Berge am Gedikbaşı Pass

Euphrat und Erzincan

Abschied in Kangal

Ein kleines Dorf vor kargen Bergen

Ein kleines Dorf vor kargen Bergen

Wir frühstückten gemeinsam mit Sinan in der spartanisch eingerichteten Kantine des Gasthauses und verabschiedeten uns von unserem Wohltäter und der Stadt der Hirtenhunde. Den Rest des Tages ging es entlang eines schneebedeckten Gebirgssattels stets bergauf. Es war ein warmer, sonniger Tag, doch je weiter wir uns dem Pass näherten, desto stärker wurde der Wind. Wir passierten die Schneegrenze und trotz Sonnenscheins biss die Kälte sich durch unsere Kleidung und stach in unsere Gesichter.

Bäume vor einer schneebedeckten Bergflanke

Der bisher höchste Pass

Auf dem Karasar Pass

Auf dem Karasar Pass

Mit 1950 Metern der bisher höchste Punkt der Tour und der erste Pass, der diese Bezeichnung auch verdient hatte.

Die Passhöhe selbst war flach und das Tauwasser hatte die Wiesen um die vereinzelt herumstehenden Steinhütten wieder einmal in eine Sumpflandschaft verwandelt. Als wir schließlich am Passschild angekommen waren, bot sich ein atemberaubender Blick in das fast einen Kilometer tiefer liegende Tal und auf die dahinterliegenden Bergketten. Die tief stehende Sonne tauchte alles in ein warmes Licht, das vom gelben Sand der vegetationslosen Bergflanken noch verstärkt wurde. Je weiter hinab wir rollten, desto wärmer wurde es, bis die Straße schließlich flacher wurde und wir ein wenig abseits eine gute Zeltstelle fanden, an der wir die letzten Sonnenstrahlen des Tages genießen konnten.

Bergflanke mit gelbem Sand im AbendlichtD

Bergflanke mit gelbem Sand im Abendlicht

Wenn die Sonne tief steht, ist das Licht einfach am besten.

Vom Karasar Pass ging es 800 Meter abwärts

Vom Karasar Pass ging es 800 Meter abwärts

Die Aussicht war atemberaubend.

Die Landschaft am Karasar Pass

Die Landschaft am Karasar Pass

Divriği

Die Festung von Divriği

Die Festung von Divriği

Die nächste Stadt war Divriği, bekannt für seine alten Gebäude und seine mit kunstvollen Fresken verzierte Moschee. Wir fanden ein Internetcafé und schrieben einige Couchsurfer an, bevor wir zur berühmten Moschee fuhren, die uns von einigen Bewohnern bereits angepriesen wurde. Letzten Endes waren wir doch zu faul, um die letzte Anhöhe zu dem fabelhaften Gebäude hinaufzutreten und schauten uns die Divriği Ulu Camii nur aus der Ferne an. Ich glaube, die Moschee war sogar ein UNESCO-Weltkulturerbe. Malte wird uns für unsere Ignoranz bestimmt verschmähen.

Endlich Rückenwind

Berglandschaft hinter Divriği

Berglandschaft hinter Divriği

Der Rückenwind schob uns manchmal mit 15km/h die Straße hinauf, ohne dass wir treten mussten.

Auf dem Weg aus der Stadt heraus wurde der Wind immer stärker. Und diesmal kam er ausnahmsweise von hinten. So wurden wir auf dem Weg zu unserem nächsten Pass Steigungen von zum Teil 7 oder 8 Prozent mit 15 km/h hinaufgeschoben, ohne wirklich treten zu müssen. Nur wenn der Wind abrupt nachließ, spürten wir das volle Gewicht unserer Reisemaschinen und mussten in Windeseile herunterschalten, um nicht auf der Stelle stehenzubleiben und umzufallen.

Auf einem kurzen, schnurgeraden und steilen Abschnitt stellte ich mit 78km/h einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf. Mit etwas weichen Knien freute ich mich über meine unglaubliche Leistung. Leider brachte uns der knackige Downhill auch 600 Meter abwärts, die wir anschließend wieder hoch mussten.

Ohne Wasser am Euphrat

Am Gedikbaşı Pass zwischen Divriği und dem Euphrat

Am Gedikbaşı Pass zwischen Divriği und dem Euphrat

Ab hier hatten wir leider wieder Gegenwind und mussten trotz starkem Gefälle pedalieren.

