Ein Fischerboot auf dem Iznik See

Istanbul und die Marmararegion

Chillout?

Unser Zimmer im Chillout-Hostel

Unser Zimmer im Chillout-Hostel

Etwas eng, Etagenbett ohne Leiter, kaputtes Licht und die Heizung lief auf Vollgas.

Wie Malte bereits in den ersten beiden Artikeln (Start in Istanbul und Wilde Trips durch Istanbul) berichtete, begann die Reise auf etwas unkonventionelle Art und Weise. Als Meister der Prokrastination schaffte ich es wieder einmal, alles so lange vor mir herzuschieben, bis es fast unmöglich war, noch vor der Abfahrt fertig zu werden. Die Bikes waren zwar größtenteils zusammengebaut, so dass man sie als fahrtüchtig bezeichnen könnte, doch einige Details wie Schutzbleche und Frontgepäckträger lagen immer noch funktionslos neben unseren Reisemaschinen. Ebenso war mein Zimmer leer geräumt und gestrichen, aber ein nicht unerheblicher Berg Gerümpel, der bald von meinem Bruder abgeholt werden sollte, sowie diverse Malerutensilien müllten immer noch meine alte WG zu. Meine damalige Freundin Mia versuchte mir beim Ausräumen, Streichen und sonstigen Vorbereitungen zu helfen, musste allerdings auch noch Eltern und Oma verabschieden und hatte deshalb nicht viel Zeit. Ein großer Dank gebührt meinen beiden Ex-Mitbewohnerinnen, die mir halfen, meine Möbel zu meinen Eltern zu karren und außerdem das von mir hinterlassene Chaos beseitigten. Trotz allem schafften wir es nach ganzen 30 Minuten Schlaf mitsamt Gepäck und vollen Fahrradkartons am Saarbrücker Hauptbahnhof anzukommen und zum Flughafen aufzubrechen.

Malte in Istanbul

Malte in Istanbul

Den weiteren Ausführungen Maltes bleibt wenig hinzuzufügen, außer vielleicht der „please don’t shit in my kitchen“ Episode. Ich hatte gerade Etti vom obersten Stockwerk zu seinem Bett im zweiten Stock gebracht und war unterwegs in den Gemeinschaftsraum des Hostels, als mich der Rezeptionist anhielt meinem Kollegen zu helfen, der scheinbar nicht mehr ganz mit der Welt klarkam. Ich brachte Malte ins Bett und dachte, die Geschichte sei gegessen. Doch am nächsten Morgen erzählte man uns, was wirklich geschah. Allem Anschein nach verspürte Malte irgendwann das Bedürfnis, die örtliche Kloake aufzusuchen. Aufgrund akuter Synchronisationsschwierigeiten zwischen realer Welt und derer geistigen Abstraktion begab er sich dazu in die Küche. Unschuldig um sich blickend zog er die Mülltonne, die in der Küche stand, als Sichtschutz vor sich und begann, klammheimlich pfeifend, eine geeignete Position zu suchen. Der Rezeptionist, der uns diese Geschichte erzählte, begann Maltes Vorhaben zu durchschauen und dachte bereits „Nein, nee, bitte, och nee, echt? NEIN!“ … In etwa diesem Moment war in Maltes Welt der geeignete Moment gekommen blankzuziehen und sich hinzuhocken. Gleichzeitig sprang der Rezeptionist auf und ermahnte ihn mit den freundlichen Worten: „Bitte, kack nicht in meine Küche!“ Das verstand Malte selbstverständlich und zog sich wieder an. Im selben Moment kam ich die Treppe herunter und brachte ihn aufs Zimmer. An das alles konnte er sich am nächsten Tag natürlich nicht mehr erinnern, aber das ist vielleicht auch besser so.

Jani auf der Fähre nach Beşiktaş

Jani auf der Fähre nach Beşiktaş

Eine weitere erwähnenswerte Geschichte war, dass Jani, wie alle anderen auch, viele Fotos von Istanbul, dem Mädchenturm und der grandiosen Fährüberfahrt machte. Dummerweise hat ihr Smartphone zwei Kameras. Da die Falsche aktiviert war, hat sie nun eine herrliche Kollektion von Selfies aus Istanbul, auf denen manchmal sogar der ganze Kopf sichtbar ist, meistens aber nur die obere oder untere Hälfte.

