Sonnenaufgang in Turkmenistan

Mary

Weiter als gedacht

Mein Schatten in der Wüste

Mein Schatten in der Wüste

Leider fotografiere ich noch nicht schneller als mein Schatten. Aber ich arbeite daran.

Planung ist das halbe Leben. Vor allem auf einer Radreise. Man sollte stets wissen, wie weit es bis zum nächsten Zwischenziel ist, wo die Versorgungsstationen liegen und ob man im Zeitplan liegt. Es sei denn, man fährt ohne Ziel und ohne Zeitplan. Beides hat seine Vor- und Nachteile, doch oft verlangt das Visum einen gewissen Zeitplan, die Siedlungsdichte und das Klima eine Kenntnis der Versorgungsstationen und Umstände wie Jahreszeiten und das persönliche Erfolgserlebnis das Setzen bestimmter Zwischenziele.

In Turkmenistan waren alle drei Faktoren unveränderlich gegeben: das Visum beschränkte uns auf sieben Tage, auf den 200 Kilometern Wüste waren wir an die Versorgungsstationen gebunden, die es alle 70 bis 80 Kilometer gab, und das Zwischenziel war, die Stadt Mary rechtzeitig zu erreichen. Umso erstaunter war ich an jenem Morgen, als ich mit Schrecken feststellte, dass Mary nicht wie erwartet 110 Kilometer hinter der Grenze lag, sondern 160. Und da wir statt der Seidenstraße die Hauptstraße genommen hatten, würden es sogar 200 Kilometer sein. Was ein Glück, dass wir ein Sieben-Tage-Visum hatten.

Top Voraussetzungen

An einer Raststätte berichtete uns ein Angestellter freudig von der vorhergesagten Hitzewelle, die in Pakistan bereits über 1000 Todesopfer gefordert hatte und bald auch Turkmenistan treffen würde. Eine wahrlich erquickende Information, brutzelte man im Freien auch ohne Hitzewelle schon bei 42 Grad wie ein Broiler im Krustengrill.

Wüste und schnurgerade Straßen bis zum Horizont

Wüste und schnurgerade Straßen bis zum Horizont

Doch damit nicht genug, hatten wir heute immer noch mit sehr schlechtem Straßenbelag und Gegenwind zu kämpfen. Mia mochte keine Rüttelstraßen, keinen Gegenwind und keine Hitze, so dass ihre Tagesmotivation im Keller war und sie sich im Schneckentempo fortbewegte. Auch Mirko war recht langsam unterwegs und bald fielen beide weit zurück. Auf einer Brücke, die über einen recht breiten, kanalisierten Fluss führte, beschloss ich, auf die beiden anderen zu warten.

Der Fluss speiste dutzende kleinere Kanäle, welche wiederum die unzähligen Bewässerungsgräben mit Wasser versorgten und so die Landschaft bis zum Horizont in ein grünes Meer verwandelten. Während ich wartete, fuhren zwei LKWs an mir vorbei, die auf der Ladefläche einen Pulk Jugendlicher in Schuluniform transportierten. Die Funktion des Schulbusses wurde hier offenbar von einfachen 7,5-Tonnern übernommen.

Turkmenischer Bus mit Schlagseite

Turkmenischer Bus mit Schlagseite

Frauenmode

Nach der Türkei, wo sich die Frauen in den Städten zwar relativ westlich kleideten und es bis auf das immer noch verbreitete Kopftuch und das überschminkte Gesicht wenige Unterschiede zu Deutschland gab, wo man auf dem konservativeren Land allerdings außer Händen und Gesicht keine weiteren Körperstellen zeigte und der Rest meist in blasse Farben gehüllt war; nach dem Iran, wo viele Frauen nur vakuumverpackt im schwarzen Tschador auf die Straße gingen, wo per Gesetz festgelegt war, dass außer Händen und Gesicht nichts vom Körper zu sehen sein darf und deshalb die wenigen exponierten Körperstellen üppig mit L’Oreal und Garnier zugekleistert wurden…

Turkmenischer Schulbus

Turkmenischer Schulbus

Nach diesen Ländern war die farbenfrohe und oft auch körperbetonte Kleidung der Frauen eine wahre Augenweide. Die knallbunten Kleider in leuchtenden Farben waren der einiger afrikanischer Länder nicht unähnlich und die Kopfbedeckung sah aus, als hätte man gemusterten Stoff um eine Sixpack-Verpackung gezogen. Auch die Gesichter waren nicht mehr die der Türken und Perser, sondern hatten bereits asiatische Züge. Wie unterschiedlich benachbarte Länder doch sein konnten.

Am Ende des Tages

Mirko auf seinem 60-Kilo-Bike in Turkmenistan

Mirko auf seinem 60-Kilo-Bike in Turkmenistan

Nach und nach gelang es uns, ihn zu überreden, Gewicht zu reduzieren.

