Kahle Berge am Zernek Stausee

Bis zur iranischen Grenze

Eskalation

Wie bereits gewohnt, verabschiedeten wir uns zu spät von unserem Host Levent. Die Situation zwischen Michi und mir eskalierte an diesem Morgen wieder einmal. Wie fast immer wegen einer Kleinigkeit. Ich stand in der Eingangstür, sie wollte raus, schubste mich zur Seite und regte sich dann lautstark darüber auf, wie dumm ich sei, und dass ich nicht im Weg stehen solle. Diese Episode antisozialen Verhaltens ließ mich schließlich innerlich explodieren. Es war ja kein Einzelfall.

Als wir wieder auf den Rädern saßen, unterbreitete ich Michi, dass wir uns ab Teheran trennen würden. Es funktionierte einfach nicht und ich hatte wenig Interesse daran, mir meine Laune und meinen Spaß an der Tour weiterhin von diesem „sozialen Volljockel“® verderben zu lassen. Da ich Michi gut kenne, erwartete ich auch, dass einige Tage der Unterwürfigkeit auf mich zukommen würden, an denen sie tunlichst vermeiden würde, auf irgendeine Art Stress zu produzieren. Doch ich lag falsch. Aber Stress gab es trotzdem keinen mehr.

Nicht falsch lag ich mit der Befürchtung, dass wir uns in Teheran nicht trennen würden. Aber die Eskalationen nahmen in den folgenden Wochen drastisch ab und sind mittlerweile, am 22. Juni, wo ich diesen Bericht in Maschhad, Iran, schreibe, auf ein erträgliches und den Umständen angemessenes Maß gesunken. Täglich 24 Stunden aufeinanderzuhängen ist manchmal eben nicht einfach. Das musste ich bisher mit jedem Radreisepartner feststellen. Doch zurück zur Reise.

Spiegel Reloaded

Wegen des Tageslimits meiner Visa-Karte konnten wir am Vortag nicht genügend Geld abheben, so dass wir nun abermals einen Geldautomaten suchten, um genug für die nächsten drei Länder abzuheben. Als wir Van verließen, hielten wir bei einer kleinen Werkstatt an, vor der gerade jemand ein undefinierbares Metallgitter zusammenschweißte. Wir fragten, ob er vielleicht Michis Spiegel wieder anschweißen könne. Schweißen ließ sich die Bruchstelle zwar nicht, doch waren unsere Helfer männlich und konnten somit unmöglich zugeben, den Spiegel nicht reparieren zu können. Dreißig Minuten und viele Diskussionen zwischen den Arbeitern später war der Spiegel wieder montiert. Geld wollte man natürlich nicht annehmen. Ehrensache.

Nur ein weiterer Pass

Der Kurubaş-Pass kurz hinter Van

Der Kurubaş-Pass kurz hinter Van

Der Gegenwind war mörderisch.

Heute stand mal wieder ein Pass auf dem Programm. Alternativ hätten wir den 600m-Anstieg des Passes gegen 25km flache Strecke eintauschen können, aber der Pass schien mir die angenehmere, schnellere und landschaftlich schönere Wahl zu sein. Außerdem war das Überqueren von Pässen in der Zwischenzeit so normal und unspektakulär geworden, dass der Anstieg von 1600m auf 2200m uns wenig beeindruckte. Es ging eben eine Weile bergauf. Bergauf, bergab, flach, wo ist der Unterschied? Man fährt halt.

Die Abfahrt vom Kurubaş-Pass

Die Abfahrt vom Kurubaş-Pass

Auf der anderen Seite des Passes ging es auf 1800m hinunter, in eine Ebene, der wir folgen wollten, bis es zum nächsten Pass gehen würde. Am späten Nachmittag hielten wir an einer geschlossenen Tankstelle an, um im Schatten etwas essen zu können. Ich war skeptisch, ob die Besitzer uns bereitwillig in ihrem als Restaurant beschilderten Raum selbst mitgebrachtes Essen verzehren lassen würden, aber Michi wollte es versuchen.

Tomateneintopf

Mit den "alten Herren" in der alten Tankstelle von Çavuztepe

Mit den "alten Herren" in der alten Tankstelle von Çavuztepe

Wir fragten freundlich, man bat uns hinein, es wurden die üblichen Informationen ausgetauscht und kurz darauf brachte man uns nicht nur Tee, sondern auch Brot und eine Schüssel mit einer Art Tomateneintopf, der äußerst lecker war. Die beiden älteren Herren, von denen mich einer aus unerklärlichen Gründen an meinen Französischlehrer aus der Oberstufe erinnerte, kämpften aufs Heftigste mit der Technik ihrer Smartphones, bis sie es schließlich schafften, einige Videos von uns zu machen. Wir verstanden zwar fast nichts, doch die beiden krümmten sich einige Male vor Lachen, während sie um uns herumwuselten.

