Hirte mit Schafen bei Bostanabad

Von der Hochebene ans Kaspische Meer

Genervt vom Iran

Auf dem Weg nach Bostanabad

Auf dem Weg nach Bostanabad

Wegen des Verkehrslärms wurden wir gegen fünf Uhr morgens wach und packten zusammen. Jemand aus dem benachbarten Lokal schenkte uns noch ein sehr leckeres Fladenbrot mit Kurkuma, bevor wir uns endlich aufmachten, das nicht enden wollende Tabriz zu verlassen. Nach weiteren 10 Kilometern waren wir endlich wieder auf einer Straße, die nicht von Werkstätten gesäumt war.

Melonen und Pinguine bei Bostanabad

Melonen und Pinguine bei Bostanabad

Es war bewölkt, die Landschaft relativ ansehnlich, doch kein Vergleich zu dem, was wir in der Türkei gesehen hatten. Die Dörfer entlang des Weges waren hässlich, verranzt und zugemüllt und der Gegenwind war nervig. Doch bald würden wir diese Straße auf Alis Rat hin in Richtung Osten verlassen und dann hoffentlich durch ansehnlichere Gebiete fahren.

Zurück auf die Hochebene

Nach einem kleinen Pass rollten wir abermals durch eine auf 1700 Metern gelegene Hochebene, die denen der Türkei und Südgeorgiens nicht unähnlich war. Unter uns die flachen Wiesen und Felder der Ebene, über uns der bewölkte Himmel, an dem die Wolken rasend schnell vorbeizogen und am Horizont ein schmaler Streifen Blau. Südlich der Straße verlief parallel eine Gebirgskette, deren weiße Gipfel hie und da durch ein Loch in der Wolkendecke sichtbar wurden.

Tomatensoße

Wiesen bei Bostanabad

Wiesen bei Bostanabad

Ab hier ging es auf eine Hochebene, die denen der Türkei sehr ähnlich war.

An einer zugänglichen Stelle am Fluß, fast unmittelbar neben der Straße, die fast ohne jegliche Kurve in Richtung Osten verlief, schlugen wir unser Nachtlager auf. Heute gab es zur Abwechslung mal Spaghetti mit Tomatensoße und weißem Käse, statt Rigatoni mit Tomatensoße und weißem Käse. Wenn uns nach einem ganz ausgefallenen Abendmahl zumute war, ersetzten wir den Käse sogar durch eine Dose Thunfisch. Und manchmal, aber nur manchmal, gab es sogar Reis mit Tomatensoße.

Unser Pokemon in der Abendsonne des Irans

Unser Pokemon in der Abendsonne des Irans

Cumulus Diaboli

Zeltstelle zwischen Licht und Dunkelheit

Zeltstelle zwischen Licht und Dunkelheit

Der Sonnenunter- und -aufgang in der Ebene war atemberaubend. Die Sonne lugte zwischen Wolken und Horizont hervor und tauchte alles um uns herum in ein gold-gelbes Licht. Nur morgens, als wir gerade losfahren wollten, erschien eine dünne, tiefschwarze Linie am Horizont. Je näher sie kam, desto breiter und schwärzer wurde sie. Die gerade aufgehende Sonne verstärkte den Kontrast noch und es schien, als würde uns bereits im zweiten Land der Reise das Ende der Welt dahinraffen.

Dunkle Wolken am Horizont

Dunkle Wolken am Horizont

Zum Glück zog sie über uns hinweg ohne sich zu öffnen.

Doch die diabolische Cumulus eilte über uns hinweg, ohne auch nur einen Tropfen zu vergießen und schon kurze Zeit später kämpften wir uns gegen den Wind weiter durch die Ebene. In Sarab übten wir uns in spätrömischer Dekadenz und bestellten im Burgerladen einen Burger mit Allem. In einem wabbeligen Baguettebrötchen überreichte man uns stolz ein Sandwich mit Tomate, Zwiebeln, Salat und Falafel. War wohl nichts mit Burger. Aber lecker war es trotzdem.

