Ameise

Tabriz

Erwachen im Iran

Morgengrauen am Urmia-See

Morgengrauen am Urmiasee

Der Natron-See hat einen ähnlichen Salzgehalt wie das Tote Meer.

Am nächsten Morgen wachte ich unter einem wolkenverhangenen Himmel auf. Als Erstes versuchte ich, meinen Körper mit Hilfe größerer Mengen Kaffee in einen brauchbaren Zustand zu versetzen. Nachdem Michi einige Stunden später auch wachgeworden war, fuhren wir die Straße am Rande des Sees entlang. Nach einer knappen Stunde Fahrt fing es an zu nieseln. Da wir sowieso gerade Wasser kaufen wollten, kam uns das kleine Lokal am Straßenrand gerade recht.

Das salzbedeckte Ufer des Urmia-Sees

Das salzbedeckte Ufer des Urmiasees

Hähnchen mit Reis – Teil 1

Mohammed schiebt unsere Bikes ins Trockene

Mohammed schiebt unsere Bikes ins Trockene

Statt Wasser bekamen wir allerdings erstmal einen Tee. Anschließend gab es noch einen Tee und Zigaretten. Nach dem dritten Tee wurde die Wasserpfeife ausgepackt und der Besitzer des Lokals machte uns klar, dass es bald Essen geben würde und wir doch noch so lange bleiben sollten. Ein Freund des Lokalinhabers, der etwas später vorbeikam, sprach ein paar Brocken Englisch und ließ uns seine Meinung zur iranischen Regierung wissen. Das seien alles Terroristen. Die ganzen Mullahs mit Handtuch auf dem Kopf, der Präsident, der gesamte Islam, alles Verbrecher und Terroristen.

Schaf im Auto

Schaf im Auto

Das Schaf wartete blökend im Auto, bis die Besitzer zu Mittag gegessen hatten.

Wir bekamen Hähnchen mit Reis serviert, das wir hungrig verdrückten, und man schenkte uns zwei Päckchen Ultra-Light-Slim-Nuttenstengel, bevor man uns widerwillig in den immer noch anhaltenden Nieselregen entließ. Es war bereits kurz vor fünf. Weit würden wir heute wohl nicht mehr kommen.

Aufm Damm durchn Schlamm

Feuchtgebiet am Urmia-See

Feuchtgebiet am Urmiasee

Auch die Feuchtgebiete um den See herum trocknen langsam aus.

Hatte der feine Nieselregen die Motivation bereits gedämpft, so drückte sie der Anblick des nächsten Abschnitts vollends in den Keller. Über einen weiteren Damm ging es 25 Kilometer weit durch eine Einöde aus rot-braunem Schlamm, der in alle Richtungen bis zum Horizont reichte. Ein heftiger Gegenwind machte die Fahrt zu einem ganz besonderen Vergnügen. Die einzige Abwechslung war ein Autofahrer, der uns zwei Orangen schenkte und eine leichte Kurve, die nach rund 20 Kilometern schnurgerader Strecke wie eine Erlösung erschien. Denn der Wind kam jetzt nicht mehr ganz genau von vorne, sondern von etwa ein Uhr.

Berg und Feuchtgebiet

Berg und Feuchtgebiet

Die Straße verlief für weitere 7 Kilometer durch ein Gebiet, das auf meiner Landkarte als „Sumpf“ eingezeichnet war, sich aber lediglich duch leichte Vegetation von der Schlammsülze der letzten 25 Kilometer unterschied. Es wurde langsam dunkel. Wir mussten aber auf jeden Fall aus dem Feuchgebiet raus, um das Zelt aufbauen zu können. Doch mein GPS kündigte eine Stadt nach der nächsten Kurve an.

Ilkhichi

37 Millionen Rial

37 Millionen Rial

Und tatsächlich rollten wir mit dem letzten Dämmerlicht des Tages in eine Stadt hinein. Ilkhichi. Mit Schwärmen von Rollern, stinkenden LKWs, regelfremdem Fahrverhalten und bunten Reklametafeln an fast jeder Hauswand sah es hier schon bedeutend „asiatischer“ aus, als bisher. An einer Kreuzung stand ein Krankenwagen und ein Motorrad war unter der Stoßstange eines Lastwagens eingeklemmt. Die Stelle war von einer kleinen Menschentraube umgeben, die das Geschehen gaffend verfolgte.

