Abendsonne über Ischkaschim

Von Taliban und Taximann

Es dämmerte bereits, als ich im Nieselregen Mia einholte. Ich hatte unterwegs versucht, fürs Abendessen einzukaufen, doch im Pamir war die Auswahl in den Märkten äußerst bescheiden. Außer Kartoffeln und Zwiebeln, Eiern und Reis, manchmal Nudeln, muffigen Keksen und zugestaubter Cola war oft nichts zu finden.

Unterwegs wurde ich mal wieder mit ausgestrecktem rechten Arm und einem fröhlichen: „Heil Hitler!“ begrüßt. Ich hatte mich in der Zwischenzeit daran gewöhnt und lachte nur noch, statt mir die Haare zu raufen. Ich hätte gerne gewusst, wie ernst diese Aktionen gemeint waren, hakte jedoch nicht nach und ließ Deutschlands traurige Berühmtheit über mich ergehen: Bayern München, Merkel und Hitler.

Plastik-Ethik

Auch mit der Müllentsorgung hatte man es in Zentralasien nicht so. In Dörfern gab es meistens nur eine einzige Stelle, wo der Müll gut in den Fluss geworfen werden konnte. An an der Böschung des kleinen Zuflusses stapelte sich entsprechend das Plastik, bevor ein stärkerer Regenfall es hinunter in den Fluß spülte. Vielleicht hat all das Plastik ja eine konservierende Wirkung auf die Umwelt.

Liebe Industrieländer: Plastik ist ein tolles Verpackungsmaterial, aber muss denn wirklich alles doppelt und dreifach eingeschweißt werden? Vor allem, wenn man es in Länder exportiert, die fast keine Infrastruktur zur Entsorgung besitzen?

Gefährliche Brücken

Nach einer kurzen Pause fuhr ich weiter und setzte mich von Mia ab. Es wurde nun rasch dunkler. Kurz vor Ischkoschim wartete ich an einer Brücke auf meine Mitfahrerin. Eigentlich hätte ich wissen sollen, dass man in Ischkoschim nicht im Dunklen an Brücken wartet. Schon gar nicht mit einer Zigarette in der Hand. Denn die Brücken führten natürlich nach Afghanistan, Talibangebiet.

Die vier Soldaten, die sich mir mit angelegten Sturmgewehren näherten, halfen meinen Hirnwindungen auf die Sprünge. Sie erklärten, dass ich von ihnen erschossen werde, wenn ich die Brücke betrete. Und wenn ich hier weiter rauchte, könnte es sein, dass ich von Taliban erschossen werde.

In genau diesem Moment sah ich auch Mia durchs die Dämmerung herbeirollen und wir fuhren gemeinsam in den mittlerweile stockdunklen Ort. Es war nicht ganz klar, ob wir die Siedlung bereits erreicht hatten oder wo sich das Zentrum befand. Wir fuhren einfach die von Schlaglöchern übersäte Straße entlang, bis wir schließlich Hanis Guesthouse erreichten.

Luxus macht Glücklich

Drinnen schlürften Flo und Minxin bereits genüsslich und versöhnt ihr Abendessen. Ein gutes Mahl, eine heiße Dusche und ein warmes Bett machen eben doch glücklich. Hani erlaubte uns, statt in einem Zimmer für $10 pro Kopf, mit unseren eigenen Schlafutensilien im Raum für LKW-Fahrer zu schlafen. Für schlappe $2.

Incommunicado

In der Nacht ging es Mia wieder schlechter und auch die gesamten nächsten zwei Tage bewegte sie sich nicht aus ihrem Schlafsack heraus, außer um aufs Klo zu gehen. Ich brachte ihr Essen, Getränke, und hoffte, dass wir bald weiter könnten. Doch leider war absolut keine Kommunikation zwischen uns vorhanden, so dass ich weder wusste, was ihr Plan war, noch wie es ihr genau ging. In meine Kopf machten sich zu ersten Mal ernsthafte Zweifel breit: „Würden wir den Wachankorridor wenigstens teilweise fahren können?“, „Müsste ich am Ende sogar Kirgisistan und Kasachstan aus der Tour streichen?“, „Würden meine Tour-Highlights tatsächlich ins Wasser fallen?“

