Alex der Ire

Mashad: Alex, Bob, der Portugiese und der Koreaner

Alex

Nach der Flucht aus Shirvan wurden wir auf unserem Acker weder ausgeraubt noch vergewaltigt. Um fünf Uhr aufzustehen gelang uns allerdings auch nicht. Aber hätten wir nicht verschlafen, hätte Mia niemals bemerkt, dass sich auf der Straße ein Objekt näherte, das nach einem Radfahrer aussah. Ich ging zum Straßenrand hinüber und tatsächlich kam da ein bepackter Radler mit üppigem Bart und blanken Beinen angestrampelt.

Er hielt bereitwillig an und freute sich, endlich wieder in seiner Muttersprache kommunizieren zu können, nachdem er eine gefühlte Ewigkeit unter Menschen verbracht hatte, deren Sprache er nicht sprach. Er gesellte sich zu uns, stellte sich als Alex vor und wir unterhielten uns, während Mia und ich frühstückten und unser Zeug zusammenpackten.

Nicht denken!

Etwas unsicher erzählte ich Alex, dass ich das Gefühl hatte, die meisten Iraner seien zwar nett, aber einfach unglaublich dumm und unpraktisch. Er lachte und amüsierte sich darüber, dass er nicht der Einzige war, der so dachte. Er habe nämlich schon ein schlechtes Gewissen bekommen. Unsere Vermutung war, dass dies nichts mit der Intelligenz der Leute zu tun hatte, sondern mit dem Berg von Verhaltensregeln und Verboten zusammenhing, unter dem Iraner leben mussten und der ihnen einen großen Teil des selbstständigen Denkens abnahm. Man musste einfach nicht analysieren und ausprobieren. Man hielt sich an die Regeln und war fein raus.

Analytisches Denken in Nordkorea

Alex erzählte die Geschichte einer Dozentin, die Kindern oder Jugendlichen in Nordkorea beibringen sollte, einen Essay zu schreiben: Aufstellung einer These, Untermauerung oder Widerlegung der These durch objektive, wissenschaftliche Argumente und am Schluss eventuell eine eigene Meinung zur These. Dieser analytische Ansatz lag den Nordkoreanern jedoch vollkommen fremd. Die Schüler stellten eine These auf, welche sie anschließend damit belegten, dass der Vater General sei, oder Politiker. Deshalb sei die These richtig. Natürlich wagte man sich als Lehrer nicht, dagegen zu argumentieren, denn der Vater hatte ja offenbar Macht und das Kind hatte schlüssig, wenn auch zusammenhanglos, argumentiert.

Felder bis zum Horizont

Durch langweilige Landschaft verließen wir die Provinz Nordkhorasan und fuhren nach Razavi Khorasan ein. Zu beiden Seiten der Straße erstreckten sich kilometerweit Felder, die schließlich am Fuße der die Ebene einschließenden Berge endeten. 150, in Worten: einhundertfünfzig, Kilometer lang Felder, Felder, Felder. Und Gegenwind.

Wir fragten bei unserem WarmShowers-Host in Mashad an, ob er einen weiteren Radfahrer beherbergen könne. Er willigte ein, Alex ebenfalls aufzunehmen und schickte uns seine Adresse: „Universum, Milchstraße, Erde, Iran, Mashad, Straße und Hausnummer. Ich schreibe die Adresse noch einmal auf Persisch, weil die meisten Leute hier ja nicht wissen, dass es um uns herum ein Universum gibt.“ Er war mir direkt sympathisch. Und er sprach ein wichtige Kontroverse im Iran an.

Beobachtungen vom Tellerrand

In diesem Land voller Gegensätze, in dem die Bildung, die Gesetze und das tägliche Leben vom Islam bestimmt werden, oder besser gesagt, von den Mächtigen, die diesen Islam auslegen und dem Volk ihre Deutung aufzwingen; in diesem Land voller aufgestauter Frustration und unterdrückter individueller Rebellionsgedanken gibt es eine wachsende Anzahl an Menschen, die über den Tellerrand hinausblicken; die sehen, dass in ihrem Land viel Potenzial steckt, welches aufgrund vorgeschobener oder tatsächlicher Ignoranz brach liegt.

