Bruchbuden vor Regenwolken in Izmir

Izmir und der Knick nach Osten

Izmir Sightseeing mit Sencer

Izmir Ortsschild

Izmir Ortsschild

Die Einwohnerzahl ist angeblich bereits veraltet und viel zu niedrig.

Die Millionenstadt Izmir umschließt fast vollständig den landeinwärts gelegenen Bogen einer beinahe 50 Kilometer langen Bucht. Erst flach, dann von hohen Bergen gesäumt, reihen sich mehrstöckige klimatisierte Wohngebäude aneinander. Entlang des Ufers erstreckt sich eine breite Grünfläche, die fast die gesamte Küste Izmirs entlangläuft. Wir erreichten gegen Mittag das Ufer des Stadtteils Karşıaka, wo wir auf Sencer, unseren Warmshowers-Host, warteten. Er holte uns mit dem Fahrrad ab und führte uns durch geschäftige Einkaufs- und Fressmeilen zu seiner für eine Einzelperson recht großen und modern eingerichteten Wohnung. Sie hatte keinen Aufzug, lag aber zum Glück nur im ersten Stock. Nach Radreise stinkend unterhielten wir uns eine Weile, bevor wir endlich unsere wohlverdiente Dusche nahmen.
Kokoreç Spieße

Kokoreç Spieße

Kokoreç sind auf einen Spieß gewickelte und gegrillte Schafsdärme.

Mit unserem Warmshowershost Sencer beim Kokoreçessen in Izmir

Mit unserem Warmshowershost Sencer beim Kokoreçessen in Izmir

Führte uns durch Izmir, lud uns ins Theater ein und machte uns leckeres türkisches Frühstück.

Da wir hungrig waren, führte Sencer uns zu einem kleinen Imbissstand und bestellte eine Portion Midye dolması (gebackene und mit Reis gefüllte Miesmuscheln) und Kokoreç, auf einen Spieß aufgewickelten Schafsdarm, der wie Kebab gegrillt und dann in kleinen Stückchen in ein Fladenbrot gestopft wird. Außerdem tranken wir Saft von schwarzen Karotten — klingt eklig, schmeckte aber eigentlich recht lecker und war sogar ein bisschen scharf.

Der Uhrenturm, eines der Wahrzeichen von Izmir

Der Uhrenturm in Konak

Eines der Wahrzeichen von Izmir

Gesättigt besorgten wir uns ein paar Bier, chillten ein wenig am Ufer und nahmen schließlich eine Fähre nach Konak, wo wir mit Sencer eine Vorstellung des Puppentheaterfestivals besuchen würden. Direkt an der Anlegestelle war ein großer Platz mit Kopfsteinpflaster, in dessen Mitte sich der berühmte, von Scheinwerfern angestrahlte, Uhrenturm befand. Angeblich das Wahrzeichen Izmirs. Ich hatte ein etwas monumentaleres Bauwerk erwartet, doch im gelblichen Licht der Scheinwerfer machte das schnuckelige Phallussymbol mit Uhr trotzdem eine gute Figur.
Laut Sencer die kleinste Moschee der Türkei

Konak Camii

Laut Sencer die kleinste Moschee der Türkei

Nur ein paar Schritte entfernt befindet sich die Konak Camii (Cami heißt Moschee), die angeblich kleinste Moschee der Türkei. Da noch etwas Zeit bis zum Beginn der Vostellung war, führte uns Sencer ein wenig durch die engen Gassen des Marktviertels und am Transvestitenstrich vorbei, bis wir eine Stunde später gespannt im Theatersaal saßen. Sencer hatte uns erzählt, die Vorstellung eines Kanadiers am Vortag wäre exzellent gewesen. Er hatte auch seine Cousine und einen Freund dazu eingeladen.