Die Reise beginnt

Meine Geiß vor dem Chillout Hostel

Meine Geiß vor dem Chillout-Hostel

Nach 4 Tagen Erholung hatte ich es endlich geschafft die Bikes zusammenzubauen und alles reisefertig zu machen.

Dem Rest ist, wie gesagt, nichts mehr hinzuzufügen (das Foto unseres Penisbrötchens möchte ich den Lesern an dieser Stelle ersparen) und so springe ich direkt zu jenem Montag, als unsere Freunde bereits abgereist waren. Da Mia über 30 Stunden lang durchschlief, langweilte ich mich ziemlich und versuchte ein wenig zu schreiben. Auch am Dienstag erholten wir uns von den Strapazen der vergangenen Tage. Das wohl Aufregendste war Mias Beschluss, doch nicht mehr mit mir zusammen sein zu wollen und unsere Beziehung zu beenden. Aber was soll’s. Wir fahren ja nur auf eine gemeinsame vierzehnmonatige Radreise. Am Mittwoch schafften wir es tatsächlich, die Fahrräder fertigzustellen und Donnerstag schließlich Istanbul zu verlassen. Beim hastigen Packen — wir mussten unsere Fähre erreichen — fiel mir auf, dass ich die Heringe fürs Zelt nicht dabei hatte. Außerdem hatte Mia vergessen, eine Schüssel zum Essen sowie Besteck einzupacken und Klopapier hatten wir auch keins. Wir besorgten also in einem Outdoorladen nahe der bereits bekannten Galata-Brücke noch zwölf Heringe zum erschwinglichen Sonderpreis von 20 Euro und radelten, da nur noch zwanzig Minuten bis zur Abfahrt verblieben, zügig zum Pier. Der Preis der Heringe würde sich als gerechtfertigt herausstellen, da es die besten Heringe waren, die ich je hatte.

Von Istanbul fuhren wir mit der Fähre vorbei an den Prinzeninseln nach Yalova.

Auf der Fähre nach Yalova

Von Istanbul fuhren wir mit der Fähre vorbei an den Prinzeninseln nach Yalova.

Drei Minuten vor Abfahrt eilten wir in das Terminalgebäude. Alle Fahrkartenschalter waren besetzt und ich musste warten, bis endlich einer frei wurde und ich mit der grinsenden Schalterfrau Lira gegen Tickets tauschen konnte. Schnellen Schrittes eilten wir zum Schiff. Wir waren gerade über die Zufahrtsrampe gerollt und hatten die Räder neben parkenden Autos an der Wand angelehnt, da ließ der Schiffsdiesel auch schon die Decks vibrieren und der Kahn legte ab. Die Überfahrt nach Yalova war kurz und langweilig, doch die Sicht vom Marmarameer auf Istanbul suggerierte, wie groß die Stadt am Bosporus tatsächlich war. Wo man auch hinblickte, Istanbul schien kein Ende zu nehmen. In Yalova zeigte uns ein freundlicher Türke einen Laden, in dem wir einen Teller für Mia sowie Gabeln und Löffel für uns beide besorgten. Die Tour konnte endlich beginnen.

Zelten am Iznik See

Zelten am Iznik See

Auf Privatgelände zu zelten ist in der Türkei recht problemlos möglich.

Reflektionen auf dem Iznik See

Reflektionen auf dem Iznik See

Am Ende des ersten Radeltages bauten wir auf einer Wiese am Ufer des Iznik Gölü (göl heißt See), der ruhig zwischen schneebedeckten Hügeln lag, unser Zelt auf. Als wir gerade am Kochen waren, kam ein Türke mittleren Alters auf uns zu und begann mit uns zu reden. Wie noch viele zukünftige Male verstanden wir zwar den Anfang der Konversation, sprich, wo wir herkamen, was wir machten und dass es kein Problem sei, wenn wir hier auf seinem Grundstück zelteten, doch dann rissen meine Türkischkenntnisse abrupt ab und mein Ohr leitete nur noch unverständliches Kauderwelsch an mein Gehirn. Doch fast jeder Türke hat einen deutsch- oder englischsprachigen Kollegen. Dieser war schnell angerufen und der Inhalt des Gesagten offenbarte sich: Es gab keinerlei Probleme und wir durften selbstverständlich hier campen. Aber sollte ein Problem auftauchen, sollen wir uns an den Besitzer des Grundstücks wenden, dessen Haus direkt nebenan stand. Der deutschsprachige Kollege kam anschließend noch persönlich vorbei. Es stellte sich heraus, dass er in Deutschland geboren war, aber, wie viele andere Türken auch, jetzt in der Türkei lebte.

