Unsere kleine Zeltbucht bei Tonekabon

Ganz spezielle Erfahrungen

Ali Reza Town

Der Ali Reza Clan

Der Ali Reza Clan

Ali Reza erwartete uns mit seinem Wagen an der einzigen Kreuzung des nächsten Dorfes. Er meinte, es seien von hier aus noch zwei Kilometer bis zu seinem Haus und wir sollen ihm folgen. Einige Minuten später bogen wir auf einen ungeteerten Pfad ab, der zu einem von einer Mauer umgebenen Areal führte. Darin standen ein riesiges dreistöckiges und mehrere kleinere, zweistöckige Gebäude. Binnen weniger Minuten hatte Ali seine ganze Sippschaft versammelt, um uns zu begrüßen. Es wurde viel gelacht, auch wenn wir nicht verstanden warum, und Ali stellte uns alle vor.

Da gab es einen Sohn und dessen Frau und einen anderen Sohn und dessen Verlobte und dann noch die Tochter und deren Mann und seine eigene Frau und scheinbar auch noch andere Familienmitglieder, die er nicht nannte oder die ich vergessen habe. Ali erzählte stolz, er habe das alles selbst gebaut bzw. bauen lassen. Ein Haus für jede Familie. Wenn das so weiterginge, würde er in zwei oder drei Generationen einen eigenen Staat gründen können. Für ein kleines Dorf reichte es ja jetzt schon.

Habt ihr jemals so viel gelacht?

Unter viel aufgesetzem Gelächter und zu schlechten Witzen wurden wir ins große Haus gebeten. Schon jetzt fragte mich Ali, ob wir in den letzten Monaten jemals so viel gelacht hätten wie heute Abend. Ich konnte mich zwar nicht erinnern, gelacht zu haben, doch bestätigte seine Aussage, dass hier alles unheimlich lustig sei. Man will seinen Gastgeber ja nicht verprellen, bevor man bei ihm geschlafen hat.

Ganz besonderes Essen

Nachdem wir geduscht hatten, saßen wir zusammen auf der Couch in der riesigen Wohn-Küchen-Kombination. Zwei Meter neben uns plärrten aus einem Großbildfernseher westliche Musikvideos. Alis Frau huschte zwischen dem Doppeltürenkühlschrank und der riesigen Arbeitsplatte hin und her und bereitete das Abendessen zu. Es gäbe ganz spezielles Hähnchen mit einem ganz besonderen Reis.

Gegensätze

Wir unterhielten uns ein wenig über unsere Weltsicht und Ali bekundete sein Unverständnis über die vielen Kriege und Konflikte in der Welt. Er könne das nicht verstehen und sein einziger Wille sei, dass alle in Frieden miteinander lebten. Er selbst habe in den USA studiert und nach dem Studium in Kooperation mit mehreren Ländern an einem Luftraketenleitsystem gearbeitet. Seine Weltsicht war also vergleichbar mit der eines Leoparden, der sich für vegane Lebensformen einsetzt.

Wichtig war auch, jede Aussage mit schallendem Glächter zu quittieren. Ich vermute, es handelte sich dabei um eine Art Code, der dem Gesprächspartner das Ende des eigenen Sprechakt vermittelte. Nach und nach trudelte der Rest der Familie ein. Ali erzählte von seinem USA-Aufenthalt und davon, wie erstaunt die bekannterweise schlanken Amerikaner darüber waren, wie viel Reis Iraner essen können. Unmengen hätten sie dort vertilgt. Die Bedienung in der Kantine hätte es kaum glauben können.

Hähnchen mit Reis – Teil 2

Schließlich wurde zu Tisch gebeten; oder besser gesagt, zu Boden, denn im Iran isst man traditionellerweise vom Boden. Ich persönlich fand das sehr angenehm, nur meine Knie mochten es nicht sonderlich. Das Hähnchen war der Inbegriff eines Otto-Normal-Brathähnchens. Lecker war es trotzdem. Der Reis war ein besonderer Räucherreis. Er schmeckte wie ganz normaler Reis, mit dem Unterschied, dass jedes Mal, wenn sich die reisbeladene Gabel dem Mund näherte, ein stechendes Raucharoma in die Nase drang. Bestimmt nicht schlecht, aber auch nicht jedermanns Sache.

Wir waren ein wenig erstaunt, als die meisten der Anwesenden nach bereits einem Teller satt waren. Manche schafften noch einen halben zweiten. Ali war entzückt darüber, dass wir erst nach drei Tellern die Segel strichen. Noch nie habe er jemanden so viel Reis essen sehen. Er fand diesen Gedanken unheimlich lustig.

