Die Geiß in Ashkhane

Vom feuchten Meer zur trockenen Wüste

Nacktbaden

Wir wachten früh morgens am menschenverlassenen Strand auf und stellten fest, dass wir die gesamte Zeit, die wir am kaspischen Meer verbracht hatten, nicht einmal schwimmen waren. Hauptsächlich, weil immer Menschen um uns herum waren und wir beide keine Lust hatten, mit Kleidern schwimmen zu gehen. Doch heute morgen sollte es sein. Nur mit dem Nötigsten bekleidet, Mia sogar nackt, sprangen wir in das von Industrie und Fischfang verseuchte Gewässer. Es war nass, kalt, aber irgendwie befriedigend, doch noch geschwommen zu sein.

Schaltprobleme

Mit reichlich Rückenwind ging es die letzten Kilometer am Strand entlang, bis wir schließlich wieder ins Inland einbogen. Mias Schalthebel zerlegte es ein weiteres Mal und ich nahm mir fest vor, ihn bei H&S Bike Discount zu reklamieren, sobald wir wieder Internet hätten. Sicherlich würden sie eine Lösung finden, um uns Ersatz zukommen zu lassen.

Meine Schaltung spann heute auch. Ich versuchte vergebens das Problem mit Hilfe der Feineinstellung zu beheben, doch auf drei Ritzeln sprangen die Gänge willkürlich durch die Gegend. Was soll’s, ich würde mir das abends genauer anschauen müssen.

Marktmeile

Verkaufsstand in Gorgan

Verkaufsstand in Gorgan

Nachdem wir das Meer verlassen hatten, wurde die Siedlungsdichte geringer, es wurde ländlicher, aber auch wärmer. Der Rückenwind blieb uns erhalten und wir rollten zum Teil mit über 30 km/h in Richtung Osten. Bei einem Zwischenstopp in Gorgan spazierten wir auf der Marktmeile vorbei an Ständen, an denen sich ein Gewürzberg an den nächsten reihte, unzählige Körbe voll mit verschiedensten Nüssen angeboten wurden und dazwischen, in kleinen Läden, von Haushaltsartikeln bis Ramsch alles Mögliche feilgeboten wurde.

Marktstraße in Gorgan

Marktstraße in Gorgan

Eine Frau verkaufte grün, gelb, blau und rot eingefärbte Küken, die sich in zwei Pappkisten eng aneinander drängten. Ich bezweifelte, dass die Küken das Lackieren als angenehm empfanden. Als ich fragte, ob ich ein Foto machen dürfe, stand die Verkäuferin auf, winkte vehement ab und setzte sich stoisch wieder auf ihre Bank. Scheinbar war sie sich der Unmoral des Lebendgeflügelfärbens bewusst.

Im Picknickforst

Gerade als wir beschlossen hatten, eine Zeltstelle zu suchen, passierten wir ein grünes Straßenschild, dass einen 15 Kilometer entfernten Naherholungswald anpries. Nach einer knappen Stunde erreichten wir den Picknickforst. Er war erstaunlich sauber, es gab einen kleinen Laden, Toilettenhäuschen und im Wald verteilt standen überall Tische mit Bänken und kleine Brunnen für Trinkwasser. Wir ließen den bereits gewohnten Touristenfotomarathon über uns ergehen. Nachdem gefühlt jeder im Park ein Foto von und mit uns hatte, begannen wir zu kochen.

Natürlich ziehen Orte, an denen sich Menschen zum Grillen und Entspannen treffen, auch Bettler und andere Mittellose an, welche dann eindringlich und mit unendlich betrübten Minen nach Geld fragen oder es sogar fordern. Da wir kein Geld an Bettelnde geben, schenkten wir einer Frau mit Kind zwei Bananen, die sie sogleich einsackte. Anschließend hielt sie die offene Hand mit noch mehr Nachdruck als zuvor wieder vor unsere Nasen und wollte „Pul“ (Geld) haben. Unsere sowieso schon strapazierten Krägen spannten sich und wir schickten sie dorthin, wo sie hergekommen war.

