Azadi Tower - der Freiheitsturm in Teheran

Teheran: Visa, Hitler, Metal

In Teheran habe ich leider kaum Fotos gemacht. Deshalb bestehen die beiden Teheran-Artikel überwiegend aus Text. Ich hoffe, ihr findet sie trotzdem amüsant.

Ein erfolgloser Tag

Typische Einkaufshalle in Teheran

Typische Einkaufshalle in Teheran

Unser erster Versuch, ein Visum zu beantragen, wurde bereits im Keim erstickt. Wir nahmen die U-Bahn zum Imam Khomeini Platz und spazierten von dort aus zur deutschen Botschaft, die ganz in der Nähe der U-Bahn-Station, direkt neben der türkischen Botschaft gelegen war. Dort wollten wir ein Schreiben beantragen, in dem nicht mehr stehen würde, als dass unsere Reisepässe uns gehörten und dass die deutsche Botschaft unsere Reise nach Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und China unterstüze. Von offizieller Seite brauchten wir dieses Dokument zwar nur für Usbekistan, aber ich dachte, es könne nicht schaden, den Wisch auch bei den anderen Botschaften vorzeigen zu können.

An diesem Tag stellte die deutsche Botschaft jedoch keine solche Schreiben aus, womit unsere heutige Exkursion vollkommen sinnlos gewesen war. Da unser Host Bahman zu Hause leider nicht online war, suchten wir ein Café, das kostenloses Internet anbot und aßen einen Mittelklasse-Burger, während ich, im Facebook- und Youtube-bereinigten Iran-Netz, einige noch offene Visafragen klärte.

U-Bahn-Doku

Auf der Rückfahrt wurden wir in der Metro von einem Filmteam dazu überredet, eine kleine Rolle in ihrem Dokumentarfilm über die Teheraner U-Bahn zu übernehmen. Mia sollte sich neben eine Iranerin setzen und sich mit ihr unterhalten. Der Inhalt des Dialoges war irrelevant – sie sprachen ja sowieso verschiedene Sprachen. Anschließend sollten wir uns beide kurz auf Deutsch unterhalten. Das wars auch schon. Ich vermute, bis nach Cannes wird es dieser Film wohl nicht schaffen.

Sonntag

Da am Sonntag alle Botschaften geschlossen waren, mussten wir unsere Visabemühungen vorerst auf Montag vertagen. Wir verließen unsere Matratzen nur für die nötigsten Bedürfnisse, ich las nach über 3 Monaten endlich Imajica fertig und schaffte es außerdem, ein wenig an weiteren Artikeln für radwild.de zu arbeiten.

Ein weiterer erfolgloser Tag

Am Montag setzten wir unseren Marathon fort. Bahman wohnte am südöstlichen Rand von Teheran, während die für uns wichtigen Botschaften überwiegend im Nordosten der Stadt lagen. Lange Fahrzeiten waren in der 16 Millionen Metropole also vorprogrammiert. Nach 90 Minuten Bahn- und Busfahrt und einer ganzen Stunde des Suchens standen wir vor der Usbekischen Botschaft, die gut versteckt in einer kleinen Seitenstraße lag.

Am Eingang trafen wir zwei Deutsche, die uns erklärten, dass wir gar nicht erst hineinzugehen brauchten, ohne alle Dokumente beisammen zu haben. Sie gaben uns Listen mit allem, was wir für die einzelnen Botschaften benötigten. Diese deckten sich größtenteils mit den von mir angefertigten. Außerdem erzählten sie, dass die tadschikische M41, der Pamir Highway, derzeit wegen Taliban-Aktivitäten gesperrt sei. Das sagen zumindest die Medien. Laut der Botschaft handle es sich um technische Probleme. Außerdem dauere die Verlängerung des Iranvisums nicht wie im Lonely Planet angegeben 14 Tage, sondern lediglich einige Minuten. Aber wer vertraut schon auf Lonely Planet?

An der chinesischen Botschaft vorbei, machten wir uns auf den Rückweg zu Bahmans Wohnung. Smog und Sand hatten dem Himmel seine blaue Farbe geraubt und tauchten alles in ein surreales, schmutzig-gelbes Licht, das am Horizont zunehmend brauner wurde.