Berglandschaft bei Güzelsu

Berglandschaft bei Güzelsu

Güzelsu heißt "schönes Wasser". Wir würden schließlich bei der Baumgruppe am Fluss campen.

Wir bedankten uns und fuhren weiter bis zum Fuße des nächsten Passes, wo wir zwischen Bäumen direkt am flachen und steinigen Ufer eines Flusses eine gemütliche Stelle für unser Zelt fanden. Ich machte nach dem Abendessen noch ein kleines Feuer und saß eine Zeit lang draußen, um den Sternenhimmel und die Ruhe zu genießen, während Michi sich nach dem Essen, wie immer, im Zelt verkroch. Ich glaube, an diesem Tag war es zu dunkel zum draußen sitzen. Oder war es zu kalt? Es könnten auch zu viele Spinnen gewesen sein. Ich kann mich nicht mehr erinnern.

Die Straße am Zernek Stausee im Gegenlicht

Die Straße am Zernek Stausee im Gegenlicht

Die Festung von Başkale

Die Festung von Başkale

Unsere Geißen vor einem Laden in Güzelsu

Unsere Geißen vor einem Laden in Başkale

Ein neuer Höhepunkt

Güzeldere-Pass, 2730m

Güzeldere-Pass, 2730m

Der höchste Pass, den wir in der Türkei bezwangen.

Der bisher höchste Pass der Tour hätte als solcher eigentlich mehr als nur diese wenigen Zeilen verdient, doch der Aufstieg und die Abfahrt verliefen vollkommen ereignislos und der Blick über die unter uns liegenden Felder, die im Dunst der Ferne mit dem Horizont verschmolzen, lässt sich weder mit Worten, noch mit Fotos beschreiben. Kurz gefasst: Die Straße stieg auf 2767 Meter an und fiel dann wieder auf 1950 Meter ab.

Auf dem Weg zum Güzeldere-Pass

Auf dem Weg zum Güzeldere-Pass

Hier ist die Straße noch flach.

Die Abfahrt führte, mal flacher, mal steiler, an beeindruckenden, kahlen Felsen zwischen den Bergen hindurch, bis wir schließlich an einer Kreuzung ankamen, an der sich ein Militärcheckpoint befand. Geradeaus ging es nach Hakkâri, einer Grenzstadt nahe des Iraks, aber wir würden nach links in Richtung Yüksekova, der letzten größeren Stadt, und anschließend Esendere, dem Grenzort zum Iran, abbiegen.

Auch hier verkaufte man am Straßenrand Bergbananen und sogar im Iran würden wir den bitteren, faserigen Stangen begegnen. So ganz endemisch scheinen sie in den Bergen um Van also doch nicht zu sein.

Irak: 30km

Hinter den Bergen liegt das Terrorland Irak

Hinter den Bergen liegt der "Schurkenstaat" Irak

Enttäuschend: Nur 30km vom Irak entfernt und weit und breit keine Terroristen.

Rund zwanzig Kilometer vor Yüksekova spuckte uns die Bergstraße auf eine viele Kilometer breite Ebene, an deren Südseite die Dreitausender eine schneebedeckte Barriere zum nur 30 Kilometer entfernten Irak bildeten.

Eine der vielen Mülldeponien der Türkei

Eine der vielen Mülldeponien der Türkei

Der Bach im Vordergrund mündet ungehindert in den nächsten Fluss.

Trotz der Nähe zum vermeintlichen Schurkenstaat waren weit und breit keine bombengürtelbehangenen Terroristen zu finden. Kein einziger Kampfjet durchschnitt brüllend die Luft über unseren Köpfen und die Bevölkerung verhielt sich, als sei die Kriegszone um sie herum friedlich und vollkommen harmlos. Selbst die Militärs schienen entspannt und kontrollierten kaum Autos. War dies vielleicht gar kein Kriegsgebiet? Hatten die Medien etwa gelogen? Kaum vorstellbar! Das Fernsehen würde uns doch nie belügen.

Im Hintergrund die Gebirgskette, die uns vom Irak trennt

Im Hintergrund die Gebirgskette, die uns vom Irak trennt

Neubauten

Gelbe Felder in der Ebene von Yüksekova

Gelbe Felder in der Ebene von Yüksekova

Das Auffälligste an Yüksekova, einer ziemlich heruntergekommenen Stadt, die inmitten einer malerischen Landschaft zwischen gelb leuchtenden Feldern am Ende der Ebene liegt, waren die vielen Rohbauten. Gefühlt gab es hier mehr Rohbauten als bewohnte Gebäude. Woher kam der plötzliche Zulauf? Hatte man Yüksekova als Touristenmekka entdeckt? Am nächsten Morgen würde sich das lüften.