Kurz darauf, wir waren gerade beim Abendessen, stellte sich ein alter Herr mit Handtrommel direkt neben uns und gab den einzigen Rhythmus zum Besten, den er spielen konnte. Wir kannten ihn bereits, da er schon seit einiger Zeit quer durch den Erholungspark hallte. Ich klopfte zwei Takte auf dem Tisch mit und widmete mich wieder meinen Spaghetti. Nach der zwanzigsten Wiederholung unterbrach er seine künstlerisch fragwürdige Darbietung und verlangte Geld. Ich sagte nein. Er verlangte Geld. Ich sagte nein. Er verlangte Geld. Ich sagte nein. Er verlangte Geld. Ich sah vor meinem inneren Auge, wie ich ihm seine Handtrommel aus der Hand reiße und sie ihm über den Schädel schlage, doch ein letztes, sehr, sehr bestimmtes „Nein“ reichte aus, um ihn murrend in die Flucht zu schlagen.

Im Plastikforst

Plastikmüll im Wald

Plastikmüll im Wald

Am nächsten Tag kündigte ein weiteres grünes Schild den nächsten Erholungsforst an. Wir machten dort Mittag, doch der Zustand der Anlage entsprach eher dem, was ich im Iran erwartet hätte. Hier pflegte scheinbar niemand die Einrichtungen und sammelte den Müll ein, so dass einfach alles mit Plastik übersät war, es roch unangenehm, das Toilettenhäuschen bestand mehr aus Kot und benutzten Windeln als Backsteinen, doch die Iraner schien das alles nicht zu stören. Sie strömten zuhauf herbei um gemütlich zwischen den Bäumen auf dem Plastikboden zu picknicken.

Raumpatrouille Eins

Wir erreichten Minu Dasht, wo wir unsere letzten Besorgungen machen wollten. Der Name der Siedlung erinnerte mich aus irgendeinem Grund an Minas Morgul, doch statt Fantasy war hier SciFi angesagt.

Ich rollte den langen Straßenbogen entlang, der am Fuße des Berges verlief, an dem das Dorf lag und stellte fest dass es sich um ein liebloses, heruntergekommenes Kaff handelte, in dem ich mehr Autowerkstätten als Einwohner erblickte, aber keinen einzigen Laden. Zu allem Überfluss hielten mich auch noch zwei Polizisten auf einem Motorrad an.

Die beiden sahen aus, als wären sie einem Science Fiction Film aus den Neunzigern entrissen. In bester Dirty Harry Manier schob einer der beiden das vollverspiegelte Visier seines Raumschiffpilotenhelmes nach oben und brummelte autoritär das magische Wort „Passport“. Er studierte das Dokument eingängig, wollte, nachdem Mia angekommen war, auch noch ihren „Passport“ sehen, klappte dann das Visier wieder nach unten und startete seinen zweirädrigen Polizeigleiter.

Keine Fotos

Unsere Fans in Minu Dasht

Unsere Fans in Minu Dasht

Am Straßenrand wartete unsere Polizeieskorte.

Wir fuhren weiter und bemerkten, dass die Raumpatrouille uns eskortierte. Am Ortsausgang hielten wir an einer kleinen Baracke an. Ich ging hinein, um Gemüse und Nudeln zu kaufen. Mia packte draußen die Kamera aus und machte ein Foto von der Schar von Kindern und Jugendlichen, die sich um unsere Fahrräder versammelt hatte, bis der Copilot vom Polizeigleiter abstieg und die Meute mit seinem Laserschlagstock vertrieb. Er machte Mia klar, dass sie hier keine Fotos machen dürfe. Denn Armut gibt es auf dem Wüstenplaneten Iran nicht.