Ischkoschim und Ischkaschim

Traditionelle Tänze in Hanis Guesthouse

Traditionelle Tänze in Hanis Guesthouse

Das auf knapp 2700 Metern gelegene Ischkoschim war die westlichste Siedlung des Wachankorridors, der schmalen Pufferwurst Afghanistans, die während des Great Games die beiden Großreiche England und Russland vor einer kriegerischen Auseinandersetzung bewahren sollte. Wenige Kilometer entfernt ragte der schneebedeckte Gipfel Pik Engels 6510 Meter in den bewölkten Himmel; der danebengelegene Pik Karl Marx erreicht immer noch stattliche 6726 Meter.

Am Ortseingang befand sich die bereits erwähnte, wohlbewachte Brücke, über die man von Ischkoschim nach Ischkaschim, dem afghanischen Teil der Siedlung, gelangte. Einmal pro Woche herrschte dort reges Treiben, wenn Händler beider Ufer ihre Waren darboten. Falls es die Situation zuließ und das Militär die Brücke freigab, konnte man als Tourist den Markt auch ohne afghanisches Visum besuchen. Doch dank vermuteter Talibanaktivität war die Brücke derzeit gesperrt.

4WD-Schnäppchen

In Hanis Guesthouse lernte ich die beiden Holländer Tina und Sam kennen, die dort einige Tage lang freiwillig gearbeitet hatten. Da sie bald weiter ins 350 Kilometer entfernte Murghab fahren wollten, und Tina als Halbiranerin in Tadschikistan mit ihrem Persisch gut zurecht kam, beschlossen wir, die Kosten für einen Wagen mit Fahrer zu teilen, sollte sie rechtzeitig einen günstigen Transport auftreiben können.

Schon am nächsten Tag hatte Tina einen Fahrer für unschlagbare 1000 Somoni organisiert. Schlappe 25 Euro pro Person. Morgen, Donnerstag, würde es losgehen. Die Währung ist übriges nach dem Perser Ismail Ibn Ahmad benannt, dem tadschikischen „Vater der Nation“ und ein Nachfahre des Begründers der Samaniden-Dynastie, welche den damals in Persien vorherrschenden Zoroastrianismus ablehnte und das Reich islamisierte.

Wachsende Enttäuschung

Der Wachan Korridor bei Ischkoschim

Der Wachan Korridor bei Ischkoschim

Frustriert, die Tour nicht vollständig mit dem Fahrrad machen zu können und zu allem Überfluss auch noch Kirgisistan herauskürzen zu müssen, versorgte ich mich im Markt mit Bier und Dosen-Black Russian, einem Cocktail aus Wodka und Kaffeelikör. Ich stellte fest, dass die Strecke durch China durch die neue Routenplanung gut 800 Kilometer länger sein würde und wir deshalb auch dort auf Bus oder Zug zurückgreifen werden müssen. Das Ganze verkam in meinem Kopf immer mehr zu einer Farce.

Am Nachmittag unterhielt ich mich eine Weile mit einem Tadschiken, der in der Schweiz Geologie studiert hatte, über die Pamir-Region. Auch er erzählte, wegen der hohen Arbeitslosigkeit, der fehlenden Möglichkeiten für Ackerbau und Industrie und der kalten Winter, investiere die Region hauptsächlich in Bildung und Tourismus.

Anschiss, Vergebens

Zu allem Überdruss bekam an diesem Tag auch noch Stress mit Mia. Ich hatte es nämlich satt, immer alles alleine regeln und entscheiden zu müssen, während sie in ihrem Schlafsack dahinsiechte und auf besseres Wetter wartete. Zugegeben, sie sah wirklich nicht gut aus, aber einfach nur schweigend dazuliegen brachte uns wirklich nicht weiter. Leider half der Anschiss auch nicht weiter, denn schlagartig gesund wurde sie trotzdem nicht.

Später hörte ich, dass in Murghab am Wochenende das Horse-Festival stattfände, und dass Team Frosch (die Liegefahrräder) lediglich einen Tag hinter uns lag. Man würde sich also vielleicht noch treffen. Wenigstens hielten sich die guten und die schlechten Nachrichten annähernd die Waage. Etwas beschwipst nahm ich mir fest vor, irgendwann noch einmal nach Zentralasien zu fahren, um die losen Enden dieser Tour mit dem Fahrrad zu verbinden.

