aber stetig bergauf. Als es zu nieseln begann, entdeckte Michi eine Höhle am Straßenrand und wir schlugen unser Nachtlager darin auf. Diesen Abend würde das Display von Michis Kindle von grau auf schwarz wechseln, seinen Dienst aber weiterhin verwehren.

Imposanter Erciyes Dağı

Der Topuzdagı Pass in Kappadokien

Der Topuzdağı Pass in Kappadokien

Mit rund 1500 Metern keine wirkliche Herausforderung.

Bei bewölktem Himmel ging es bergauf, bis das Gelände an einem weiteren Pass in eine weite, von Gebirgszügen umgebene Ebene abfiel, an deren nördlichem Rand der Erciyes Dağı thronte. Die Flanken des höchsten Berges Zentralanatoliens waren von Schnee bedeckt und an seinen Gipfel klammerten sich Wolken, die nur manchmal die Sicht auf die Bergspitze freigaben. Mein Kreislauf plagte mich immer noch mit gelegentlichen Sternchen vor den Augen und ich verdächtigte unseren stetigen Kekskonsum als Auslöser. Nach ein paar Minuten war es aber jedesmal vorüber, so dass ich mir keine großen Gedanken machte. Ich trank wegen des kalten Wetters vermutlich einfach zu wenig.

Der Erciyes Dağı im Morgennebel

Der Erciyes Dağı im Morgennebel

Mit 3916m der höchste Berg Zentralanatoliens.

Ebene und das Anti-Taurus Gebirge

Ebene und das Anti-Taurus Gebirge

Ein Teil der Sultan Marschen

Ein Teil der Sultansazlığı (Sultansümpfe)

Die Straße nach Develi verlief am Rade der Sultansazlığı (Sultansümpfe) entlang, einem Feuchtgebiet und Vogelparadies. Nur in der Nähe der Straße schienen sich die Vögel nicht gerne aufzuhalten und wir sahen statt Störchen und Flamingos nur ein paar Raben. Beim Mittagessen bekamen wir erst Besuch von einer neugierigen Kuh, die sich meinem Wurstbrot bedrohlich näherte. Anschließend läutete die Schulglocke und eine Horde noch viel neugierigerer, kichernder Kinder fiel über uns her und gab ihre drei Sätze Englisch zum Besten. Hallo, Name, Land. Ich dachte wieder einmal darüber nach, mir ein T-Shirt mit „Hello! Oliver, Almanya!“ drucken zu lassen.

Diese Kuh steht scheinbar auf Nadelbäume

Diese Kuh steht scheinbar auf Nadelbäume

Schulkinder in Cayır Özü

Schulkinder in Çayırözü

Türkische Kinder sind sehr neugierig und sind erpicht, ihre drei Sätze Englisch an den Mann zu bringen.

In Develi

In Develi

Eine hübsche Stadt am Fuße des Erciyes Dağı

Anschließend fuhren wir durch Develi, eine gemütliche kleine Stadt mit vielen alten Gebäuden, die leider teilweise etwas zerfallen waren. Über den Dächern der Häuser hing der Gipfel des schneebedeckten Erciyes Dağı wie ein Hirte, der über seine Schafe wacht. Wir wurden wie so oft zum Tee eingeladen und unser Gastgeber erzählte uns, dass er eigentlich in Deutschland wohne und arbeite, aber die Türkei viel lieber möge, weshalb er immer wieder hierher zurückkehre. Wir fragten ihn nach dem schönsten Weg zurück zur Hauptstraße, aber es stellte sich wieder einmal heraus, dass er eigentlich keine Ahnung hatte und uns deshalb einfach irgendetwas Willkürliches empfahl.

Ein weiteres Bild vom Erciyes Dağı

Ein weiteres Bild vom Erciyes Dağı

Der schneebedeckte Vulkan hatte es mir angetan.

Tomarza und die Natursteinleute

Schattenspiele vor Tomarza

Schattenspiele vor Tomarza

Gegen Abend führte die Straße steil in eine unter uns liegende Ebene. In Tomarza tätigten wir die letzten Besorgungen des Tages und waren gerade auf dem Weg aus der Stadt heraus, als wir einige Höhlen entdeckten. Die Entscheidung darin zu übernachten war schnell gefällt. Beim Abendessen hörten wir das White Album der Beatles und Michi mutmaßte, John Lennon sei wegen der schlechten Musik erschossen worden. Aber was will man schon von einem Musikbanausen erwarten.