Limonia

Fotografieren war während der Vorstellung leider strengstens verboten, so dass ich hier kein Foto zeigen kann, aber ich versuche kurz, das Schauspiel darzustellen. Geschrieben und präsentiert wurde das Stück namens Limonia von einer jungen Griechin. Die Bühne war leer, bis auf einen Tisch, der in der Mitte stand und einen Sessel am linken Rand. Auf dem Tisch stand eine Schüssel. Die Puppe war eine lebensgroße alte Frau. Sie war mit dünnen Schnüren an Brust, Armen und Beinen des in schwarz gekleideten Puppenspielers befestigt. Das ganze Stück über wurde kein Wort gesprochen. Die Oma nahm etwas Teig aus der Schüssel, begutachtete es und befand es für schlecht. So fing sie an, mit Mehl und Wasser einen neuen Teig zu machen und ließ diesen ruhen, während sie sich auf dem Sessel ausruhte oder zu einem kurzen griechischen Musikthema, das sich alle 10 Sekunden wiederholte, mit einem Besen in der Hand tanzte. Als der vermeintliche Teig genug geruht hatte, begutachtete sie ihr Werk abermals, spielte damit herum, formte Ohrringe, Flugzeuge und andere sinnlose Dinge aus der Getreidemasse, mit denen sie einige Sekunden herumspielte, bis sie schließlich einen Körper daraus formte, den sie in ein Küchentuch wickelte und wie ein Kleinkind wiegte. Glücklich mit ihrem Hefenachwuchs verließ sie die Bühne. Das Publikum applaudierte, das Licht ging an und Sencer wandte sich ohne zu zögern an uns und sagte: „I am SO sorry!“ (Es tut mir SO leid!). Scheinbar hatte er ebenfalls Probleme das Stück zu interpretieren. So verließen wir nach ungefähr einer halben Stunde verwirrt das Universitätstteater. Sencers Cousine machte sich über dessen Geschmack lustig und wir alle waren sicher, für längere Zeit kein Puppentheater mehr zu besuchen.

Die Fahrradbar

Vor der Fahrradbar in Izmir

Vor der Fahrradbar in Izmir

Hier tranken wir das ein oder andere Bier und bejubelten die Liveband.

Die nächste Station sollte eine Fahrradbar in Izmir sein. Sencer hatte vor einiger Zeit das Fahrrad als sein Lieblingssportgerät auserwählt und erzählte uns, Izmir sei sozusagen die Fahrradhauptstadt der Türkei und so gäbe es viele Radelgruppen für Rennradfahrer und Mountainbiker, die sich regelmäßig träfen, um Touren zu machen oder in eine Kneipe zu gehen. So landeten wir nach einer halben Stunde Fußmarsch in eben solch einer Radfahrerkneipe. Jeglicher Art von Subkulturen skeptisch gegenüberstehend, war ich überrascht, den gesamten Abend nicht ein einziges Mal auf Fahrradfahren angesprochen zu werden. In der Bar spielte eine wirklich gute Band Coverversionen von R.E.M. über Led Zeppelin bis Nirvana. Wir hatten Spaß, tanzten (sofern man die eckigen Zuckbewegungen meines Zwei-Meter-Korpus als Tanzen bezeichnen mag) und tranken Bier. Ich erzählte der Band nach dem Konzert noch, dass sie sehr gut sei, aber den Liedern doch etwas mehr eigene Note geben solle, bis wir um ein Uhr zum Bahnhof mussten, um den letzten Zug zu erwischen. Auf der Fahrt kotzte uns noch ein jugendlicher Türke ins Abteil, worauf sich Sencer für seine Landsleute entschuldigte. Zur Aufmunterung erzählte ich ihm, dass wir durch „Menemene“ gefahren wären, wobei ich den Stadtnamen mit der bekannten Melodie aus der Muppet Show intonierte: Mähnämähnä … didieee dididi. Wir tranken ein letztes gemeinsames Bier auf der Terrasse seiner Vierzimmerwohnung und legten uns in sein kuscheliges Bett.

Leaving Izmir

82?

82?

An unserem zweiten Tag in Izmir bewegten wir uns nicht aus der Wohnung heraus. Ich arbeitete von zwölf Uhr mittags bis sechs Uhr morgens fast durchgehend an der Webseite, kochte zwischendurch nur Abendessen und 15 Eier hart. Michi las und schlief. Montag frühstückten wir gemeinsam Boyoz mit beyaz peynir (eine Art fettiger Blätterteigkringel mit weißem Käse) und Simit (Sesamkringel), die in Izmir Gevrek heißen. Dann verließen wir die Stadt, die so anders als der Moloch Istanbul und durchaus einen Besuch wert ist. Der Track führte uns durch das Zentrum von Izmir, vorbei an dem Bahnhof, wo wir letzte Nacht den Zug nach Hause bestiegen hatten, am Güterhafen vorbei, in dem sich Container stapelten und Teile von Windrädern zur Verschiffung bereit lagen, bis wir nach einer Stunde den Kernbereich der Großstadt verlassen hatten. Doch die Straße führte auch durch Industriegebiete, entlang einer nicht enden wollenden Einkaufsmeile, wo sich Modeoutlets, Einrichtungshäuser und Einkaufszentren, Zara, Decathlon und Bauhaus die Hand gaben. Auch vor der Türkei hatte der globale Kapitalismus nicht zurückgeschreckt.

Ismael und sein Kollege beim Abendessen

Ismael und sein Kollege beim Abendessen

Sie schenkten uns Obst, Gemüse, gaben uns selbstgemachten Wein und wir durften in ihrem Gewächshaus campen.

