Sonnenaufgang in Alistan

Entlang der Kaspischen Küste

Entspannung in Alistan

Sonnenaufgang in Astara

Sonnenaufgang in Astara

Eigentlich wollten wir nur eine Nacht bei Ali bleiben und dann zügig weiterfahren, um möglichst viele der Tage, die wir in der Türkei durch Schnee und Lethargie verloren hatten, wieder herauszufahren. Doch der Drang nach Erholung war größer als unser Wille und wir würden ganze vier Nächte in Alistan bleiben.

Frühstück in Alistan

Frühstück in Alistan

Als ich mir morgens einen Kaffee kochte, brachte Ali einen kleinen Tisch und ein Sofa auf die Wiese und wir frühstückten gemeinsam unter den Bäumen am Strand, während wir den Sonnenaufgang beobachteten. Es war angenehme 14 Grad warm und eine leichte Brise wehte aus Südosten. Ich hoffte, der Wind würde noch drehen, bis wir wieder losfuhren, aber dem war leider nicht so. Das Kopftuch konnte sich Michi hier auch sparen, da es sich um ein Privatgelände handelte und uns sowieso niemand sehen konnte, ohne vorher an Ali vorbeizufahren.

Ali und der Staat

Ein gemütlicher Abend in Alistan

Ein gemütlicher Abend in Alistan

Ali war kein großer Fan des Iran und des Mullahregimes. Mit dieser Einstellung war er bei weitem nicht alleine, denn ausnahmslos jeder, der uns bisher etwas über iranische Politik und die kleine, machthabende Elite des Landes erzählte, ließ kein gutes Wort darüber verlauten. Alis Bruder wurde, seiner Aussage nach, exekutiert. Die Gründe habe ich nicht ganz verstanden, da Ali nur Farsi und Azeri sprach und die Verständigung überwiegend durch Zeichensprache und einige Brocken Türkisch erfolgte, doch als Iraner im Iran braucht es nicht viel, um im Gefängnis zu landen oder auf andere Weise aus dem Verkehr gezogen zu werden.

Massenträgheit

Extrem-Chillen in Alistan

Extrem-Chillen in Alistan

Außer Imajica fertig zu lesen und ein wenig zu schreiben, habe ich in den vier Tagen in Alistan nichts produktives vollbracht. Aber diese Pause war auch bitter nötig. An einem Abend kochte ich Spaghetti für uns drei. Als Ali am nächsten Tag leichte Magenprobleme hatte, klagte er meine Kochkünste an und behauptete, er würde die Polizei rufen und mich wegen schlechter Nudeln verhaften lassen. Natürlich sagte er das alles mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht.

Muscheln am Kaspischen Meer

Muscheln am Kaspischen Meer

Da wir hier Strom und Zeit hatten, war es auch ein guter Zeitpunkt, endlich Sicherheitskopien aller Bilder, Texte, Videos, GPS-Tracks und sonstigen Daten anzufertigen. Dummerweise verlor ich im knöchelhohen Gras meine Micro-SD-Karte, so dass Ali, Michi und ich auf Knien durch die Wiese robbten, die Nase wenige Zentimeter über dem Boden, auf der Suche nach dem Verlorenen Stück Plastik. Letzendlich fand Michi die Karte in der GoPro Tasche. Den Rest des Tages fielen also nicht nur meine Nudeln, sondern auch meine Verpeiltheit dem allgemeinen Spott zum Opfer.

„Leck mich“ oder „Super“?

Duschen in Alistan

Duschen in Alistan

In der Türkei erklärte uns eine Iranerin, eine geballte Faust mit nach oben ausgestrecktem Daumen hieße im Iran soviel wie „Leck mich!“ Wenn das stimmte, dann schien mich hier jeder Zweite beleidigen zu wollen. Ali erklärte uns, bei der älteren Generation habe die Geste tatsächlich noch diese Bedeutung, aber die Jüngeren hätten in der Zwischenzeit die im Westen geläufige Assoziation „Super! Toll!“ übernommen. Man sollte nicht alles glauben, was man so hört.

Der defekte Schalthebel

Vogel auf Stange

Vogel auf Stange

An diesem Abend reparierte ich Michis abermals defekten Schalthebel. Das Problem war nach wie vor dasselbe. Die Mutter, die die Schaltmechanik zusammenhielt, sprang über ihre Arretierung und drehte sich dann bei jedem Schaltvorgang ein wenig mit, bis der Schalthebel nur noch locker im Gehäuse hing. Ich vermutete als Grund die Spiralfeder, die unter dem Hebel lag und von der eine Windung versprungen war und sich über die andere gelegt hatte, so dass man die Mutter nicht mehr weit genug anziehen konnte.

