Gruppenfoto im Green House Hostel, Duschanbe

Von Duschanbe bis Berg-Badachschan

Duschanbe

Duschanbe war mit knapp 800.000 Einwohnern eine eher kleine Landeshauptstadt. Der Name bedeutet auf Persisch „zweiter Tag“, also Montag. Doch heute war Donnerstag. Auch waren die Bewohner Tadschikistans keine Arier bzw. Perser, sondern Tadschiken und Pamiris. Die Kultur hingegen war sowohl persisch als auch russisch geprägt. Und die Landessprache, Tadschikisch, zählte zu den iranischen Sprachen. Genau wie Kurdisch und Ossetisch. Sehr verwirrend.

Beim Wetter sah die Lage nicht anders aus. Ein „augeprägtes Kontinentalklima mit trocken-heißen Sommern“ herrschte hier angeblich. Ein Blick zum wolkenverhangenen Himmel sagte mir, dass irgendetwas nicht stimmte. Statistisch gesehen fallen im Juli 2,4mm, im August sogar nur 1,3mm Regen bei 11 Sonnenstunden am Tag. Véro erzählte uns, im Pamir regne es schon seit über einer Woche. Sommerregen in einer Halbwüste. Wir sollten Galileo Mystery einschalten.

Luxusmomente

Das Erdgeschoss ihres zweistöckigen Luxusbunkers stellte Véro komplett den Radfahrern zur Verfügung. Dusche, Küche, Kühlschrank, Internet, alles was das Herz begehrte war vorhanden. Doch leider nur für einen Tag, denn dann ging Véro selbst auf Tour und wir mussten das Grundstück räumen. Wir beschlossen, an diesem Tag genau das zu tun, was Radreisende an Pausetagen am liebsten taten: gar nichts.

Am darauffolgenden Tag musste eine neue Bleibe her. Jemand munkelte, im Southern Fried Chicken, einem mittelklassigen KFC-Klon, gäbe es nicht nur westliches Essen, sondern auch Internet. Wie die Fliegen surrten wir alle schnurstracks zur Fastfood-Butze und schmatzten bereits eine halbe Stunde später genüsslich zu Fett-Pizza, Plastik-Tortilla und Retorten-Burger.

Nicht ohne meinen Hut

Wir rauchten gerade eine Zigarette, als eine Gruppe halbstarker Jugendlicher, die Brust voraus, auf der Hauptstraße vorbeisprintete. Einige Augenblicke später hatte sich rechts von uns eine große Menschentraube gebildet und alles sah verdammt nach einer Schlägerei aus. Ich fasste mir nur an die Stirn und dachte: „Immer diese Russen.“

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass einer der Möchtegern-Coolen Anselms heiligen Radreise-Hut vom Fahrrad geklaut hatte und damit wegspaziert war. Anselm rannte ihm sofort hinterher, worauf der vermeintliche Dieb Fersengeld gab. Doch Anselm war schneller und bekam sein T-Shirt zu fassen. Es wurde ein wenig hin und her gezerrt und schon war das Shirt zerrissen.

Das gefiel dem Junggangster natürlich gar nicht. Er holte aus und versetzte Anselm einen Haken auf die Brust. Doch er hatte den dünnen europäischen Radfahrer falsch eingeschätzt. Denn jetzt holte Anselm aus und versetzte ebenfalls einen Haken. Allerdings nicht auf die Brust. Der Rest ist schnell erzählt. Der Tadschike ging zu Boden, Anselm griff seinen Hut und wanderte zu uns zurück.

Wir waren fast mit der Zigarette fertig, als sich eine Gruppe Jugendlicher vor uns aufbaute, sofern dies den etwas kleinwüchsigen Goldkettchenträgern möglich war, und abermals anfing herumzustänkern. Die folgenden Augenblicke waren ein Drahtseilakt zwischen Eskalation und Beschwichtigung, doch letztendlich machte sich der Hip-Hop-Mob von dannen. Willkommen in Tadschikistan.

