Silhouetten am Meer

Marmararegion: Die Türken und der liebe Tee

Dieser Weg ist der Beste

Ich im Master of Puppets Shirt bei Manyas

Ich im Master of Puppets Shirt bei Manyas

Nachdem wir nun einige Tage durch landwirtschaftlich geprägtes Flachland und olivenbewachsene Hügel gefahren waren, wurde es heute zum ersten Mal etwas anstrengender. Unterwegs versuchte uns ein zuvorkommender Türke anhand unserer Karte den Weg zu erklären. Was Türken (und auch andere Landsleute) jedoch oft nicht verstehen ist, dass wir eine bestimmte Strecke fahren wollen und mit den Bikes andere Ansprüche an Straße und Umgebung haben als der durchschnittliche Autofahrer. So werden viele Straßen als unfahrbar bezeichnet und Steigungen nicht als solche wahrgenommen. Außerdem wird man oft auf die für motorisiert Reisende schnellste Strecke geschickt, also eine der vierspurigen Überlandstraßen. Gut zum Vorwärtskommen aber wegen der von Leitplanken blockierten Sicht und des oft starken Verkehrs für uns eher weniger geeignet. Ebenfalls auffallend war, dass es hier unheimlich viele Brunnen gab. Manchmal drei oder vier auf gerade mal 200 Metern. An Wassermangel würden wir hier auf jeden Fall nicht leiden. Ich begann, die Brunnen zu zählen, doch bei dreißig hörte ich wieder auf. Zweifelsfrei waren wir in der Haupt-Brunnenregion der Türkei angekommen.

Ein Stall in der Nordwest-Türkei

Ein Stall in der Nordwest-Türkei

Çay Express

Es ist allgemein bekannt, dass in der Türkei viel Tee getrunken wird und man als Reisender auch gerne mal zu einem solchen Çay eingeladen wird. Çay ist ein starker, schwarzer — sprich fermentierter — Tee. Mit dieser kraftvollen Mischung, die einem unverdünnt die Schuhe auszieht, füllt man ein halbes Teeglas und gießt es dann mit heißem Wasser auf. Nimmt man weniger Tee, ist es ein heller Çay. Interessant fand ich, wie diese Tees bestellt wurden. In einem Lebensmittelladen in Gönen wurden wir gefragt, ob wir einen Tee wollen. Wir bejahten und der Besitzer nahm ein Walkie-Talkie aus seiner Hosentasche und brüllte irgendetwas von drei Tee in das rauschende Gerät. An anderer Stelle — und dies beobachteten wir häufig — ging der freundliche Teespender zu seiner Haustür und rief lautstark etwas von Tee in die Gegensprechanlage. Kurze Zeit später erscheint jemand mit einem Tablett und der geforderten Anzahl Tee darauf, als würde der Tee hinter den Kulissen von Geisterhand zubereitet und vom Diener auf die Bühne gebracht. Çay Express.

Hier ist es sehr billig

Vor Akçaova

Vor Akçaova

In einem kleinen Dorf in den Bergen besorgten wir unser Abendessen. Im Laden kauften wir für geschätzt 12 bis 15 Lira ein, doch der Besitzer wollte lediglich 5 Lira von uns und bestand auch nach mehrmaligem Nachfragen auf seinem Touristen-Sonderangebot. Er erklärte, sein Laden sei einfach sehr billig. Beim Obsthändler, dessen Verkaufsstand die Ladefläche eines Transporters war, der auf dem Dorfplatz vor dem Teehaus stand, kauften wir noch Tomaten und Zwiebeln, bevor wir uns auf die alltägliche Suche nach einer Bleibe für die Nacht machen wollten. Ich vergaß meinen Helm mitsamt montierter GoPro neben dem Stein, auf dem wir gesessen hatten, um eine Zigarette zu rauchen, doch ehrlich wie sie sind, rief man uns zurück und signalisierte mit Zeichensprache, dass ich meinen Helm vergessen habe. Sie sind einfach zu freundlich, die Türken.