Verkehr in Teheran

Müsste ein Durchschnittsdeutscher sein heiliges Fahrzeug durch Teheran bewegen, so würde er sicherlich nach zwei Kreuzungen aussteigen und freiwillig den Bus nehmen. Fahrbahnmarkierungen hatten lediglich ästhetischen Wert, Verkehrsregeln poetischen. Ampeln waren das einzige Signal, das tatsächlich beachtet wurde. Zumindest meistens. Motorräder huschten durch winzige Lücken zwischen den Fahrzeugen, wechselten überraschend die Spur, wobei die Anzahl der Spuren nicht wie in Europa durch weiße Linien auf dem Asphalt begrenzt wurde, sondern von der maximalen Anzahl an Fahrzeugen, die auf der Straße nebeneinander passten. Es gab kaum einen Wagen, dessen Tür oder Kotflügel nicht verbeult war. Doch ein Taxi mit Beulen galt als besonders sicher. Das hieß nämlich, dass der Fahrer einen Unfall hatte und immer noch lebte. Er musste also ein guter Taxifahrer sein.

Trotz des scheinbaren Chaos gab es nur wenige Straßen, in denen sich der Verkehr staute. Hatte man seine Scheuklappen abgelegt und sich daran gewöhnt, statt Verkehrsregeln zu befolgen im Fluss der Fahrzeuge mitzuschwimmen, ließ es sich auf den Straßen Teherans erstaunlich gut fahren.

Formulare, Formulare

Wieder im Zentrum des Molochs angekommen, suchten wir ein Internet-Café, im Iran Cafenet genannt, um die Visumsanträge auszufüllen und zu drucken. Die chinesische Botschaft wollte beidseitig bedruckte Blätter, doch das war im ersten Cafenet nicht möglich, so dass wir zu allem Übel noch einen Copyshop ausfindig machen mussten. Auf die Idee, das Papier aus dem Drucker zu nehmen und andersherum wieder hineinzulegen, kamen die Angestellten des Cafés leider nicht.

Ein weiterer Tag war verstrichen, ohne dass wir ein einziges Visum beantragt hatten.

Dadadadadadada – Bahman

Ich backe Pizza bei Bahman, Teheran

Ich backe Pizza bei Bahman, Teheran

Bahman, seinerseits Musiker, Gitarrengott, Metaller, Pessimist und Freund, würde gerne in die USA, um dort Musik zu studieren. Sein Traum wäre es, Filmmusik zu komponieren. Aber ins Ausland zu reisen ist für Iraner nicht so einfach.
Erst einmal braucht man dazu einen Reisepass. Und den bekommt man nur, wenn man seinen Militärdienst abgeleistet hat, oder, mit Glück, temporär, sollte man an einer ausländischen Universität zugelassen werden. Ach so, männlich muss man natürlich auch sein. Frauen bekommen einen Reisepass nur mit Erlaubnis des Ehemanns oder Vaters.

Ein Schengen-Visa hatte Bahman vor einiger Zeit für teures Geld ergattern können. Doch den polnischen Grenzbeamten gefiel sein Gesicht scheinbar nicht und sie ließen ihn nicht in die EU einreisen. Heavy Metal gibt es im Iran zwar, aber natürlich nur im stillen Kämmerlein. Konzerte finden, wenn überhaupt, nur in den Botschaften anderer Länder statt. Bahman erzählte von einem Konzert in der österreichischen Botschaft, wo es auch Bier gab und kein Kopftuch getragen werden musste. Ein Quäntchen Freiheit im sinnlosen Regelwust des Irans.

Er erklärte, Armenier mit iranischer Staatsbürgerschaft dürften auch die wenigen armenischen Clubs in Teheran besuchen, in denen getanzt werden durfte. Doch als nicht-Armenier blieben die Türen verschlossen.

Außerdem hasst wegen des Konfliktes zwischen Sunniten und Schiiten jeder Iraner Saudi-Arabien. (Sollte dem Leser dieser Konflikt zweier Auslegungen derselben Religion lächerlich und übertrieben vorkommen, so denke er bitte an die Zeit der Religionskriege in Europa zurück, als sich Katholiken und Protestanten darüber stritten, wie das himmlische Regelwerk zu interpretieren sei.) Sogar die Araber im Süden des Irans hassten seiner Aussage nach die Saudis. All dies hinge auch damit zusammen, dass in der von Mekka ausgehenden Eroberungswelle der arabischen Dynastien vor rund 1300 Jahren weite Teile des Irans geplündert, gebrandschatzt und verwüstet wurden.

