Noch mehr Felder bei Kangal

Ein langer Tag

Aus dem Schnee …

Unser Zelt im Schnee bei Uzunpınar

Unser Zelt im Schnee bei Uzunpınar

Ich wachte früh morgens bei strahlendem Sonnenschein auf. Die klirrende Kälte verwandelte meinen heißen Kaffee im Nu in eine lauwarme Plörre und die dünne Schneedecke begann langsam zu tauen. Ich wollte los, bevor der noch gefrorene Feldweg sich in eine langgezogene Schlammpfütze verwandeln würde, doch Michis ausgeprägte Schlafsucht verzögerte die Abfahrt, wie fast jeden Tag, um eine Stunde. Wir saßen schließlich auf den Rädern und rollten vorsichtig den zum Teil immer noch rutschigen Pfad in Richtung GPS-Track, welchen wir einige Kilometer zuvor verlassen hatten. Ich hoffte, der Feldweg abseits jeder verzeichneten Straße würde uns zurück in die Zivilisation führen und nicht abrupt an irgendeinem Abhang enden.

Morgensonne über verschneiten Feldern

Morgensonne über verschneiten Feldern

Der tauende Schnee verwandelte die Feldwege in eine Schlammhölle.

… in den Matsch

Unsere Bikes waren nach wenigen Metern zugeschlammt

Unsere Bikes waren nach wenigen Metern zugeschlammt

Nach wenigen Kilometern waren wir von den Hügeln in eine kleine Ebene gerollt, welche von niedrigem Gras bewachsen war. Der kleine Fluss, der sich durch das Gras schlängelte, hatte sich über die flachen Ufer auf große Teile der Ebene ausgebreitet und das Tauwasser verwandelte jede kleine Senke in eine übergroße Pfütze. Der lehmige Boden des Weges ließ sich anfangs noch gut fahren, fing aber bald an, am Profil der Reifen zu saugen und sich daran festzuhalten. Mit jedem Meter sammelte sich mehr Schlamm zwischen Schutzblech und Rad an, so dass die Räder sich einige hundert Meter weiter kaum noch drehten.

Zugeschlammte Geiß

Zugeschlammte Geiß

Der lehmige Schlamm sammelte sich unter den Schutzblechen und blockierte die Reifen. Es ging nichts mehr.

Wir versuchten schiebend weiterzukommen, aber im Spalt zwischen Lauffläche und Blech sammelte sich immer mehr klebrige Masse an, die sich mit jeder Umdrehung weiter verdichtete, bis das Rad schließlich ganz blockierte. Mit einem herumliegenden Stöckchen puhlten wir den gröbsten Schlamm heraus und schoben weiter, nur um einige Schritte später festzustellen, dass schon wieder alles verstopft war. Unsere Gefährten ließen sich mit stehenden Rädern fast nicht vorwärtsbewegen, so dass ich schließlich absattelte und abwechselnd zuerst meine Packtaschen, dann mein Rad, hundertmeterweise vorwärts trug, in der Hoffnung, der Weg würde bald wieder befahrbar sein.

Nach einem knappen halben Kilometer wurde der Untergrund fester. Ich sattelte auf und war froh, wieder normal fahren zu können. Ich steuerte durch jede Pfütze, um so die Profile vom Morast zu befreien. Michi kämpfte hinter mir weiter mit ihrem bepackten Schlammesel, aber auch sie hatte bald das Schlimmste hinter sich und konnte wieder aufsteigen. Die Straße stieg etwas an und wurde bald trockener und fester, bis wir zur Einfahrt des ersehnten Dorfes kamen.

Terroristenverarsche

Schafe auf der Weide

Schafe auf der Weide

Wir mussten einen kleinen Hang hinauf, der von den hindurchgetriebenen Schafherden in ein Schlachtfeld verwandelt worden war, das dem von Verdun bis auf die Abwesenheit von roten Mohnblumen um wenig nachstand. Michi hatte Glück und schaffte es ohne absteigen zu müssen bis ganz nach oben, doch meine Räder versagten auf halbem Weg abermals ihren Dienst und standen still. Leicht fluchend schob ich mein Gefährt den Hang hinauf.

Oben angekommen erwartete mich ein alter, grauhaariger Bauer mit zerfurchtem Gesicht. Er fragte mich mit unverhältnismäßig lauter Stimme, ob ich Terrorist sei. Ich versicherte ihm, in meinen Packtaschen ausschließlich Bomben zu transportieren und fragte, wann der Asphalt wieder anfinge. Er lachte nur und meinte, nach zwanzig Kilometern.

