Zeltplatz am Fluss bei Marzanabad

Chalus Road

Streckenempfehlungen

Das Elburs Gebirge

Das Elburs Gebirge

Heute stand die gefährliche Chalus Road auf dem Programm. Viele hatten uns vor dieser Straße gewarnt, Ali Reza hatte uns eindrücklich davon abgeraten, diese gefährlichste aller Routen zu nehmen. Aber wenn uns unsere bisherige Erfahrung etwas gezeigt hat, dann ist es, dass Aussagen bezüglich Straßenzustand, Wegwahl, Steigung oder Gefährlichkeit absolut wertlos sind, wenn sie von Personen kommen, die noch nie eine Fahrradtour gemacht haben. Und selbst die Aussagen von Fahrradtouristen sind zum Teil mit Vorsicht zu genießen.

YMCA

Oettinger Alkoholfrei im Iran

Oettinger Alkoholfrei im Iran

Wir verließen das Kaspische Meer wieder, ohne auch nur einmal darin geschwommen zu sein, doch keiner von uns beiden hatte Lust darauf, mit den Kleidern schwimmen zu gehen. Bevor wir aus Chalus herausfuhren, wollten wir in einem der letzten Läden Abendessen und Wasser kaufen. Dort sprach uns ein Iraner auf tiefstem Manchester-Englisch an, ob er uns helfen könne. Er sah aus als sei er einem Village People Video entsprungen und war unheimlich nett und hilfsbereit.

Hup doch mal

Entlang der gefährlichen Chalus-Road

Entlang der gefährlichen Chalus-Road

Ab hier würde es über 2600 Meter am Stück bergauf gehen. Obwohl gerade kein Wochenende war, schob sich eine ähnliche Autokolonne die Chalus Road hinauf, wie wir es schon vor 2 Wochen auf der Abfahrt nach Astara erlebt hatten. Und alle waren in Urlaubsstimmung, was bedeutete, alle freuten sich so sehr, uns zu sehen, dass sie ausgiebig hupten.

Chalus-Road

Chalus-Road

Für Busse wurde es auf der Chalus-Road manchmal ziemlich eng.

Manchmal hatte ich das Gefühl, gerade die Fahrer der dickeren Wagen hupten besonders viel und starrten anschließend in den Rückspiegel, um zu überprüfen, ob man auch ordnungsgemäß zurückwinkte. Je teurer das Auto, desto nerviger das Gehupe. Viele Bauern auf Eselgespannen und Arbeiter in blauen Lastwagen hupten kaum oder gar nicht – na gut, die Eselgespanne hatten gar keine Hupe – sondern grinsten uns nur an, winkten und freuten sich aufrichtig, dass wir durch ihr Land reisten.

Fisch?

Entlang der gefährlichen Chalus-Road

Entlang der gefährlichen Chalus-Road

Wenn es etwas gibt, von dem ich mir nie sicher war, wie es zu bewerten war, dann war es die Aufrichtigkeit der Iraner. Wo hörte die Höflichkeit auf und wo fing die Ehrlichkeit an? Wann war eine Einladung ernst gemeint und wann nicht? Doch darüber würden wir von unserem Host in Teheran mehr erfahren. Heute erreichten wir noch die 675-Meter-Marke und fanden einen wunderschönen Zeltplatz direkt neben einem reißenden Gebirgsfluss. Ein Bauer, der gerade seine Kühe nach Hause trieb, wollte uns zum Fischessen einladen, doch wir lehnten dankend ab. Die Nudeln kochten bereits und wir sind beide keine großen Fischfans.

Iranischer Fahrstil

Chalus-Road auf fast 2000m.

Chalus-Road auf fast 2000m.

Die Temperaturen lagen nachmittags bereits bei über 30 Grad. Ich war froh, dass wir langsam immer höher stiegen, so dass es nicht zu heiß wurde. An beeindruckenden, bewaldeten Felsen vorbei, die ringsum steil emporragten, schlängelte sich die Straße durch die Schlucht. Der halsbrecherische Fahrstil der Iraner war auf dieser engen Straße besonders auffällig.

Selfie auf der Chalus-Road

Selfie auf der Chalus-Road

Oft überholte man uns in riskanten Manövern, meistens blieb zwischen uns, dem Überholten und dem überholenden Fahrzeug nicht mehr als 10 Zentimeter Platz. Aber nur der kleinste Teil der Fahrer bremste, um eine geeignete Lücke zum Überholen abzuwarten. Ich war erstaunt, dass auf dieser wirklich engen Straße auch drei Autos nebeneinander passten. Denn oft überholte man auch bei Gegenverkehr.