Der Fahrer ohne Plan

Unser Fahrer tauchte am nächsten Morgen zwar pünktlich mit seinem Geländewagen auf, verhielt sich aber nervös und sichtlich beunruhigt. Scheinbar hatten die anderen Fahrer mitbekommen, dass er uns für nur 1000 Somoni nach Murghab brachte, während sie für dieselbe Strecke 2000 verlangten. Das war zwar unglaublich überteuerte Touristenabzocke, aber wer die Monopolstellung hat, lässt dem Kunden keine andere Wahl, als den unverschämten Preis zu zahlen. Er erzählte, sie hätten ihm gedroht und vorgeworfen, gegen die Regeln verstoßen zu haben.

Er selbst hatte jetzt natürlich ein ungutes Gefühl bei der ganzen Sache, würde uns aber trotzdem fahren. Während wir die Räder und das Gepäck auf dem Dach des Wagens verzurrten, ergab sich im Gespräch, dass unser Fahrer erst 22 Jahre alt war, gerade Ferien hatte und sich ein paar Taler dazuverdienen wollte. Er wusste nicht, wo Murghab lag oder wie weit es entfernt war, er wusste nicht, dass die M41 gesperrt war und am wenigsten wusste er über den Straßenzustand zwischen Langar und Alichur Bescheid.

Nervige Diskussionen

Abschied von Vali bei Hanis Guesthouse

Abschied von Vali bei Hanis Guesthouse

Doch eins nach dem anderen. Nach einer halben Stunde war das Gepäck verstaut und wir saßen zu fünft im Wagen. Endlich ging es los. Und zwar zur nächsten Tankstelle. Dort angekommen, ging die große Diskussion los. Denn unser Fahrer wollte mehr Geld. Glücklicherweise war Tina gut im Verhandeln . Und darin, auf wunde Punkte zu drücken. Sie appellierte an seine Ehre als Mann, daran, dass er sein Wort gegeben habe, dass wir eine Abmachung hatten. Ob sein Wort denn nichts wert sei.

Nach einigen Minuten hieß es dann, er wolle mehr Geld, weil die Straße gesperrt sei und er deshalb eine 50 Kilometer längere Strecke fahren musste. Er sagte, er würde nicht fahren und wir sollten unsere Sachen wieder abladen.

Ich erklärte Tina, und sie ihm, dass die Straße, die gesperrt war, die M41 bei Chorugh war und er deshalb eine 70 Kilometer kürzere Strecke fahren müsse, die allerdings größtenteils nicht asphaltiert sei. Es gab weitere Diskussionen zwischen Tina, Fahrer und Tankstellenmitarbeitern, die mal lauter, mal leiser verliefen. Tina pochte immer wieder darauf, dass wir einen Deal hatten und er keine vertrauenswürdige Person sei, wenn er diesen bräche.

Schließlich hieß es, er brauche das Geld im Voraus, weil er nicht nur kein Benzin habe, sondern auch kein Geld zum Tanken. Nach weiteren Wortwechseln bezahlten wir ihm eine Tankfüllung und drängelten darauf, endlich los zu kommen, denn die Strecke war zwar nur 350 Kilometer lang, doch war dies Tadschikistan, nicht in Deutschland.

Ich selbst ging von mindestens sieben Stunden Fahrzeit aus. Tina betonte gegenüber dem Fahrer immer wieder, dass wir uns etwas beeilen müssten, wenn wir nicht im Dunklen fahren wollten. Aber wie bereits erwähnt, reichte sein geistiger Horizont vom Lenkrad bis zur Motorhaube und kein Stück weiter. Ihm war nicht bewusst, dass es heute Abend wieder dunkel werden würde und schon gar nicht, dass man auf dem Pamir-Highway nicht im Dunklen fahren will.

Von den Abenteuern, die wir mit unserem Taximann unterwegs erlebten, vom Horse Festival, und davon, wie es sich auf knapp 4000 Metern so atmet, erzähle ich dann im nächsten Artikel.

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