Wir hatten gerade beschlossen, dass es an der Zeit war, eine Stelle zum Übernachten zu suchen, als wir zum ersten Mal den Euphrat sahen. Der hier noch verhältnismäßig kleine Fluss rauschte durch ein kleines Dorf, dessen Häuser sich an den steilen Fels klammerten. An einer Stelle hatte sich der Fluss zwischen den Häusern eine tiefe Schlucht ins Gestein gegraben. Wir fragten im Dorf nach einem Laden, weil wir noch Wasser brauchten. Doch leider gab es keinen. Die einzigen drei Dorfbewohner, die wir antrafen, machten lediglich ein Foto von uns und boten uns Zigaretten an, aber Wasser gab es nicht, und eine Stelle, an der man das Zelt hätte aufschlagen können, auch nicht.

Auf dem Weg hinab zum Euphrat

Auf dem Weg hinab zum Euphrat

Das Abendlicht verwandelt die Berge in rot-grüne Wellen

Das Abendlicht verwandelt die Berge in rot-grüne Wellen

Wir fuhren durstig weiter. Es wurde langsam dunkel und weit und breit war keine Wasserquelle in Sicht. Sollte sich jetzt jemand fragen, warum wir nicht einfach Wasser aus dem Fluss gefiltert hatten, kann ich nur sagen, dass ich mir gerade dieselbe Frage stelle. Aber manchmal handelt man einfach nicht rational und übersieht das Offensichtliche.

Blätterlose Pappeln und anderes Gestrüpp vor kahlen Bergen

Blätterlose Pappeln und anderes Gestrüpp vor kahlen Bergen

Grüne Wiesen

Grüne Wiesen

Fehlt nur noch eine Gruppe Hobbits, die durch die Auen spaziert.

Ein Brunnen im Nirgendwo

Zelten in grünen Feldern

Zelten in grünen Feldern

Das Glück ist mit den Reisenden: Als klar war, dass wir kein Wasser mehr kaufen können würden, tauchte dieser Brunnen auf.

Wir hatten die Hoffnung Wasser zu finden schon fast aufgegeben und akzeptierten, bis zum nächsten Morgen ohne Nudeln und Getränk auskommen zu müssen. Immerhin hatten wir gerade Zentralanatolien verlassen und sind in die Region Ostanatolien eingefahren. Wir würden also nicht ganz ohne Erfolgserlebnis ins Bett müssen. Ich verkündete die frohe Botschaft, als einige Meter unterhalb der Straße, zwischen zwei Getreidefeldern, ein Brunnen auftauchte. Heureka, der Abend war gerettet.

Eigentlich wollte ich mir am Abend ausnahmsweise einen Wecker stellen, doch irgendwie hatte ich es vergessen. Das war aber nicht schlimm, da uns um kurz nach sieben ein Auto von der Straße aus mit ohrenbetäubendem Gehupe aufweckte. Ich schaute aus dem Zelt, um herauszufinden, warum man uns aus dem Schlaf riss. Man wird es nicht für möglich halten, aber die Insassen winkten nur lächelnd, riefen etwas, was ich nicht verstand und fuhren weiter.

Bağiştaş Köyu vor einer der vielen Schluchten des Euphrat

Bağiştaş Köyu vor einer der vielen Schluchten des Euphrat

Feindbild Busfahrer

Am heutigen Tag vertiefte sich mein Groll auf eine äußerst rücksichtslose Berufsgruppe unserer Gesellschaft: die Busfahrer. Ausnahmslos alle Verkehrsteilnehmer schafften es, uns stets mit ausreichend Abstand zu überholen, außer der gemeine Busfahrer, der sich scheinbar einen Spaß daraus machte, nicht nur möglichst knapp vorbeizufahren, sondern genau in dem Moment, in dem sich die trommelfellzerreißend laute Hupe des Vehikels exakt neben dem Ohr befand, diese ausgiebig zu betätigen.

Erschöpfung

Schafe, İliç, Berge

Schafe, İliç, Berge

An diesem Tag ging bei Mia gar nichts mehr. Ich konnte natürlich nicht zugeben, dass ich auch schwer zu kämpfen hatte.

Nach einigen Kilometern stellten wir fest, dass unsere Muskeln die Anstrengungen der letzten Tage nicht gut verkraftet hatten. Trotz fast flacher Strecke und Windstille mussten wir um jeden Meter kämpfen. Die Straße ging weiter am Euphrat entlang, der gerade Hochwasser führte. Wir wurden auf eine Umleitung gelenkt, da die Straße gerade erneuert wurde, die um den ebenfalls kürzlich fertiggestellten Staudamm verlaufen soll. Überall in der Türkei werden gerade neue Staudämme gebaut, um die Trinkwasserversorgung zu sichern und Strom zu produzieren. Der größte dieser Dämme befindet sich südlich von uns, ebenfalls am Euphrat. Dort wird das Wasser auf mehr als 100 Kilometern aufgestaut.