Der Iznik See und die Berge

Der Iznik See und die Berge

Olivenhaine und keine Ruinen

Morgens in den Bergen bei Mudanya

Morgens in den Bergen bei Mudanya

Der nächste Tag führte uns durch endlose Olivenhaine zurück zum Marmarameer, wo wir unsere Plastikburg in einem ebensolchen Olivenhain nahe Mudanya aufbauten. Es gab ja schließlich kaum Land, auf dem keine Olivenbäume standen. Niemand kennt türkisches Olivenöl, aber da beim weltberühmten italienischen Olivenöl nur ein recht geringer Anteil aus Italien stammen muss, kann man sich denken, wo der Rest herkommt.

Ein typisches türkisches Fußballfeld

Ein typisches türkisches Fußballfeld

Durch den Schneefall und die anschließende Schmelze der letzten Tage standen viele Landstriche unter Wasser.

Einen Platz für das Zelt zu finden war in dieser Jahreszeit oft nicht ganz einfach, da durch die Schneeschmelze weite Landstriche unter Wasser standen und sich kaum Stellen finden ließen, die flach und nicht asphaltiert waren und an denen man trotzdem nicht bis zu den Knöcheln im Morast versank. Die Steigungen dieses Tages waren kurz, aber dennoch hart, wobei die Steigungsschilder am Straßenrand eigentlich überflüssig waren, denn die Neigung der Straße ließ sich problemlos an der Vehemenz von Mias Nörgeln festmachen.

Auch der darauffolgende Tag war ein besonderer, denn für die nächsten Wochen würde es der einzige Tag sein, an dem Mia mit mir zusammen aufstand und wir gemeinsam Kaffee tranken und frühstückten. Wir hatten beschlossen, die geplante Route zu ändern und den langen Bogen entlang der Küste des Marmarameers und Mittelmeers zu kürzen. So würden wir rund 130 Kilometer einsparen und der Bogen diente sowieso nur dazu, das alte Troja zu besichtigen, was wir aufgrund der teils unverschämten Eintrittspreise in der Türkei sowieso nicht gemacht hätten. Meiner Meinung nach lohnt sich der Besuch geschichtsträchtiger Stätten nur, wenn man sich ausreichend über die Epoche und den Ort selbst informiert hat und so im Kopf ein lebendiges Bild formen kann. Ohne ausreichendes Hintergrundwissen verblasst die Aussagekraft dieser Orte zu einem schweigenden Acker moosbewachsener Steine.

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Ein kleines Dorf mit Moschee am Uluabat See

