Die Ebene zwischen Erzurum und Ağrı

Erzincan, Erzurum und Köprüköy

Bewegungsunwillig

Landschaft bei Erzincan

Landschaft bei Erzincan

Ein sonniger Tag mit gelegentlichen Schauern.

Die beiden Tage, die wir bei Mehmet verbrachten, verließen wir das Haus nur, um Essensnachschub zu besorgen. Den Rest der Zeit blieben wir möglichst regungslos in der geräumigen Wohnung. Michi las, und ich spielte Schlagzeug oder unterhielt mich mit Mehmet. Er war Computerfreak, hatte, genau wie ich, damals einen 64er (Commodore 64) und danach einen Amiga besessen und kannte viele der Spiele, die ich in jüngeren Jahren durchgesuchtet hatte.

Davide, Gourmet, aus Italien

Am 11. kam Davide an, ein Italiener, der das Pech hatte, von seiner Firma, die er sowieso nicht mochte und verlassen wollte, gekündigt zu werden. Zusammen mit einer nicht unerheblichen Abfindung. Er freute sich über den Geldsegen und begann, Radreisen zu machen. Wie die meisten Italiener, war er ein Gourmet und verschmähte uns für unsere unsachgemäße Zubereitung der Spaghetti und die nicht den Vorschriften der ‚haute pasta cuisine‘ entsprechenden Zutaten für die Soße. Da gehören nur Tomaten rein und maximal etwas Zwiebel sowie Salz und Pfeffer. Alles andere sei Pfuscherei. Trotzdem schmeckte ihm meine Ollognese.

Stromausfälle

An diesem Tag gab es einige Stromausfälle und wir hatten für mehrere Stunden kein fließendes Wasser, was mein Darm, wie nicht anders zu erwarten, mit heftigem Evakuierungsdrang begrüßte. Ein wenig angespannt bereitete ich während einem der Stromausfälle die Spaghettisoße zu.

Stromausfälle gab es scheinbar häufiger, aber dass ganz Erzincan und scheinbar auch andere Teile der Türkei in Dunkelheit versinken, passiert normalerweise nur, wenn Wahlen vor der Tür stehen. Bei der letzten Wahl sei dasselbe passiert und direkt im Anschluss sei im TV eine Werbung für Atomkraftwerke gelaufen. Nicht, dass die Türkei Reaktoren bräuchte, um ihren Strombedarf zu decken. Dank der vielen Staudämme produziert sie mehr Energie als benötigt wird, doch „Atom“ zu haben, kann ja nicht schaden. Ob man nun Kraftwerke damit baut oder nicht.

Richtung Erzurum

Landstraße bei Erzincan

Landstraße bei Erzincan

Davide hatte zum Teil die gleiche Strecke geplant wie wir, wollte einen Tag nach uns losfahren, würde aber gleichzeitig mit uns in Erzurum sein, so dass wir uns vornahmen, ab Erzurum ein Stück weit zusammen zu fahren. Wegen des Regens starteten wir erst spät, doch wir hatten Rückenwind und kaum Steigungen zu bewältigen, so dass es flott voran ging, bis wir abends auf einer Wiese am Ufer des geschichtsträchtigen Euphrat campten.

Überraschungspass tiefgekühlt

Der Tepebaşı Pass bei Askale

Der Tepebaşı Pass bei Askale

Hier waren es gerade mal zwei Grad. Als kleine Überraschung für Davide klebten wir eine Tüte mit Keksen ans Passschild.

Der Rückenwind blieb uns vorerst erhalten und bereits um 12 Uhr des nächsten Tages hatten wir 55 Kilometer hinter uns. Dann wurde die Straße steiler und stieg zu unserem nächsten Pass und einem neuen höchsten Punkt der Tour an. Unterwegs begann es leicht zu schneien und als wir auf dem Sattel ankamen, betrug die Temperatur gerade zwei Grad. Da wir wussten, dass Davide hier auch entlangfahren würde, schrieben wir mit Gaffa Tape seinen Namen auf das Passschild und befestigten eine Plastiktüte mit einer Packung Tutku daran (sehr leckere Kekse aus der Türkei).

Die Abfahrt war zwar eine willkommene Pause für die Beine, aber bei zwei Grad mit 50 km/h von einem Pass hinunterzurollen war alles andere als angenehm. Ein Körperteil nach dem anderen meldete Unterkühlung an, bis sie kurz darauf gar nicht mehr spürbar waren. Durchgefroren erreichten wir die kleine Stadt am Fuße des Passes und wärmten uns bei Çay in einem Teehaus auf.

