Am Pandsch: Fluss oder See?

Durch die Schlucht nach Chorug

Interludium in feucht Moll

Am Abzweig zum Vanj-Tal

Am Abzweig zum Vanj-Tal

Eines von fünf parallelen Tälern, die den Pamir kreuzen.

Wenn es in Japan in Strömen regnet, das Bike repariert ist, und man gerade mitten im selbst angerichteten Chaos sitzt, das ausgeräumte Packtaschen so mit sich bringen, ist es an der Zeit, einen neuen Artikel zu schreiben. Doch wo war ich? Steinschlag, Schlucht, keine Campmöglichkeit, angespannte Gemüter, eine steinschlagfreie Hütte, ja, ich erinnere mich, der falsche Satz zum richtigen Zeitpunkt war gerade gefallen: „… dann fahr halt weiter.“

Bäh, bäh bäh bäh!

Weggerissene Straße am Pandsch-Fluss

Weggerissene Straße am Pandsch-Fluss

Die ungewöhnlichen Regenfälle hatten vielerorts die Straßen überschwemmt, weggerissen oder unter einem Erdrutsch begraben.

Die genauen Worte sind mir nicht mehr im Gedächtnis, doch ich weiß noch, dass unter erhobenen Stimmen die von Film, Fernsehen und besoffenen Fußballdeppen bekannte „Zeigefinger-auf-die-Brust-tipp-Geste“ durchgeführt wurde und kurz darauf die Diskussion beendet war. Vorerst.

Anselm kam zurück zur Hütte und erzählte, was passiert war, und dass die Situation nicht geklärt sei. Ich selbst war eigentlich eher an den Pfannkuchen interessiert, die es heute Abend geben sollte, als daran, den Kindergärtner zu spielen. Umso erleichterter war ich, als Deeskalations-Thorsten so lange auf Anselm einredete, bis dieser sich bei Mischa entschuldigt hatte.

Pfannkuchen machen glücklich

Pfannkuchen am Pandsch

Pfannkuchen am Pandsch

So geschah es, dass sich alle wieder lieb hatten, als wir eine gute Stunde später schmatzend über mehr als zwei Kilo süßer und herzhafter Pfannkuchen herfielen. Ich konnte nie verstehen, wie Menschen unter Stress oder in schwierigen Situationen so aggressiv, irrational und unkooperativ reagieren konnten. Doch jetzt, fast ein Jahr später, nachdem ich einige Monate alleine gereist war, während derer ich oft an das, was bisher alles passiert war, zurückdachte, habe ich festgestellt, dass auch einige meiner Handlungen bezüglich Mia – man denke an die Anekdoten der bisherigen Berichte zurück und antizipiere die der noch kommenden – sowie gegenüber mir selbst, alles andere als kritisch durchdacht und situationsgerecht waren.

Gigantische Felswände in Tadschikistan

Gigantische Felswände in Tadschikistan

Man beachte die beiden Radfahrer auf der Straße, um ein Gefühl für die Größenverhältnisse zu bekommen.

Trotz dieser Erkenntnis werde ich die Geschichten und Gedanken weiterhin so aufschreiben, wie ich sie zu dem Zeitpunkt erlebte, zu dem ich sie aufzeichnete. Ich hoffe damit niemandem auf die Füße zu treten, und das mir faktische sowie interpretatorische Irrtümer verziehen werden.

Landwirtschaft am Pandsch

Landwirtschaft am Pandsch

Wo das steile Terrain es zuließ, betrieb man auch hier Ackerbau.

Italo-Mirko war an diesem Abend leider nicht dabei, denn seine wunden Stellen im Schritt waren mittlerweile so schmerzhaft geworden, dass er in einem der letzten Dörfer zurückgeblieben war, um sich am darauffolgenden Morgen einen Wagen nach Chorugh (engl. Khorog) zu organisieren.

Cygnus X-1, Episode 1

Am nächsten Morgen hingen tiefe Wolken über den steil emporragenden Felswänden, als hätte Thor ein fleckiges Bettlacken über die Schlucht gespannt. Unter uns tosten die Wassermassen des Pandsch unablässig die Klamm entlang und um uns herum war nichts zu sehen, außer massives, rot-graues Gestein. Ich fühlte mich, als sei ich auf einem fremden Planeten aufgewacht.

Russischer MI-24 Hubschrauber

Russischer MI-24 Hubschrauber

Gelegentlich wurde man daran erinnert, dass man nicht weit von Afghanistan entfernt war. Dieser Hubschrauber wird seit 1969 gebaut. Man könnte ihn schon fast als Oldtimer ansehen.