Green House Hostel

Anselm, der mit dem Fahrrad bereits durch Afrika und Südostasien gefahren war, und Thorsten, der gerade mit Billigstausrüstung unterwegs von Deutschland nach Beijing war, hatten einen Couchsurfer ausfindig gemacht, der sie hosten wollte. Es folgte eine 25 Kilometer lange Odyssee durch Duschanbe, auf der Suche nach dessen Wohnung. Eine Russin half uns letztendlich, den wohlversteckten Eingang zu finden, doch es war niemand zu Hause und ans Telefon ging er auch nicht mehr.

Etwas genervt gaben wir Stunden später schließlich auf und fuhren zum Green House Hostel, das neben dem etwas außerhalb gelegenen Yeti Hostel das einzige Hostel in Duschanbe war. Wir handelten einen guten Rabatt aus, man konnte die Küche benutzen, manchmal funktionierte das Internet sogar und das Personal des Hostels war unglaublich nett.

Die schlechte Nachricht

Am nächsten Morgen dann die nächste Hiobsbotschaft: Der Pamir ist wegen eines Erdrutsches gesperrt. Genauere Informationen gab es erst einmal nicht. Während der nächsten Tage sickerten immer mehr Nachrichten und Fehlinformationen zu uns hindurch. So hieß es, der Wachankorridor sei gesperrt, die M41 sei ab Chorugh gesperrt, alles sei gesperrt, man könnte trotz Sperrung passieren, es gäbe Boote, es gäbe keinerlei Durchkommen und die Situation verschlechtere sich, oder auch nicht.

Nach zwei Tagen erzählten zwei Wanderer, in der Gegend um Chorugh sei der Strom ausgefallen und in den Läden gäbe es nichts essbares mehr zu kaufen. Allgemeiner Konsens war, das Problem sei das zu warme und viel zu regnerische Wetter, das die Schneefelder zum schmelzen bringe. Die so entstandenen Wassermassen lösten in der gesamten Region immer wieder Erdrutsche aus.

Die gute Nachricht

Am dritten Tag erreichte endlich ein einheimischer Reiseführer unser Hostel, der verlässliche Informationen hatte. Durch den Erdrutsch hatte sich hinter Chorugh, in dem Tal, durch das die M41 in Richtung Osten verläuft, ein Staudamm gebildet, und das Wasser habe sich bereits bedrohlich aufgestaut. Bräche der Damm, würden die Wassermassen einige Dörfer unter sich begraben. Doch der Regen habe nun aufgehört und das Wasser fließe langsam ab.

Die gute Nachricht war, dass die Straße nach Süden nicht betroffen sei und man problemlos in den Wachan gelange. Dem ganz persönlichen Abenteuer stand also nichts mehr im Wege. Außer vielleicht den Horden anderer Radfahrer, mit denen man sein Abenteuer zu teilen hatte. Doch eigentlich war es ganz nett, auch mal in wechselnder Gesellschaft zu fahren.

Aufbruch

Feldarbeit in Tadschikistan

Feldarbeit in Tadschikistan

Ackerbau ist nur in wenigen Teilen des Landes möglich.

Anselm und Thorsten hatten ihre GBAO-Permits bereits abgeholt und fuhren einen Tag vor uns los, wollten sich unterwegs jedoch Zeit lassen, so dass wir sie wieder einholen könnten. (GBAO steht für Gorno-Badakhshan Autonomous Oblast, also Autonome Provinz Berg-Badachschan. Dies war die Pamir-Region Tadschikistans, für die man neben dem Visum noch eine gesonderte Genehmigung brauchte)

Am fünften Tag holten auch wir unsere am Vortag beantragten Permits ab. Wir hatten die Erlaubnis für den gesamten Pamir erhalten. Wunderbar. Jetzt schnell auf die Räder, die vor dem GBAO-Büro angekettet waren, und los wäre es gegangen. Wenn ich in meiner Einstein‘schen Zerstreuung nicht den Schlüssel im Hostel vergessen hätte. Kein unüberwindbares Problem, aber dennoch nervig.

Mischa beim Chillen

Mischa beim Chillen

Am 21. Juli um halb eins saßen Mia, Mischa, Mirko und ich endlich wieder im Sattel. Durch den Feiertag, das Wochenende und die Erdrutsche vier Tage später als eigentlich geplant. Da wir durch meinen Krankenhausaufenthalt in Usbekistan schon zwei Tage verloren hatten, waren wir also fast eine ganze Woche zu spät dran. Zum ersten Mal auf der Tour kamen mir Zweifel, ob die Strecke überhaupt wie geplant machbar war.