Wir kauften unser Abendessen und verließen die Stadt wieder. Nur noch ein paar Kilometer und der Tag würde geschafft sein. Doch als wir gerade aus Ilkhichi herausfuhren, setzte sich ein Streifenwagen hinter uns und strahlte uns mit seinen Scheinwerfern an. Ich blieb stehen und fragte, was los sei, doch die Beamten deuteten nur an, wir sollen weiterfahren. Sie wollten uns lediglich den Weg leuchten.

Ali und die Küken

An einem vielversprechenden Abzweig verließen wir die Hauptstraße und unsere uniformierten Scheinwerfer. Der Weg war schlammig, doch hier gab es zwischen den Häusern einige Felder und somit Platz fürs Zelt. Einige hundert Meter weiter wäre bereits die nächste Stadt. Der Regen war ziemlich heftig, als wir absattelten. Michi wollte gerade das Zelt aus der Hülle schütteln, als auf der kleinen Anhöhe, die den Acker vom Weg trennte, ein schnurrbärtiger Iraner auftauchte und fragte, was wir da machten.

Im Regen draußen schlafen, im Iran? Ein Ding der Unmöglichkeit. Zehn Minuten später standen wir vor seinem bescheidenen Haus: Hinter der Eingangstür führte links eine Treppe ins Obergeschoss. Dieses bestand aus einem kleinen Vorraum, in dem unser Gastgeber unter einer Lampe in einem kleinen Verschlag Küken hielt, und einem kleinen Zimmer mit kahlen Wänden, in dem es nichts gab, außer einem Bett, einem Fernseher und einem Haken für die Jacke. Das Klo befand sich im Garten hinterm Haus.

Ali ließ uns eine Nacht in seinem Haus schlafen

Ali ließ uns eine Nacht in seinem Haus schlafen

Er sammelte uns nachts im Regen vom Acker auf und brachte uns in sein kleines Haus.

Kebab

Er deutete uns an, er würde nochmal kurz weggehen, und kam eine Viertelstunde später mit zwei Pappchinesenkartons zurück, die er uns überreichte. Darin waren zwei Kebab und ein Berg Reis. Das Kebab, wie wir es aus Deutschland kennen, ist eine deutsche Erfindung, die ein Türke in Berlin kreiert hat. Was ein Kebab in den Ländern, wo es eigentlich herkommt, genau ist, lässt sich schwer eindeutig sagen, doch meistens versteht man darunter Hackfleisch, das um einen Spieß herum geformt und über Holzkohle gegrillt wird.

Iranisches TV

Im TV liefen auf der Hälfte der Sender Musiksendungen, wo schnurrbärtige Schnulztollen in Technicolorfarben orientalischen Klagegesang zum Besten gaben, während sie in die Kamera äugeln, als hätte man ihnen gerade ihr Lieblingsspielzeug weggenommen. Die andere Hälfte der Sender zeigten verschiedene bärtige Weise, ein Handtuch um dem Kopf gewickelt, die uns die Welt erklärten und warum Allah der Allmächtige sei.

Ich versuche bereits seit Wochen, Gott mit blasphemischen Äußerungen dazu zu bewegen, mich mit einem gezielten Blitz niederzustrecken, doch entweder hört er mir nicht zu, oder er hat Besseres zu tun. Oder aber, es gibt ihn gar nicht. Doch die Wege des Herrn sind ja bekanntlich unergründlich und so werden wir wohl nie herausfinden, ob es Gott war, der unser Universum geschaffen hat, ob Gott auch die anderen Universen geschaffen hat, oder ob es am Ende doch nur eine zufällige Quantenfluktuation war. Ein kleines Zucken im fünften String links.

Jedenfalls fragte mich unser Host, der leider außer Farsi keine anderen Sprachen sprach, ob es solche Programme in Deutschland auch gebe. Schweren Herzens antwortete ich mit ja, auch wenn es nicht so viele wie hier im Iran sind. Wir schüttelten beide den Kopf. Ich dachte wieder kurz über die Möglichkeit nach, den Iran mit der traditionellen Kopfbedeckung des Pastafari zu bereisen: ein Nudelsieb. Würde man dies anstelle eines Kopftuchs für Michi durchgehen lassen?