Geselliger Abend mit den Arbeitern der Natursteinfabrik in Tormarza

Geselliger Abend mit den Arbeitern der Natursteinfabrik in Tomarza

Am nächsten Morgen würden wir gemeinsam in der Fabrik frühstücken.

Nach dem Essen bekamen wir noch Besuch von drei Arbeitern aus der Natursteinfabrik gegenüber, die uns mit Tee beglückten. Wir unterhielten uns ein wenig, bis sie irgendwann fragten, ob wir denn auch Alkohol tränken. Wir bejahten, woraufhin zwei der Arbeiter loszogen, um einige Zeit später mit einer Flasche Wodka zurückzukehren. Der dritte im Bunde erzählte uns, er wolle auch eine Weltreise machen, wenn er das nötige Geld angespart habe. Er dachte dabei an Deutschland, Frankreich und die Niederlande. Ich würde das jetzt nicht direkt als Weltreise bezeichnen, aber trotzdem wünsche ich ihm viel Erfolg bei seinem Vorhaben.

Schwalbe mit Schlagseite

Zebraberge

Zebraberge

Schöne Straße bei Güzelçe

Schöne Straße bei Güzelçe


Wolken über dem Taurus Gebirge

Wolken über dem Taurus Gebirge

Landstraße vor den Bergen des Taurus

Landstraße vor den Bergen des Taurus

Wie abends vereinbart, trafen wir uns am nächsten Morgen zum Frühstück in der Fabrik. Es gab Tee, Rührei, Käse, Oliven und Brot – eine weit verbreitete Kombination. Der Tag verlief durch fabelhafte Landschaften, war jedoch ereignislos, bis ich schließlich bergab in die heutige Endstation Pınarbaşı rollte. Mein Hinterrad hatte plötzlich einen starken Schlag bekommen. Ich blickte nach unten und sah, dass der Mantel alles andere als rund lief. Ich hielt an, um das Malheur zu begutachten und stellte fest, dass das Gummi zwischen Karkasse und Ring gerissen war und der Mantel an dieser Stelle nur noch von dünnem Gewebe zusammengehalten wurde. „Bis runter in die Stadt wird es hoffentlich noch halten“, dachte ich und rollte langsam weiter, in der Hoffnung, der Mantel würde sich nicht vollends zerlegen. Meine Geiß ruckelte zuckend bis zu einer BP Tankstelle, wo ich mir entnervt eine Packung Zigaretten zulegte und vor dem Restaurant eine rauchte. Prompt brachte mir ein Angestellter einen Tee heraus. Sehr nett.

Der Tod meines Schwalbe Marathon Mondial

Der Tod meines Schwalbe Marathon Mondial

Hat nach 4000km leider den Geist aufgegeben.

Kurze Zeit später traf auch Michi ein. Ich zeigte ihr den Schaden und wollte gerade einen der beiden Ersatzmäntel auspacken, als mein Rad umkippte. Natürlich genau auf die Seite, auf der der Spiegel montiert war. Dessen Halterung brach sauber ab. Gerade als ich dachte, was für ein beschissener Abschluss eines eigentlich guten Radeltages dies war, fing es an zu tröpfeln. Ich ignorierte nun einfach alles und wechselte lächelnd den Mantel. Den nicht mehr brauchbaren trat ich bis zum Mülleimer und stopfte ihn hinein.

Kost und Logis frei

Bei den super-netten Leuten der BP Tankstelle in Pınarbaşı

Bei den supernetten Leuten der BP Tankstelle in Pınarbaşı

Wir fragten nur nach einer guten Stelle zum Zelten und bekamen dazu noch Tee, Strom, Internet, Cola und durften die Küche benutzen.

