Mondlicht über dem Urmiasee

Iran: Der Erste Tag

Grenzübertritt

Nur noch 3 Meter bis zum Iran

Nur noch 3 Meter bis zum Iran

Trotz Fotoverbot gelang mir ein Foto des Grenzübergangs.

Wir passierten eine kleine, klapprige Schranke, die türkisches von iranischem Territorium trennte und betraten einen Platz, auf dem mehrere Militärs sinnlos in der Gegend herumstanden. Einer der Uniformierten kam zu uns und gestikulierte unverständlich in der Luft herum. Ich versuchte ihm klarzumachen, dass wir die Grenze überschreiten wollen, indem ich ihm meinen Reisepass und das Visum unter die Nase hielt. Er sprach kein Wort Englisch, so dass er uns zu einem Kollegen führte, der hinter einer Glasscheibe in einem kleinen Blech-Container saß. Doch auch dieser sprach kein Wort Englisch.

Ein weiterer Kollege, der die englische Sprache wenigstens rudimentär beherrschte, wurde herbeizitiert. Er geleitete uns zu einem Gebäude, an dessen Eingang sich einige Iraner vor verschlossener Tür drängten. Wir wurden sofort angesprochen, ob wir Geld wechseln wollten, doch wir würden nicht direkt an der Grenze tauschen, sondern in einer offiziellen Wechselstube in der ersten Stadt. Die Tür wurde aufgeschlossen und wir drängten uns an den Wartenden vorbei ins Innere des Gebäudes.

Wir passierten einige leere, verglaste Büroräume, bis wir in einen Raum gebracht wurden, in dem zwei weitere Beamte saßen. Wir sollten uns aufs Sofa setzen, man bot uns Tee an und wir mussten kurz warten. An der Decke flimmerte der Monitor einer Überwachungskamera. Als ich genauer hinschaute, bemerkte ich, dass er kein Überwachungsbild zeigte, sondern einen Film mit Morgan Freeman.

„Wollma’se reinlasse?“

Nach einigen Minuten wurde ein ähnliches Interview geführt, wie bereits im iranischen Konsulat in Erzurum. Der grinsende Beamte wollte wissen, warum wir in den Iran wollten, welche Route wir nehmen würden und wie lange wir bleiben wollten. Ich beschloss alle Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Welchen Sinn hätte es auch gehabt, zu behaupten, wir würden uns mit Bus und Bahn vorwärtsbewegen?

Unser Grenzbeamter stockte etwas, als ich ihm erzählte, dass wir mit dem Fahrrad unterwegs seien, aber es folgten keine weiteren Fragen diesbezüglich. Auch die Tatsache, dass wir nicht verheiratet waren, sondern lediglich befreundet, stellte kein Problem dar. Wir wollten ja nicht in den Iran immigrieren, sondern nur durchfahren.

Man nahm beide Reisepässe genaustens unter die Lupe und es gab Zweifel ob der Echtheit von Michis Visum. Einer der Beamten versuchte sogar, den eingeklebten Wisch abzukratzen, erst mit dem Fingernagel, dann mit einer Schere, scheinbar um zu überprüfen, ob das Bild nicht nachträglich ausgetauscht wurde. Ich fragte mich, ob der Iran tatsächlich mit illegaler Einwanderung zu kämpfen hatte. Wie dem auch sei – das Visum ließ sich nicht abkratzen, wurde für echt befunden, und man wünschte uns eine gute Reise.

Gebirgslandschaft im Iran

Gebirgslandschaft im Iran

Einreise: check

Eine halbe Stunde nachdem wir zum ersten Mal iranischen Boden betreten hatten, führte man uns an einer Warteschlange vorbei zu einem weiteren Schalter, hämmerte einen Einreisestempel neben unsere Visa und brachte uns zurück zu der Tür, durch die wir das Gebäude betreten hatten. Man wünschte uns abermals „Good Luck!“ und wir waren offiziell in den Iran eingereist. Irgendwie hatte ich mir das komplizierter vorgestellt. Doch die harten Nüsse wie Turkmenistan und Usbekistan lagen ja noch vor uns.

Die ersten Kilometer im Iran

Mehr Berge und grüne Wiesen im Iran

Mehr Berge und grüne Wiesen im Iran

Ich stellte alle Uhren um 1,5 Stunden vor und wir rollten über eine erstaunlich gute Straße von der Grenze weg. Die Landschaft unterschied sich hier kaum von der auf türkischer Seite. Wir radelten zwischen hohen Bergen und grünen Wiesen hindurch, es war etwas über 25 Grad warm und der einzige Unterschied, den wir feststellen konnten, war, dass die Autofahrer hier noch mehr hupten, um uns zu grüßen, als in der Türkei.