Fluss und Berge im Abendlicht

Fluss und Berge im Abendlicht

Auf der Hochebene fühlten wir uns nach 10 Wochen Türkei fast wie zu Hause.

Nir

Weltkugel

Weltkugel

Nach einem weiteren, kleinen Pass, der die Grenze zwischen den Provinzen Ost-Aserbaidschan und Ardabil markierte, erreichten wir Nir, die vorletzte Stadt, bevor uns eine langersehnte Abfahrt ans Kaspische Meer und somit unter den Meeresspiegel bringen würde. Wie im Iran üblich, behandelte man uns mit überschwänglicher, fast schon peinlich übertriebener Freundlichkeit. Man schenkte uns etwas Baklava und einer der Passanten freute sich, sein Englisch anwenden zu können. Ich verstand zwar kein Wort von dem, was er zu sagen versuchte, aber das war nicht so schlimm, weil er meinen Antworten, die ich auf Türkisch gab, sowieso nicht zuhörte.

Die üblichen Klischees wurden abgearbeitet: Oooh Deutschland! Bayern Munitsch. Super! Aber gegen Barça verloren. Schade. Hitler! Toll! Ich hatte in der Zwischenzeit aufgegeben, den Leuten klarzumachen, dass ich mich nicht für Fußball interessiere und behauptete jetzt immer, ich sei eingefleischter Dortmund Fan. Machmal auch Schalke oder St. Pauli. Ist ja eigentlich auch egal. Hauptsache nicht Bayern.

Quellwolken am Pass

Quellwolken am Pass

Man empfahl uns, einen Umweg von ca. 10 Kilometern nach Sarein zu fahren. Das sei ein malerischer Touristenort. Alle Touristen würden dorthinfahren. Wir versicherten, diese Sehenswürdigkeit auf gar keinen Fall auszulassen, verließen Nir und bogen selbstverständlich am Abzweig nicht ins Tourimekka ab. Wenn ich Tourismus will, fliege ich in der Hauptsaison nach Antalya. Oder lass mir in Bayern das Geld aus der Tasche ziehen.

An einer kleinen Brücke nahe eines Flusses fanden wir genau wie am Vortag eine gemütliche Stelle zum Campen und ließen uns im Schatten unter Bäumen nieder. Das Wasser des Flusses war kalt und kristallklar. Nur der Plastikmüll, der kiloweise darin herumschwamm, störte das idyllische Bild ein wenig.

Zwischen Sarap und Ardabil

Zwischen Sarap und Ardabil

Sex, Drugs and Brüllwürfel

Kochen am Fluss bei Sarein

Kochen am Fluss bei Sarein

Abends bekamen wir am Zelt noch Besuch von zwei degenerierten Dorfmutanten, mit deren geistiger Entwicklung eine gut gewässerte Zimmerpflanze problemlos mithalten konnte. Einer der beiden versuchte mir meinen kleinen Brüllwürfel abzukaufen, den er schon seit etlichen Minuten verliebt anschaute. Doch weder sein erstes Angebot von zirka 1,20€, noch sein letztes von knapp 2€ bewegten mich dazu, meinen geliebten Musiklieferanten abzutreten.

Zelten am Fluss bei Sarein

Zelten am Fluss bei Sarein

Als wir ihnen dann noch erklärten, dass es in Deutschland im Supermarkt Alkohol zu kaufen gäbe und man in Europa sogar Sex haben könnte, ohne verheiratet zu sein, war ihr Enthusiasmus kaum noch zu bremsen. Leider wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nichts über „temporary marriages“, also so etwas wie vorübergehende Ehen, die nur eine begrenzte, im Voraus vereinbarte Zeit lang liefen. Meist wohl so etwas wie eine Stunde. Ein sehr absurdes Konzept, aber bei näherer Betrachtung nicht absurder oder abwegiger als die Idee einer Religion selbst.

