Fahrradfahrer im Sonnenuntergang bei Ahlat

Ein anstrengender Tag

Turksprachen und Turkvölker

Wie kam es, dass ich mich in Turkmenistan auf Türkisch verständigen konnte? Und warum war das auch in Usbekistan, Kirgistan und Teilen Chinas möglich? Was verbindet diese Länder? Nun, all diese Gebiete sprechen eine der vielen Turksprachen.

Die Xiongnu

Bereits im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung siedelten in den Gebieten nördlich des Herrschaftsgebietes der chinesischen Han-Dynastie Nomadenvölker, von denen viele Vorgänger der heutigen Turksprachen sprachen. Diese Völker drangen häufig in chinesisches Gebiet ein und forderten Tribute. Chinesische Chroniken nennen sie die „Xiongnu“. Der Bau der chinesischen Mauer sollte schließlich das Eindringen dieser Völker verhindern. Die Xiongnu gelten allgemein als Vorläufer der späteren Mongolen und Turkvölker.

Die Göktürken

Man nimmt an, der geographische Ursprung der sogenannten Turkvölker sei im Altaigebirge zu finden. Hier bildeten die Göktürken im sechsten und siebten Jahrhundert einen Zusammenschluss vieler nomadischer Stämme, welcher in seiner größten Ausdehnung vom Kaspischen Meer bis zur Mandschurei reichte.

Die Seidenstraße stellte zur Zeit des Göktürkenreichs die wichtigste Handelsroute zwischen dem östlichen Asien und dem westlichen persischen und römischen Reich dar. Da die Göktürken im sechsten Jahrhundert wichtige Teile der Seidenstraße kontrollierten, allen voran den Hexi Korridor in der heutigen chinesischen Provinz Gansu, welcher die einzige passierbare Schneise zwischen den Gebirgsregionen Tibets und der Mongolei darstellte, konnten sie den gesamten Handel zwischen Ost und West kontrollieren.

Weitere Reiche

Doch wie jedes Reich, ging auch das der Göktürken irgendwann zugrunde. Doch die Turkvölker, und mit ihnen die Turksprachen, siedelten auch weiterhin unter verschiedenen Herrschaftsschichten in den Gebieten entlang der Seidenstraße. Es kam das Uigurenreich, dessen Überreste heute noch in Nordwest-China erhalten sind. Dieses wurde im Westen von den Kirgisen zerschlagen, bevor die Mongolen unter Dschingis Khan fast ganz Asien und sogar Teile Europas eroberten. Auch dieses Reich zerbrach nach dem Tod des Khans.

Islamisierung

Ab dem achten Jahrhundert drangen muslimische Araber nach Mittelasien vor, islamisierten die dortige Bevölkerung und unterwarfen sie als Militärsklaven. Doch schon bald emanzipierten sich die Unterworfenen und gründeten eigene Reiche, allen voran das der Sultane von Ghazna. Dieses Turkvolk übernahm die persische oder arabische Sprache und verbreitete seine Kultur und somit den Islam in die angrenzenden Gebiete Indiens, Chinas und Anatoliens.

Die Osmanen

Größter Gegenspieler der Ghaznawiden waren die Seldschuken, welche ebenfalls ein Großreich gründeten und in einigen der eroberten Gebiete eigene, unabhängige Reiche konstituierten. Dieses Seldschukenreich hatte immensen Einfluss auf die Völker Mittelasiens und wir werden ihm in den folgenden Artikeln noch einige Male begegnen. Eines der von ihm gegründeten Reiche war das des Kleinfürsten Osman, der damit den Grundstein für die Entstehung des Osmanischen Reichs legte.

Same same, but different

So unterschiedlich die Kulturen und Geschichten all dieser Völker auch sein mögen, so verbindet sie doch die Zugehörigkeit zur gleichen Sprachfamilie. Anders als die weit voneinander entfernten indogermanischen Sprachen sind die Turksprachen einander sehr ähnlich. So wird sich ein Türke problemlos mit einem Aserbaidschani oder einem Turkmenen unterhalten können. Trifft er auf einen Uiguren, wird die Kommunikation zwar schwierig, doch rudimentäre Unterhaltungen wären auch hier möglich.