Nachtragend

Man könnte meinen, die Iraner seien ein sehr nachtragendes Volk. Aber in Deutschland bombardiert man uns ja auch ständig mit neuen Gerichtsprozessen gegen greise Ex-Nazi-Funktionäre, die innerhalb eines absurden und menschenverachtenden Moralsystems irgendwann einmal Befehle von oben befolgt hatten. Die Tatsache, dass weder ich, noch die Generation meiner Eltern, einen greifbaren Bezug zu den Geschehnissen jener Tage haben, scheint dabei keine Rolle zu spielen.

So gesehen müssten die Franzosen die Italiener hassen. Wegen Caesar und Vercingetorix. England müsste Skandinavien verteufeln, wegen der Überfälle der Wickinger, Spanien Nordafrika, wegen des Kalifats, und bei genauerer Betrachtung eigentlich jeder jeden. Denn kaum ein Fleck auf der Erde war nicht irgendwann einmal Teil des ein oder anderen Großreichs. Geschichte wiederholt sich. Genauso wie:

Hähnchnen mit Reis – Teil 4

Am Abend fragte uns Bahman, ob wir mit ihm zusammen essen wollten. Seine Mutter hätte ihm Hähnchen mit Reis gemacht. Wir lehnten dankend ab. Hähnchen mit Reis war zwar wirklich lecker, doch irgendwie konnten wir es nicht mehr sehen.

Unser Reisepass gehört uns!

Dienstags schafften wir es endlich, das benötigte Dokument bei der deutschen Botschaft zu beantragen. Nur zwei Stunden würden sie dafür brauchen und lediglich 20 Euro pro Person würden wir zahlen müssen. Ein wahres Schnäppchen, wenn man berücksichtigte, dass zur Anfertigung des Dokumentes Name, Ausweisnummer und Ländernamen in ein vorgefertigtes Formular eingetragen werden mussten, welches auszudrucken war und anschließend sogar noch unterschrieben werden sollte. Um elf Uhr hielten wir den Wisch in der Hand. Zu spät, um noch innerhalb der Öffnungszeiten zur usbekischen Botschaft zu gelangen. Wir druckten in einem Cafenet einige noch fehlende Dokumente aus und begaben uns, wieder einmal ohne ein Visum beantragt zu haben, zurück zur Wohnung unseres Hosts.

Kurz mal zur Botschaft fahren

U-Bahn Waggons nur für Frauen

U-Bahn Waggons nur für Frauen

Am darauffolgenden Tag, mittlerweile Mittwoch, sollte es endlich klappen. Wir traten abermals die Fahrt zur usbekischen Botschaft an. Raus aus dem Haus, 5 Minuten zur Bushaltestelle gehen, auf den Bus warten, 20 Minuten Busfahrt zur U-Bahn-Station durchstehen, 5 Minuten zum Gleis laufen, 3 Minuten auf die Bahn warten, 10 Minuten U-Bahn fahren, aussteigen, zu einem anderen Gleis wechseln, sich nach 2 Minuten in den überfüllten Waggon quetschen, 45 Minuten Fahrt aushalten, an der Endstation aussteigen, 5 Minuten zum nächsten Bus marschieren, 10 Minuten warten, weitere 20 Minuten Busfahrt überstehen, dann noch 15 Minuten Fußmarsch absolvieren und schon stand man am Tor der Botschaft.

Der erste Antrag läuft

Wir warteten etwa eine Stunde vor dem Metalltor der Botschaft, bevor man uns hineinließ. Einige Zeit später öffnete sich die schwere Holztür und der Konsul unterhielt sich mit uns durch ein Metallgitter hindurch. Was wir wollten, ob wir alle Dokumente hätten. Schließlich nahm die zugleich resolute und freundliche Dame unsere Dokumente entgegen und erklärte, wir sollen in 8 Arbeitstagen mit $75 wiederkommen. Die Reisepässe konnten wir wieder mitnehmen. Unser erstes Visum war beantragt. Von nun an konnte es nur noch besser werden.