Der Weg nach Tabriz

Regen in Tabriz

Regen in Tabriz

Die Strecke durch Tabriz ging 70 Kilometer lang durch Wohn- und Industriegebiete.

Wie immer, wenn wir zu jemandem nach Hause eingeladen werden, kamen wir auch dieses mal erst spät los. Um halb zwölf rollten wir auf der Hauptstraße weiter in Richtung Tabriz. Mit 13 Grad war es immer noch recht kühl. Der Himmel war grau und zweimal ging ein heftiger Schauer über uns hinweg. Den Iran hatte ich mir irgendwie wärmer und trockener vorgestellt. Aber am Golf im Süden des Landes, bei Bandar Abbas, hatte das Thermometer die Vierzig-Grad-Marke bereits überschritten. Der Iran ist groß. Sehr groß.

Entlang eines nicht enden wollenden Industriegebietes, wo Autowerkstätten, Bauunternehmen und der gelegentliche Gartenlandschaftsbauer eng nebeneinander die Straße säumten und nur gelegentlich von einem Restaurant oder Laden unterbrochen wurden, strampelten wir vorbei an Werbung für Bridgestone und Pirelli, Audi und BMW, Wolff und Stihl, Ariel und Persil, Coca Cola, Pepsi und Schweppes, auf das 35 Kilometer entfernte Tabriz zu. Von Embargo war hier nichts zu sehen. Geht es um globale Marken, so ist Politik nicht mehr so wichtig.

Der iranische Outdoorspezialist

Einige Kilometer bevor wir das Zentrum von Tabriz erreichten, sprach uns ein Iraner auf einem Fahrrad an. Er hatte den für Westeuropäer unaussprechlichen Namen Ali Kodadadi Khososhahi. Er erzählte, er sei jahrelang ohne Geld mit dem Fahrrad durch den Iran gereist, hätte unzählige Touristen und Gruppen durchs Land geführt, hätte alle 4000er und 5000er des Landes bestiegen und hätte auch alle Länder Europas bereist. Wenn wir im Iran seinen Namen erwähnten, würde einfach jeder ihn kennen. Ein echter Mann von Welt. Nur gerade im Moment hätte er keinen Job, kein Geld und kein geeignetes Fahrrad, sonst wäre er liebend gerne mit uns mitgekommen.

Wir zeigten ihm unsere geplante Strecke durch den Iran und er empfahl uns, von Tabriz aus nicht erst 250 Kilometer in den Süden zu fahren, bevor wir das Gebirge zum Kaspischen Meer hin kreuzten, sondern schon vorher von dieser vielbefahrenen Straße abzuzweigen und bei Nir eine neu gebaute Straße zu nehmen, um zu unserem Pass zu gelangen. Wir sagten, wir würden uns das unterwegs noch überlegen und verabschiedeten uns nach fast zwei Stunden unvorhergesehener Pause wieder von unserem iranischen Bear Grylls.

Tabriz

Wir ließen das Zentrum von Tabriz, einer der konservativeren Städte des Iran, links liegen und rollten auf direktem Wege wieder aus der Stadt heraus. Es ging kontinuierlich bergauf. Wir fuhren auf 1100 Metern in die ersten Vororte von Tabriz hinein, sein Zentrum liegt auf 1400 Metern und bis wir die Stadt verließen, waren wir auf 1700 Meter aufgestiegen.

Begegnung mit lustigen Iranern in Tabriz

Begegnung mit lustigen Iranern in Tabriz

"I am a very beautiful man."

Die Verkehrsführung war zum Teil sehr verwirrend und schließlich befanden wir uns wieder einmal in einer „Yol Yok“-Situation. Wild gestikulierende Einheimische deuteten an, dass die Straße nicht weitergehe. Man erklärte uns den richtigen Weg und wir gelangten auf die 8-spurige Straße, die uns aus Tabriz herausführen sollte. Zum Glück sind im Iran alle Straßenschilder zweisprachig: Farsi mit arabischen Buchstaben und Englisch mit lateinischen. Jetzt fehlen nur noch die Touristen, die die englischen Schilder lesen können.

