Solidream meets Radwild

Chorug nach Ischkoschim: Esel, Wesch und Tunnelblick

Chillen im Pamir

Chorugh, wo der Gunt in den Pandsch mündet

Chorugh, wo der Gunt in den Pandsch mündet

Das Gunt-Tal ist die Mittlere der fünf Routen durch den Pamir.

Ich verbrachte zwei entspannte Tage in der Pamir Lodge. Ich unterhielt mich mit Ani, einer Physikprofessorin aus New York, über Gott und die Welt, paffte mit den anderen gelegentlich vom guten „Wesch Babinga“, wie es die Pamiris nannten, was so viel bedeutete wie „Hasch, wie es schon der Großvater rauchte“, und hatte eine angenehme Zeit. Nur die gelegentlichen Regenschauer waren etwas verstörend, denn wie bereits erwähnt, sollte es hier zu dieser Jahreszeit eigentlich gar nicht regnen. Laut Statistik fallen in Chorugh im August genau 0mm Niederschlag.

The Great Game

Chorugh ist ja nicht gerade eine weltbekannte Metropole. Wo genau war ich eigentlich gerade? Eins war klar: ich war in der Mitte vom Nirgendwo. Also was hat diese Stadt hier zu suchen?

Das Russische Reich erlangte zwischen dem Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts seine größte Ausdehnung. Es war nach dem Mongolenreich das Größte Reich der Geschichte. Doch eines hatte es nicht. Und das war ein Hafen, der im Winter nicht zufror. Deshalb versuchte es, am Indischen Ozean einen eisfreien Hafen zu erlangen.

Dummerweise kontrollierte gerade Großbritannien mit seiner Kronkolonie Indien, der Perle des Britischen Empires, den Zugang zu eben diesem Ozean.

Winkende Afghanen

Winkende Afghanen

Doch auch die Briten hatten ihre Probleme und bissen sich bei dem Versuch, Afghanistan zu erobern, dreimal die Zähne aus. Schließlich legten sie gemeinsam mit den Afghanen dessen nördlichen Grenze fest. Es war die Geburtsstunde des etwa 15 bis 50 Kilometer breiten Wachan-Korridors, der den Westen des britischen Indiens, also das heutige Pakistan, vom russisch kontrollierten Zentralasien trennte.

So wurde Afghanistan ein Pufferstaat zwischen den beiden Großreichen Großbritannien und Russland. Das Gerangel um die Vormachtstellung in Zentralasien und wer das schönere Großreich hatte, ist unter dem Namen „The Great Game“ bekannt.

Russland gründete gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Garnisonsstadt Chorugh. Man stationierte hier Truppen, weil man die Hosen voll hatte. Genau wie Mia in der Pamir Lodge. Und ich in Laos. Doch dazu zu gegebener Stunde mehr.

Aufbruch, Teil 1

Anselm, Thorsten, Mischa und Mirko machten sich einen Tag vor Mia und mir wieder auf den Weg. Durch langwierige Diskussionen hindurch wurde aus „Mirko mit der Gitarre und dem 60 Kilo Gepäck“ nach und nach Mirko-Light, also mit ungefähr so viel Gewicht wie wir alle.

Wie ich später erfuhr, würde die Gruppe in dieser Konstellation nicht lange zusammen fahren, denn Anselm hatte vor, in den Osten zu fahren, um dort ein altes russisches Observatorium zu „besichtigen“, von dem die Solidreamer berichtet hatten. Sie erzählten, die gesamte Sternwarte sähe im Inneren so aus, als sei sie in den 80ern fluchtartig verlassen worden; alles, Geräte, Aufzeichnungen, Bleistifte, läge noch so herum, als wäre gerade Mittagspause.

Thorsten wollte im Gebirge wandern gehen, genau wie Mischa, soweit ich mich erinnere. Mirko war sich nicht so ganz sicher, wem er sich anschließen würde.

Fatbike Testride

Am nächsten Morgen durften wir noch kurz die Fatbikes der Solidream-Leute fahren. Bambus-Rahmen, Rohloff Nabenschaltung, Top-Scheibenbremsen, das war schonmal eine Ansage. Doch mit den Ballonreifen, die eher an einen Rettungsring als an ein Fahrrad erinnerten, fuhr es sich tatsächlich beinahe wie ein Fully mit „lustig“ eingestellter Federung. Auf jeden Fall ein interessanter Kompromiss, wenn man ohne Federgabel und Dämpfer etwas Fahrkomfort im Gelände sucht.

Aufbruch, Teil 2

Brennende Müllhalde in Tadschikistan

Brennende Müllhalde in Tadschikistan

Auch in Tadschikistan wird der Müll aufgrund mangelnder Infrastruktur oft einfach verbrannt.