Küstenstreifen bei Astara

Küstenstreifen bei Astara

Nach kurzem inneren Monolog, ob ich das Teil nun ganz auseinanderbauen sollte oder nicht, schraubte ich den Hebel ab. Sogleich sprang mir eine winzig kleine Feder entgegen und die Spiralfeder darunter schnappte aus ihrer Verankerung. Na super. Es kostete mich viele Nerven, ein wenig Erfindungsgeist und Unmengen an Nerven, den Mechanismus wieder zusammenzusetzen. Die Spiralfeder war anschließend immer noch versprungen und die Mutter ließ sich weiterhin nicht weit genug anziehen, aber mit einem Stück Schnur schafften wir es, die „Nase“, die in die Arretierung einrasten sollte, so zu befestigen, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Es blieb abzuwarten, ob unsere Konstruktion überleben würde, bis wir auf Garantie einen Ersatz erhalten.

Gewitter über der Küste

Blitze über dem Kaspischen Meer

Blitze über dem Kaspischen Meer

An diesem Abend fegte ein brachiales Gewitter von den Bergen über die Küste hinweg. Fast jeden Tag hörten wir Donner aus irgendeiner Richtung, doch bisher machten die Gewitter immer einen großen Bogen um Alistan. Doch heute blitzte und donnerte es gnadenlos aus allen Richtungen. Ich stand mit meiner Kamera samt Stativ gerade am Ufer und versuchte einen Blitz einzufangen, als es zu regnen begann. Erst ein Tropfen. Dann fünf. Und drei Sekunden später schüttete es, als stünde man unter einem Wasserfall.

Ich schaffte es gerade noch, die Kamera ins Trockene zu bringen, bevor der Hagel einsetzte, mit zum Teil sauerkischgroßen Körnern. Mein Kameragehäuse und das Objektiv war zwar sand- und spritzwasserdicht, aber von Hagelschlag stand nichts im Werbetext. Ich war dabei, meine Kamera trockenzureiben, als Ali von seinem Einkauf zurückkam. Ihn hatte der plötzliche Regen richtig erwischt. Doch er grinste nur und ging wortlos in seine Hütte.

Wolken über dem Kaspischen Meer

Wolken über dem Kaspischen Meer

Niemand beabsichtigt, eine Mauer zu bauen

Schreiben statt Chillen

Schreiben statt Chillen

Eine weitere Feststellung über den Iran, die wir in Alistan machten, war, dass hier außer den Reisfeldern jedes noch so kleine Stück Privatgelände eingezäunt oder eingemauert ist. Eine große Wiese mit fünf Hühnern und einer Kuh darauf? Bauen wir doch eine zwei Meter hohe Mauer herum. Manchmal fuhr man hunderte Meter weit durch eine Siedlung und sah links und rechts der Straße nichts als Mauern, in die hier und da ein Tor eingelassen war.

Routenänderung

Bye bye Ali

Bye bye Ali

Iranda Yok!

Nach vier Nächten in Alistan schafften wir es endlich, uns von unserem Gastgeber zu trennen und sozusagen wieder in den Iran einzureisen. Michi hatte mich überzeugt, bis nach Chalus am Meer entlang zu fahren, um dort die Hauptstraße über das Gebirge zu nehmen, statt wie ursprünglich geplant, frühzeitig in die Berge abzubiegen, um durch kleine Dörfer abseits des großen Tourismus auf zum Teil unbefestigten Straßen bis nach Qazvin zu gelangen und von dort aus die verbleibenden 200km durchs vermutlich unansehnliche und heiße Inland zu fahren.

Im Nachhinein ein großer Fehler, aber das konnte man vorher ja nicht wissen. Beiderseits der Hauptstraße reihten sich Werkstätten und Wohnhäuser aneinander. Wo der Beton der Natur wich, drängte sich ein Reisfeld ans nächste. Zur Rechten war die Strecke gesäumt von steilen, mit Laubbäumen bewachsenen Bergen, die ständig in einen Schleier aus Nebel gehüllt waren. Zu unserer Linken konnte man hinter den Reisfeldern ab und zu das Meer schimmern sehen.

Reis und Schlangen

Reisfelder und Berge im Dunst

Reisfelder und Berge im Dunst

Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit waren die Bergflanken immer dunstverhangen.