Rakı

Wir bei dem Ladenbesitzer und dessen Freund Cem

Wir bei dem Ladenbesitzer und dessen Freund Cem

Zuerst füllte uns der Ladenbesitzer mit Rakı ab, dann nächtigten wir bei Cem.

Mit brennenden Beinen kämpften wir uns bis İliç, der nächsten Stadt. Ich kam etwas vor Michi am Stadtrand an und kaufte mir im ersten Laden ein Bier, mit dem ich mich in die Wiese setzte und die Aussicht genoss. Nachdem auch Michi angekommen war, lud uns der Besitzer des Ladens zu einem Rakı ein. Ein Angebot, das wir dankend annahmen. Wir ahnten ja noch nicht, dass es nicht bei einem einzigen Getränk bleiben würde, und dass im Laufe des Nachmittags noch Cem aufkreuzen würde, ein Freund des Ladenbesitzers.

Cem

Wir waren schon etwas angesäuselt, als Cem uns mit einer Runde Bier beglückte, die er unverfroren und ohne zu bezahlen aus dem Kühlschrank entwendete. Nach der dritten Runde lud uns Cem zu sich nach Hause ein, wo wir seine Familie kennenlernten. Er ließ uns das Internet in seiner Apotheke benutzen, so dass wir einen Host für unsere nächste Station, Erzurum, organisieren konnten. Währenddessen kochte seine Mutter Nudeln mit Ketchup, die wir später gierig verschlangen.

In unserer unendlichen Weisheit hatten wir leider die Bikes im Freien stehen lassen, während wir in der Apotheke waren, so dass, nachdem ein heftiger Schauer niedergegangen war, mein Fleecepulli und ein paar andere Sachen triefend nass waren. Ich wrang den Pulli aus, so gut es ging und hing ihn an die Garderobe. Wir tranken ein letztes Bier mit Cem und lagen gegen Mitternacht im Bett.

Verkatert zum Bahnhof

Morgens um 6 am Bahnhof von İliç

Morgens um 6 am Bahnhof von İliç

Nachdem wir am Vortag gut gebechert hatten, war es gar nicht so einfach, um 04:45 aufzustehen.

Als am nächsten Morgen um fünf Uhr der Wecker klingelte, spürten wir die tragischen Folgen des Rakı- und Bierkonsums. Mit unglaublichen Schädeln packten wir unsere Siebensachen zusammen und folgten Cem, der mit seinem Wagen vor uns fuhr, zum Bahnhof. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, fiel mir ein, dass mein Fleecepulli immer noch an der Garderobe hing. Die Liste der Dinge, die ich irgendwo verloren oder vergessen hatte, wurde immer länger. Doch da täglich nur ein einziger Zug in diese Richtung ging, blieb keine Zeit, um wieder zurückzufahren.

Die Bahnstrecke ins 50 Kilometer entfernte Kemah schlängelte sich am Fuße einer tiefen Schlucht entlang und kostete uns satte 2,75 Lira – etwa einen Euro. Wenn gerade kein Tunnel die Sicht versperrte, ließ der Blick auf die steilen, schroff emporragenden Felswände den Atem stocken. Ich bereute, den Zug genommen zu haben und nicht die Straße, die über die Hügel am anderen Ufer verlief, doch wir hatten befürchtet, sie sei nicht asphaltiert und durch die Regenfälle der letzten Tage nicht befahrbar.

Fatale Hilfe in Kemah

Etwas verballert am Bahnhof von Kemah

Etwas verballert am Bahnhof von Kemah

Der Bahnwärter fragte uns, warum zum Geier wir gerade hier ausstiegen.

In Kemah half uns ein freundlicher Türke trotz Michis Bemühungen, ihn davon abzuhalten, ihr Bike aus dem Gepäckwagen zu heben. Ich reichte das Rad aus dem Gepäckwaggon und er signalisierte mir, ich solle loslassen, rechnete aber nicht damit, dass ihr Rad gut 35 Kilo wog. Er kippte mit dem Rad zusammen einfach um und der Inhalt der Lenkertasche, die etwa genausoviele Artikel enthielt, wie eine durchschnittliche Frauenhandtasche, ergoss sich auf das gegenüberliegende Gleis.

Das oben beschriebene Helfersyndrom war uns bereits aus zahlreichen Episoden bekannt und würde uns auf dieser Reise auch noch häufig heimsuchen. Immer, wenn man versucht, sein Rad mit vollem Kampfgewicht irgendwo hochzuheben, über eine schwierige Passage zu schieben oder auf irgendeine andere Art ein Hindernis zu überwinden, eilt wie aus dem Nichts eine helfende Hand herbei und eskaliert die bisher wohlkontrollierte Situation ins Chaos.