Recht spät schafften es Mia, Flo, Minxin und meine Wenigkeit endlich, die Pamir Lodge auf unseren Rädern zu verlassen. Ich musste noch kurz zum Marktplatz und wie es der Zufall wollte, trafen wir auf der Hauptstraße auf Eric und Charlotte, die beiden Franzosen aus dem Green House Hostel in Duschanbe. Eric war ja, wie bereits gehört, eine Felge gerissen, so dass beide mit einem Pick-Up zurück nach Duschanbe mussten. Sie hatten sich dann mit repariertem Laufrad zurück zu der Stelle bringen lassen, wo die Felge gerissen war, und sind ab dort weiter geradelt. Das nenne ich konsequent. Respekt 🙂

Die beiden Deutschen, mit denen sie in Chorugh ankamen, waren Björn und Jörg von Velofilia (http://www.velofilia.de), die wir hier (die Fahrradwelt ist klein) nicht zum letzten Mal sehen würden. Nach einem kurzen Plausch fuhren wir weiter.

Nabe mit Spiel

Unterwegs bemerkte ich, dass meine Hinterradnabe leichtes Spiel hatte. Ungünstig! Vor allem, weil man bei den aktuellen Shimano-Naben, wenn ich das System richtig verstanden habe, das Spiel nicht einstellen kann. Doch die Gewalt-Lösung schaffte Abhilfe. Ich knallte einfach den Schnellspanner richtig fest zu, der drückte dann die Nabe zusammen, und schon war das Spiel verschwunden. (Hält auch jetzt noch, 10000km später.)

Bildung statt Bauer

Reißender Pandsch

Reißender Pandsch

Hier ist der Pandsch alles andere als ruhig

Nach den bisherigen Ländern Zentralasiens und den anderen Regionen Tadschikistans war ich erstaunt, wie viele Leute in Berg-Badachschan Englisch sprachen. Ein Pamiri erklärte mir, dass sie in dieser Region verstärkt auf Bildung setzten, da es hier, im Gegensatz zu den restlichen Regionen des Landes, wegen der schlechten Verkehrsanbindung und schlichtweg aus Platzgründen weder Industrie noch Agrarland gäbe.

So blieben in der heutigen Zeit lediglich der Tourismus und die Bildung zum Brötchenerwerb. Einer von drei Campus der University of Central Asia befindet sich in Chorugh und die Aga-Khan Stiftung betreibt mehrere Projekte, um den Pamiris eine Zukunft zu ermöglichen. Doch die Arbeitslosigkeit ist hoch und die Abgeschiedenheit der Region im Zuge der weltweiten Landflucht nicht gerade förderlich.

Same, Same

Was die Landschaft angeht, so war vor Chorugh nach Chorugh. Das zwischen steilen Bergflanken eingepferchte Tal war zwischen Chorugh und Ischkoschim zwar häufig etwas breiter als auf den letzten 200 Kilometern, doch es fühlte sich fast genauso eng an wie davor.

Billigurlaub

Durch unsere späte Abfahrt schafften wir an diesem Tag nur schlappe 40 Kilometer. Auf der Suche nach einer Zeltstelle trafen wir am Fluss auf eine Gruppe von acht Holländern, die mit Geländewagen unterwegs waren. Einen der Wagen habe die Gruppe in der Mongolei gekauft, um ihn nach dem Urlaub in Kirgisistan zu einem weit höheren Preis wieder zu verkaufen. So hofften sie, dank der Preisunterschiede der beiden Länder, ihren Urlaub kostenlos zu bekommen.

Progressive Eskalation

Reisegeiß an der Grenze zu Ischkaschim

Reisegeiß an der Grenze zu Ischkaschim

Am nächsten Morgen hatte Mia abermals mit ihrem Magen und Darm zu kämpfen. So ganz ausgestanden war die Sache scheinbar doch noch nicht, aber Antibiotika lehnte sie weiterhin strikt ab. Flo und Minxin fuhren bereits vor uns los, während wir abwarteten, bis es Mia etwas besser ging.

Nach einer halben Stunde Fahrt hatten wir Team Deutsch-China bereits wieder eingeholt. Am Straßenrand zog gerade ein etwas genervter Flo den Mantel von der Felge. Schnaufend sagte er, es sei nicht das erste Mal für heute.

Ungewöhnlicher Scherpa

Esel und Fahrrad

Esel und Fahrrad

Dieser wahnsinnige Italiener kaufte sich in Langar einen Esel und wanderte mit ihm durch den gesamten Wachankorridor.

Während wir auf der Suche nach dem verflixten Loch waren, erreichte uns ein italienischer Wanderer mit seinem Weggefährten, einem tadschikischen Esel. Er meinte, sein Rucksack sei auf die Dauer etwas schwer geworden und der Esel hätte ihn in Langar nur ‘n Appel und ‘n Ei gekostet. Ich hätte mir auch einen Esel zulegen sollen!

