Moschee in Hesar Garmkhan

Ein Tag mit Turbulenzen

Kiloweise Kiwi

Vierundvierzig Tage hatten wir bisher im Iran verbracht. Vierundvierzig Tage, in denen wir viel über das Land, die Leute und die Probleme gelernt hatten. Die nächsten vierundzwanzig Stunden komprimierten jegliche Erfahrungen, die wir innerhalb dieser vierundvierzig Tage gemacht hatten, auf wenige Stunden.

Früh morgens verließen wir Alis Wüstenbauzelt und begannen, den nächsten Pass zu erklimmen. Ein Leichtes, denn es ging lediglich auf schlappe 1400 Meter hoch. Auf dem Weg nach oben hielt uns ein Auto an, dem eine iranische Großfamilie entsprang. Natürlich wollten sie Fotos in allen möglichen Permutationen aus Iranern und Touristen haben. Bevor sie weiterfuhren, wollten sie uns noch ein Geschenk machen und hielten uns eine Tüte mit geschätzt drei Kilo Kiwi entgegen. Wir lehnten dankend ab.

Fehleinschätzung

Einige LKW-Fahrer bliesen uns mit ihren Schiffshörnern fast aus den Sätteln, während sie in nur wenigen Zentimetern Entfernung, wild in ihrem Führerhaus gestikulierend, an uns vorbeirumpelten. Wir interpretierten ihre Ausbrüche als Signal dafür, mehr Platz für ihre stinkenden Kolosse zu lassen und ärgerten uns über die Dummheit der iranischen Lastwagenfahrer. Denn wohin hätten wir denn noch ausweichen sollen? Schließlich fuhren wir schon auf der Kante, die den Asphalt vom Schotter trennte.

Wir waren fast auf der Passhöhe angekommen, als einer der cholerischen Brummiführer, der seinen Zug zum Pinkeln am Straßenrand angehalten hatte, fragend signalisierte, warum wir uns denn nicht an seinem Anhänger festgehalten hätten. Er wollte uns den Berg hinaufziehen. Für meine Fehlinterpretation schlug ich mir in Gedanken die Handfläche auf die Stirn.

Highspeed-Netz in Bojnurd

Bojnurd

Bojnurd

Vom Pass aus konnte man ganz Bojnurd überblicken, welches rund 300 Meter unter uns lag und bedeutend größer war, als ich erwartet hatte. Da wir in der Stadt nichts besonderes erledigen wollten, besorgten wir uns einfach Frühstück, setzten uns auf eine Bank und genossen die Sonne. Ein Angestellter vom Versicherungsbüro gegenüber brachte uns Tee und ich bat Mia, mir einen Hotspot für mein Tablet zu machen, denn wir hatten extra Guthaben gekauft, um online gehen zu können.

Bojnurd hatte eine vorzügliche Internetanbindung und nach kurzen 15 Minuten war unser gesamtes Guthaben verbraucht. Ich hatte nämlich leider vergessen, die automatischen Updates auszuschalten. So hatten wir nun ein topaktuelles Android, aber leider keinen Traffic mehr. Ich erwarb im Laden also abermals Guthaben für ein paar Euro fünfzig. Diesmal ohne Updates.

Der iranische Lance Armstrong

Einer der Passanten interessierte sich für unsere Fahrräder und erzählte, er selbst fahre Rennrad. Er sei die Strecke von hier nach Mashad auch schon gefahren. Fünf Stunden habe er dafür gebraucht. Ich überschlug die Zahlen kurz im Kopf und kam zu dem Schluss, dass wir es mit einem Dummschwätzer zu tun haben mussten. 250 Kilometer in 5 Stunden wäre ein Schnitt von 50km/h. Selbst wenn es bergab gegangen wäre, selbst wenn er Rückenwind gehabt hätte, selbst wenn er nicht so übergewichtig ausgesehen hätte, wäre die Aussage immer noch höchst unglaubwürdig gewesen. Ich lächelte anerkennend und brachte ein erstauntes: „Wow!“ über meine Lippen.