In der Zwischenzeit war ich wieder aus dem Laden herausgekommen und steckte mir eine Zigarette an. Unsere Raumpatrouille wurde langsam ungeduldig und deutete an, dass wir weiterfahren müssten. Wir ignorierten sie einfach und rauchten genüssliche unsere Sargnägel zu Ende. Dann fuhren wir weiter, bergauf, mit Gegenwind. Trotz schleichender 7 km/h blieben die beiden Polizonauten mit ihrem Überlichtgeschwindigkeitsgleiter brav hinter uns, bis wir das Hoheitsgebiet des Raumsektors Minu Dasht verlassen hatten. Zum Abschied winkten sie und beschleunigten dann mit unglaublicher Geschwindigkeit über einen holprigen Seitenpfad den Berg zu unserer Rechten hinauf.

Polizei, die Zweite

Meine Vermutung, dass Minu Dasht die letzte Versorgungsstation des Tages sei, war leider falsch. Nur wenige Kilometer später rollten wir bergab in eine Stadt hinein, wo man sich vor Lebensmittelläden kaum noch retten konnte. Wir kauften abermals ein und hatten beim Verlassen der Stadt kurzzeitig wieder Polizei am Schutzblech kleben, doch diesmal geleiteten sie uns nicht aus der Stadt heraus.

Brennende Felder

Brennende Felder

Zum Passschrein

Brotbäcker

Brotbäcker

Der Imam ist überall präsent

Der Imam ist überall präsent

Auch am nächsten Tag blieben wir nicht von einer Begegnung mit den Ordnungshütern verschont. Doch dieses Mal wollten sie nur meine Hand schütteln, bevor wir weiterfahren konnten. Die Temperaturen waren hier mit nur 31 Grad tagsüber ziemlich angenehm und nachts musste ich sogar wieder den Schlafsack auspacken, um nicht zu frieren. Doch schon bald, wenn wir den vor uns liegenden Pass überwunden hätten und uns Mashad und dann Turkmenistan nähern würden, würde es unerträglich heiß werden.

Autoschrott

Autoschrott

Die Polizei versucht mit Unfall-Exponaten abzuschrecken.

Gegen Mittag verließen wir die Provinz Golestan in der Region Teheran und fuhren in die Provinz Nordkhorasan der Region Mashad ein. Einige Kilometer danach erreichten wir einen heiligen Schrein, eine Moschee mit großem Vorhof, an deren Seite es einige Läden und ein Restaurant gab. Denn Religion und das Pilgertum ist auch im Iran großes Business.

Landschaft im Nordost-Iran

Landschaft im Nordost-Iran

Keine Einkaufsmöglichkeit

Im Schatten vor dem Restaurant unterhielten wir uns mit einem der Besucher, der uns erzählte, er würde in Mashad im Museum arbeiten und wir sollten ihn doch dort besuchen kommen. Wir erkundigten uns, wie weit es bis zum nächsten Laden sei. Nach kurzem Überlegen versicherte er uns, auf den nächsten 140 Kilometern sei keine Einkaufsmöglichkeit mehr. Das nächste Dorf hätte keinen Markt und wir müssten unsere Einkäufe für die nächsten zwei Tage hier tätigen.

Ein leerstehendes Gebäude dient uns als Nachtlager

Ein leerstehendes Gebäude dient uns als Nachtlager

Mit Vorräten bepackt fuhren wir weiter, passierten nach fünf Kilometern einen Laden (am nächsten Tag gab es nach weiteren 15 , 25 und 30 Kilometern ebenfalls Läden) und erreichten kurz danach den fast 1600 Meter hohen Pass, der die letzte Scheide zwischen den immer noch vom kaspischen Meer beeinflussten, grüneren Gebieten und den trockenen, wüstenähnlichen Landschaften des Ostirans darstellte. Nicht weit von der Straße entfernt entdeckte ich ein kleines Steingebäude, das im Schatten unter zwei großen Bäumen stand und vor dem man vorzüglich campen konnte.

Unsere Bikes vor unserem Schlafbunker

Unsere Bikes vor unserem Schlafbunker

Kleiderwaschen

Kleiderwaschen

Doch damit nicht genug. In einer kleinen Baracke direkt nebenan befand sich eine Pumpe, die Grundwasser in den Bewässerungskanal pumpte, der an unserem Domizil vorbei lief, so dass wir sogar fließend Wasser hatten und unsere Kleider waschen konnten.