Nach diesem kurzen Überblick über die Herkunft und Geschichte der Turkvölker und ihren Sprachen komme ich nun endlich zum Reisebericht in Usbekistan.

Ein ganz normaler Grenzübergang

Straße, Sand und Sonne in Usbekistan

Straße, Sand und Sonne in Usbekistan

Der Großteil von Usbekistan, ist genau wie Turkmenistan, unglaublich flach.

Nach unserer erfolgreichen Deportation aus Turkmenistan standen wir im Niemandsland und hofften, der Eintritt nach Usbekistan würde problemloser verlaufen. Wie immer galt es, den Passmarathon zu durchlaufen.

Nachdem wir am letzten turkmenischen Wachtposten unsere Pässe gezeigt hatten, erreichten wir nach einigen hundert Metern ein kleines, grünes Wachhäuschen, wo wir einem usbekischen Soldaten unsere Reisepässe überreichten. Als nächstes gelangten wir an ein Tor, wo man unsere Pässe kontrollierte, bis wir uns schließlich dem eigentlichen Grenzgelände näherten.

In einem ersten, kleinen Gebäude überreichten wir einem Beamten unsere Pässe, woraufhin er uns zu einem weiteren Beamten schickte, dem wir ebenfalls unsere Pässe überreichten. Er führte den bereits aus Turkmenistan bekannten Gesundheitscheck durch. „Habt ihr Krankheiten?“ „Nein.“ „Gut.“ Dann kurz Temperatur messen und fertig war der Doktorbesuch.

Anschließend drei Mal in die Pedale getreten und schon rollten wir ans Tor des Haupt-Grenzgebäudes, wo man am Eingang, wer hätte es gedacht, unsere Pässe sehen wollte. Der nette Passbegutachter schickte uns hinein, um die Zollerklärung auszufüllen. Wie gehabt, dokumentierten wir unsere Finanzen und mitgebrachte Waren wie elektronische Geräte, Goldbarren und Panzerfäuste.

Wir waren gespannt, ob man uns an der Grenze auf die in Usbekistan bestehende Registrierungspflicht oder das Campverbot hinweisen würde, denn man durfte hier ausschließlich in Hotels übernachten und brauchte spätestens alle 3 Tage eine vom Hotel ausgestellte Bestätigung der Übernachtung. Doch an der Grenze erwähnte niemand diesen Umstand. Vermutlich sollte man auch in Usbekistan vor dem Grenzübertritt ein lokales Jurastudium absolviert haben.

Reinigung

Unsere Packtaschen durchliefen den Röntgenscanner und wir durften anstandslos einreisen. Als nächstes bat der Zollbeamte Mia in seinem halboffenen Hemd und mit laszivem Blick, sie solle ihre elektronischen Geräte wie Handys, Tablets und Laptops vorzeigen. Er hatte sie in der Zwischenzeit bestimmt schon zehn Mal gefragt, ob sie denn verheiratet sei. Mit jeder Verneinung glänzten seine Augen stärker. Den Höhepunkt seines Amüsements erlangte er dann, als er auf Mias Mobiltelefon diverse anzügliche Filmclips vorfand.

Sein eigentlicher Job wäre gewesen, diese zu löschen und Mia ihr Handy zurückzugeben. Doch er zog es vor, in aller Ruhe und in voller Lautstärke erst einmal alle Fortpflanzungsdokumentationen anzuschauen. Usbekistan war schließlich ein muslimisches Land und als solches war Pornografie hier strikt verboten. Nachdem seine Lüsternheit beschwichtigt war, zitierte er seinen Kollegen herbei, der sich außerhalb des Gebäudes langweilte. Er zeigte ihm Bilder von Mias angeblichem „Boyfriend“ und dem zwischen seinen Beinen und trug ihm dann auf, alle verwerflichen Dokumente zu löschen. Doch die eigentliche Intention war natürlich klar. Gemeinsam schauten sie ein weiteres Mal alle Filmchen an, fanden noch ein Nacktfoto von Mia selbst, bevor sie schließlich ihr Telefon zurück erhielt. Bereinigt von aller nackter Haut in Foto- oder Videoform.