Yol yok

Beim Tee mit den Dorfbewohnern in Çırpılar

Beim Tee mit den Dorfbewohnern in Çırpılar

Erst sagte man uns, wir hätten uns verfahren weil der Weg nicht weiterginge. Dann lud man uns zum Tee ein.

Wir folgten unserem Track durch Çırpınar (Anm. d. Korrekturlesers: das ist Türkisch für „Mach dich vom Acker“) und waren gerade im Begriff, das kleine Dorf mit den steilen Gassen zu verlassen, als plötzlich der komplette Verein professioneller Teetrinker von der Veranda des Teehauses aufsprang und rufend herauslief: „Hey, yol yok, yol yok!“ (Da gibt es keinen Weg). Man machte uns klar, dass wir wieder zurück mussten, um unten die andere Abzweigung zu nehmen, aber zuerst sollten wir doch Tee mit ihnen trinken. Gesagt getan tranken wir Tee und erzählten von unserer Tour und der geplanten Route. Bei der Erwähnung des Iran schlugen wie immer einige Leute die Hände über dem Kopf zusammen, weil Iran und Syrien doch so gefährlich seien. Die Medien scheinen also auch hier ihren Zweck zu erfüllen. Nach dem zweiten Çay fuhren wir über die richtige Strecke weiter und kamen einige Kilometer später, nachdem wir einen schier unendlich steilen Hügel hinauf gefahren waren, nach Bağlı („Bahli“, was ja in etwa so klang wie unser ursprüngliches Ziel der Reise).

Und nochmal Tee

Und nochmal Tee

Einige Kilometer später wurden wir in Bağlı wieder zum Tee eingeladen. Und der Spender konnte sogar perfekt Deutsch.

Dort fragte ich nach einem Markt und man zeigte uns das unscheinbare Geschäft, das gleichzeitig auch das Teehaus und die Anlaufstelle für Strom- und Telefonrechnung war. Als wir im Laden unser Abendessen planten, stellte sich heraus, dass der Hausherr vorzüglich Deutsch sprach, da er 35 Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet hatte und nun seit sechs Jahren mit seiner Frau wieder in der Türkei lebte. Er sei gerade dabei, ein Haus zu bauen. Anschließend erzählte er ein wenig darüber, wie „auf dieser Seite“, womit die Gegend, durch dir wir gerade fuhren, gemeint war, die Leute keine Arbeit hätten und die Jugendlichen alle in der Stadt arbeiteten, während die Älteren im Dorf blieben und den ganzen Tag nichts machten. Hauptsächlich weil sie zu faul und unmotiviert seien, etwas zu tun. Deshalb wären viele Dörfer auch so dreckig. Ihre Meinung war, der Staat solle sie gefälligst in ihrer Arbeitslosigkeit unterstützen.

Sonnenaufgang bei Kalkım

Sonnenaufgang bei Kalkım

Ich stand auf der Terrasse unseres Rohbaus und beobachtete den Sonnenaufgang.

Wir machten unsere letzten Besorgungen in Kalkım und fanden kurz darauf zwei Rohbauten. Eine würde uns als Nachtlager dienen, wodurch wir windgeschützt kochen konnten und nicht einmal das Zelt aufzubauen brauchten. Irgendwie hatte es Michi geschafft ein kleines Loch in ihre Packtasche zu stanzen. Außerdem hatten meine Töpfe die ersten Dellen bekommen. Aber alles halb so wild. Ich begann ein Wörterbuch mit den wichtigsten Vokabeln in Türkisch, Farsi und Russisch anzulegen und kochte anschließend unser Essen: Zwiebeln, Knoblauch, Paprika und Tomate. Also das, was es fast jeden Tag gab. Wahlweise mit Sucuk, weißem Käse oder auch beidem.