Die M41 schlängelt sich an der Serafschankette entlang

Die M41 schlängelt sich an der Serafschankette entlang

Der Weg nach Berg-Badachschan

Auf perfektem Straßenbelag flogen wir förmlich aus Duschanbe heraus. Unterwegs hörten wir, die M41 sei wieder offen, doch wussten wir mittlerweile, dass solche Informationen mit Vorsicht zu genießen waren. Außerdem hörten wir über Chat, dass Eric, einem Franzosen, kurz hinter Duschanbe die Felge gerissen sei. Er musste mit seiner Freundin Charlotte wieder zurück in die Hauptstadt, um irgendwie Ersatz zu besorgen.

Während der folgenden Tage rollten wir durch zunehmend zerklüfteter werdende Berglandschaften in Richtung Osten. Das Wetter war weiterhin schwül-warm, die hohe Luftfeuchtigkeit vernebelte die Sicht und machte es fast unmöglich, vernünftige Fotos zu schießen.

Mirco in Tadschikistan

Mirco in Tadschikistan

Mirko schlug sich bisher ganz gut, doch das ständige Auf und Ab des Weges und die Hitze machten ihm zu schaffen. Vermutlich aus italienischem Modebewusstsein weigerte er sich, nur in Radlerhose zu fahren. Stattdessen trug er stets ein stylisches Paar Baumwollshorts über seinem Synthetikstrampler, was natürlich dazu führte, dass er zwischen den Beinen übermäßig schwitzte. Die Folge war ein täglich gereizterer Wolf, der langsam anfing zu beißen, statt nur zu knurren.

Spannungen

Ich repariere einen Platten

Ich repariere einen Platten

Eine halbe Stunde davor habe ich mich noch damit gerühmt, bisher nur zwei Platten gehabt zu haben.

Während dieser Tage spannte sich die Situation zwischen Mia und den anderen ein wenig an. Mischa war irgendwann die ständigen Witze über seinen Schweizer Dialekt satt und rastete am dritten Fahrtag schließlich aus. Die Sache war zum Glück nach kurzer Zeit geklärt und Mia versprach, nie wieder Witze auf seine Kosten zu machen.

Kurz darauf bezeichnete Mirko sie als Lügnerin. Die genauen Gründe weiß ich nicht mehr, doch ich erinnere mich noch, dass ich zustimmte und somit der zweite Eklat innerhalb weniger Stunden perfekt war. Auch hier entspannte sich die Lage nach kurzer Zeit wieder, doch beides waren gute Beispiele für das manchmal absurde Verhalten von Menschen, die unter körperlichem und dem damit verbundenen psychischem Druck stehen.

Camping am Wachsch-Fluss

Camping am Wachsch-Fluss

Der Wachsch ist einer der wichtigsten Flüsse Tadschikistans.

Groll und Donner

Das breite Wachsch-Tal

Das breite Wachsch-Tal

Eines Morgens, wir waren gerade beim Frühstück, ließ ein abgrundtiefes Grollen den Boden erzittern. Ich hatte dieses Geräusch bereits in der Nacht gehört, denn es war so laut, dass es das brachiale Tosen des Flusses locker übertönte.

Wir blickten alle in die Richtung, aus der das Donnern kam und beobachteten, wie der Fluss einen geschätzt 150 Meter langen und 20 Meter breiten Grünstreifen mit sich riss. Die tosenden Fluten spülten das lose Geröll der Klippe nach und nach aus, bis die Erdmassen den Halt verloren und gute 50 Meter in die Tiefe stürzten. Auch wenn dies im Vergleich zu einem Vulkanausbruch oder Erdbeben nur ein Hasenfurz war, verdeutlichte es, was „ungezügelte Naturgewalten“ waren.