Erinnerte die Einfahrt des Dorfes an die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges, dann spotteten die Gassen im Dorf jeder Beschreibung. Esel, Pferde, Stiefel und Geländewagen hatten die Ortsdurchfahrt bis zur Unkenntlichkeit zu einer Jauchegrube gemacht, durch die wir unsere Gefährten schoben, sehr zur Belustigung der Dorfbewohner. Als der Schlamm uns auf der anderen Seite des Ortes wieder ausspuckte, erwartete uns der Segen einer asphaltierten Straße. Jetzt wusste ich auch, warum der Bauer mit der lauten Stimme so lachte, als er mir etwas von zwanzig Kilometern erzählte.

Magic Mushrooms und Bohneneintopf

Als zwei Kilometer später eine Tankstelle am Straßenrand auftauchte, war der Tag gerettet. Unsere Essensvorräte und Wasser waren vollständig aufgebraucht und wir hatten nicht erwartet, so schnell Nachschub zu finden. Doch die Regale des Tankstellenladens waren so leer wie unsere Mägen. Man bot uns einen Kaffee an, den wir dankend akzeptierten. Dann wurden wir ins Hinterzimmer der Tankstelle geführt, in dem außer einem Tisch noch zwei Betten mit groben Bettlaken und ein alter Holzschrank mit allerlei Gerümpel standen. Kurz darauf brachte man einen Wasserkocher und den allseits beliebten Nescafé.

Einer der Mitarbeiter sprach etwas Englisch und erzählte uns von seinem letzten Amsterdamaufenthalt. Ich grinste ihn an und er beteurte, ganz brav gewesen zu sein und nur Magic Mushrooms probiert zu haben. Dann wurde weißer Käse, Brot und Lahmacun aufgetischt – vermutlich das Mittagessen der Angestellten – und man bat uns, zuzulangen. Nach dem Essen wickelte man uns das übriggebliebene Lahmacun in Zeitungspapier, drückte uns zwei Dosen mit Bohnengericht in die Hand und wünschte uns eine gute Weiterfahrt.

Kangal, die Erste

Das Wahrzeichen von Kangal: der Kangal

Das Wahrzeichen von Kangal: der Kangal

Diese wahren Monster von einem Hund sind zahm wie ein Lämmer. Falls sie nicht anders erzogen wurden.

Auf den folgenden dreißig Kilometern gab es wirklich keine einzige Einkaufsmöglichkeit. Durch eine weite, von Bergketten gesäumte Ebene führte die fast schnurgerade Straße nach Kangal. Es war kein Zufall, dass die Stadt denselben Namen trug wie die Hunderasse. Auf dem Weg zum Stadtrand sah ich einige von Hundeställen umgebene Gebäude, die aber fast alle leer waren. Etwas weiter pries die übergroße Statue eines der ohnehin riesigen Hirtenhunde die Stadt als Zuchtzentrum an. Ich wartete an der gegenüberliegenden Tankstelle auf Michi. Die Stadt war nicht gerade eine architektonische Schönheit und wir fuhren, nachdem wir uns mit viel zu viel Lebensmitteln eingedeckt hatten, direkt wieder heraus.

Einen Kilometer nach der letzten Kreuzung bemerkte ich, dass wir uns verfahren hatten und wollte gerade umdrehen, als ein Wagen neben uns anhielt und der Fahrer mir meinen Fehler bestätigte. Er gab sich aber nicht damit zufrieden, mir den richtigen Weg zu erklären, sondern bestand darauf, vor uns herzufahren, bis wir auf der richtigen Straße wären.

Berge und Felder bei Kangal

Berge und Felder bei Kangal

Meine Ausrüstung hasst mich

Wir fuhren zurück und bogen dieses Mal richtig ab. Es ging eine kleine Anhöhe hinauf. Wegen der Steigung wollte ich aufs größte Ritzel schalten, doch meine Kette beschloss über das Ziel hinauszuschießen und sich zwischen Kassette und Speichen zu verklemmen. Wir versicherten dem Fahrer, auch ohne seine Hilfe an der nächsten Ampel links abbiegen zu können. Er verabschiedete sich und fuhr weiter.

Meine Kette ließ sich trotz aller Bemühungen nicht befreien. Sie bewegte sich kein Stück. Nach einigen Minuten gab ich fluchend auf und sattelte ab, um besser hantieren zu können. Als ob mein Rad auf dieser Tour ein Eigenleben entwickelt hätte, mit dem Ziel, mich in den Wahnsinn zu treiben, löste sich die Kette jetzt wie von selbst. Hätte meine Geiß ein Sprechorgan gehabt, bin ich mir sicher, sie hätte mich ausgelacht, während ich die Taschen wieder an ihr befestigte.

Sinan

Mit Sinan vor seiner Traktorgarage

Mit Sinan vor seiner Traktorgarage

Sinan bezahlte uns ein Hostelzimmer, Bier und Abendessen. Widerrede: zwecklos.