Nach fünfzehn Minuten hatte auch Mirko, der sichtlich mit der Hitze zu kämpfen hatte, die Brücke erreicht. Weitere zwanzig Minuten später trudelte Mia ein. Wir schafften an diesem Tag trotz widriger Umstände 111 Kilometer, bevor wir kurz vor Sonnenuntergang an einer LKW-Raststätte inmitten einer moskitogeplagten Baumgruppe unser Zelt aufschlugen.

Typisches Straßenbild in Turkmenistan

Typisches Straßenbild in Turkmenistan

Die Frauen waren hier, im Gegensatz zum Iran, in bunte Kleider und kunstvollen Kopfschmuck gekleidet.

Mirko war am Ende, knabberte schnell ein paar ungekochte Spaghetti und legte sich sofort schlafen. Ich besorgte mir in der Raststätte eine Flasche des lokalen Yoghurtgetränks, das allerdings schmeckte, als hätte man Gorgonzolakonzentrat mit Zitronensaft und Milch gemischt und bereitete ein leckeres Nudelgericht zu, bevor ich mich, übersät mit Mückenstichen und ohne mir einen Wecker zu stellen, ins Zelt fallen ließ.

Bike, Bus und Wüstensand

Bike, Bus und Wüstensand

Zufälle

Michi kämpft mit der Hitze in Turkmenistan

Mia kämpft mit der Hitze in Turkmenistan

Auf der unspektakulären Weiterfahrt nach Mary machte mir mein Kreislauf wieder zu schaffen. Ich wollte gerade anhalten, um am Straßenrand die Füße hochzulegen, als ein Turkmene in seinem Wagen neben mich zog und mir eine kalte Flasche Cola aus dem Fenster hielt. Manche Zufälle sind einfach unglaublich. Doch damit nicht genug. Als ich mit Mia kurz darauf an einer Tankstelle auf Mirko wartete, verkündete dieser bei seiner Ankunft freudig, er sei gerade von einem Turkmenen nach Mary zum Essen eingeladen worden.

Unser edler Spender erwartete uns kurz hinter der Stadtgrenze in seinem Auto und geleitete uns bis zum Restaurant seines Vertrauens, wo er uns gebat, zu bestellen, was unser Herz begehrte. Auf der Karte waren zum Glück Fotos der Gerichte abgebildet. Ich zeigte auf ein lecker aussehendes Gericht und bekam einen riesigen Berg gebratene Leber mit Zwiebeln serviert. Nicht das, was ich erwartet hatte, aber trotzdem sehr lecker. Unser Turkmene, der sich als „Maks“ vorstellte, spendierte uns ein frisch gezapftes Bier und musste dann kurz zu einem Termin.

Erstaunliche Erkenntnisse

Nachdem Maks zurückgekehrt war, kamen wir ins Gespräch. Er erzählte, er sei jetzt 21 Jahre alt und habe vor drei Wochen geheiratet. Er konnte gar nicht verstehen, wie man älter als 23 und immer noch unverheiratet sein konnte. Man müsse doch Kinder haben und seine Linie fortführen. Außerdem erklärte er uns mit todernster Miene, er sei sehr erstaunt darüber, dass wir Deutsche sind und trotzdem Witze machen konnten. In Turkmenistan schien das Bild des arbeitsamen, ernsten und pflichtbewussten Deutschen der fünfziger Jahre immer noch die Norm zu sein.

Mirko hatte beschlossen, mit dem Zug von Mary nach Turkmenabat zu fahren. Einerseits, um der Hitze zu entfliehen und andererseits, weil es so gut wie unmöglich war, innerhalb seines Fünf-Tage-Visums die Grenze zu erreichen. Er würde bei Maks übernachten, der ihn am nächsten Morgen zum Bahnhof begleiten wollte. Wir überschlugen kurz unseren Zeitplan und fragten Maks dann, ob wir ebenfalls bei ihm nächtigen könnten. Natürlich konnten wir. Gar kein Problem.

Bei Maks

Bei Maks zu Hause

Bei Maks zu Hause

Maks Wohnung in Mary, Turkmenistan. Strom, Wasser und Gas ist für alle Turkmenen kostenlos.

Maks hatte eine kleine, aber gemütliche Wohnung in einem vierstöckigen Wohnblock, der in einer kleinen Seitenstraße eines Wohnviertels lag. Es gab eine Dusche, einen großen Kühlschrank und eine Sitztoilette; alles Dinge, die in der Zwischenzeit nicht mehr selbstverständlich waren. Der einzige markante Unterschied zu einer westlichen Wohnung war, dass man im Wohnzimmer nicht auf der Couch, sondern auf dem Boden saß.

Gas, Wasser und Elektrizität sind für alle Turkmenen kostenlos. In den trockenen Sommermonaten gab es allerdings während der Mittagshitze oftmals kein Wasser, so dass wir unseren Toilettengang auf nach sechs Uhr abends verschieben mussten. Als es dann endlich Wasser gab, musste ich unter der Dusche feststellen, dass der Druck, mit dem das ersehnte Nass aus dem Duschkopf kullerte, sehr bescheiden war. Trotzdem war die Dusche erfrischend und das saubere Gefühl im Anschluss eine wahre Wohltat.