Extrem Picknicking

Extrem Picknicking im Iran

Extrem Picknicking im Iran

An jenem Freitag des Jahres 1394, welcher im Iran unserem Sonntag entspricht, fuhren wir durch Ardabil, der letzten Stadt vor dem Meer. Ich erwarb für erschwingliche fünf Euro eine Schirmmütze, die ein paar Tage später bereits den Geist aufgeben würde und nach einem kurzen Aufenthalt in der recht ansehnlichen Einkaufsmeile der Stadt strampelten wir vorbei an Dutzenden von zeltenden, grillenden, chillenden und Tee trinkenden Menschen auf unseren letzten Pass zu.

An diesem Wochenende schien es alle Iraner ins Grüne zu ziehen. Jede freie Fläche an den Bergflanken, an der man sich ohne in die Tiefe zu stürzen halten konnte, war besetzt, jede Parkmöglichkeit belegt und überall um uns herum brutschelte Rind oder Lamm auf Einweggrills. Dicke Quellwolken schoben sich über den Bergkamm, der die feucht-warme Klimazone des Kaspischen Meers von der kontinental geprägten Hochebene trennte und lösten sich in der trockeneren Luft sofort auf.

Tunneleinfahrt zum Kaspischen Meer

Tunneleinfahrt zum Kaspischen Meer

Nur noch 1600 Höhenmeter trennten uns vom Meer.

An der Einfahrt des Tunnels, der uns die letzten 300 Höhenmeter zum Pass ersparte, machten wir eine kleine Pause. Sogleich eilte eine Gruppe iranischer Picknickfreunde auf uns zu, drückte uns Gläser mit Tee in die Hand und fing an, mit ihren Handys Fotos zu machen.

Technikprobleme

Der Daumenhebel von Michis Schaltung hatte sich wieder einmal gelöst. Ich schraubte also zum zweiten Mal das Gehäuse auf, um die dämliche Kontermutter wieder anzuziehen, deren Aufgabe es war, den gesamten Schaltmechanismus zusammenzuhalten. Die Platte unter der Mutter hatte auf einer Seite eine Art Nase, welche zwischen zwei Stiften im Gehäuse eingeklemmt war, so dass sich die Mutter nicht lösen konnte. Doch die Stifte waren zu kurz und die Mutter rutschte immer wieder aus ihrer Verankerung heraus. Ich war gespannt, wie lange es dieses Mal halten würde.

Lange Abfahrt

Grüne Wiesen im Gebirge am Kaspischen Meer

Grüne Wiesen im Gebirge am Kaspischen Meer

Auf der anderen Seite des Tunnels war es kühl und wolkig. Wir befanden uns auf rund 1600 Metern Höhe und die Sichtweiten lagen zum Teil unter 200 Metern. Eine ununterbrochene Reihe von Fahrzeugen schob sich die recht steile und zum Teil sehr schlechte Straße in Richtung Meer hinunter wie eine Schlange, die sich durchs Unterholz schlängelt. Und jeder einzelne Wagen freute sich, uns zu sehen und brachte seinen Enthusiasmus durch ein durchdringendes Hupen zum Ausdruck.

Ich war etwas überrascht, dass es auf dieser Seite der Berge noch kälter war als auf der hinter uns liegenden, doch die Temperaturen würden bestimmt steigen, je tiefer wir kämen. Hier waren es gerade einmal 16 Grad. Mit Hupkonzert und Jubelrufen rollten wir holpernd immer weiter nach unten. Ich dachte, irgendwann müssen wir doch unter die Wolkendecke tauchen und endlich die saftig-grünen, bewaldeten Berghügel des subtropischen Klimas sehen können.

Äx, äx

Auf 1000 Metern hielten wir an einem breiten Seitenstreifen an, um die GoPro zu montieren und etwas zu trinken. Am Straßenrand drängte sich ein Tourishop an den nächsten und alle verkauften sie das exakt gleiche Sortiment an Keksen, Honig und Erfrischungsgetränken. Aus dem Reisebus, neben dem wir angehalten hatten, stieg einer der Touristen aus und wollte ein Foto mit uns machen. Sogleich eilten zwei weitere Iraner von einem Stand herbei und wollten auch mit aufs Foto. Einer Massenpanik gleich, stürmten jetzt auch alle anderen Businsassen auf den Schotterplatz und drängten sich neben und zwischen uns, um auch noch aufs Foto zu kommen.