Als nächstes war mein Tablet an der Reihe, doch glücklicherweise war dieses „sauber“. Ich hatte in der Zollerklärung zwar meinen Laptop aufgeführt, doch der Zöllner fragte nicht danach und ich sah keinen Grund, ihn darauf hinzuweisen. Ich hatte gerade wieder aufgesattelt und wollte das Gebäude verlassen, als er sich doch noch besann und fordernd stammelte: „Laptop?“ Der Rest der Konversation verlief in kurzen, klar verständlichen Phrasen:
– „Ja.“
– „Sex?“
– „Nein, den Porn hab ich nur zu Hause auf dem Rechner.“
– „Ist das legal in Deutschland?“
– „Ja. Alle meine Freunde haben Porn auf ihrem Rechner.“
Man konnte förmlich sehen, wie sich hinter seinen Pupillen erste Auswanderungsgedanken breitmachten. Mit demselben lüstern-überheblichen Grinsen, mit dem er uns begrüßt hatte, verabschiedete er uns wieder.

Sonne, Wind und Frustration

Chillende Usbeken nahe der Grenze

Chillende Usbeken nahe der Grenze

Wegen der Hitze und des Gegenwindes hielten wir am ersten Truck-Stop an und tranken mit der Lokalbevölkerung diverse alkoholische Getränke.

Wir verließen das Grenzgebäude und rollten bei 40 Grad in den Gegenwind. Ich zählte kurz zusammen und kam zu dem Ergebnis, dass wir seit diesem Morgen genau fünfzehn Mal unsere Reisepässe vorgezeigt hatten. Unsere Mägen knarzten, die Kehlen fühlten sich an wie verkalkte Bleirohre und das Stammhirn verlangte mit Nachdruck nach einem kalten Bier. Doch die nächste Stadt war laut meinem GPS noch viele Kilometer weit entfernt.

Mit schleppenden 10km/h traten wir auf schnurgerader Straße ohne jegliche Steigung eine halbe Stunde lang heftig in die Pedale, bis am Straßenrand ein verranztes Gebäude auftauchte, vor dem ein schwarzes Fahrrad mit roten Packtaschen stand. Wir stellten unsere Geißen ab und betraten die Oase inmitten der Wüste über eine kurze Treppe, die zu einer offenen Veranda führte. Im Schatten in der Ecke saß tatsächlich Patrick, dem es auch zu heiß und windig war.

Beschiss!

Mia und die Usbeken

Mia und die Usbeken

Wir fragten den Besitzer der Raststätte nach Bier und Essen und bekamen eine fast kalte Literflasche feinstes usbekisches Hopfengetränk und einen Teller voller köstlicher Samsa, den bereits aus Turkmenistan bekannten Teigtaschen, serviert. Der Liter Cola-Bier war schnell vertilgt und es folgte eine zweite, dritte und vierte Flasche, bevor einige Usbeken beschlossen, es sei an der Zeit, den Wodka auszupacken.

Im Verlauf des Abends fanden wir heraus, dass der Geldwechsler auf turkmenischer Seite Patrick um einige Dollar betrogen hatte. Etwas nervös packte ich unser dickes Bündel 1000 Som Scheine aus und zählte nach. 800 Scheine sollten es sein. Schon nach 200 Scheinen war mir klar, dass auch wir beschissen wurden. Für unsere $200 hatten wir statt der genannten 800.000 Som lediglich 400.000 Som erhalten. $100 zum Fenster raus geworfen. Ich war mir sicher, in Zukunft nie wieder Geld zu wechseln, ohne nachzuzählen. Jetzt verstand ich auch, warum die Wechselfrauen so interessiert daran waren, uns während des Wechselvorgangs in ein Gespräch zu verwickeln. Geschickt eingefädelt.

Gedächtnislücken

Meine Erinnerung an den Rest des Abends weist erhebliche Störungen im Raum-Zeit-Kontinuum auf. Ich war irgendwann mit einigen Leuten im Fluss neben der Raststätte schwimmen und zu recht später Stunde beglückte ich das traditionell konservative Volk der Usbeken mit „The Crown“, feinstem schwedischen Death Metal. Der Rest des Abends wird für immer in den Tiefen des usbekischen Wässerchens (Wodka ist der Diminutiv von Woda: Wasser) versunken bleiben.

Im nächsten Artikel erzähle ich euch, wie wir Bukhara erreichen, eine der wichtigen Städte der Seidenstraße.

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