Wir fragten einen der Angestellten, ob es hier eine gute Stelle zum Campen gebe. Er empfahl uns erst die Wiese auf dem Schulhof nebenan, doch ein weiterer Mitarbeiter, der zu seiner rechten stand, sagte, das sei keine gute Idee, weil sich dort abends die Alkis zum Saufen träfen. Sie fragten, ob wir denn ein Feuer machen wollten. Als wir verneinten, boten sie uns an, auf der Wiese hinter der Tankstelle zu campen. Wir nahmen dankend an.

Wir rauchten noch eine Zigarette und beobachteten drei uniformierte Polizisten, die am Straßenrand standen und versuchten, per Anhalter mitgenommen zu werden. Was in Deutschland wieder einmal undenkbar gewesen wäre, wurde hier noch gesteigert, als ein Ford Transit anhielt und die Ordnungshüter nach kurzer Diskussion beschlossen, dass auch vier Leute auf den Vordersitz passen würden.

Nachdem wir alles aufgebaut hatten, setzten wir uns ins karg eingerichtete Restaurant, das eher einer Gefängniskantine ähnelte. Der Mitarbeiter, der an der Kasse arbeitete, kam abermals zu uns und sagte, wir könnten hier gerne Strom und Internet benutzen und zeigte uns die Küche, die wir auch benutzen durften. Er öffnete den Kühlschrank, zeigte uns lecker aussehende Sucuk, Helva und andere Lebensmittel und erklärte, wir sollen uns einfach nehmen, was wir wollen. Beim Abendessen brachte er uns sogar noch eine Flasche Cola vorbei und wünschte uns guten Appetit. Wir waren wieder einmal von der Gastfreundschaft der Türken fasziniert.

Dieser Weg ist nicht gut!

Die Nacht war ziemlich kalt, doch dank unserer „Unter-Null-Schlafsäcke“ kein Problem. Wir fragten den Mitarbeiter vom Vortag, der hier scheinbar 14 Stunden täglich arbeitete, wie denn der Weg beschaffen sei, den wir fahren wollten, da dieser auf der Landkarte nur als dünne, graue Linie eingezeichnet war. Er und zwei weitere Angestellte sagten, wir sollen diesen Weg nicht nehmen, da er nicht asphaltiert sei und durch den Schnee ziemlich matschig. Da man uns aber schon öfter Wege als unfahrbar verkauft hatte, obwohl diese kein Problem darstellten, beschlossen wir, uns die Situation vor Ort anzuschauen, zumal die Alternative ein Umweg von 50 Kilometern gewesen wäre. Dies allerdings über Asphalt.

Mit Fleecepulli, Regenjacke und Handschuhen vermummt fuhren wir am Rande der Uzun Yaylası, der „breiten Hochebene“, entlang, bis wir zu besagter Abzweigung kamen. Nach kurzer Diskussion und einem kleinen Ausraster meinerseits, wegen welchem ich die nächsten zwei Tage etwas Halsweh haben würde, fuhren wir den nicht asphaltierten Weg hinein. Anfangs ließ er sich noch gut fahren, doch schon bald war der Weg stellenweise von Schnee blockiert und wir mussten durch die matschigen Furchen fahren, die Traktorreifen neben dem Schneefeld hinterlassen hatten. Wir passierten mit 1960 Metern einen neuen höchsten Punkt der Tour und fanden uns, nachdem wir auf der Hauptstraße schon dachten, am Arsch der Welt angekommen zu sein, mitten im verschneiten Nirgendwo.

Verschneite Pfade beim Kuhkaff Uzunpınar

Verschneite Pfade beim Kuhkaff Uzunpınar

Anfangs sah der Weg noch gut aus. Wir konnten ja nicht ahnen, dass wir durch Matsch und Schneefelder würden schieben müssen.

Der nasse, weiche Boden saugte kräftig an den Reifen und immer wieder waren Wasserlachen zu durchqueren. Als Krönung mussten wir gut 100 Meter durch ein knöcheltiefes Schneefeld schieben. Michi behauptete trotz abfrierender Zehen immer noch steif und fest, ihre Hallenturnschuhe seien super und das Problem sei lediglich, dass Schnee von oben in den Schuh gekommen sei. „Nun gut“, dachte ich, „wenn sie meint“.

Jemand zu Hause?