Es ging weiter in Richtung Süden. Durch flaches Agrarland radelten wir bis zum Tahtalı Reservoir. Eigentlich wollten wir am Ufer des Stausees campen, doch dort saßen bereits zwei Türken, die uns mit Händen und Füßen klarmachten, dass dies ihre Farm sei und wir doch in ihrem Gewächshaus schlafen sollten, da wir dort vor Wind und Regen geschützt seien. Einer müßigen Diskussion ausweichend, warum wir lieber am See campten, schlugen wir unser Zelt im Gewächshaus auf. Sie schenkten uns den Rest ihres Abendessens, tranken einige Teegläser selbstgemachten Wein mit uns und gaben uns Tomaten und Obst aus ihrem eigenen Anbau. Beim Kochen wollte der ältere der beiden noch von unserer scharfen Chilikonzentratsoße probieren. Entgegen meiner Warnungen nahm er eine viel zu große Menge und bekam einen etwas roten Kopf, wobei er gleichzeitig Wasser, Käse und Brot in seinen Mund stopfte. Sein Kollege Ismael wollte sich den kulinarischen Gaumenschmaus natürlich auch nicht entgehen lassen und probierte ebenfalls eine viel zu große Menge. Er sagte, es sei nicht scharf und er hätte gar kein Problem damit, legte aber trotzdem in Windeseile ein großes Stück Brot nach, bevor beide schlagartig den Acker verließen.

Sonnenuntergang über dem Tahtalı Stausee

Sonnenuntergang über dem Tahtalı Stausee

Der Tod einer Benzinpumpe

Bei dem Versuch, einen Kaffee zu kochen, musste ich im Morgengrauen leider feststellen, dass die Regulierschraube der Pumpe meines MSR Whisperlite den Geist aufgegeben hatte. Der Drehmechanismus war im Allgemeinen etwas schwergängig und scheinbar drehte ich diesen immer zu fest zu, wenn ich den Kocher ausmachen wollte. Da das Gewinde an der Schraube selbst aus Metall ist, das im Pumpenkopf jedoch aus Plastik, war es nur eine Frage der Zeit, bis das weichere Material sich in Wohlgefallen auflösen würde. Der Kocher funktioniert zwar noch, und jetzt, gut zwei Wochen später, habe ich mich daran gewöhnt, die Flamme durch festes Drücken und Ziehen am Regulierhebel einzustellen, aber eine Fehlkonstruktion ist es dennoch. In Anbetracht dessen, dass der Kocher sowieso nur die Modi „Aus“ und „Inferno“ hatte, ist der Defekt halb so wild. Aber auf lange Sicht werde ich mir wohl doch eine neue Pumpe besorgen.

Meine Speichen knacken

Ein weiteres Problem war, dass meine Hinterradspeichen seit zwei Tagen seltsame Knackgeräusche von sich gaben. Allerdings nur in bestimmten Gängen und unter starker Belastung. Ich war noch ein Neuling im Einspeichen von Laufrädern und mein Hinterrad war das Erste, das ich jemals eingespeicht hatte. So war ich etwas skeptisch ob dessen Haltbarkeit und Stabilität, obwohl es die unglaublich holprige Strecke nach Omalo in Georgien im Jahr zuvor problemlos überstanden hatte. Ich überprüfte die Spannung aller Speichen. Außerdem zog ich alle Speichen eine weitere Viertelumdrehung an, damit auch ja keine wegen des Gewichts meines Gepäcks plötzlich statt Zug Druck bekommen würde. Aber es half alles nichts, das Knacken blieb. Später fand Michi dann die Quelle des unheilverkündenden Geräuschs. Das lose Ende des Bowdenzugs am Schaltwerk war etwas verbogen und berührte in bestimmtem Gängen die Speichen des drehenden Rades. Im Endeffekt also viel Sorge um nichts.

In der Zwischenzeit hatten wir das Mittelmeer verlassen und nahmen von jetzt an Kurs nach Osten in Richtung Pamukkale.

Wechsel Summit Pokemon

Wechsel Summit Pokemon

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2 Gedanken zu „Izmir und der Knick nach Osten“

  1. Vllt ein Fehler, die Überschrift „wertg Izmir“?

    Und „er Track führte uns durch das Zentrum von Izmir, vorbei an dem Bahnhof, wo wie letzte Nacht den Zug nach Hause bestiegen hatten“ wie -> wir, oder?

    1. Hallo Boris, ja, da hast du recht. Danke, ist korrigiert. 🙂 Den Abschnitt „Der Track (…) nicht zurückgeschreckt.“ hat Ollo zweieinhalb Wochen nach Veröffentlichung des Artikels noch neu hinzugefügt, dabei ist das wohl passiert.

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