Chalus-Road

Chalus-Road

Hähnchen mit Reis – Teil 3

Am Kebab-Grill auf der Chalus-Road

Am Kebab-Grill auf der Chalus-Road

Am frühen Nachmittag bewölkte es sich langsam. Als wir auf 1900 Metern ankamen, machten wir an einem Restaurant Rast und bestellten das billigste Gericht, das sich auf der Speisekarte finden ließ: Hähnchenspieß mit Reis für überteuerte 6€. Über eine Schotterpiste gelangten wir zu einer flachen Stelle, wo wir unser Zelt aufbauen konnten. Die Aussicht war phantastisch. Zumindest eine halbe Stunde lang. Dann umhüllten uns die Wolken und man konnte die Hand vor Augen nicht mehr sehen. Die Temperatur fiel schlagartig auf 16 Grad.

Schlaf ist wichtig

Zeltplatz in den Wolken

Zeltplatz in den Wolken

Am nächsten Tag schlief Michi wieder mal den Schlaf der Gerechten. Ich schnappte mir das Laptop und fing an zu schreiben. Gegen halb zwei stand sie dann endlich auf und fragte mich ganz besorgt, ob ich wisse, wie spät es sei. Blöde Frage. Natürlich wusste ich das. Sie behauptete, die ganze Zeit auf mich gewartet zu haben, weil sie mich nicht beim Schreiben unterbrechen wollte. Aber ich war ihre Schauspielerei ja bereits gewohnt und las einfach weiter in meinem Kindle, während sie das Zelt abbaute.

Verkaufsstände an der Chalus-Road

Verkaufsstände an der Chalus-Road

An jeder freien Stelle entlang der Straße gab es Restaurants und kleine Läden.

Parkwächter auf der Chalus-Road

Parkwächter auf der Chalus-Road

Viele Restaurants beschäftigten einen Uniformierten, der mit seinem Leuchtstab versuchte, Kunden auf den Parkplatz zu locken.

Hunderettungsstaffel

Hund mit Welpen

Hund mit Welpen

Immer wieder versuchte die Mutter erfolglos ihren Kleinen den Hang hinauf ins Versteck zu bringen.

In der brennenden Mittagssonne fuhren wir die letzten Höhenmeter zum Pass hinauf. Ich kam einige Minuten vor Michi am Tunnel an und hörte schon von Weitem das Jaulen eines kleinen Welpen. Als ich mich näherte, sah ich, wie die Hundemutter vergebens versuchte, ihren Kleinen einen steilen Abhang zu ihrer Höhle hinauf zu tragen, wo ihr Versteck war. Doch jedesmal, wenn sie den halben Hang geschafft hatte, fiel ihr der Welpe runter und kullerte wieder zum Straßenrand.

Chalus-Road auf 2400m

Chalus-Road auf 2400m

Ich schaute mir das Spektakel drei Mal an, bevor ich beschloss, den Kleinen in die Höhle zu bringen. Die Mutter schaute mir skeptisch zu, doch ließ mich gewähren, ohne aggressiv zu werden. Für meine Heldentat erhielt ich Applaus von den beiden Mitgliedern des Roten Halbmondes, deren Station sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand.

Chalus-Tunnel auf 2650m.

Chalus-Tunnel auf 2650m.

Nach dem Tunnel gehts bergab nach Teheran.

Kokoskekse

Kokoskekse

Das Design erinnerte an DDR Produkte aus den 50ern.

Kurzstrecke 3

Abfahrt auf der Chalus-Road

Abfahrt auf der Chalus-Road

Im Tunnel verließen wie die Provinz Mazandaran und fuhren in die Provinz Alborz hinein, die denselben Namen trägt, wie das Gebirge selbst. Die Vegetation auf der anderen Seite des Gebirgsrückens war grundlegend anders. Sie glänzte durch Abwesenheit. Die einzigen grünen Stellen fanden sich in den Tälern seitlich der Flüsse. Nach einer steilen Abfahrt, auf der wir leider heftigen Gegenwind hatten, gelangten wir in ein Dorf, wo ich eine super Zeltwiese fand. Nach nur 25 Kilometern machten wir heute Schluss. Nur noch ein Tag trennte uns von Teheran.

Modernste Busse im Iran

Modernste Busse im Iran

Gerissene Speiche

Stausee an der Chalus-Road

Stausee an der Chalus-Road

Die Straße führte weiterhin leicht abschüssig zwischen kahlen Bergen hindurch. Es ließen sich die verschiedenen Gesteinsschichten erkennen, die durch Verschiebungen der gigantischen Steinplatten zum Vorschein kamen und nun in teils bizarren Winkeln in den Himmel ragten. Heute riss mir meine erste Speiche am Hinterrad. Eine gute Alpine III. Da alle Speichen genug Spannung hatten und die Speiche nicht wie erwartet an der Nabenflansch, sondern am Nippel riss, hatte ich keine Ahnung, warum sie gerissen war.