Ablehnen, zwecklos

Saeid und sein Kollege aus Bojnurd

Saeid und sein Kollege aus Bojnurd

Beeindruckt von den unglaublichen Leistungen iranischer Radsportler, vor denen selbst Kim Yong-Il den Hut gezogen hätte, welcher ja bekanntlich schon zum Mond geschwommen ist, rollten wir aus Bojnurd hinaus. Ein junger Vespafahrer zog neben uns und versuchte uns vehement zum Tee einzuladen. Er und sein Freund haben ein tolles Restaurant nur wenige Minuten entfernt und wir sollen doch bitte, bitte mitkommen. Wir lehnten gefühlte zweiundvierzig mal ab, bis er sich auf seinem Roller davonmachte.

Drei Minuten später erspähten wir ihn abermals. Er hatte an einer Tankstelle gewartet und versuchte uns ein weiteres Mal einzuladen. Schließlich gaben wir nach und willigten ein. Das Restaurant lag in einem kleinen Naherholungsgebiet wenige Kilometer außerhalb der Stadt. An einem Hang reihten sich zu beiden Seiten eines kleinen Baches im erfrischenden Schatten zwischen hohen Bäumen verstreut einige Restaurants aneinander. Die Kühle, das Grün und die ruhige Atmosphäre waren nach Stunden der Hitze, des Verkehrslärms und der sandigen Gelbtöne eine willkommene Abwechslung.

Statt der fünf Minuten für einen Tee verweilten wir ganze drei Stunden. Die beiden hatten ein ziemlich gutes Englisch und man unterhielt sich über Gott und die Welt. Wie so viele Menschen in Ländern mit absurden Passregelungen, würden auch sie gerne ins Ausland reisen. Doch ohne Pass kommt man weder aus dem Iran heraus, noch in andere Länder hinein. Man fühlt sich ein wenig an die Zeiten der DDR erinnert. Wobei die Ossis wenigstens innerhalb der Sowjetunion reisen konnten, vorausgesetzt die finanziellen Mittel waren vorhanden.

Landschaft bei Shirvan, Iran

Landschaft bei Shirvan, Iran

Von Rückenwind und Gegenwind

Um kurz nach drei mussten wir leider weiter, denn es waren noch 55 Kilometer zurückzulegen, und wie ihr wisst, hasse ich es, bei Dunkelheit zu kochen. Dank eines brachialen Rückenwindes hielten wir trotz einiger Steigungen einen Zwanziger-Schnitt und hätten die Strecke in rund zweieinhalb Stunden geschafft. Wenn. Ja, wenn nicht 17 Kilometer vor unserer Zielstadt der Wind gedreht hätte und unsere Pläne, noch im Hellen aufzubauen, zunichte gemacht hätte. Trotz einer Steigung von lediglich 3 Plancklängen pro Kilometer waren auch bei vollem Tritt nicht mehr als 11km/h möglich.

Das größte Problem in solchen Situationen ist meist der eigene Kopf. Ob man nun mit 7, 11 oder 20 Kilometern pro Stunden vorwärts kommt, macht meist keinen Unterschied. Man hat ja Zeit. Oft wechseln sich Gegenwind und Rückenwind ab (auch wenn wir bisher eher Pech mit der Windrichtung hatten) und solange die im Visum vermerkte Aufenthaltsdauer oder die Jahreszeiten nicht zur Eile antreiben, hat man sogar alle Zeit der Welt. Dennoch zermürbt die Erkenntnis, trotz aller Anstrengungen scheinbar nicht vorwärts zu kommen.

Zermürbungskrieg

Landschaft bei Shirvan, Iran

Landschaft bei Shirvan, Iran

Die Straße verlief kilometerlang schnurgerade. Die Wüstenlandschaft hatte keinerlei Merkmale, an denen man sein Vorwärtskommen hätte festmachen können, außer den Strommasten entlang der Straße, welche in unendlicher Langsamkeit vorbeizogen, so dass man schon beim dritten nicht mehr wusste, wie viele man schon gezählt hatte. Dazu blies einem der Wind mit einer Gleichmäßigkeit ins Gesicht, als mache man Urlaub im Windkanal eines Autoherstellers. Wenigstens konnte man dank des Windes die 35 Grad im Schatten nicht fühlen.

Shirvan

Michi in Shirvan, Iran

Mia in Shirvan, Iran

Gut 90 Minuten später erreichten wir die Stadt. Shirvan. Nie gehört, nie gelesen, und sicherlich werde ich nie wieder hinfahren.