South Park

Ich fühlte mich immer mehr, als sei ich durch einen Spalt im Raum-Zeit-Kontinuum in die South Park Mormonenfolge gesogen worden. Wir hatten noch eine weitere Stunde viel Spaß miteinander. Ali erklärte uns, warum es dem Iran so schlecht und Deutschland so gut ginge. Nämlich, weil wir Deutschen so unglaublich viel arbeiteten und die Iraner so faul seien. Er fände das toll. Wie beim Reis kann ich nur sagen: Nicht jedermanns Sache.

Bevor wir uns verabschiedeten und das noch leerstehende Haus nebenan bezogen, unterhielten wir uns noch eine ganze Stunde und lachten gemeinsam. Am nächsten Morgen würde es ein typisch iranisches Frühstück geben. Wir waren gespannt.

Ohne Fleiß kein Preis

Vor dem Frühstück wurde traditionell zuerst gebetet. Ali war ein sehr gläubiger Mann. Auch sein Vater sei ein sehr guter Mann gewesen. Er habe oft wildfremde Leute von der Straße zu sich eingeladen und zu seiner Frau gesagt, sie solle alles Essen auftischen, was im Haus sei. Denn nur wenn man großzügig und gut sei, erhalte man am Schluss auch seine Belohnung von Gott. Ich fragte nach, ob er es denn getan hätte, um den anderen etwas Gutes zu tun, oder um seine Belohnung von Gott zu sichern. Ali versicherte, es sei nur, um die Belohnung zu bekommen. Unter Altruismus verstehe ich zwar etwas anderes, aber über Moral lässt sich bekanntlich streiten.

Ganz besonderes Frühstück

Zum Frühstück gab es übrigens süßen Tee (Tee mit Zucker), ganz spezielles Brot (türkisches Fladenbrot) und besonderen Käse (weißen Käse, wie es ihn immer und überall gibt). Er erklärte uns noch, vor fünf (vermutlich meinte er fünzig, realistischer wäre 5000) Jahren hätte es im Iran noch kein Brot gegeben und man hätte morgens, mittags und abends Reis gegessen.

Gegen 11 Uhr kamen wir nach einem längeren Abschiedritual, bei dem von Seiten der Gastgeber viel gelacht wurde, endlich los. Im Nachhinein muss ich sagen, dass Ali unglaublich nett war, aber leider auch sehr anstrengend. Ich vermute, er ist eine sehr einsame Person, die sich in ihrem Kopf ihre eigene kleine Welt aufgebaut hat, in der sie nun selbst gefangen ist. Doch möchte ich hier über eine Person, die ich nur wenige Stunden kennengelernt habe, kein psychologisches Gutachten erstellen.

Iran oder Türkei?

Grinsende Melone bei Chamkhale

Grinsende Melone bei Chamkhale

Eine der Fragen, die uns in der Türkei immer wieder gestellt wurde war, was denn nun besser sei: die Türkei oder Deutschland. Ich antwortete meist, beide seien gleich gut, aber sehr unterschiedlich. Im Iran wurde daraus die Frage, was denn nun besser sei: der Iran oder die Türkei. Meine Antwort blieb dieselbe.

Schlafsucht

Leute in Chamkhale

Leute in Chamkhale

An diesem Tag wurden wir Mittags von fünf oder sechs verschiedenen Leuten gefragt, ob wir nicht zu ihnen nach Hause kommen wollen, um zu schlafen. Khosrows Behauptung über die Faulheit der Leute schien sich zu bestätigen. Die meisten Läden waren am Nachmittag stundenlang geschlossen und die Straßen leergefegt. Ich sollte Michi hier lassen. Es wäre das reinste Paradies für sie.

Gruppenfoto in Chamkhale

Gruppenfoto in Chamkhale

Ich wollte gar kein Foto machen, doch einer der Herren wollte fotografiert werden und plötzlich wollten sie alle aufs Foto.

Kurzstrecke 1

Nach nur 45 Kilometern machten wir Schluss. Ich hatte keine Lust, jeden Tag bis kurz vor Sonnenuntergang zu fahren, Michi hatte keine Lust, früh morgens loszufahren. Also berücksichtigten wir beide Wünsche mit dem Resultat, dass wir jetzt fast gar nicht mehr vorwärts kamen. Abends hatten wir noch Besuch an unserem Zeltplatz und man lud uns natürlich nach Hause ein, doch wir lehnten ab. Das Zelt stand schließlich schon.

Plastikmüll am Strand von Hudsar

Plastikmüll am Strand von Hudsar

Leider sah es fast überall am Strand so aus.