Einer der unzähligen Tunnels auf dem Weg nach Karaj

Einer der unzähligen Tunnels auf dem Weg nach Karaj

Eine Stunde später war eine neue Speiche eingezogen und das Rad lief wieder rund. In der Zwischenzeit war ein unglaublicher Gegenwind aufgekommen, wir mussten bergab treten, um wenigsten 15 km/h zu halten und es war weit über dreißig Grad heiß. Aber wir kamen ja auch erst um elf Uhr los. Je wärmer es wurde, desto größer wurde die Temperaturdifferenz zwischen den verschiedenen Regionen und desto stärker bliesen die Winde. Aber was soll’s. Michi interessierte das alles nicht. Hauptsache lange geschlafen.

Die heutige Strecke führte durch dutzende Tunnels an einem langen Stausee vorbei. Anschließend rollten wir viele Kilometer weit an einem wunderschönen Fluss entlang, der leider auf beiden Seiten vollständig mit Restaurants zugebaut war. Meist standen die Restaurants und Terrassen so eng zusammen, dass man den Fluss nicht einmal mehr sehen konnte. Wir gaben auf, hier eine Zeltstelle zu finden und beschlossen, auf die andere Seite von Karaj zu fahren.

Keine Einladung

Berge bei Karaj

Berge bei Karaj

Am Stadtrand von Karaj hielt uns ein junger, sportlicher Iraner mit seinem Wagen an. Er erzählte, er sei schon in Deutschland gewesen und habe dort auch Bier getrunken. Dann lud er uns ein, bei ihm zu Hause zu schlafen. Es gäbe eine Dusche und seine Frau könne für uns kochen. Sie würde sich bestimmt freuen, da sie einige Jahre lang Deutsch gelernt habe. Wir lehnten ab, da dies unsere letzte Nacht im Zelt sein würde, bevor wir zwei Wochen in Teheran gefangen sein würden.

Er rief seine Frau trotzdem an und drückte Michi das Telefon in die Hand. Seine Frau erzählte, wie sehr sie sich freuen würde, wenn wir kämen, und dass sie Deutschland so möge. Nach dem Telefongespräch beratschlagten wir kurz und beschlossen, das Übernachtungsangebot doch noch anzunehmen. Unser Sportskollege meinte, er müsse auf jeden Fall seine Frau um Erlaubnis fragen, aber er müsse jetzt sofort mit dem Wagen wegfahren. Wenn er uns in fünf Minuten nicht zurückgerufen habe, so hätte seine Frau abgelehnt.

Natürlich hörten wir nie wieder von ihm. Dass er seine Frau fragen müsse, war selbstverständlich eine Lüge und bereits die Einladung selbst war nur Schwindel und nicht ernst gemeint. Aber das Konzept, das dahinter stand, würde man uns erst später erklären.

Benzin für 40¢

Wir besorgten in Karaj Benzin für den Kocher, das hier für günstige 40¢ pro Liter zu haben war. Die Benzinpreise sind in letzter Zeit stark angestiegen. Das Problem sei, dass der Iran nur Rohöl produziere, aber keine Raffinerien zu dessen Weiterverarbeitung besitze. Somit müsse man Öl exportieren, Benzin importieren und sei deshalb von den Preisen des internationalen Marktes abhängig.

Fahrradfahren verboten

Michi wurde in Karaj von einer jungen Frau angesprochen, deren allererste Frage war, ob sie denn wisse, dass Motorradfahren für Frauen im Iran verboten sei. Wir machten ihr klar, dass es sich um ein Fahrrad handle, aber wie sich herausstellen würde, war das ebenfalls verboten. Die Begründung der Mullahs ist, dass Frauen, die auf einem Sattel sitzen, ständig erregt seien und deshalb ständig Sex wollten. Deshalb ist Frauen das Fahren von Zweirädern im Iran strikt untersagt.

Religion 4.0

Man muss schon ganz schön viel Scheiße im Hirn haben, um solche Gesetze zu erlassen. Aber was soll man von jemandem erwarten, der fest an den alten, bärtigen Mann im Himmel glaubt? Und der scheint auch noch stumm zu sein, weshalb er alle paar hundert Jahre einen Menschen als Propheten auf die Erde schickt, um sein neustes Regelupdate zu verkünden. Erst Abraham, dann Moses, dann Jesus und schließlich Mohammed. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen. Nach dieser Zählung wären wir also bei Moral 4.0.