Vor dem Mini-Supermarkt unseres Vertrauens schenkte uns eine junge Iranerin zwei Dosen eines Orangen-Erfrischungsgetränkes und erklärte uns, es gäbe in der Stadt einen großen Park, in dem wir problemlos campen könnten. Da es bereits dämmerte, beschlossen wir, den Park anzuschauen.

Heiliges Grün

Sonnenuntergang in Shirvan, Iran

Sonnenuntergang in Shirvan, Iran

Wenn es um die Unversehrtheit ihrer Grünflächen geht, können Iraner eine Pedanterie an den Tag legen, die der eines Golfplatzbesitzers inmitten der Sahara gleichkommt. Und tatsächlich hinkt dieser Vergleich nicht. Im Gegensatz zu Parkanlagen im regenreichen Mitteleuropa, wo es überall grünt und wuchert, ist deren Erhalt in ariden Regionen recht heikel. Deshalb picknickt man hier auch nicht auf der Wiese, sondern auf den überall im Park zwischen den Grünflächen eingelassenen Betonsockeln.

Doch einige wenige Stunden des Zeltens würde auch der gepflegte, sattgrüne Rasen dieses Parks aushalten. Wir fragten einen der vielen Parkangestellten, wo wir denn unser Zelt aufbauen könnten und er führte uns zu einer der bereits gewässerten Grünflächen, direkt neben einem kleinen Pavillon.

Kompetenzgerangel

Wir hatten bereits abgesattelt und das Zelt war fast komplett aufgebaut – um uns herum hatte sich eine beachtliche Menschentraube gebildet, denn exotischen Tieren im Zoo nicht unähnlich, werden ausländische Touristen im Iran begafft wie Neger in Käfigen zur vorletzten Jahrhundertwende (man verzeihe den Vergleich) – als ein scheinbar ranghöherer Parkangestellter, vermutlich der Obergärtner, herbeieilte und darauf bestand, das Zelt könne unmöglich an dieser Stelle stehen bleiben.

Er blickte um sich und wies uns an, unser Domizil zwischen besagtem Pavillon und der daneben stehenden Tanne aufzubauen. Also zwei Meter neben der aktuellen Position, an einer Stelle, die zu klein für die Grundfläche des Zeltes war. Ich bewegte das Innenzelt an die verlangte Stelle, um zu zeigen, dass es nicht passte. Während der nachfolgenden Diskussion wurde ich immer ungehaltener, bis ich schließlich beschloss, wieder abzubauen und die heiligen Grünflächen Shirvans zu verlassen.

Jetzt kam ein dritter Gärtner hinzu und deutete uns an, wir sollen das Zelt mitten auf der Wiese aufbauen; nicht am Rand, so dass es nicht störte, wie ich es ursprünglich vorhatte und auch nicht dort, wo es gar nicht hinpasste, nein, einfach mitten auf der Wiese. Gesagt, getan, stand das Zelt und die Fotosession begann.

Als wir eine halbe Stunde später anfingen, im Pavillon zu kochen, hatte einer der Gärtner bereits die Polizei gerufen, denn scheinbar gab es Stress mit einem der Touristenbegaffer. Es folgte eine hitzige Diskussion mit Schubsereien, bis schließlich zwei Beamte eintrafen und die Situation klärten. Die beiden vertrieben auch die Gaffer um uns herum, was aber keinen längerfristigen Erfolg hatte. Kaum hatte sich der Polizist 50 Meter vom Pavillon entfernt, standen wieder dutzende Leute um uns herum.

Wie die Wilden

Menschentrauben versammeln sich um uns - Shirvan, Iran

Menschentrauben versammeln sich um uns - Shirvan, Iran

Da man uns hier ausrauben wollte, verließen wir die Stadt um 10 abends wieder.

Wir hatten uns im Iran daran gewöhnt, überall von jedem begafft zu werden und machten uns nicht wirklich etwas daraus. Auch als einer der geistig minderbemittelten Vollidioten auf unsere Saftpackung sprang und somit nicht nur unser Getränk für diesen Abend vernichtete, sondern auch noch Zelt, Rucksack und Packtaschen mit klebriger Pampe übersäte, blieben wir ruhig. Dass ein anderer der gottesfürchtigen Mongos im Tumult mein Schaltauge verbogen hatte, fiel mir leider erst eine Stunde später auf.