Es ging eine weitere Anhöhe hinauf. Die Sonne ging gerade unter, als wir eine geeignete Zeltstelle nahe der Straße sahen. Doch im selben Moment, in dem wir abbiegen wollten, hielt ein Wagen an und ein kleiner, untersetzter und wohlgekleideter Türke stieg aus und begrüßte uns überschwenglich. Als wir ihm erzählten, dass wir Deutsche seien, war er begeistert und lud uns ein, mit ihm zusammen im Hotel in Kangal zu schlafen. Dazu hätten wir allerdings wieder vier Kilometer zurückfahren müssen. Wir lehnten ab und versicherten ihm, trotz der Kälte in unseren Schlafsäcken nicht zu frieren. Nach einiger Diskussion einigten wir uns darauf, dass er Bier und Essen besorgte, während wir das Zelt aufbauten.

Tatsächlich kam er zwanzig Minuten später mit Hopfensaft und Abendmahl zurück. Wir tranken ein Bier zusammen, während er weiter versuchte uns davon zu überzeugen, dass es doch viel angenehmer sei, im Hotel zu schlafen, statt im Zelt auf der Wiese. Schließlich schaffte er es, uns zu überreden. Wir bauten das Zelt wieder ab, luden einen Teil unseres Gepäcks in sein Auto und folgten ihm zurück nach Kangal, wo er uns zwei Päckchen Zigaretten schenkte, bevor wir die Bikes in seiner Traktorgarage unterstellten.

Kangal, die Zweite

Das Hotel war ein Gästehaus für Lehrer, Studenten und Privatpersonen. Nach einer kurzen Diskussion bezogen wir unser kleines Dreierzimmer. Wir unterhielten uns, soweit dies mit meinem immer noch grottenschlechten Türkisch möglich war, über Sinans Karriere als Ringer, seinen Autounfall, bei dem er Teile seines Gedächtnisses verlor und seine Vorliebe für Evanescence, bis er fragte, wohin wir als nächstes fahren würden.

Ich zeigte ihm auf der Karte unsere Route, worauf er uns eindrücklich davon abriet, nach Van zu fahren oder sogar von dort aus die Straße zum südlichsten Grenzübergang in den Iran. In Kurdistan sei Krieg, es wimmle von Terroristen, der Iran sei ebenfalls viel zu gefährlich und wir sollten doch lieber nach Aserbaidschan oder Russland fahren, oder, wenn wir schon unbedingt in den Iran wollten, so sollten wir doch über Doğubeyazıt, der Stadt am Ararat, fahren und den dortigen Grenzübergang nutzen.

Der beste Weg in den Iran

Er zeigte uns die beste Strecke um dorthin zu gelangen – rund 300km feinste Autobahn. Während er mit seinem Finger die dicken roten Linien auf der Karte nachzeichnete, las er kennerisch die Namen der Städte vor, über die sein Finger strich. Beim ersten Versuch landete er allerdings an der Grenze zu Aserbaidschan, beim Zweiten verirrte er sich komplett und fragte mich dann, welches denn das Land neben dem Iran, südlich der Türkei, sei. Irak, Sinan, das ist der Irak. Dort wollen wir aber nicht hin.

Um weiteren Diskussionen über beste Strecken aus dem Weg zu gehen, sagte ich, wir würden vermutlich seinem Rat folgen, und packte die Karte wieder weg. Es ist wirklich erstaunlich, welche Vorstellungen manche Leute von der Situation in anderen Ländern haben, oder in diesem Fall, sogar vom eigenen Land.

Getrennte Zimmer

Es stellte sich noch heraus, dass Michi nicht mit uns zusammen im selben Zimmer schlafen konnte, weil wir kein Heiratsbuch hatten, und sie sich deshalb mit der „Headmistress of English“ ein Zimmer teilen sollte. Da diese am nächsten Morgen um sieben Uhr das Haus verließ und Michi aus ihrem Zimmer schickte, schliefen wir schließlich doch im selben Raum, wenn auch nur für eine Stunde.

Ein Zug in der Landschaft bei Kangal

Ein Zug in der Landschaft bei Kangal

Im nächsten Artikel erreichen wir den Euphrat, einen der beiden Flüsse, die einst den „fruchtbaren Halbmond“ Mesopotamien umschlossen, das neben Ägypten als Wiege der westlichen Zivilisation gilt.

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4 Gedanken zu „Ein langer Tag“

    1. Er kommt glaube ich ursprünglich aus Kangal, aber ist durch seinen Job immer unterwegs und hat in Kangal wohl keine eigene Wohnung mehr. Ich glaube er wohnt jetzt in Istanbul.

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