Es ist dieser kleine Bruchteil der Bevölkerung, der durchsetzt, dass immer mehr Regeln gelockert werden, dass die Gesellschaft ein wenig sekulärer wird, dass man in diesem Staat auch leben kann. Man könnte fast sagen, der Iran mache gerade die umgekehrte Entwicklung der Türkei durch, wo sich in die unter dem Grundsatz der Sekularität gegründete Regierung immer mehr religiöse Einflüsse schleichen.

Aaah, Imam Reza

Am zweiten Tag mit Alex erreichten wir Mashad, die religiöse Hauptstadt des Irans, Pilgerort und Ruhestätte des legendären Imam Reza. Er war ein guter Mann.

Wenn wir unterwegs einem Iraner erzählten, dass wir nach Mashad fuhren, hatte dies fast immer hochgezogene Augenbrauen, funkelnde Augen, ein Lächeln und ein kennerisches: „Ahh, Imam Reza!“ zur Folge. Ich hatte in meiner unendlichen Ignoranz keinen blassen Schimmer, wer dieser Imam Reza eigentlich war. Die Tatsache, dass er den Titel Imam trug, reichte bereits aus, jegliches Interesse an dieser Person zu tilgen. Doch Alex wollte mehr wissen.

Auf seiner Route durch den Iran begegneten die Leute seiner Aussage, er fahre nach Mashad, mit ähnlichen Wissensbekenntnissen. Doch Alex fragte nach: „Wer war denn Imam Reza?“ Und er bekam immer die gleiche Antwort: „Er war ein guter Mann!“ Natürlich ließ Alex nicht locker: „Ja, aber warum? Was hat er gemacht?“ Egal wen er fragte, die Antwort war stets die gleiche: „Ich weiß es nicht. Aber er war ein guter Mann!“

Mashad

Jetzt, wo wir in Mashad waren, würden wir vielleicht mehr über diesen mysteriösen Imam Reza herausfinden. Doch zuerst mussten wir das Haus unseres Hosts finden. Und davor mussten wir etwas trinken. Wir hielten an einem kleinen Laden an und kauften einige Erfrischungsgetränke, die wir vor dem Laden auf einer Bank unter Bäumen tranken. Der Ladenbesitzer kam zu uns und begann die üblichen Fragen zu stellen. Er war um die zwanzig Jahre alt und sein Englisch war erstaunlich gut. Er mochte Basketball, war im Allgemeinen sehr aufgeschlossen und war das perfekte Beispiel der oben erwähnten Gruppe an Menschen, die über den Tellerrand blicken. Es gibt sie also sogar in der sakrosanktesten Stadt des Irans, die revolutionären Elemente.

Wo ist Bob?

Das Haus unseres Hosts zu finden, gestaltete sich etwas schwieriger als gedacht, denn die Straßen waren hier nicht nur in ganzen Zahlen durchnummeriert, sondern es gab auch Straßennamen wie 15.3 und 17.7. Letztendlich riefen wir Bob an. Ein Anwohner erklärte ihm am Telefon, wo wir genau waren. Es stellte sich heraus, dass wir fast genau vor seinem Haus standen.

Bob war ein sehr umgänglicher und weltoffener Mensch, der uns statt heißem Tee erst einmal einen eisgekühlten Erfrischungstrunk und Gebäck servierte. Schon nach kurzer Zeit stellten wir fest, dass er ein unendlicher Quell unglaublicher Geschichten war. Es gefiel uns sogar so gut bei ihm, dass wir uns statt der geplanten drei ganze sechs Tage bei ihm niederließen.

Hasenbraten

Bobs Hasenkolonie

Bobs Hasenkolonie

Einen bekamen wir sogar zum Abendessen serviert. Mein Fall war es allerdings nicht.

Wenn man auf Bobs Dachterasse ging, um eine Zigarette zu rauchen, fühlte man sich wie auf dem Bauernhof. Denn Bob hatte Hasen. Er sagte, er habe anfangs nur zwei gehabt, doch irgendwie seien es jetzt schon 24. Abends drehte er immer eine Runde mit dem Auto, hielt an dem einen oder anderen Gemüseladen an und bekam kostenlos Abfälle für seine Dachterassenbewohner. Und an diesem Abend gab es sogar, ganz speziell für uns, ein iranisches Hasengericht. Leider konnte ich mich nicht so richtig mit dem Geschmack anfreunden.