Das wäre alles ja noch halb so wild, wenn man den ganzen Hokus Pokus nicht noch institutionalisiert hätte. Ich persönlich habe nichts gegen Gläubige. Oder Atheisten. Oder Satanisten. Jeder darf an sein eigenes fiktives Wesen glauben. Als Kind habe ich schließlich auch an den Weihnachtsmann geglaubt. Ich sehe da keinen Unterschied. Nur warum muss man, um adäquat zu glauben, in eine Institution wie eine Kirche oder Moschee gehen?

Gott ist gemein

Warum muss man überhaupt beten? Denken die Leute ernsthaft, Gott, wenn es ihn denn gibt, interessiere sich einen Scheiß dafür, ob Peter Müller aus Oberammergau oder Ali Mohammad sein Gebet ordnungsgemäß gesprochen hat? Ich frage mich auch, ob sich einer der Gläubigen in den letzten 2000 Jahren einmal in unserer Welt umgesehen hat. Krieg, Seuche, Umweltverschmutzung, Folter, Dubstep, es ist nicht schön da draußen. Wenn es einen Gott gibt, dann ist ihm entweder vollkommen egal, was passiert, oder er hat einen moralisch verwerflichen Charakter.

Doch genug der Pseudotheologie und zurück zur Radreise.

Holprige Straße

Michi ist am Ende

Mia ist am Ende

Nichts gegessen, 35 Grad, und sich dann wundern, warum man nicht mehr kann.

Auf der Suche nach einer Stelle fürs Zelt fuhren wir über eine holprige Seitenstraße durch einige unschöne Vororte von Teheran in die gleichnamige Provinz ein. Michi beschwerte sich darüber, dass ihr schlecht sei. Sie halte das ganze Geholpere nicht aus. Auf die Idee, es könne daran liegen, dass sie nie frühstückt und an diesem Tag noch gar nichts gegessen hatte, kam sie nicht. Ich freute mich schon jetzt auf Tadschikistan und Kirgisistan, wo die meisten Straßen nicht asphaltiert sein würden.

Michi ist am Ende

Mia ist am Ende

Nichts gegessen, 35 Grad, und sich dann wundern, warum man nicht mehr kann.

Wir fanden eine gute Stelle zum Campen und ich begann zu kochen. Ich hätte nach dem Essen gerne noch ein wenig bei den angenehmen Temperaturen draußen gesessen und gechillt, aber Michi wollte wie immer direkt nach dem Abendessen (und natürlich vor dem Spülen) ins Zelt. Sie brauchte halt ihre 13 Stunden Schlaf pro Tag. Ebenfalls eine glatte Lüge, wie sich herausstellen würde.

Wer ist unser Host?

Berge und Bäume bei Teheran

Berge und Bäume bei Teheran

Am letzten Tag „on the road“ vor unserer langen Pause ging es mit fast 30km/h nach Teheran. Die Stadt ist ein Moloch, ein riesiger, heißer, stinkender Ameisenbau, in dem sich 16 Millionen Individuen niedergelassen hatten. Wir vereinbarten einen Treffpunkt mit Bahman und warteten vor einem Pizzaladen auf unseren Host. Wie würde er aussehen? Würden wir es zwei Wochen bei ihm aushalten? Würde er uns versetzen? Mehrere Male, wenn Leute auftauchten, dachten wir nur: „Bitte, nicht der!“

Pizza

Die Bediensteten des Pizzaladens brachten uns zwei Stühle, eine Cola und eine Pizza nach draußen und wünschten uns einen guten Appetit. Der Iran war immer wieder für Überraschungen gut. Während wir genüsslich unsere Pizza verspeisten, kam ein untypisch aussehender Iraner auf uns zu. Springerstiefel, Militärhose, lange, schwarze Haare, Pornobalken und Metal-Shirt. Uns war sofort klar: Das war er.

Wir schoben die Bikes zu Bahmans Wohnung, deren Wohnzimmer noch leer stand, da er erst vor wenigen Tagen eingezogen war, und freuten uns über eine längere Radpause.

Was uns in Teheran passiert und wie wir den Visa-Marathon meistern, könnt ihr im nächsten Artikel lesen.

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3 Gedanken zu „Chalus Road“

  1. Haha Öttinger. Da ham se schon deutsches Bier un dann so eins 😀

    Hier noch ein paar Fehler:
    Bild „Entlang der Chalus-road“ ist 2 Mal drin.

    Stumm klein: Und der scheint auch noch Stumm zu sein

    schlielßlich

    Aussehen klein: Wie würde er Aussehen?

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