Der Bahnwärter fragte uns, warum wir ausgerechnet in Kemah ausstiegen und nicht bis Erzincan, der nächsten großen Stadt, weiterführen. Wir erklärten ihm, dass wir die Strecke mit dem Fahrrad machen wollten, doch ich glaube, er konnte das nicht so ganz nachvollziehen. Er zog kopfschüttelnd ab und wir starteten in Richtung Erzincan und somit einer langersehnten Dusche.

Böser Seitenwind

Der Euphrat

Der Euphrat

Bekannt aus dem Geschichtsunterricht und dem Fantasy-Buch: "Bibel"

Die Straße verlief am Ufer des Euphrat auf und ab, es nieselte und durch den unglaublich böigen Wind kam der Regen von allen Seiten. Teilweise rollten wir ohne zu treten bergauf, aber meist quälte uns ein starker Gegen- oder Seitenwind. Vor allem der Seitenwind war nicht zu unterschätzen, denn wenn man gerade einen Hügel hinunterrollte und es in eine Kurve ging, wo der Wind schlagartig einsetzte, musste man arg am Lenker reißen, um das Gleichgewicht halten zu können. Genauso wackelig wurde es, wenn man sich mit starker Schlagseite in den Seitenwind lehnte, um nicht umgeblasen zu werden, und dieser plötzlich aussetzte.

Schrottreife Karosse an einem trüben Tag

Schrottreife Karosse an einem trüben Tag

Michi fuhr gerade fünzig Meter vor mir, als sie, wie aus dem Nichts, auf einmal einen Schlenker machte und Sekundenbruchteile später im Gras neben der Straße lag. Die Böe hatte sie schlichtweg umgepustet. Kurze Zeit später sahen wir zu, wie ein Kran einen von der Straße abgekommenen Wagen aus der Böschung zog. Dem Fahrer scheint aber nichts passiert zu sein, denn eine halbe Stunde später, als wir gerade Mittagspause machten, ruckelte er mit seinem schwer zerknautschten Gefährt an uns vorbei.

Die beeindruckende Landschaft zu beiden Seiten des Euphrat, die wegen des Regens und Nebels oft nur schemenhaft zu sehen war, wich langsam zurück und wir rollten schließlich durch eine breite Ebene, die rundum von Bergen umschlossen war, bis nach Erzincan.

Erzincan: Wir warten auf ein Bett

Im erstbesten Laden kaufte ich etwas zu trinken und der Besitzer des benachbarten Teehauses lud uns prompt zum Tee ein. Internet gab es auch und ich schrieb sofort zehn potenzielle Couchsurfing-Hosts an. Etwa zwei Stunden und zehn Tees später hatten wir eine Zusage und ein weiterer Couchsurfer, der uns, wie sich herausstellte, zwar nicht beherbergen konnte, sich aber trotzdem mit uns traf, brachte uns zu unserer neuen Bleibe.

Mein erster Eindruck von Mehmet war etwas zwiespältig. Er murmelte knapp „Hallo“, sagte uns, wir sollen unsere Sachen in den großen Flur stellen und setzte sich wieder an seinen Rechner. Etwa eine Stunde und einige Wortwechsel später wussten wir, dass er nicht desinteressiert oder apathisch war, sondern einfach nur die personifizierte Gelassenheit.

Mehmet

Bei Mehmet in Erzincan

Bei Mehmet in Erzincan

Hörte Metal und Jazz, spielte Schlagzeug, hatte einen trockenen Humor. Perfekt.

Mehmet arbeitet als Assistenzprofessor an der Universität von Erzincan. Er zog hierher, weil er für wenig Arbeit ein gutes Gehalt bekommt, die Mieten billig sind und er seine Ruhe hat. Als Zeitvertreib begann er einige Monate zuvor Schlagzeug zu spielen und präsentierte beiläufig sein Roland Topmodell: „Das Beste, was man für Geld kaufen kann.“

Der bescheidene Blick von Mehmets Balkon

Der bescheidene Blick von Mehmets Balkon

Hier bleibt man doch gerne zwei Tage.

Wir blieben drei Nächte bei Mehmet, der am darauffolgenden Tag einen weiteren Fahrradreisenden beherbergen würde, und verbrachten gemeinsam sehr entspannende und amüsante Stunden. Doch dazu mehr im nächsten „Nils Holgersson“.

Der Frühling naht, die Bäume blühen

Der Frühling naht, die Bäume blühen

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2 Gedanken zu „Euphrat und Erzincan“

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