Nachdem der Fotohunger der Reisenden gestillt war, setzten wir unsere Abfahrt fort. Nur wenig später fielen wir unter die Wolken und konnten endlich die grünen Hügel bewundern. Wegen des holprigen Straßenbelags hüpften meine Packtaschen immer wieder aus ihren Verankerungen, so dass ich anhalten musste, um sie wieder einzuklinken. Das wäre nur halb so wild gewesen, wenn nicht jedes Mal, wenn wir angehalten hätten, Sekunden später ein Wagen neben uns anhielt und Fotos machen wollte. „Äx, äx“ – wie auch immer man es richtig schreibt; es ist Farsi und heißt „Foto, Foto.“

Grenze: Aserbaidschan

Wir waren mittlerweile auf 300 Metern angekommen, aber die Temperatur war immer noch nicht merklich gestiegen. Knappe 20 Grad. Ich hatte definitiv mehr erwartet. Doch wir erfuhren, die Saison würde hier erst in zwei bis drei Wochen losgehen, wenn das Wetter wärmer würde. Die Picknicker-Dichte war hier bereits drastisch zurückgegangen und nur noch gelegentlich hatte eine Familie am Straßenrand eine Decke ausgebreitet und trank Tee, während der Einweggrill fettige Rauchschwaden in die Luft blies.

Neben der Straße tauchte jetzt ein hoher Zaun auf und im Abstand von einigen hundert Metern säumten in tarnfarben gestrichene Wachtürme die Straße. Auf der anderen Seite des Zaunes lag Aserbaidschan. Militärs in Uniform patrouillierten mit Sturmgewehren bewaffnet den Grenzstreifen. Ich fragte mich, ob sie dafür sorgten, dass sich niemand aus dem Nachbarland in den Iran schlich, oder umgekehrt.

Reis

Reisfelder bei Astara

Reisfelder bei Astara

Im subtropischen Küstenbereich des Kaspischen Meeres wird hauptsächlich Reis angebaut.

Die Straße verlief zwischen Reisfeldern hindurch bis nach Astara, der Grenzstadt, die zur Hälfte in Aserbaidschan, zur Hälfte im Iran liegt. Reis kaufte man hier in speziellen Reisgeschäften. In zehn oder zwanzig großen Säcken hatte man die freie Auswahl zwischen den verschiedensten Reissorten, die sich alle in Konsistenz, Geschmack, Qualität und natürlich im Preis unterschieden.

Ali

Auf der Suche nach einer guten Stelle zum Campen verließen wir Astara in Richtung Süden. Einzige Voraussetzung war, dass wir am Meer campten. Nachdem wir nicht am Vansee und nicht am Urmiasee campen konnten, wollten wir unser Zelt jetzt endlich einmal am Meer aufstellen. An einem kleinen, vielversprechenden Abzweig zwang mich meine Intuition abzubiegen und wenige hundert Meter später standen wir auf Alis Grundstück.

Ali freute sich, ausländische Gäste zu haben und sagte, wir sollten unser Zelt auf dem Beton unter dem Dach aufbauen. Irgendwie hatten Iraner Probleme mit dem Konzept, dass sich Heringe sehr schlecht in Betonboden trieben ließen. Im Verlaufe des Abends kam Ali noch oft zu uns ans Zelt und bot uns an, in seinem Bett zu schlafen, oder zumindest in seiner kleinen Hütte, wo wegen des Ofens das Klima herrschte, dass ich hier eigentlich erwartet hatte. Doch wir versichterten ihm, unser Zelt hätte kein Problem mit Regen.

Wie es uns in Alistan erging und was wir auf unserem Weg entlang der Küste des Kaspischen Meeres erleben würden, könnt ihr im nächsten Nils Holgersson lesen.

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