Windows Desktop-Hintergrund - Made in Iran

Windows Desktop-Hintergrund - Made in Iran

Nach einer halben Stunde Fahrt hielt uns ein Wagen an. Ein schlanker Mann höheren Alters und seine dickliche Frau stiegen aus und boten uns Tee an. Traditionell aus Plastikbechern. Wir akzeptierten und setzten uns mit den beiden an den Straßenrand. Es stellte sich heraus, dass die meisten Leute in dieser Gegend nicht Persisch, sondern Azeri sprachen, den in Aserbaidschan gesprochenen Dialekt des Türkischen. Ich konnte einige Bruchstücke verstehen, aber es war, als würde man nach einem vierwöchigen Deutsch-Intensivkurs durchs tiefste Bayern reisen.

Die Ebene von Urmia

Die Ebene von Urmia

Der Berg steht am Rande des Urmiasees.

Noch eine Stunde später erreichten wir den abrupt abfallenden Rand des Hochlandes und blickten in eine Ebene, die sich bis zum Horizont in Richtung Osten erstreckte. Im Hitzedunst konnte man den Urmiasee erkennen, an dessen Ufer sich der einzige Berg klammerte, der sich aus der Ebene erhob.

Urmia

Genüsslich rasten wir in die Ebene hinunter und genossen nach vielen Wochen in der gebirgigen Türkei zum ersten Mal den Luxus, durch absolut flaches Gelände zu rollen. Die erste Stadt würde Urmia sein. Hier wollten wir Geld wechseln und anschließend die verbleibende Strecke zum See zurücklegen, um unseren ersten Abend gemütlich an dessen Ufer zu verbringen.

In Urmia machten wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit iranischem Stadtverkehr. Die Linien auf der Straße hatten keinerlei Bedeutung und waren nicht mehr als ein grober Anhaltspunkt, wie viele Fahrzeuge nebeneinander auf die Straße passten. Die lustigen, roten und grünen Lampen, die wir im Westen Ampeln nennen, galten nur für Gefährte mit mehr als drei Rädern. Und beim Abbiegen oder Spurwechsel schaute man nicht nach hinten, sondern vollzog einfach sein Manöver. Es war Aufgabe des nachkommenden Verkehrs, sich dem eigenen Fahrstil anzupassen. Doch so schlimm das auch klingen mag, ließ es sich im Iran bisher erstaunlich gut fahren.

Beim Geldwechsler

Urmia

Urmia

Im Zentrum der Stadt fanden wir im Hinterhof eines alten Gebäudes versteckt eine Wechselstube. Ich wollte 2400 Lira in Rial umtauschen, also knapp 800 Euro. Der ältere Herr am Schalter nahm ein dickes Bündel rosafarbener Geldscheine aus dem Schrank und zählte 54 Stück davon ab. Jeder Schein war 500.000 Rial wert. Dann griff er abermals in den Schrank und zog ein dickes Bündel grüner Scheine heraus, das er kurz begutachtete und mir dann vollständig überreichte. Es waren weitere hundert 100.000 Rial Scheine. Anschließend gab er mir noch ein paar kleinere Noten in die Hand und bat mich, das Geld nachzuzählen.

Während ich den Geldstapel einen Schein nach dem anderen durchblätterte, fragte er, warum ich so unglaublich viel Geld wechselte. Ich erklärte ihm, dass wir zu zweit seien und länger als einen Monat im Iran bleiben würden, was er mit einem verständnisvollen „Dafür ist es genug“ quittierte. Dann legte er mir noch eindrücklich ans Herz, Schiras und Isfahan zu besuchen, da diese beiden Städte die „Perlen“ des Iran seien und man sie gesehen haben müsse, sonst hätte man den Iran nicht gesehen. Schade, dass dafür vermutlich keine Zeit mehr bleiben würde.

Während ich drinnen Geld wechselte, bewachte Michi draußen die Bikes. Sie wurde von einer jungen, verschleierten Frau angesprochen, die ihr ausführlich erklärte, wobei sie ihr helfen könne. Falls sie eine bestimmte Straße suche, oder ein Hotel, oder sollte sie etwas Bestimmtes einkaufen wollen, oder sonst irgendein Problem haben, so könne sie ihr behilflich sein. Noch während das letzte Wort die Lippen der Frau verließ, drehte sie sich um und ging wieder weg.

Leaving Urmia

Uns beiden war bereits jetzt klar, dass Iraner freundlich und nett sind, aber auch anders. Wir kauften an einem Stand direkt an der Straße Gemüse fürs Abendessen, das 5.000 kosten sollte. Ich hatte noch keine Ahnung, wie viel Rial einem Euro entsprachen und war umso verwunderter, als der Verkäufer mir klarmachte, dass er zwar 5.000 sagte, aber 50.000 wollte. Ein Iraner, der neben uns stand, erklärte uns gleichzeitig, wir sollen die Fahrräder nicht unbeaufsichtigt neben uns stehen lassen, sondern immer festhalten, sonst seien sie weg. Nicht eine Sekunde dürften wir sie aus den Augen lassen. Das sei sehr gefährlich. Den Iran hatte ich mir anders vorgestellt. Aber vielleicht übertrieb er ja auch.