Als dann ein alter, russischer Mi-24 Kampfhubschrauber tief durch den von Wasser, Wolken und Fels gebildeten Tunnel knatterte, war die Illusion perfekt. Es musste einfach passieren. Der Hubschrauber würde neben uns schweben und ein fremdartiges Wesen in futuristischem Kampfanzug würde mit einer Plasmakanone das Feuer eröffnen. Doch wir hatten Glück. Der Hubschrauber bog friedlich um die nächste Kehre des Flusses und war bald nicht mehr zu hören.

Grüße von Heraklit

Vom Erdrutsch verschüttete Häuser

Vom Erdrutsch verschüttete Häuser

Das lose Geröll hatte in der Nacht zuvor das Dorf überrascht.

Immer wieder hatten die schnell strömenden Fluten des Pandsch Teile der Straße weggerissen oder den Fels soweit ausgewaschen, dass es nicht mehr lange dauern würde. Jedes Jahr, jeden Tag, polterten Teile der Felswände in Erdrutschen und Steinschlägen ins Tal, veränderten die Landschaft, ließen Seen entstehen und begruben Dörfer und Wiesen unter sich. Im Pamir konnte man nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Die statische, regungslos scheinende Landschaft war ständig im Wandel.

Kabelbinder-u Akbar

Zwischenzeitlich war an Mias Ortlieb-Taschen ebenfalls eine der Plastikmuttern ausgerissen, aber auch hier schaffte ein Stück Holz und ein Kabelbinder Abhilfe. Nach einer Lobeshymne auf George M. Rapata, Erfinder des Kabelbinders, wendeten wir uns der Analyse von Plastiktüten zu; für Radreisende ein Thema von enormer Wichtigkeit.

Afghanische Viehzüchter

Afghanische Viehzüchter

Plastiktüten – Eine Einführung

Radeln durch entlegene Dörfer

Radeln durch entlegene Dörfer

Alles wird in Plastiktüten verpackt. So hält man wenigstens ansatzweise Ordnung in seinen Packtaschen und der Geruch der Schmutzwäsche verteilt sich nicht gleichmäßig auf alle anderen Gegenstände. Doch nicht alle Plastiktüten sind gleich. Nein! Es gibt gravierende qualitative und ästhetische Unterschiede.

Tadschike

Tadschike

In Deutschland erhält man im Supermarkt meist widerstandsfähige Tüten aus recht dickem Plastik, die auch entsprechend lange halten. Das Motiv ist ein Markenlogo, manchmal noch eine dämlich-zufrieden grinsende Frau oder Familie mit Perlweiß-Gebiss. Manche dieser Tüten habe ich jetzt, nach 15 Monaten, immer noch in Gebrauch.

In der Türkei, dem Iran und den meisten anderen bereisten Ländern, gab es beim Einkauf etwas kleinere Tüten aus dünnerem Plastik, das scheinbar auch weniger Weichmacher enthielt. Ihr kennt bestimmt diese knisternden, dünnen Plastiktüten. Im Normalfall sind sie nach einigen Wochen unbrauchbar. Sie sind meist weiß und, wenn überhaupt, ziert ein Marken-Logo das Verpackungsutensil.

Weite Landstriche waren überschwemmt

Weite Landstriche waren überschwemmt

Usbekistan stellte in der Welt der Plastiktüte einen Sonderfall dar. Der Entwickler der usbekischen Version setzte auf die schlichte Farbe schwarz. Aus Umweltbewusstsein wählte er bewusst eine sehr dünne Plastikart, denn das bedeutet weniger Plastikmüll. Das Problem war allerdings, dass diese Tüten bereits beim Befüllen im Markt rissen. Man verwendete also zwei oder gar drei Tüten übereinander, so dass der Kunde wenigstens die Möglichkeit hat, den Markt zu verlassen, bevor sein Einkauf sich auf dem Gehsteig verteilt.

Bestechungs-Gemüse

Grüne Felder am nächsten Checkpoint

Grüne Felder am nächsten Checkpoint

Hier war auch der Abzweig ins Bartang-Tal zu finden.

Wir hatten zu spät erfahren, dass an den Checkpoints der Region Berg-Badachschan oft Kopien des Reisepasses verlangt wurden. Und nachdem wir einige Male Glück hatten, wurde am dritten (oder war es schon der vierte?) Checkpoint schließlich eine Kopie verlangt.

Es sah so aus, als habe der Wagen, der das Wachhäuschen vor uns passiert hatte – scheinbar ein Gemüsehändler – den Wachhabenden mit einigen Tomaten wohlgestimmt, so dass er passieren durfte. Doch was sollten wir machen? Wir hatten kein Bestechungs-Gemüse.

Reflektionen im Wasser am Pandsch

Reflektionen im Wasser am Pandsch

Wir erklärten, dass wir nichts von Kopien wussten und deshalb keine hätten, worauf der uniformierte Herr uns mitteilte, dass wir dann halt weiterfahren müssten, ohne eine Kopie abzugeben. Einfacher als erwartet. Doch damit nicht genug, schenkte er uns noch die Bestechungs-Tomaten und wünschte uns eine schöne Weiterreise.