Irgendwann tauchte die Iranerin vom Supermarkt wieder auf und verkündete, ihr Vater, der Englischlehrer sei, würde sich gerne etwas mit uns unterhalten. Warum nicht, dachten wir, und eine Viertelstunde später gesellte auch er sich in unsere Runde. Die Polizei hatte es mittlerweile aufgegeben, die gaffende Menge aufzulösen und stattdessen selbst das Weite gesucht.

Geplanter Raub

So unterhielten wir uns mit dem Englischlehrer, dessen Sprachbeherrschung beinahe deutsches Leistungskursniveau hatte, bis der Jugendliche, der direkt vor uns saß, ihm sagte, dass jemand hinter uns gerade das Zigarettenpäckchen aus unserer Einkaufstüte gestohlen habe. Ich regte mich etwas darüber auf, aber dachte mir schließlich, dass der eine Euro den Ärger nicht wert sei.

Natürlich wusste jeder der Anwesenden, inklusive unseres Lehrers, wer die Kippen geklaut hatte, doch niemand rückte mit der Wahrheit heraus. Etwas beiläufig erwähnte unser Lehrer dann, dass es ja einige Probleme in der Stadt gäbe und die Jugendlichen in ihren Banden öfters mal aneinander gerieten. Zum Beispiel hätten sich drei der Jugendlichen am Pavillon gerade eben darüber unterhalten, wie sie uns ausrauben und unsere Fahrräder stehlen würden. Er beteuerte, es sei das beste, wenn wir nicht hier, sondern bei ihm zu Hause schliefen.

Ein Exempel

Jeder, der die bisherigen Artikel über den Iran gelesen hat, kann sich vorstellen, wie oft ich dieses Angebot ablehnen musste, wie schwierig es war, ihm klarzumachen, dass wir weder hier im Park, noch bei ihm zu Hause schlafen würden. Dass wir nicht in der Stadt bleiben würden, auch wenn es schon nach elf Uhr war. Mia wollte der Einfachheit halber sein Angebot annehmen, doch das war mir zu trivial. Ich wollte weder den Schwanz einziehen, noch ein Risiko eingehen.

Da in der Zwischenzeit wohl die halbe Stadt, inklusive der Polizei, wusste, dass deutsche Touristen hier waren, sollten sie nun erfahren, dass die deutschen Touristen das schöne Shirvan mitten in der Nacht wieder verließen, weil das satte Grün der taufrischen Parkwiese es nicht einmal verdient hatte, dass ich meinen morgendlichen Stuhl darauf herabließe. Die Stadt zu verlassen war, meines Erachtens nach, die einzige Möglichkeit, das Problem an höherer Stelle aufs Tapet zu bringen.

Technischer Defekt

Wir bauten ab, packten zusammen, sattelten auf und verließen den Park. Das heißt, wir versuchten es. Als ich an einer kleinen Steigung schalten wollte, sprang meine Kette wild über die gesamte Kassette hinaus und verklemmte sich zwischen Speichen und größtem Ritzel. Mit beladenem Bike war sie nicht zu befreien, so dass ich schließlich wieder absattelte und das Laufrad rausholte, um die Kette zu lösen. Das alles geschah natürlich, während dutzende helfender Hände von allen Seiten dazwischenfuchtelten, von denen jede einzelne besser wusste, wie das Problem zu lösen war. Ruhig zu bleiben, war am heutigen Tag eine wahre Tugend.

Paar auf’s Maul?

Auf dem Weg aus der Stadt heraus rollten wir noch an einer Schlägerei vorbei, wo sich zwei Autofahrer mitten auf der Straße die Meinung geigten, bis wir schließlich, wenige Kilometer hinter dem Stadtrand, auf einem Acker neben einem kleinen Steingebäude campierten. Mittlerweile war es fast ein Uhr nachts und wir würden es sicherlich nicht schaffen, am nächsten Morgen um fünf aufzustehen, um dem Gegenwind, der meist nachmittags aufkam, zu entgehen.

Meine Geiß in Shirvan, Iran

Meine Geiß in Shirvan, Iran

Doch jede Aktion hat auch immer eine Reaktion, jede Handlung hat Folgen, und so passierte am nächsten Morgen etwas, das ohne den heutigen Tumult nie passiert wäre. Worum es sich dabei handelt, erfahrt ihr im nächsten Nils Holgersson.

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