Eine gute Stunde und einige kurze aber heftige Steigungen später kamen wir in Uzunpınar an, einem kleinen Kuhkaff in den Bergen am Rande der „Breiten Hochebene“. Von weitem sah das Dorf gar nicht so klein aus, doch als wir durch seine verschlammten Straßen pflügten, war keine Menschenseele zu sehen. Alle Farben waren zu schlammbraun, schneematschweiß und regenwettergrau verblasst. Ein bellender Hund war das einzige Lebenszeichen in diesem Geisterdorf. In der Dorfmitte entdeckte ich aus dem Augenwinkel einen Menschen in einer orangen Jacke, der gerade seine Kühe in die Scheune trieb. Wir fragten ihn, ob es in diesem Dorf einen Markt gäbe, doch er blickte uns nur verdutzt an, als hätte er gerade zum ersten Mal einen Fahrradfahrer gesehen und sagte „yok“ — nein, es gibt keinen Markt. Ich fragte noch, wo es ins 20 Kilometer entfernte Kuşkazası ginge. Dort sollte laut Karte der Asphalt wieder anfangen. Er zeigte grob nach Nordosten und starrte uns weiter schweigend an. Nun gut, dann würden wir wohl mit dem, was wir noch übrig hatten, kochen müssen.

Auf dem Weg aus dem Dorf hinaus fuhren wir zuerst an zwei Kindern auf einem Esel vorbei (es schien hier also doch noch mehr menschliches Leben zu geben), dann am Friedhof, der fast schon übervölkert war. Der Feldweg, auf dem wir uns jetzt befanden, war weder auf der Landkarte, noch auf dem GPS eingezeichnet, aber es war hier nicht sehr gebirgig, so dass man zur Not quer über den Acker zu einer der eingezeichneten Straßen hätte schieben können. Wir fanden eine gute Zeltstelle und richteten unser Lager ein.

Die weiße Hölle von Uzunpınar

Wechsel Summit Pokemon im Schnee

Wechsel Summit Pokemon im Schnee

Es war wirklich so kalt wie es aussieht.

Schon in der Nacht kam einiges an Niederschlag herunter und auch am nächsten Morgen prasselte immer wieder Regen auf das Zelt ein. Als ich das Zelt gegen halb sieben öffnete, sah ich, dass es gar kein Regen war, sondern Schnee und Hagel. Die ganze Landschaft war von einer zehn Zentimeter dicken Schneedecke überzogen. Gegen halb acht, als es gerade nicht regnete und der Himmel etwas aufklarte, versuchte ich Michi zu wecken, doch sie vertröstete mich mit „noch einer halben Stunde“. Ich versuchte es 30 Minuten später noch einmal. Diesmal hieß es „noch fünf Minuten“. Mir wurde es zu blöd und ich ließ sie schlafen, während ich Kekse und schmierige Sucuk aß, Nutella löffelte und mein Buch „Imajica“ weiter las. Jetzt blieben uns nur noch zwei Tütensuppen und eine Handvoll Spaghetti.

Gegen fünf Uhr nachmittags, als ich gerade Schnee auf dem Kocher schmolz, um eine Suppe zuzubereiten, wurde Michi endlich wach. Dass wir heute nicht mehr weiterfahren würden, war mir klar. Nur, wie weit es bis zur nächsten Versorgungsmöglichkeit war und wie das Wetter und der Weg morgen sein würden, wussten wir nicht. Ich wäre lieber heute gefahren, wo alles noch gefroren war. Aber gut. So verbrachte ich zum ersten Mal wegen zehn Zentimeter Schnee einen ganzen Tag im Zelt.

Schneelandschaft am Arsch der Welt

Schneelandschaft am Arsch der Welt

Mia würde wegen des "schlechten Wetters" bis 17 Uhr schlafen.

Wie wir der Schneehölle entkommen und uns bis zum Euphrat durchkämpfen, könnt ihr im nächsten Nils Holgersson, ähmn, Artikel lesen.

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Ein Gedanke zu „Vulkane, Tankstellen und die weiße Hölle“

  1. Bis 5 gepennt? Habt ihr euch komplett zulaufen lassen den Tag davor? 😀 Interessanterweise…wie lang hält den so ein Mantel von Haus aus? Wesentlich länger als die 4000?

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