Im Beauty-Salon

Wir wollten noch zur tadschikischen Botschaft laufen, um uns persönlich davon zu überzeugen, dass derzeit keine Visa ausgestellt wurden. Die richtige Straße zu finden war allerdings nicht leicht, so dass wir schließlich einen wohlgekleideten Herrn nach dem Weg fragten. Er sprach gutes Englisch und bat uns, ihm in seine Schönheitsklinik zu folgen. Dort angekommen, hieß er eines der überschminkten Skalpellgesichter, die genaue Adresse der Botschaft herauszufinden.

Er fragte uns, aus welchem Land wir seien. Ich antwortete wahrheitsgemäß mit: „From Germany“, worauf er lächelnd erwiederte: „Oh, Germany! That’s nice! We like Germans because you killed so many Jews!“ (Oh, Deutschland! Das ist schön! Wir mögen Deutsche, weil ihr so viele Juden umgebracht habt!) Ich war mir nicht ganz sicher, wie ich auf diese Aussage reagieren sollte, also beließ ich es bei hochgezogenen Augenbrauen, einem seichten Lächeln und einem pseudointeressierten: „Aha.“

Arische Rassegedanken

Dies war keineswegs das erste Mal, das wir im Iran derartigen Aussagen begegneten. Iraner und Deutsche sind beide Arier, versicherte man uns vielerorts. Wir seien blutsverwandt und hätten dieselben Gene. Jeder Deutsche, der sich in letzter Zeit im Spiegel betrachtet hat, wird die Ähnlichkeit zum Durchschnittsperser sofort feststellen. Man ist Xerxes förmlich aus dem Gesicht geschnitten. Ich konnte es kaum fassen, dass selbst gebildete Leute den Humbug glaubten, den sich der kleine, krakelende Schreihals mit der durchdringenden Stimme und dem zweispurigen Oberlippenbärtchen vor 60 Jahren aus seinem Orangenhirn presste.

Wir fanden schließlich die tadschikische Botschaft, doch man sagte uns, wegen technischer Probleme können derzeit keine Visa ausgestellt werden. Soso, immer noch technische Probleme. Wir durchliefen den oben beschriebenen Horror öffentlicher Verkehrsmittel ein weiteres Mal, diesmal in umgekehrter Reihenfolge, und kamen nach sieben Stunden erschöpft und verschwitzt wieder an Bahmans Appartment an. Die Temperaturen lagen mittags zwischen 33 und 36 Grad und ich hatte lange Hosen an, Michi dazu noch lange Ärmel und ein Kopftuch. Warum? Weil es hier Gesetz ist.

Hähnchen mit Reis – Teil 5

An diesem Abend lud uns Bahmans Mutter zum Abendessen ein. In einem überdimensionierten, von Sofas gesäumten Wohnzimmer, saßen wir auf dem mit Teppichen bedeckten Boden und aßen Hähnchen mit Reis. Bahman, dessen Mutter ihm bereits vor zwei Tagen Hähnchen mit Reis gekocht hatte und der sich gestern am Schnellimbiss ebenfalls Hähnchen mit Reis bestellt hatte, erzählte uns, er möge eigentlich gar kein Hähnchen mit Reis. Ich versuchte hinter diese absurde Logik zu blicken, doch kam zu dem Schluss, nicht alles verstehen zu müssen.

Ob wir alle Visa bekommen, wegen zu lasziven Tragens der Hemdärmel verhaftet werden und ob die Taliban Tadschikistan überfallen und unsere Reisepläne zunichte machen, erfahrt im im zweiten Teheran-Artikel.

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3 Gedanken zu „Teheran: Visa, Hitler, Metal“

  1. Hier hat sich wohl ein kleiner logischer Fehler eingeschlichen. 😉

    Wie konntest du am Sonntag in Teheran Imajica fertiglesen, wenn du Imajica doch schon in Alistan fertiggelesen hattest? 😛 Wie du im Artikel Entlang der Kaspischen Küste berichtest:

    „Außer Imajica fertig zu lesen und ein wenig zu schreiben, habe ich in den vier Tagen in Alistan nichts produktives vollbracht.“

    1. Gute Frage. Das Buch bestand aus zwei Bänden. Vielleicht hatte ich nur den ersten fertig gelesen. Kann mich aber echt nicht mehr genau erinnern 🙂

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