Das unendliche Geschluchte

Teilweise war der Pandsch sehr breit

Teilweise war der Pandsch sehr breit

Unsere Kolonne schob sich Tag um Tag weiter durch die Schluchten des Pandsch. Nur selten weitete sich das Tal und bot Platz für eine größere Siedlung, doch der Großteil unserer Fahrt verlief durch eine unendlich lange Schlucht, die ein ums andere mal den weiten Windungen des Flusses folgte, das Rot und Grau des kahlen Gesteins dort von grünen Oasen unterbrochen, wo sich die Möglichkeit ergab, eine Handvoll Häuser und Gärten zwischen Fluss und Klippe zu drängen.

Zu Besuch Bei Pamiris

Zu Besuch Bei Pamiris

In Berg-Badachschan sprachen viele Jugendliche Englisch.

Tadschikisches Mädchen

Tadschikisches Mädchen


Alter Tadschike

Alter Tadschike

Vor allem auf afghanischer Seite klammerten sich hochgelegene Äcker in beinahe absurden Winkeln an den Untergrund, steiler, als die Weinhänge entlang Rhein und Mosel, und vor allem weitaus unzugänglicher.

Nach vier Tagen beeindruckender Schluchterlebnisse hatten wir allerdings genug. Der tosende Fluss war zu einem lärmenden Störfaktor geworden, die kleinen, grünen Dorf-Oasen sahen alle gleich aus und die imposanten Felswände nahmen wir schon gar nicht mehr wahr.

Chorugh und Solidream

Straßenschild in Chorugh

Straßenschild in Chorugh

Murghab 321km, Osch 740km

So waren wir alle bester Dinge, als sich kurz vor dem auf 2066 Metern gelegenen Chorugh das Tal weitete, der Fluss sich in zwei Arme verzweigte, und man nicht mehr das Gefühl hatte, durch einen gigantischen Tunnel zu fahren. Unsere erste Anlaufstelle war die Touri-Info, denn Thorsten und Anselm wollten in eine Region östlich des Pamir Highways fahren, wozu eine gesonderte Erlaubnis nötig war.

Solidream meets Radwild

Solidream meets Radwild

In Chorugh traf ich in der Pamir Lodge zufällig die Halunken von Solidream.

Vor der Touri-Info lernten wir drei Franzosen kennen, die ebenfalls mit den Bikes im Pamir unterwegs waren. Man unterhielt sich, packte eine Landkarte des Pamir aus und diskutierte die besten Holperpfade der Region, bis sich herausstellte, dass es sich bei den dreien um die Solidream-Fritzen handelte. Zugegeben, weltberühmt sind sie nicht, doch eigentlich war fast jeder, den ich bisher in der Nähe des Pamir auf einem Bike getroffen hatte, schonmal über ihre Webseite oder Youtube-Videos gestolpert.

Sie wollten drei Monate im Pamir bleiben, um mit ihren Bambus-Fatbikes einen Bike-Film zu drehen, würden allerdings in einigen Tagen nach Murghab fahren, um sich dort mit Véro zu treffen, bei der wir in Duschanbe übernachtet hatten. Ja, die Welt der Radreisenden ist klein und der Pamir ein Dorf.

Rast in der Pamir Lodge

Da mein Visum nur bis zum 12.8. gültig war, ich also in 13 Tagen über die Grenze musste, war in Chorugh eigentlich nur ein Pausetag geplant. Doch Mia ereilte im Hostel ein nahezu außerirdischer Durchfall und ich konnte einen zweiten Ruhetag ebenfalls gut gebrauchen. Im Allgemeinen schien dieser Ort nicht gut für die Gesundheit zu sein, denn nachdem bereits zwei der Solidreamer erkältet waren, fing sich nun auch der letzte eine Erkältung ein.

Grüne Täler nahe Rushon

Grüne Täler nahe Rushon

Der erste Abend im Hostel war für eine weitere Überraschung gut, denn die nächsten beiden Radler, die an diesem Tag einchecken würden, waren Flo und Minxin, die wir im Iran zum ersten Mal getroffen hatten, und die scheinbar seit Duschanbe konstant einen Tag hinter uns lagen. Als dann noch Nico und Gökben, also Team Frosch, mit ihren Liegerädern zur Tür hineinkamen, waren fast alle, die wir unterwegs kennengelernt hatten, wieder am selben Ort versammelt.

In welcher Konstellation es weiter ging und wie sich mein Traum, die gesamte Strecke mit dem Rad zurückzulegen, zum ersten Mal in Luft auflöste, könnt ihr dann im nächsten Artikel lesen.

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