Und dann waren alle weg

Entlang des Obikhingou

Entlang des Obikhingou

Nach dem Frühstück schwangen wir uns auf die Räder und strampelten los. Weil ich einige Minuten länger zum Packen brauchte, fuhren Mirko und Mischa schon einmal los. Auch Mia war plötzlich verschwunden. Da wir kein Trinkwasser mehr hatten, vermutete ich, dass sie am Laden in dem winzigen Dorf an der Straße warten würden. Doch dort konnte ich niemanden finden. Ich wartete einige Minuten – vielleicht suchten sie ja irgendwo eine Toilette oder einen Laden – doch niemand tauchte auf.

Schließlich beschloss ich, weiterzufahren. Irgendwann würde man sich schon wieder treffen. Und tatsächlich erspähte ich nach einer guten halben Stunde Mia einige hundert Meter vor mir. „Man könnte ja mal Bescheid sagen, bevor man einfach so losradelt,“ dachte ich mir. Ich hatte aber keine Lust auf Diskussionen, weshalb ich das Thema nur kurz erwähnte und dann ruhen ließ.

Der nächste Laden ist um die Ecke

Feldarbeit an den Hängen des Serafschangebirges

Feldarbeit an den Hängen des Serafschangebirges

Im nächsten Dorf erzählte man uns, in etwa zwei Kilometern käme „Versorgung.“ So fuhren wir alle durstig, gespannt und mit verschiedenen Erwartungen weiter. Mischa hoffte, einen Laden mit Wasser zu finden, Mia erhoffte sich Zigaretten, ich wollte eigentlich beides und Mirko hatte vermutlich eher ein Sofa und einen Milchshake im Sinn.

Nach zwei Kilometern kam unglücklicherweise kein Laden, doch man informierte uns, dass in weiteren zwei Kilometern einer sei. Die Leute dort schickten uns noch drei Kilometer weiter, doch auch dort gab es keine Einkaufsmöglichkeit. Wir fragten erneut nach und erfuhren, dass wir bis zum nächsten Laden nur noch sieben Kilometer fahren mussten.

Meine Fans am Dorf-Supermarkt

Meine Fans am Dorf-Supermarkt

Nach sieben Kilometern war es dann endlich soweit. Wir waren angekommen. Da war er. Der erste Checkpoint. Wir präsentierten unsere GBAO-Permits und passierten anschließend die Grenze nach Berg-Badachschan. Ach so. Ja. Einen Laden gab es hier immer noch nicht. Doch die Soldaten erklärten uns, wo der nächste war. Nur drei Kilometer weit entfernt. Allerdings drei Kilometer bergauf. In die falsche Richtung. Aber wir brauchten Wasser und etwas zu essen. Es gab also keine andere Möglichkeit, als den Umweg in Kauf zu nehmen.

Tadschikischer Junge

Tadschikischer Junge

Blue Lagoon Horror

Ich vor der "Blue Lagoon"

Ich vor der "Blue Lagoon"

Hier herumzuplantschen war ziemlich entspannend.

Am späten Nachmittag erreichten wir die bereits von einigen Tadschiken angekündigte „Blue Lagoon.“ Wir hatten die Räder abgestellt und rauchten gerade eine Zigarette, als Anselm und Thorsten um die Ecke bogen. Wir hatten sie tatsächlich eingeholt. Sie begrüßten uns lächelnd, fragten, wie denn unsere Laune so sei und teilten uns dann mit, dass sie sich sicher seien, die Stimmung würde sich jetzt schlagartig verschlechtern.

„Wir kommen gerade vom nächsten Checkpoint. Ist kein Durchkommen. Da ist alles gesperrt. Vermutlich noch‘n paar Tage lang. Wir sind gerade wieder auf‘m Weg zurück.“ Na super. Es gab nämlich keinerlei Querverbindung zur anderen Seite der Bergkette, die uns von der südlicheren Route trennte. Wir mussten wieder den ganzen Weg bis Duschanbe zurück.

Tadschikistan schien uns wirklich nicht zu mögen. Doch wie sehr es uns hasste, das könnt ihr im nächsten Artikel lesen.

Nächster Artikel: Vom Pass zum Pandsch
Vorheriger Artikel: Ramadan, Drogenwahn, Tadschikistan
Zurück zum Übersichtsartikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.