Einige Male verließen wir die Hauptstraße und fuhren durch kleine Siedlungen nahe der Küste. Das prägendste Merkmal der Region war zweifelsohne der Reis. Die Felder beherbergten neben den Reispflanzen auch verschiedene Schlangenarten, von denen wir sogar zwei lebende, etwa 60 Zentimeter lange Exemplare zu Gesicht bekamen. Und wie bei subtropischem Klima nicht anders zu erwarten, gab es hier auch das komplette Sortiment gängiger Moskitoarten.

Reisfelder am Kaspischen Meer

Reisfelder am Kaspischen Meer

Demotivation

Hier wirbt der Imam und das Auto Seite an Seite

Hier wirbt der Imam und das Auto Seite an Seite

Unsere Motivation war an diesem Tag so weit im Keller, dass wir kaum vorwärts kamen. Ein anständiges Frühstück half auch nicht und der Gegenwind war alles andere als zuträglich.
Außerdem war die Landschaft um uns herum zwar schön anzusehen, aber abwechslungsreich war sie nicht, zumal abzusehen war, dass der gesamte Weg bis Chalus so sein würde. Und tätsächlich würde er nicht nur ähnlich sein, sondern noch viel touristischer werden.

Am Strand

Am frühen Nachmittag, wir fuhren gerade etwas abseits des Meeres durch einen Urwald, fiel uns ein Schild am Straßenrand ins Auge, auf dem „Strand“ stand. Wir diskutierten, ob wir jetzt schon Schluss machen wollten, als ein Wagen vor uns anhielt. Der Fahrer stellte sich in perfektem Englisch als „Javi“ vor (vermutlich schreibt man den Namen anders, aber so habe ich ihn verstanden) und nach einem kurzen Gespräch empfohl er uns diesen Strand. Dort gäbe es „accomodation facilities“ (Unterkünfte) und Infrastruktur. Also eigentlich das, was wir nicht brauchten oder wollten. Trotzdem beschlossen wir, hinzufahren.

Hier bestellt Mr. Universum seine Brathähnchen

Hier bestellt Mr. Universum seine Brathähnchen

Am Strand offenbarte sich das Paradebeispiel iranischen Tourismus. Parallel zum Sandstrand verlief ein breiter Streifen zum Parken der Autos. Dahinter gab es dutzende Restaurants und Teehäuser. Auf der Suche nach einer Stelle fürs Zelt sprach uns ein Restaurantmensch an, ob wir nicht einen Tee bei ihm trinken wollten. Ich antwortete, dass wir gerade eine Zeltstelle suchten und vielleicht später auf sein Angebot zurückkommen würden. Er meinte, wir sollten doch auf der Wiese neben seinem Restaurant campen.

Ich witterte bereits kommerzielle Hintergedanken und stand dem Angebot eher skeptisch gegenüber, doch wir bauten unser Zelt trotzdem auf der Wiese auf. Meine Befürchtungen würden sich nicht bestätigen, denn als er wieder zu uns kam, bot er uns an, seine Küche zu benutzen und zeigte uns, wo der Kessel für heißes Teewasser stand.

Javi

Später kam auch Javi mit einem Freund vorbei, der unbedingt die beiden Deutschen kennenlernen wollte. Im Gegensatz zu Javi war er eine ruhige, zurückhaltende Person und in seinem Anzug für den Strand ein wenig overdressed. Wir fragten Javi, ob es ihm gefalle, im Iran zu leben. Er sagte, er liebe sein Land, doch käme das wohl daher, dass es sein Heimatland sei und man immer eine besondere Verbindung zu diesem hätte.

Sein größter Kritikpunkt war die Einschränkung der persönlichen Freiheit, die den Bürgern durch das iranische System auferlegt wurde. Man müsse hier mit strikten Regeln bezüglich Kleidung, freier Meinungsäußerung und vor allem individueller Verwirklichung leben. Aber gerade wegen dieser erdrückenden Regeln hätten die Leute gelernt, sich untereinander zu organisieren und gegenseitig zu helfen, um so das System wenigstens im kleinen Kreis aushebeln zu können.

Embargo?

Auch das Embargo gegen den Schurkenstaat schien für den globalen Kapitalismus nicht zu gelten. Der Getränkemarkt war fest in westlicher Hand. Es war nicht leicht neben den Produkten der internationalen Lebensmittelriesen Coca Cola, Nestlé, Pepsico und Schweppes lokale Marken zu finden. Doch es gab sie.

Wie es uns weiterhin am Kaspischen Meer erging, das im iranischen Teil nur mit Kleidern betreten werden darf, könnt ihr im nächsten Artikel lesen.

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2 Gedanken zu „Entlang der Kaspischen Küste“

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