Abendhimmel am Urmia-See

Abendhimmel am Urmiasee

Im Gegensatz zur Türkei sprachen hier die meisten Leute ein paar Brocken Englisch. Weit über „Hello, what is your name?“ kamen die meisten aber auch nicht hinweg. Wir rollten aus Urmia heraus und fuhren über eine kleine Nebenstraße in Richtung See. In einem kleinen Laden kauften wir Wasser und wurden prompt von einer Gruppe von Männern belagert, die uns die üblichen Fragen stellten: Woher – Deutschland. -Sehr gut, sehr gut. We love Germany. Wohin – Teheran. -Mit dem Fahrrad? -Ja. -Wow! Dann wurden die Smartphones ausgepackt und so lange Fotos gemacht, bis alle möglichen Permutationen einer Gruppe von 6 Personen abfotografiert waren.

Der Urmiasee

Berg am Rande des Urmia-Sees

Berg am Rande des Urmiasees

Der Berg diente als Steinbruch und war aus der Nähe entsprechend unansehnlich.

Durch flaches Gelände ging es weiter bis zum Rand des Sees, den wir kurz vor Sonnenuntergang erreichten. Doch statt kühlem Nass fanden wir nur vertrocknete Erde vor. Hier muss es einmal Wasser gegeben haben, denn der Boden war mit dem typischen Spinnennetzmuster bedeckt, das beim Austrocknen sandiger Flächen entsteht. Man konnte von der Straße aus nicht erkennen, ob der Boden hart oder weich war.

Da wir sowieso keine Lust hatten, direkt neben der Hauptstraße zu schlafen, wo es keinerlei Sichtschutz gab, war das auch egal. Obwohl unsere Tachos bereits über 100 Kilometer zeigten, beschlossen wir, die Brücke über den See noch zu fahren, in der Hoffnung, auf der 35 Kilometer entfernten anderen Seite eine geeignete Stelle zu finden.

Der See ist etwa zehnmal größer als der Bodensee bei einer durchschnittlichen Tiefe von nur sieben Metern. Wegen des Klimawandels und der Staudämme, die an den Zuflüssen des Sees errichtet wurden, ist seine Fläche mittlerweile auf ein Fünftel der ursprünglichen Größe geschrumpft. Wenn die derzeitigen äußeren Umstände fortbestehen, blüht dem Urmiasee schon bald das gleiche Schicksal wie dem Aralsee.

Abendlicht am Urmia-See

Abendlicht am Urmiasee

Wir fuhren über einen der drei Dämme, die durch den See verlaufen und die beiden Ufer miteinander verbinden.

Übern Damm

Mit dem letzten Licht des Tages passierten wir die Grenze von der Provinz West-Aserbaidschan in die Provinz Ost-Aserbaidschan und rollten die ersten Meter auf der Straße über den See, die hier über einen künstlich aufgeschütteten Damm durch eine fast ausgetrocknete Salzebene führte. Der Urmiasee ist neben dem Vansee in der Türkei und dem großen See in Armenien, dessen Name mir gerade nicht mehr einfällt, einer der drei großen Natronseen. Das Mondlicht spiegelte sich auf der Wasseroberfläche und stellenweise hatte sich eine Kruste aus Salz gebildet, die jetzt silberblau schimmerte.

Auf ungefähr halber Strecke hatte man eine kleine Insel aufgeschüttet, auf der neben einem Berg aus Schotter ein einziges Gebäude stand. Dazwischen führte eine Rampe bis zum Wasser des Sees, das am Ufer recht stark schäumte. Gerne hätten wir uns in der Seifenlauge gewaschen, doch eine geeignete Stelle zum Zelten zu finden, hatte jetzt Vorrang. Nach einigen erfolglosen Versuchen, an verschiedenen Stellen einen Hering in den Boden zu hämmern, und Diskussionen darüber, ob man hier ohne Zelt schlafen könne, beschlossen wir, doch noch bis zum gegenüberliegenden Ufer zu fahren. Dort würden wir bestimmt mehr Glück haben.

Endlich am Ostufer

Wir überquerten den Rest des Dammes, der kurz vor dem Festland in eine Brücke über den mickrigen Rest des Urmiasees überging und erreichten schließlich den Ort am östlichen Ufer. Dieser bestand aus drei Gebäuden und ein paar Verkaufsständen, die Chips, Kekse und andere überteuerte Süßigkeiten verkauften. Einige hundert Meter außerhalb des Ortes fiel uns die Silhouette eines Gebäudes auf, die sich im Mondlicht gegen den See abhob.

Schlafstelle am Urmia-See - wie abgemessen

Schlafstelle am Urmiasee – wie abgemessen

Das Haus selbst war zerfallen und unbrauchbar, doch dahinter befand sich ein kleiner Hof, wo man schlafen konnte. Hundemüde ließen wir uns nach einem sehr langen Tag und über 140 Kilometern dort nieder, ich kochte noch die allabendlichen Spaghetti und gegen halb eins lagen wir endlich in den Schlafsäcken.

Im nächsten Artikel geht’s vom See in eine weitere Hochebene und schließlich zum Kaspischen Meer.

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