Dieselbe Person besuchte uns am nächsten Morgen noch einmal, brachte uns ein riesiges Fladenbrot, fragte, ob wir sonst noch etwas brauchten und verließ uns wieder. Sehr nett. Wir kamen gegen halb elf los, würden also auch heute sehr früh Schluss machen. Unterwegs plagten mich grundlegende Fragen wie: Hat Gott den Menschen eigentlich mit Kleidern geschaffen? Und als er Eva aus Adams Rippe brach, hatte sie da bereits ein Kopftuch an? Gab es in Regionen, in denen damals Apfelbäume wuchsen, überhaupt Schlangen? Die heutige Strecke war wirklich langweilig.

Kurzstrecke 2

Nach 39 Kilometern war Feierabend. Michi beschwerte sich, sie wolle noch fahren und wieso ich so früh Schluss mache. Aber ich hatte keine Lust auf die Mittagshitze und bog fast wortlos zum Strand bei Rudsar ab. Wenn sie mehr fahren will, soll sie früher aufstehen.

Gruppenfoto am Strand von Hudsar

Gruppenfoto am Strand von Hudsar

Am Strand lernten wir Reza kennen. Er lebt seit vier Jahren in Australien. Davor war er Journalist im Iran, doch unter Ahmadinejad wurde er verfolgt und schaffte es deshalb, Asyl in Down Under zu bekommen. Anschließend spielten wir mit einigen Iranern eine Partie Volleyball, die meine ehemalige Sportlehrerin sofort als feinstes Affentennis eingestuft hätte, bevor wir abermals zum Abendessen eingeladen wurden. Dieses Mal lehnten wir nicht ab. Es gab ein sehr leckeres Pilzgericht mit Reis.

Schlafplatz Fehlanzeige

Reisfelder vor dem Elburs Gebirge

Reisfelder vor dem Elburs Gebirge

Der Rest unseres Weges entlang der südwestlichen Küste des Kaspischen Meeres verlief, wie schon die Tage davor, ziemlich unspektakulär. Wir verließen die Region Tabriz und fuhren in die Region Teheran und die Provinz Mazandaran hinein, dem wegen seiner Nähe zur Hauptstadt touristischsten Teil des Meeres. Das wohl spannendste war die Suche nach einem Schlafplatz, denn die Küste war hier entweder bis zum Wasser zugebaut, oder sie bestand aus riesigen Steinbrocken.

Pech Pech Croissant

Pech Pech Croissant

Trotz Pech Croissant zum Frühstück wurde es ein guter Tag.

Mehrere Versuche, ans Meer zu kommen, scheiterten. An der einzigen Stelle, an der man ans Meer gelangte, handelte es sich um ein privates Picknickgelände, wo man Geld von uns wollte. Am Ausgang des Geländes sprach mich ein Iraner an. Er wollte wissen, woher wir kämen. Er selbst sei oft in Stuttgart. Ich fragte ihn, ob er eine gute Stelle zum Campen kenne und er erzählte mir, dass er Deutschland ganz toll fände. Ich fragte abermals nach einem Ort zum Campen und er schrieb mir seine Telefonnummer auf einen Zettel. Wir sollten ihn doch anrufen, wenn wir wieder in Deutschland seien.

Ollo vor dem Zelt

Ollo vor dem Zelt

Das war für heute bereits die vierte Telefonnummer, die ich in meine Lenkertasche knüllte. Iraner waren einfach unglaublich hilfsbereit, solange man keine Hilfe benötigte. Brauchte man Hilfe, hörten sie oft nur noch das, was sie hören wollten. Schließlich fanden wir hinter einem ausrangierten Picknickgelände eine kleine, versteckte Bucht, wo wir fast ungestört campen konnten.

Zimmer mit Meerblick

Zimmer mit Meerblick

Morgen würden wir das Meer verlassen und über die gefährliche Chalus Road nach Teheran fahren. Doch dazu mehr im nächsten Artikel.

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4 Gedanken zu „Ganz spezielle Erfahrungen“

  1. Ein paar Rechtschreibfehler: Luftraktenleitsystem
    Fauheit
    Punkt fehlt: Mehrere Versuche ans Meer zu kommen scheiterten An der einzigen
    des = > dass: er erzählte mir, des er Deutschlan

    Und Link zum nächsten 😀

    1. Die Links zu den nächsten Artikeln muss ich bei geschedulten Artikeln immer nachträglich einfügen, weil der Link sonst ins Leere zeigt, wenn der nächste Artikel noch gar nicht veröffentlicht ist.

      Die Rechtschreibfehler korrigiere ich im nächsten Hostel. Thx.

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