Im Sumpf der Regeneration

Wenn man sich zum Ausruhen und Regenerieren bei einem Host aufhielt, mutierte die sonst linear verlaufende Zeit oft zu einem amorphen Wesen, das, mal schnell, mal langsam, durch Raum und Zeit glitt. Stunden und Tage zogen vorüber, bis man das Gefühl dafür verlor, wie lange man überhaupt schon an diesem Ort war, ob es gerade früh oder spät am Tag war und was man eigentlich wichtiges erledigen wollte.

Billiges Wasser

Durch Zufall entdeckten wir Bobs Wasserrechnung. Er erklärte uns, Wasser koste im Iran so gut wie nichts. Der Iran habe den gleichen Wasserverbrauch wie ganz Westeuropa und die Leute gingen in diesem Land, das überwiegend aus Wüste besteht, unglaublich verschwenderisch damit um. Er erklärte uns die Rechnung und es stellte sich heraus, dass sich seine Ausgaben für Wasser in den letzten drei Monaten auf ganze 180000 Rial beliefen, also rund 5 Euro. Und das, obwohl er oft Reisende beherbergte. Angeblich sei dies auch der Grund, warum der Urmiasee fast ausgetrocknet ist. Fisch aus dem kaspischen Meer esse im Iran sowieso niemand mehr. Das Gewässer sei einfach zu kontaminiert, um daraus zu essen.

Retortenmilch

Ich denke, manche seiner Aussagen waren etwas übertrieben, doch ich bin mir sicher, in jeder steckte ein wahrer Kern. Wir fragten ihn, wo die ganze Milch im Iran herkomme. Auf unserer gesamten Route hatten wir so gut wie keine Kühe auf den Weiden gesehen und doch war Milch und Käse im Iran weit verbreitet. Er meinte, die Kühle würden hier alle in Massentierhaltung in Ställen gezüchtet. Das sei effizienter und davon, ein Bewusstsein für ökologische, artgerechte Viehhaltung zu entwickeln, sei der Iran noch weit entfernt.

Gemüse wie früher

Bei Gemüse und Obst war dies allerdings kaum zu glauben. Als Mitteleuropäer ist man ja an den wässrigen Geschmack von Tomaten, Zwiebeln, Paprika, Pfirsichen, Erdbeeren und anderen Importfrüchten gewöhnt. Man kann sich gar nicht mehr erinnern, wie das Zeug geschmeckt hatte, bevor es aus Spanien und Holland importiert wurde, wo es in Hydrokultur mit industriell hergestellten Nährstoffen gedeihte. Doch im Iran schmeckte die Tomate tatsächlich nach Tomate, der Pfirsich schmeckte nach Pfirsich. Es machte Spaß, Obst und Gemüse zu essen.

Reiselust

Für Bob ist das Reisen in andere Länder eine Leidenschaft. Als Iraner ohne Reisepass ist dies jedoch ein ernstes Problem, da man somit auf Reisen im eigenen Land angewiesen ist. Nicht so Bob. Er wollte die Welt sehen und schaffte es so, teils ganz ohne Pass, teils mit dem Pass eines Freundes, durch halb Osteuropa zu reisen. Er war in Mazedonien, auf Zypern und in vielen anderen Ländern, überquerte dabei illegal Grenzen und lebte ohne Geld, nur mit einem Lächeln und einer positiven Einstellung, alles schaffen zu können.

In der Zwischenzeit verweigern ihm die meisten dieser Länder die Einreise und er musste zurück in den Iran. Doch von so einer Lappalie ließ er sich nicht einschüchtern. Er beschloss, ab jetzt durch die Staaten des Mittleren Ostens zu reisen. In Afghanistan stellte er fest, dass dort eigentlich alles genauso war, wie im Iran, was nicht verwundert, teilt sich das alte persische Reich doch auf die Staaten Iran, Afghanistan und Tadschikistan auf. Jedes dieser Länder hatte seit dem Reich der Perser natürlich eine eigene Entwicklung durchgemacht, so dass sich in Tadschikistan heute Überreste der Sowjetzeit festmachen ließen, während Afghanistan durch die russische und US-Amerikanische „Besatzung“ geprägt war. Doch kulturell und sprachlich sind alle drei Länder immer noch Persien.