Die Straße führte steil nach oben und flachte dann neben einer riesigen Staumauer ab. Im Tal hinter der Staumauer fuhren Autos, Menschen picknickten am Fluß und entlang des kleinen Flusses lagen einige kleine Dörfer, die vermutlich seit Jahrhunderten in der Abgeschiedenheit der Berge existierten. Völlig terroristenfrei.

Nur ein weiterer Damm

Neuer Staudamm bei Yüksekova

Neuer Staudamm bei Yüksekova

Dieses Tal wird bald überflutet sein.

Doch dieses Bild würde bald der Vergangenheit angehören, denn wenn die Staumauer schließlich geschlossen wird und der Wasserspiegel langsam steigt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis all dies überflutet wird. Der Fluss, die Bäume, die Wiesen und die Dörfer würden in einigen Monaten der Vergangenheit angehören und die Menschen, die hier wohnten, würden in die Wohnblöcke von Yüksekova gezogen sein, die dort gerade hastig aus dem Boden gestampft werden.

Der letzte Pass

Der Yeniköprü-Tunnel am letzten Pass der Türkei

Der Yeniköprü-Tunnel

Kurz, hässlich und unbekannt. Der Tunnel am letzten Pass vor der iranischen Grenze.

Die Straße stieg nun immer steiler an und wir näherten uns unaufhaltsam unserem letzten Pass der Türkei, unseren letzten Kilometern im Reich der Osmanen und Kurden, die letzten Pedalumdrehungen im gastfreundlichen Anatolien. Ab jetzt ging es nur noch bergab. Wachtürme auf den Gipfeln der umliegenden Hügel und Berge überblickten das Grenzgebiet zum Iran und stellten sicher, dass niemand unbehelligt aus dem benachbarten Gottesstaat ins freie Türkenreich flüchten konnte.

Leicht abschüssig rollten wir 900 Meter bergab, gaben in Esendere unser letztes türkisches Kleingeld aus und erreichten auf rund 1300 Metern Höhe schließlich den Grenzübergang. Dieser wurde gerade neu gebaut oder renoviert und es war nicht ganz klar, wo wir hinmussten, um die Grenze zu überqueren. Man winkte uns durch ein metallenes Rolltor und schickte uns zu einem winzigen Häuschen, wo ein Schlagbaum die beiden Länder voneinander trennte. Ein großes Schild über unseren Köpfen verkündete die Ankunft im Iran.

Grenzübergang Iran

Die Grenze zum Iran, türkische Seite

Die Grenze zum Iran, türkische Seite

Die Grenze wurde gerade umgebaut, weswegen sich hier hunderte Fahrzeuge stauten.

Wir ließen die Bikes am Grenzkabuff stehen und gingen über einen holprigen, mit Steinen übersäten Weg zum Hintereingang eines Gebäudes, in dem wir den türkischen Ausreisestempel erhalten sollten. Der Grenzbeamte versuchte, meinen Ausweis über den Scanner zu ziehen, doch dieser verweigerte den Dienst. Auch beim zweiten und dritten Versuch funktionierte es nicht. Doch der Beamte war nicht umsonst Beamter geworden. Abermals scannte er erfolglos den Ausweis. Dann tippte er etwas am Rechner – ich dachte schon, es hätte endlich geklappt – bevor er den Scanner noch einmal startete.

Beim zirka dreißigsten Versuch gab er endlich auf und tippte die Ausweisnummer von Hand in den Rechner. Für einen Beamten ein fast schon revolutionärer Akt. Ich bekam also meinen Stempel und Michi reichte ihren Ausweis durchs Fenster. Auch diesen wollte das Gerät nicht lesen. Nicht beim ersten Versuch, und auch nicht beim fünften. Jetzt kam ein zweiter Beamter hinzu, vertrieb seinen Kollegen vom Stuhl und versuchte sein Glück mit dem Ausweisscanner. Doch die Tatsache, dass nun eine andere Person mit der Maus auf den Scan-Knopf klickte, half auch nicht. Das Gerät hatte einfach keine Lust. Nach rund fünfzehn Versuchen gab auch dieser Beamte auf und tippte die gut zehnstellige Ausweisnummer von Hand ins Gerät.

Bye Bye Türkei

Wir gingen zurück zu unseren Rädern und schoben sie unter dem Schild mit arabischer Schrift hindurch auf die persische Seite. Nach 75 Tagen hatten wir die Türkei nun offiziell verlassen. Wir waren gespannt, wie die Beamten auf iranischer Seite uns behandeln würden. Doch das könnt ihr im nächsten Artikel lesen.

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