Ein kleines Dorf mit Moschee am Uluabat See

Zum Thema „Früh aufstehen“ möchte ich noch etwas sagen, da es bisher ein häufiger Streitpunk zwischen Mia und mir war. Mir ist es aus mehreren Gründen wichtig, morgens früh loszukommen. Einerseits ist immer noch Winter und somit ist die Zeit, während der man Tageslicht hat, sehr beschränkt. Sonnenaufgang ist derzeit gegen halb sieben, Sonnenuntergang gegen halb sechs. Somit bleiben nicht einmal zwölf Stunden Sonnenlicht. Zum Aufstehen, Frühstücken und Packen braucht man zirka zwei bis zweieinhalb Stunden, zum Zeltplatz suchen, Aufbauen, Kochen und schließlich im Zelt liegen etwa die gleiche Zeit. Somit bleiben nur noch etwa 7 Stunden zum Vorwärtskommen. Da man zwischen fünf und sechs Stunden pro Tag fahren will, ist es unangenehm und kontraproduktiv mit jemandem zu reisen, der auf mindestens elf Stunden Schlaf am Tag besteht und mit dem man sich jeden Tag aufs Neue herumschlagen muss, will man denn rechtzeitig losfahren. Im Dunklen zu kochen und abendzuessen empfinde ich als anstrengend und möchte es somit vermeiden, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Hauptsächlich, weil es im Winter in den Höhenlagen nach Sonnenuntergang sofort empfindlich kalt wird und man außerdem ohne Stirnlampe nichts sieht. Außerdem bekommt man Gefrierbrand an den Fingern, wenn man versucht bei fast null grad Artikel zu schreiben. Es gibt noch weitere Gründe, aber ich will es hierbei belassen. Gerade jetzt, am 23. März 2015, sitze ich hier um kurz vor neun auf meinem Stein und schreibe diesen Artikel, weil ich seit mittlerweile zwei Stunden auf Mia warte, die immer noch schläft. Ihr Argument ist immer, ich solle sie doch aufwecken, und alles vor neun, ungeachtet des Zeitpunkts des Sonnenaufgangs, sei unmenschlich, aber sie zu wecken ist nicht minder gefährlich als mit einem frischen Gazellensteak in der Hand in einen Löwenkäfig zu springen. Bei diesem Thema werden wir wohl einfach keinen gemeinsamen Nenner finden. Doch zurück zur Tour.

Atatürk Kültür Parkı

Campen im Atatürk Kültür Parkı

Campen im Atatürk Kültür Parkı

In Aracabey durften wir sogar mitten in der Stadt im Park unser Zelt aufschlagen.

Unser Schlafplatz des letzten Februartages will ebenfalls erwähnt werden. Wir waren bereits am Uluabat Gölü vorbeigefahren, dessen Namensgeber, der Uludağ (dağ heißt Berg) mit seinen 2543m viele Kilometer südwestlich lag und der auch dem gleichnamigen Mineralwasser seinen Namen lieh, als wir nach Karacabey hinein rollten. Dort wollten wir unsere letzten Besorgungen für den Abend machen, bevor wir uns eine Schlafstelle suchten. Unterwegs kamen wir am Atatürk Kültür Parkı vorbei. Der Park sah sehr gemütlich aus, also warum sollte man nicht fragen, ob man hier campen dürfe. Gesagt getan, sagte uns der freundliche Parkwächter, wir sollen unser Zelt doch in der Nähe seines Wachhäuschens aufstellen, da dieses 24 Stunden am Tag besetzt sei. So könne er ein Auge auf unsere Sachen haben. Unglaublich. Wir durften nicht nur mitten im Stadtpark campen, sondern hatten auch noch unseren eigenen Wächter um auf unser Zeug aufzupassen. In Deutschland und vielen anderen westlichen Ländern wäre so etwas völlig undenkbar. Und dies wird nicht die einzige Episode türkischer Undenkbarkeit bleiben.

Auch meine Katzenwäsche an diesem Tag bedarf der Erwähnung und steht einigen von Mias Klogeschichten, die irgendwann einen eigenen Artikel erhalten sollen, um nichts nach. Ich begab mich ins erstaunlich gepflegte Toilettenhäuschen des Atatürk Parks, um mich dort ein wenig frisch zu machen. Es gab zwei Spülbecken und auch zwei typisch türkische Hockklos. Auf beiden Toiletten war ein Wasserhahn in die Wand eingelassen, an den ein Schlauch angeschlossen war, welcher wahrscheinlich dazu diente, die weiß gekachelten Räume abzuspülen. Das brachte mich auf die Idee, statt einer Katzenwäsche doch eine Dusche zu nehmen. Draußen waren es zehn Grad, das Wasser war kaum wärmer, aber ich schaffte es trotzdem, stark hyperventilierend aber ohne körperliche oder geistige Schäden, mit gespreizten Beinen über dem Loch im Boden schwebend, eine Ganzkörperdusche zu nehmen. Es war unglaublich kalt, aber das saubere Gefühl, das sich an die Eisdusche anschloss, war jeden einzelnen Gänsehautbömpel wert.

Arbeiten auf einem Feld

Arbeiten auf einem Feld


Wie wir in den Sog türkischer Teefetischisten gelangen, könnt ihr im nächsten Artikel lesen.
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