Frostiges Kochen auf einem Acker bei Askale

Frostiges Kochen auf einem Acker bei Askale

Als wir am Abend unser Zelt in einem Acker nahe der Straße aufbauten, kam, wie so oft, der Besitzer des Grundstücks vorbei und fragte uns, ob uns nicht kalt sei und ob wir nicht in seinem Haus oder seiner Scheune schlafen wollten. Diese Angebote kamen oft erst, nachdem man alles ausgepackt und aufgebaut hatte, so dass man dankend ablehnte, um nicht alles wieder einpacken zu müssen.

Das ging ins Auge

Auf dem Weg nach Erzurum

Auf dem Weg nach Erzurum

Am nächsten Morgen fühlte sich mein linkes Auge an, als hätte sich eine Ameisenkolonie darin gegründet. Als ich das Zelt öffnete, um die Sonne zu genießen, meldete mein Auge akute Reizüberflutung und schloss sich. Durch den kalten Wind vom Vortag, der mir während der Abfahrt ins Gesicht blies, hatte ich mir eine Entzündung eingefangen. Ich entfernte die Kontaktlinse aus dem roten Auge und zog mir meine Mütze so ins Gesicht, dass mein Auge verdeckt war.

Die Straße nach Erzurum

Die Straße nach Erzurum

In der Ferne kann man bereits die Gebäude der hochgelegenen Stadt sehen.

Einäugig strampelte ich die verbleibenden Kilometer bis Erzurum, das man schon aus einigen Kilometern Entfernung sehen konnte. Laut Michi. Ich selbst sah ja nicht so weit. In einem Teehaus mit kostenlosem Internet lernten wir zwei junge Türken kennen. Wir unterhielten uns, während wir auf eine Nachricht von unserem Host warteten. Atila, so sein Name, holte uns schließlich am Teehaus ab und führte uns in einem einstündigen Fußmarsch zu seiner WG, die er sich mit zwei Freunden und seinem Hund Asya teilte.

Einmal Iranvisum, bitte …

Nun begann für uns zum ersten Mal der Prozess der Visumsbeantragung. Es würde Papierkram auf uns zukommen, Bürokratie, vielleicht sogar Willkür. Es würde schrecklich werden. Pünktlich um halb neun morgens standen wir an der Pforte des etwas versteckt in einer Nebenstraße liegenden iranischen Konsulats. Die fürs Visum benötigte Referenznummer hatte ich ja bereits über das Internet besorgt und vor rund 6 Wochen erhalten.

Doch im Konsulat wusste man nichts von unseren Namen oder unserer Nummer. Wir diskutierten mit dem Angestellten am Schalter, der einen Kollegen hinzuzog, bis beide abermals mit unseren Reisepässen und einem Zettel, auf dem die wichtige Nummer stand, durch eine Tür verschwanden. Nach 15 Minuten kam einer der beiden wieder zurück und wollte ein weiteres Mal die Email der Agentur lesen, von der ich den Autorisierungscode erhalten hatte.

Als der Beamte noch einmal mit unseren Unterlagen in derselben Tür verschwand, wurden wir langsam etwas nervös. Wir lernten Florian kennen, der gleichzeitig mit uns sein Visum beantragte. Er war ein rucksackreisender Ossi, der nach fast zwei Jahren auf mehreren Kontinenten am Ende seiner Reise angekommen war und diese im Iran abschließen wollte.

Wir unterhielten uns, bis 15 Minuten später der Beamte wieder zurückkam und uns mitteilte, sie hätten die Nummer gefunden, aber im Konsulat in Erzurum sei diese nur einen Monat lang gültig, und nicht, wie in der Email angegeben, drei Monate. Ich setzte das betrübteste Gesicht auf, das ich zustandebrachte und sagte verständnisvoll, dass wir die Referenznummer dann wohl ein weiteres Mal beantragen müssten.

Er begann zu fragen, warum wir in den Iran wollten (um seine kulturellen Schätze und Sehenswürdigkeiten zu besichtigen), wie wir uns im Iran vorwärtsbewegen würden (mit Bus und Bahn natürlich) und ob wir etwas über die iranische Geschichte wüssten (nein, deshalb wollten wir uns das Land ja ansehen). Er fragte, in welchen Ländern wir sonst gewesen seien und ob wir jemals Probleme dort gehabt hätten. Wir verneinten. Er lächelte, drückte uns zwei Formulare und zwei Zettel in die Hand, sagte, wir sollten die Formulare ausfüllen und bei einer Bank 50 Euro auf das Konto einzahlen, das auf den Zetteln vermerkt war. Unsere Ausweise sollten wir im Konsulat lassen.

Momentaufnahme aus Erzurum

Momentaufnahme aus Erzurum

… Danke!