Nach kurzer Zeit war Flos Rad wieder einsatzbereit und wir machten uns auf den Weg nach Ischkoschim, wo wir gerne heute noch ankommen wollten. Als Flo nach lediglich zwei Kilometern schon wieder auf der Felge daherschrubbte, war seine Geduld am Ende. Er wollte einen Wagen bis Ischkoschim haben. Doch woher nehmen, in der Mitte vom Nirgendwo?

Mission Impossible

Quellfluss am Berghang

Quellfluss am Berghang

Mia hatte abermals Magenschmerzen und Minxin wirkte langsam auch etwas gereizt. Mir war in der Zwischenzeit alles egal. Ich hätte gerne einen Wagen bis zur kirgisischen Grenze genommen, denn durch unseren Verzug war es mittlerweile unmöglich geworden, die geplante Strecke bis zum Ablauf des chinesischen Visums zu schaffen.

So könnte man wenigstens noch Kirgisistan komplett fahren und müsste nicht beide Länder kürzen. Aber Mia betonte immer wieder, sie hätte dazu kein Geld. Jetzt war auch ich gereizt, denn für Alkohol und Zigaretten war ja genug Kohle vorhanden. Aber bald würde sie ja sowieso an der Sunshine Coast surfen lernen. Gleich nachdem sie einen Job in China gefunden hatte.

Wagen oder nicht Wagen

Nachdem der Reifen abermals repariert war, fuhren wir weiter Richtung Süden. Minxin fragte jeden Tadschiken, den sie traf, nach einem Wagen, um die verbleibenden 50 Kilometer zu überbrücken, doch Flo war sich in der Zwischenzeit gar nicht mehr so sicher, dass er ein Vehikel wollte. Jetzt eskalierten auch die deutsch-chinesischen Beziehungen, bis Minxin schließlich gefrustet im Eiltempo davonstürmte.

Solitäre Entspannung

Ich ließ mich hinter die anderen zurückfallen, stöpselte meine Kopfhörer ins Ohr und rollte gemütlich zu Porcupine Tree durchs Pandschtal. Vielleicht war es letztendlich gar nicht so schlimm, alleine zu fahren. Vielleicht würde ich mich ja tagsüber gar nicht langweilen und mir nachts auch nicht in die Hosen scheißen.

So Nah und doch so Fern

Bei einer kurzen Raucherpause stellte ich fest, dass ich mich an einer interessanten Stelle befand. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses lag ein schmaler Streifen Afghanistan, der mich vom nur 50 Kilometer entfernten Pakistan trennte. 300 Kilometer nördlich lag Kirgisistan, 300 Kilometer südlich begann bereits Indien und in östlicher Richtung waren es gerade einmal 320 Kilometer bis zur chinesischen Grenze.

Alles war zum greifen nah, doch die unüberwindbaren Gebirgskämme, nur an wenigen Stellen über Trampelpfade von Pässen durchbrochen, machten aus den kurzen Distanzen gefährliche Expeditionen.

Das Pandsch-Tal wird langsam breiter

Das Pandsch-Tal wird langsam breiter

Licht am Ende des Tunnels

Je weiter ich mich Ischkoschim näherte, desto breiter wurde das Flusstal. Würde man nun einen Landesgenossen aus Deutschland hierherteleportieren, würden ihm die majestätischen Berge, das Farbenspiel aus golfplatzgrüner Flussoase und grau-brauner Lebensfeindlichkeit schier den Atem rauben. Ich hingegen war froh, dem Canyon bald zu entfliehen und wieder mehr zu sehen, als nur steile Wände. Nach tagelanger Tunnelfahrt freute ich mich auf Mondlandschaften und Siebentausender.

Von spartanischer Versorgung, persischer Ehre und einem frustrierten Protagonisten erzähle ich dann im nächsten Artikel.


Vorheriger Artikel: Durch die Schlucht nach Chorug
Zurück zum Übersichtsartikel

Ein Gedanke zu „Chorug nach Ischkoschim: Esel, Wesch und Tunnelblick“

  1. Wann habt ihr eigentlich entschieden, Kasachstan wegzulassen? Du schreibst ja hier:

    Ich hätte gerne einen Wagen bis zur kirgisischen Grenze genommen, denn durch unseren Verzug war es mittlerweile unmöglich geworden, die geplante Strecke bis zum Ablauf des chinesischen Visums zu schaffen. So könnte man wenigstens noch Kirgisistan komplett fahren und müsste nicht beide Länder kürzen.

    …was dann wohl impliziert, dass Kasachstan vor China überhaupt nicht mehr auf dem Plan stand. Hmm, und wo ich jetzt drüber nachdenke, war auch schon in den beiden Artikeln über den Visa-Marathon in Teheran keine Rede mehr von Kasachstan.

    Aber auf der „geplanten Strecke“ im Übersichtsartikel sieht man, dass ursprünglich ein Zipfelchen Kasachstan vorgesehen war. Aber erzählt hast du dazu hier glaube ich nichts. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.