Eingemachte Schlangen

Schlangen in Einmachgläsern

Schlangen in Einmachgläsern

Schlangen gelten hier als Delikatesse. Gefangen wurden sie alle in der näheren Umgebung.

Auf dem weiteren Weg durch die Halbwüste gelangten wir bald an einen kleinen Laden, wo wir uns mit Snacks und Limonade eindeckten. Man zeigte uns einige Einmachgläser, in denen Schlangen eingelegt waren, die angeblich in dieser Gegend eingefangen wurden und die alle giftig seien. Zum Glück waren wir bisher noch keinem lebenden Exemplar begegnet. Wieder einmal fragte ich, wie weit es von hier aus bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit sei. Der Ladenbesitzer meinte, mindestens 25 Kilometer.

Landschaft im Nordost-Iran

Landschaft im Nordost-Iran

Mit dem bereits gewohnten Gegenwind ging es aufwärts in Richtung des nächsten Passes. Wir passierten nach fünf, zwölf und fünfundzwanzig Kilometern kleine Läden und ich fragte mich, ob es eine Verkaufsstrategie sei, den nächsten Laden stets viel zu weit entfernt anzukündigen.

Landschaft im Nordost-Iran

Landschaft im Nordost-Iran

Ashkhane

Sonnenuntergang bei Ashkhane

Sonnenuntergang bei Ashkhane

Der nächste Ort nach dem Pass war Ashkhane. Wir wurden unzählige Male eingeladen, bei Leuten zu Hause zu schlafen, lehnten aber alle Angebote ab, da wir lieber in Ruhe campen wollten. Im Supermarkt sprach uns ein Kurde auf relativ gutem Englisch an, stellte die üblichen Fragen, erzählte uns, dass er Englischlehrer sei und regte sich im Anschluss ausgiebig über den Iran, das System, die Sanktionen und das gesamte Universum auf. Er war unverkennbar kein großer Fan der hiesigen Gegebenheiten.

Hinter Ashkhane war es nicht einfach, eine geeignete Zeltstelle zu finden. Meine erste Sichtung entpuppte sich als Friedhof und die Flächen der nächsten Kilometer waren entweder unzugänglich, extrem schräg oder eingezäunt. Schließlich rollten wir von der Straße aus zu einem kleinen Acker, wenige hundert Meter vor der Einfahrt eines kleinen Dorfes. Nicht toll, nicht versteckt, aber in Anbetracht der Umstände akzeptabel.

Ali Mehmedi

Ali Mehmedi

Ali Mehmedi

Er stellte uns sein Zelt zur Verfügung.

Wir hatten gerade abgesattelt, als von einer kleinen Baustelle neben unserem Acker ein stämmiger Iraner herbeimarschierte, unsere Bemühungen begutachtete, die üblichen Fragen stellte und dann wieder in Richtung seines brummenden Baggers zurückstampfte. Auf halbem Weg kehrte er abermals um und meinte, wir sollten doch in seinem Chaddor (Zelt) schlafen, statt hier mitten auf dem Acker. Er führte uns zum Zelt, ließ uns Brot, Wasser und viel zu viel Zucker da, erklärte mit Händen und Füßen, wenn jemand frage, was wir hier machten, sollten wir sagen, Ali Mehmedi habe uns das erlaubt, und fuhr gemeinsam mit seinem Baggerfahrer zu seinem Haus ins dreißig Kilometer entfernte Bojnurd.

Sonnenaufgang bei Ashkhane

Sonnenaufgang bei Ashkhane

Wir nächtigten ungestört in Alis Zelt und machten uns am nächsten Morgen bei strahlendem Sonnenschein, moskitoverstochen und ausgestattet mit fast einen Kilo Zucker auf den Weg nach Bojnurd. Es würde ein turbulenter Tag werden, doch dazu mehr im nächsten Artikel.

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