Ein unerwarteter Dürüm

Stillleben mit Bomonti Bier

Stillleben mit Bomonti Bier

Berge und eine Hütte am Mittelmeer

Berge und eine Hütte am Mittelmeer

Wir bestritten einen 740 Meter hohen Pass und rollten durch weitere endlose Olivenhaine genüsslich die kompletten Höhenmeter bis nach Edremit herunter, aßen dort einen sehr leckeren Dürüm für günstige 3 Lira (1,10€) und machten uns auf den Weg zur Küste. In Çoruk erreichten wir zum ersten Mal das Mittelmeer und besorgten in einem Laden im nächsten Kaff einige Bier zum Feiern, da dies auch das erste Mal war, dass Michi mit dem Fahrrad an dieses Meer gefahren war. Wir machten Fotos, hörten Musik, betrachteten die Miesmuscheln, die sich im Wasser an Steinbrocken klammerten und warten auf den Sonnenuntergang. Fast die ganze Zeit über parkten hinter uns ein oder mehrere Autos, deren Fahrer ebenfalls die Meeresluft genossen. Aus einem der Wagen, der schon einige Stunden dort stand, stieg ein älterer Herr aus, kam zu uns, überreichte uns lächelnd zwei Zigaretten, sagte, was ein schönes Paar wir wären — wir ließen ihn einfach in dem Glauben, dass wir ein Paar seien, um sein Weltbild nicht zu zerstören — und ging wieder zu seinem Auto zurück.

Unser Zelt im Sonnenuntergang am Meer bei Akçay

Unser Zelt im Sonnenuntergang am Meer bei Akçay

Unsere Bier gingen langsam zur Neige und ich radelte die paar Meter zurück zum Laden, um Nachschub zu besorgen. Außerdem kaufte ich in einem Anflug von Luxusempfinden noch 10 Eier fürs Frühstück, in der Hoffnung, sie unbeschadet bis zum Zelt transportieren zu können. Wir tranken weiter und es war bereits dunkel, als derselbe Herr ein weiteres Mal zu uns kam und uns eine Tüte überreichte. Der Inhalt sei für uns. Außerdem habe er noch Bier dabei. Ob er sich denn setzen könne. Natürlich konnte er. In der Tüte waren zwei in Alufolie eingewickelte Dürüm mit Lammfleisch, die sehr lecker waren und sogar Michi schmeckten, obwohl sie in der Zwischenzeit kein Lammfleisch mehr mochte. Man unterhielt sich, soweit möglich und teilweise mit Händen und Füßen, und verbrachte einen schönen Abend. Erwähnenswert ist, dass unser Essensspender einer der wenigen Türken war, die es schafften, sich auch ohne Worte, nur durch Zeichensprache, zu verständigen. Warum auch immer der Großteil der osmanischen Bevölkerung dazu nicht imstande zu sein schien, werde ich wohl nie verstehen. Als es schließlich zu kalt wurde, verabschiedeten und bedankten wir uns und verkrochen uns in unser Zelt. Diese Nacht würde das Thermometer auf frostige zwei Grad fallen.

