Ich mit Kater in Sarytasch

Schreib doch mal was schönes!

Kommt ein Pferd in eine Bar…

Wer meine Geschichten auf radwild.de und Facebook verfolgt, kennt mich bereits ein wenig. Manche von euch werden sich fragen, warum ich so pessimistisch bin. Warum ich so viel fluche und oft so schlechte Laune habe. Warum ich alles und jeden durch den Dreck ziehe und weshalb meine Berichte so viel Zynismus enthalten. Ich möchte hier versuchen, diese Frage zu beantworten, denn ich bin weder pessimistisch, noch hasse ich das Universum, die Menschheit, oder dich.

Meinungsfindung

Das Internet ist voller Meinungen. Egal, was man sucht, egal, welchen noch so kranken Fetisch man hegt, im Internet wird man fündig werden. Pferdeliebhaber finden die Gruppe für die schönsten Wendy-Geschichten, Terroristen lesen bei instructables, wie man einen Bombengürtel baut und Nazis finden Tipps für die besten Glatzenfriseure.

Doch findet man im Internet wirklich ALLE Meinungen? Oder gibt es Ausnahmen?

Liest man sich die Blogs und Berichte von Radreisenden durch und scrollt man durch deren Facebook-Posts, so stellt man schnell fest, dass dort immer alles ganz toll ist. Jeder ist glücklich, man blickt ständig in lachende Gesichter und die Menschen lieben sich. Man bekommt den Eindruck, sobald man im Sattel sitze, bestehe die Welt nur noch aus Glückseligkeit.

Phänomen: Tourist

Dass einem der Sattel nach fünf Stunden schnurgerader Straße die Eier abquetscht, die Sitzknochen sich anfühlen wie frisch Gehacktes und der Schmerz vom Rücken langsam durch die Niere bis ins linke Ohrläppchen zieht, liest man auf den Seiten von Radreisenden selten. Denn das will niemand lesen. Warum eigentlich?

Jeder, der eine Reisedoku schaut, will leere Traumstrände sehen, unberührte Natur und authentische Eingeborene, die jahrhundertealte Traditionstänze aufführen, als hätten sie noch nie Kontakt zur zivilisierten Außenwelt gehabt. Wenn es eines gibt, was man als Tourist auf gar keinen Fall sehen will, so sind dies andere Touristen.

Authentizität?

Touristen sind der schlimmste Feind des Touristen, denn sie zerstören dessen Bild der Authentizität. Die anderen Touristen machen aus dem verlassenen Traumstrand einen Ballermann, aus der unberührten Natur einen angelegten Vergnügungspark und aus den Traditionstänzen ein seelenloses Kasperletheater.

Was viele nicht sehen wollen ist, dass Tourismus genau dies und nichts anderes ist. Denn würde die Reisedoku-Kamera mal einen 180° Schwenk machen, sähe man am Traumstrand die Armada von Touristenbunkern, in der unberührten Natur die neben der stinkenden Palmölfabrik angelegte Mülldeponie und beim Traditionstanz die Wand aus iPhones und Spiegelreflexkameras, in dem Versuch fürs heimische Fotoalbum die Fleisch gewordene Authentizität einzufangen.

Vorhang auf!

Gerade bei langen Reisen wird das Reisen irgendwann ein Teil von einem selbst. Man nimmt es nicht mehr wahr. Es wird zur alltäglichen Routine. Ist dies einmal geschehen, so lichtet sich der Schleier der Touristenverblendung langsam. Man beginnt hinter die Fassade zu blicken, und sieht dabei allerhand Zwänge, Elend und Unterdrückung.

Hinter der Gastfreundschaft des Irans steckt nicht nur uneingeschränkte Freundlichkeit, sondern auch die kulturelle Verpflichtung, diese anzubieten. Hinter der hohen Reisesicherheit Chinas steckt ein autoritärer Überwachungsstaat. Hinter den Traumstränden Thailands agiert eine Militärjunta, die Menschen aus perfiden Gründen aus dem Verkehr zieht. Das alles erwähnt die Reisedoku nicht. Denn das will niemand wissen. Schon gar nicht, wenn er gerade überlegt, wohin er als nächstes in Urlaub fliegen könnte.

Von Yin und Yang

Natürlich ist eine monatelange Radreise ein unvergleichliches Abenteuer. Natürlich habe auch ich viele Momente des absoluten Glücks, in denen ich von den Problemen der Welt nichts wissen will. Und selbstverständlich möchte ich keine einzige Erfahrung, keinen einzigen Tag meiner Reise missen, auch wenn ich dies manchmal erst im Nachhinein so sehe.

Aber trotzdem, oder gerade deswegen, möchte ich als Gegengewicht zu den hunderten von Blogs, auf denen die Welt noch in Ordnung ist, als Antipol zu den tausenden Fotos von lachenden Gesichtern und glücklichen Menschen, auch die andere Seite zeigen.

Und jedes Mal, wenn ich einen Hasskommentar bekomme, jedes Mal, wenn mir jemand sagt, ich solle nicht über Durchfall schreiben, denn das wolle niemand lesen, jedes Mal, wenn sich einer meiner Leser fragt, warum ich schon wieder ein Bild von einer Müllhalde poste, weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe, weiß ich, dass ich ihn zum nachdenken gebracht habe, weiß ich, warum ich auf jeden einzelnen Leser meines Blogs stolz bin.

In diesem Sinne: Fuck you! And have a nice day.

6 Gedanken zu „Schreib doch mal was schönes!“

  1. Hallo Oliver, habe heute in der Saarbrücker Zeitung von dir und deiner Reise gelesen und schaue mir gerade deine webseite an. Es freut mich daß mal einer tacheles redet und die welt beschreibt wie sie wirklich ist. Ich selbst habe übrigens vor, wenn ich in zwei bis drei jahren in rente gehe , mit einem Antro Tech Trike durch europa zu fahren. viele grüße aus dem schönen Saarlouis. Vieleicht können wir uns ja mal treffen wenn du wieder im Land bist. Bis dahin alles gute.

    1. Hallo Erhard,
      Klar, können wir machen. Ich hoffe allerdings, dass das nich allzu bald sein wird 🙂
      Ich denke, Europa ist mit dem Trike gut möglich, da die Straßen und die Ersatzteilversorgung gut sind. In vielen weniger entwickelten Ländern hätte ich allerdings meine Bedenken.

  2. Hallo Oliver,
    was du schreibst ist wohl wahr, ich finde du schreibst sehr anschaulich. Ich verfolge deine Artikel mit großem Interesse. Ich würde mich sehr gerne mal mit dir treffen. Weiterhin viel Spaß auf deiner Reise.

  3. Hey Ollo,
    Vorab: Du bist für mich der Hammer!
    Viele, die Dich kennen haben Dich in der Zeitung gar nicht erkannt, da sie nicht damit rechnen, dass ein Felsberger so verrückt sein kann :-). Ich bin begeistert von deinen Berichten, besonders weil Du dabei absolut authentisch bist. Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute auf Deinem Roadtrip und dass Du uns noch einige spannende Geschichten schreiben kannst!

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