Bahnstrecke im Morgengrauen

Bahnstrecke im Morgengrauen

Alles in Ordnung hier

Ich sprach Maks auf die angeblichen menschenrechtlichen Probleme Turkmenistans sowie die extrovertierte Gesetzgebung des ehemaligen Präsidenten Turkmenbaşı an. Unter ihm musste man beispielsweise bei der Führerscheinprüfung aus seiner Autobiografie zitieren können; er ließ eine goldene Statue seiner selbst errichten, deren Podest sich stehts so drehte, dass ihr die Sonne frontal ins Gesicht schien; laut Wikipedia ließ er auch alle Krankenhäuser im Land schließen. Lediglich in der Hauptstadt blieb eines geöffnet. Darüber, wie lange dies der Fall war, schweigt die Enzyklopädie allerdings.

Maks wollte von alledem nichts wissen und behauptete, was Wikipedia behauptete, sei schlichtweg falsch. Turkmenistan sei ein tolles Land, in dem es den Leuten gut ginge. Das größte Problem, mit dem das Land zu kämpfen habe, seien die schlechten Straßen. Dass die Straßen schlecht waren, ließ sich nicht abstreiten, doch obwohl es den Anschein hatte, die Menschen lebten hier nicht in Armut, war die humanitäre Situation des Landes höchst fragwürdig.

Maks berichtete von seinen Plänen, ins Ausland zu reisen, um auch andere Länder kennenzulernen. Er hatte scheinbar noch nicht mitbekommen, dass man zum Verlassen des Landes einen Pass brauchte. Und den bekam man in Turkmenistan nicht so ohne weiteres. Allerdings hatte es den Anschein, dass seine Familie nicht am Hungertuch nagte. Je nachdem, welche Position andere Familienmitglieder im Land bekleideten, war es also nur verständlich, dass er von den Problemen seines Landes bisher nichts am eigenen Leib erfahren hatte.

Konsum macht gleich

Reihenhaus in Mary

Reihenhaus in Mary

Satellitenfernsehen ist in Turkmenistan eigentlich verboten.

Während wir im Wohnzimmer saßen und uns unterhielten, berieselte uns der im Hintergrund laufende Fernseher mit einem russischen Kanal, in dem ein häufig durch Werbung unterbrochener Krimi lief. Satellitenfernsehen war in Turkmenistan zwar, wie so vieles, verboten, doch die Armadas an Schüsseln auf den Dächern bestätigten, dass sich hier niemand für das Verbot zu interessieren schien. In den Werbepausen wurde man mit russischen Spots für KFC, McDonalds, Subway, einem probiotischen Schlankmachdrink und einem Handy, ohne das man nicht cool war, bombardiert. So unterschiedlich Kulturen und Länder auch sein mochten, wenn es um Konsum ging, waren sie alle gleich.

Die Moschee von Mary

Die Moschee von Mary

Bye bye Mary

Maks und Mirko in Mary, Turkmenistan

Maks und Mirko in Mary, Turkmenistan

Mirko würde ab hier den Zug nehmen während wir uns durch 230km Wüste kämpften.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Maks und Mirko und rollten um halb sechs durch die menschenleeren Straßen von Mary. Ich hatte erwartet, dass direkt hinter Mary die Wüste anfing, doch am heutigen Tag würden wir lediglich durch ein Meer aus Kopfsalat und Kartoffeln fahren. Wir passierten die Stadt Bayramaly, deren Ortseingangsschild sie als „Kurort“ auswies; das deutsche Wort schien es bis nach Turkmenistan geschafft zu haben.

Bayramaly, ein Kurort in Turkmenistan

Bayramaly, ein Kurort in Turkmenistan

Maks erzählte mir, Kurort wäre ein international verwendetes Wort.

Trotz unseres frühen Starts brachten wir es bis halb drei nachmittags auf gerade einmal 35 Kilometer. Noch vor 12 hatte das Thermometer bereits 42 Grad angezeigt. Der Gegenwind blies uns die warme Luft ins Gesicht und so kamen die beiden Truckstops, die nun am Straßenrand auftauchten, gerade recht.

Denkmal und Boulevard in Mary

Denkmal und Boulevard in Mary

Welche Überraschung wir dort erlebten, erfahrt ihr aber erst im nächsten Artikel.

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3 Gedanken zu „Mary“

  1. „statt der Seidenstraße die Hauptstraße“ Seitenstrasse?

    Strom, Wasser und Gas sind für alle Turkmenen kostenlos, is ja nen lustiger Funfact in dem Land, wo so vieles andere schiefläuft.

    1. Nein, Seidenstraße. Die ging östlich von dem See bei Mary vorbei, die eigentliche Hauptstraße westlich. Angeblich war die alte Seidenstraße aber in katastrophalem Zustand. Was lernt man daraus? Vertraue nie der Aussage eines Autofahrers. Die Hauptstraße war nämlich mindestens genauso übel.

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