Er erzählte von abgelegenen Bergdörfern, die nichts von den aktuellen Geschehnissen im Land wussten, die noch nie eine moderne Waffe gesehen hätten und die friedlich in Zurückgezogenheit lebten. Ein ganz anderes Bild, als das, was sich ihm im Irak bot. Er überlebte dieses tief zerstrittene Land zwar unbeschadet und verlor kein schlechtes Wort über die Menschen dort, doch von einem entspannten Strandurlaub zwischen Taliban, IS, US Militär und irakischer Armee würde er trotzdem abraten. Mal ganz abgesehen davon, dass der Irak keinen Strand hat.

Besuch aus Korea

Auch einen Gast aus Korea wollte Bob vor längerer Zeit für ein paar Tage aufnehmen. Kurz vor seiner Ankunft texteten sie sich noch, wann er genau komme, bis auf einmal keine Nachrichten mehr auf Bobs Telefon ankamen. Er dachte sich nichts Böses. Vielleicht hatte der Koreaner einen anderen Host gefunden, vielleicht war sein Handy defekt.

Zwei Tage später klopfte der iranische Geheimdienst an Bobs Haustür. Sie kamen in sein Haus, dessen Wände mit Geschenken wie Flaggen und kleinen Schmuckgegenständen von ehemaligen Gästen dekoriert waren, klagten ihn der Spionage für Europa an und inhaftierten ihn. In seiner Zelle wurde er alle zwei Stunden von verschiedenen Offiziellen verhört, während er selbst nicht wusste, worum es überhaupt ging. Schließlich wurde er aus der Haft entlassen und durfte zurück zu seiner Wohnung.

Man sagte ihm, sie seien auf ihn aufmerksam geworden, weil ein Koreaner im Iran einen Autounfall hatte, dabei gestorben war, und Bobs Nummer die letzte Nummer gewesen sei, die kontaktiert wurde. Seine Wohnung fand er komplett verwüstet vor. Alle Sitzpolster waren aufgeschlitzt, die Schränke und Schubladen ausgeräumt und sein Handy wurde im Zuge der Suche nach Beweismaterial konfisziert. Er musste sich ab jetzt einmal wöchentlich bei der Polizei melden, um zu bestätigen, dass er noch in der Stadt war und nicht versucht hatte, das Land zu verlassen.

Technikfragen

Von Mashad aus kontaktierte ich auch endlich H&S Bike Discount wegen Mias defektem Schalthebel. Ich war mir sicher, sie würden irgendeine Lösung finden. Außerdem half uns Bob einen Radladen zu finden, in dem wir zwei Paar Bremsbeläge für unsere Scheibenbremsen bekamen. Es waren zwar keine Originalbeläge, und auch nicht genau für dieses Modell gedacht, aber sie passten fast perfekt in den Bremsschuh. Außerdem kauften wir ein Ersatzschaltauge für Mia. Man weiß ja nie. Mein Schaltauge hatte der Laden leider nicht vorrätig, aber der Besitzer machte einen Dreher ausfindig, der mir zwei Stahl-Schaltaugen herstellte, die nahezu identisch zu meinem defekten waren. Alles zusammen für schlappe 40 Euro.

Besuch aus Portugal

Am vorletzten Tag bei Bob kam ein weiterer Gast an: ein Portugiese, der mit dem Motorrad durch die Welt reiste. Auf dem Weg zu Bob wurde er von der Polizei angehalten, da er zusammen mit einer Iranerin, mit der er nicht verheiratet war, auf dem Motorrad unterwegs war. Das war natürlich höchst unmoralisch. Nach kurzer Diskussion hielten die Polizisten willkürlich einen Wagen an und befahlen dem Fahrer, die Frau nach Hause zu fahren. Unser Portugiese durfte die Nacht im Gefängnis verbringen.

Ganz untätig war ich während des Aufenthalts in Mashad allerdings auch nicht. Ich bearbeitete Bilder und drückte mir weitere Artikel aus der Feder. Ich war gerade dabei, den bereits bekannten Satz zu tippen, dass es im nächsten Nils Holgersson weiterginge, als, man wird es kaum glauben, Nils Holgersson im Iranischen TV lief. Auf Persisch.

Gruppenfoto mit Alex

Gruppenfoto mit Alex

Von unserem Besuch im heiligen Schrein Imam Rezas und den letzten Tagen im Iran erzähle ich dann im nächsten… ihr wisst schon.

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