Tabriz will nicht enden

Kinder in einem Laden am Stadtrand von Tabriz

Kinder in einem Laden am Stadtrand von Tabriz

Wie schon bei der Einfahrt nach Tabriz, reihten sich auch beim Verlassen der Stadt Gewerbegebäude und Restaurants kilometerlang in einer endlos scheinenden Kette aneinander. Das Wetter war immer noch wechselhaft und nach 65 Kilometern gaben wir auf, die Stadt heute noch verlassen zu können. Michi entdeckte etwa fünfzig Meter abseits der Straße den überdachten Rohbau einer Halle. Die Seitenwände fehlten vollständig, doch im Dunkeln würde man uns von der Straße aus trotzdem nicht sehen können.

Dummer Bulle

Wir wollten uns gerade häuslich niederlassen, als ein Auto vor dem Betongerüst hielt und der Beifahrer mir sagte, wir könnten hier nicht schlafen. Es sei zu unsicher. Nach kurzer Diskussion behauptete er, er sei Polizist und er würde uns verbieten, hier zu campen. Es gäbe hier keinerlei Security und außerdem viele gefährliche Hunde. Mir war bereits jetzt klar, dass ich es hier mit personifizierter Dummheit zu tun hatte.

Der angebliche Polizist erklärte, einen Kilometer weiter gebe es ein Hotel, vor welchem wir sicher unser Zelt aufbauen könnten. Dort sei Licht und deshalb sei es sicher. Ich willigte ein, und der Wagen fuhr zurück zur Straße. Ich hatte mir die ganze Zeit verkniffen, den Polizisten darauf aufmerksam zu machen, dass es sehr unsicher sei, seine Tochter ohne Sicherheitsgurt auf dem Schoß haltend zu transportieren. Es hätte die Situation vermutlich nur angespannter gemacht und Personen, denen die Dummheit ins Gesicht geschrieben steht, soll man bekanntlich nicht reizen. Schon gar nicht, wenn sie dem exekutiven Zweig der Staatsmacht angehören.

Warum versteckt, wenn’s auch offensichtlich geht

Wir fuhren also weiter, jetzt im Stockdunkeln. Ein Hotel kam natürlich nicht. Nicht nach einem Kilometer, nicht nach dreien und auch nicht nach fünf. Wir hielten an einem Restaurant an und fragten dort, ob wir unser Zelt aufbauen könnten. Man meinte, es sei sicherlich kein Problem, das Zelt auf der Wiese vor der benachbarten Fabrik aufzustellen.

Campen auf einem Fabrikvorhof bei Tabriz

Campen auf einem Fabrikvorhof bei Tabriz

Die Polizei schickte uns von unserem super versteckten Schlafplatz hierher. Der Sicherheit halber. Unverständlich.

Statt außer Sichtweite vorbeifahrender Autos, so gut hinter einem breiten Pfeiler versteckt, dass man uns im Dunkeln vermutlich nicht einmal gesehen hätte, würde das Zelt drei Meter neben der Straße stehen, von Hunden keine Spur, und selbst wenn, so wären diese bestimmt nicht gefährlicher als jeder einzelne der iranischen Terror-Suizid-Autofahrer, die den Iran tagtäglich unangefochten auf Position eins der weltweiten Verkehrstotenstatistik hielten. Das wurde uns zumindest im Iran erzählt. Wikipedia ist da allerdings anderer Meinung und stuft den Iran lediglich im oberen Mittelfeld ein. Letzen Endes zelteten wir exponiert unter einem großen Scheinwerfer. Neben der Wiese hielten ständig LKWs an, um im benachbarten Restaurant zu essen und man konnte uns bereits aus hundert Metern Entfernung als Zelt-Touristen enttarnen. Vielen Dank für die Sicherheit, Herr Polizist.

Ob wir ausgeraubt oder vergewaltigt werden, ob man uns die Gedärme rausreißt oder ob wir tatsächlich den nächsten Sonnenaufgang erleben, erfahrt ihr im nächsten Artikel.

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