Wir würden am nächsten Tag also auch ohne gültige Referenznummer unser Visum bekommen. Danke liebe, freundliche Angestellte des iranischen Konsulats in Erzurum, auch wenn uns der gesamte Visa-Prozess 110€ pro Person gekostet hat. Da Florian noch keine Bleibe hatte, klärten wir mit Atila ab, dass er ebenfalls bei ihm schlafen konnte. Die Visa sicher in der Tasche, deckten wir uns mit einigen Spirituosen ein und feierten unseren Erfolg.

Endlich haben wir das Iranvisum

Endlich haben wir das Iranvisum

Immer noch einäugig, aber glücklich, präsentiere ich meinen Reisepass.

Um vier Uhr des nächsten Tages waren wir stolze Besitzer eines Reisepasses, in dem ein Visum für die I.R.Iran klebte, die Islamische Republik Iran, wo Terroristen gedeihen wie Sumach und man für das Überqueren einer roten Fußgängerampel gesteinigt wird. Wo es außer dem Koran keine anderen Bücher gibt und das Wort des Imams Gesetz ist. Ich war gespannt, welche der Klischees, die uns westliche Medien über diesen hinterlistigen Schurkenstaat auftischten, der Wahrheit entsprechen und sich in der Bevölkerung widerspiegeln würden.

Sehet das Licht

Als wir auf einer Bank neben einer Moschee picknickten, Michi und Florian in der Sonne sitzend, ich dank meines immer noch geschädigten Auges im Schatten, begrüßte uns ein wohlgekleideter Mann mittleren Alters und wünschte uns nach einem kurzen Wortwechsel in rudimentärem Englisch einen schönen Aufenthalt in der Türkei. Er verließ uns, kam eine Viertelstunde später aber wieder zurück. In seinen Händen hielt er zwei in Geschenkpapier verpackte Gegenstände. Er überreichte sie uns, sagte, es sei ein Geschenk, und verabschiedete sich wieder.

Es waren zwei kleine Büchlein über Gott und Glauben im Allgemeinen, deren Botschaft sich bereits nach wenigen Sätzen erschloss: Glaube an Gott, sonst bist du verloren, ein Nichts. Was eine Verschwendung wertvollen Papiers. Wir würden die Propagandaschriften schließlich heimlich auf dem Tisch in Atilas WG vergessen. Vielleicht würden sie ihm ja beim Englischlernen helfen und hätten so wenigstens einen sinnvollen Nutzen.

Momentaufnahme aus Erzurum

Momentaufnahme aus Erzurum

Über den Dächern von Erzurum

Über den Dächern von Erzurum

Die Stadt war wirklich keine Schönheit.

Weiterfahrt mit Davide und Simon

Wie abgemacht, trafen wir uns in Erzurum mit Davide, der jetzt von Simon begleitet wurde. Wir verbrachten einen gemeinsamen Nachmittag in der Stadt und beschlossen, uns am nächsten Morgen am Bahnhof zu treffen und gemeinsam in Richtung Osten loszufahren.

Unsere allmorgendliche Lethargie ließ uns eine halbe Stunde zu spät am Bahnhof ankommen, doch ich war unbesorgt. Schließlich waren wir mit einem Italiener verabredet. Mit einer Stunde Verspätung rollten auch Davide und Simon auf den Bahnhofsplatz. Nach einem heißen Kaffee fuhren wir los.

In Erzurum ging es einmal kurz bergauf, worauf eine angenehme Abfahrt zwischen den Bergen hindurch folgte, bis wir schließlich in einer der vielen Hochebenen der Türkei ankamen. Vor uns lag ein langgezogenes, breites Tal mit einer fast schnurgeraden, leicht abschüssigen Straße. Der größte Teil der Ebene bestand aus Ackerland, das bis zu den Bergketten reichte, die sich wie aus dem Nichts erhoben und eine schroffe Grenze zu den benachbarten Tälern bildeten.

Mit Davide und Simon unterwegs nach Köprüköy

Mit Davide und Simon unterwegs nach Köprüköy

Die beiden fuhren ein viel höheres Tempo als wir. Aber wir würden ja nicht lange zusammen fahren.

Leicht bergab und mit Rückenwind ging es zügig voran. Nach nur zwei Stunden hatten wir Köprüköy (Brückendorf) erreicht, durch das ich letztes Jahr mit Fabi gefahren war und das mir in böser Erinnerung geblieben war. Wie es uns dieses Mal in Köprüköy ergehen wird, ist Thema des nächsten Artikels.

Nächster Artikel: Gottes Strafe für kurze Hosen
Vorheriger Artikel: Euphrat und Erzincan
Zurück zum Übersichtsartikel

2 Gedanken zu „Erzincan, Erzurum und Köprüköy“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.