Essen mit Tischdecke

Meine treue Geiß am Mittelmeer in Salihleraltı

Meine treue Geiß am Mittelmeer in Salihleraltı

In einiger Entfernung zum Meer ging es weiter in Richtung Izmir. In Ayvalık tranken wir in einem Café, in dem es Internet gab, einen Tee und schrieben einige Warmshowers- und Couchsurfing-Hosts in Izmir an. Nur zirka zwei Stunden später antwortete uns Sencer, er könne uns aufnehmen. Wunderbar — unsere kostenlose Unterkunft war gesichert. Ich entlockte ihm noch seine genaue Adresse, da Malte mir per Express meine Hepatitis A und B Impfung schicken sollte. Gegen Abend kamen wir wieder am Meer an. Wir fuhren durch eine riesige Ferienanlage namens Sahlıleraltı, in der sich ein von Mauern umgebener Gebäudeklumpen an den nächsten reihte. Da gerade keine Saison war, standen sämtliche Wohnungen leer. Direkt am Meer fanden wir ein Büfe mit einem überdachten Restaurantbereich und einer schönen Wiese. Dort war zwar leider ein Wächter, doch dieser meinte, wir könnten hier essen und sitzen, wir müssten aber unser Zelt auf der anderen Seite der etwa 30 Zentimeter hohen Mauer aufbauen, die nicht mehr zum Grundstück des Büfes gehörte. Zuerst waren wir etwas skeptisch, doch dem Wächter ging es vermutlich nicht anders. Doch als wir mit Kochen anfingen, setzte er sich mit seiner Wasserpfeife an einen Tisch direkt vor dem Gebäude und beobachtete uns. Er brachte uns eine Tischdecke und fragte ob wir uns nicht am Ofen wärmen wollten. Auch erkannte er uns sofort als Deutsche und erzählte, sehr vielen Deutschen gehöre eines der Ferienhäuser hier und wenn die Saison im April losginge, kämen sie alle wieder hierher. Außerdem konnten wir unsere Elektrogeräte, deren Akkus langsam leerer wurden, bei ihm aufladen. Wieder einmal von der türkischen Gastfreundschaft überwältigt verschlangen wir unsere Pasta und schliefen mit Meeresrauschen ein.

Michi schlief heute mit Handschuhen, da ihre Hände seit einigen Tagen mit einem bösen Ausschlag übersät waren. Es reihte sich ein Bläschen an das nächste. Wir tippten auf eine allergische Reaktion und verdächtigten die Daunen ihres Schlafsacks, da sie früher mal eine Daunenallergie hatte. Aber auch die Handschuhe brachten nichts. Trotzdem versuchten wir, nicht anders als ein Allergologe, per Ausschlussverfahren herauszufinden, was die juckenden Bläschen auslöste.

Michi mit verbundenen Händen

Mia mit verbundenen Händen

Wir versuchten Mias allergische Reaktion mit Creme und Sonnenschutz zu bändigen.

Am nächsten Tag gab es erst einmal leckere Frühstückseier. Die 10 Eier hatten tatsächlich die teilweise holprigen Kilometer überlebt und nicht eines hatte Risse bekommen. Wir verließen die Marmararegion und rollten in die Ägäis. Michis Hände sahen heute aus, als hätte sie ihre Handrücken auf eine glühende Herdplatte gelegt. Außerdem juckten sie unglaublich stark. Da wir auch eine Sonnenallergie nicht ausschlossen, rieben wir die Hände mit Allergiecreme aus der Apotheke ein und verbanden sie mit einem Stretchverband. Das Jucken ließ etwas nach, aber wirklich gebracht hatte die Creme und der Sonnenschutz nichts. Malte war derweil mit der Impfung zur Post gegangen und hatte bereits alle Formulare ausgefüllt, als die Beamtin am Schalter ihm sagte, Medikamente per Post in die Türkei zu schicken sei unmöglich. Ich würde später noch herausfinden, dass das Expresspaket 150€ gekostet hätte. Insgesamt also ein sinnloses Unterfangen. Aber wenigstens hatten wir es versucht.

In Çandarlı sahen wir einige Flamingos, die hier wohl nur wenige rote Krebse fanden, denn ihr Gefieder war fast komplett weiß. Danach kämpften wir uns zwanzig Kilometer lang durch ein nicht enden wollendes Industriegebiet, das zwar unglaublich hässlich war, aber mit seinen verdrehten Metallkonstruktionen, rauchenden Schloten und surrenden Fabrikhallen auch einen gewissen Charme hatte. Es würde noch durch Menemen gehen, worauf ich im nächsten Artikel noch zu sprechen komme, bis wir endlich in Izmir ankämen.

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