In Kadıköy

Wilde Trips durch Istanbul

Nasse Socken

Im letzten Artikel hatte ich ja bereits davon berichtet, wie Ollo, Michi, Etti, Jani, Boris und ich in das schneeverwüstete Istanbul aufbrachen, um mit Ollo und Michi den Beginn ihrer Weltreise zu feiern.

Tourismus im verschneiten Istanbul

Tourismus im verschneiten Istanbul

Gemeinsam erkundeten wir den europäischen Teil von Istanbul südlich des Goldenen Horns.

Jani und Boris hatten es nun endlich auch nach Istanbul geschafft, und an diesem Freitagnachmittag nahmen wir uns vor, gemeinsam die Sehenswürdigkeiten Istanbuls zu erkunden. Wir gingen wieder zur Galatabrücke — diesmal deutlich schneller, wenn auch nicht optimal — und überquerten das Goldene Horn, um die touristische Gegend Istanbuls südlich der Bucht zu erkunden. Das Stadtbild ist von einer Vielfalt von Moscheen gespickt, doch zugleich wirkt selbiges auch westlich geprägt: Beispielsweise sieht man kaum Frauen mit Kopftüchern. Überall streunen wild lebende Katzen herum, welche sich aufgrund der Fülle an Märkten und Restaurants, sowie des Wohlwollens der Einwohner, wohl kaum um Hunger sorgen müssen. Es schneite nicht mehr, aber es war ungemütlich und nass, sehr nass. Ollo und ich genossen den Segen wasserfester Winterstiefel, doch alle anderen bekamen nasse Füße. Etti hatte immerhin daran gedacht, sich Plastiktüten über die Socken zu ziehen. Dem Wetter kühn trotzend, wanderten wir zunächst über den Großen Basar, ein riesiges Geschäftsviertel in Eminönü mit Tausenden von kleinen Läden und Geschäftchen. In vielen Teilen bedeckt, ist er ein wahres Labyrinth. Wir genehmigten uns frisch gepressten Orangen- und Granatapfelsaft und nahmen schließlich in einem Café Platz, um uns aufzuwärmen.

Im Großen Bedeckten Basar

Im Großen Bedeckten Basar

Hier muss man sich förmlich verlaufen.

In einem Café am Großen Basar

In einem Café am Großen Basar

Mia und Ollo sehen zufrieden aus.

Als nächstes wollten wir uns den Topkapı-Palast angucken. Dieser Palast diente viele Jahrhunderte als Wohnsitz der Sultane, und enthält heute ein Museum, welches man zusammen mit dem ehemaligen Harem besichtigen kann. Leider war es schon kurz vor vier — wie sich herausstellte, schon Schließzeit. So sahen wir nur die äußeren, verschneiten Gärten und stapften und watschelten stattdessen zur Hagia Sophia: ursprünglich eine byzantinische Kirche, dann Moschee, heute Museum. Direkt gegenüber liegt die Blaue Moschee, die auch heute noch für Gebete verwendet wird.

In der Hagia Sophia

In der Hagia Sophia

Wirklich spannend hier!


Wir liefen schwer beeindruckt durch die Gewölbe der Hagia Sophia, die wie eine Mischung aus Kirche und Moschee wirkt, weil es sowohl muslimische wie auch christliche Merkmale gibt. Sympathisch: Hier leben auch Katzen, die sogar vom Personal gefüttert werden.

In der Hagia Sophia

In der Hagia Sophia

Touristenüberlaufen, aber irgendwie cool.

Christliche Mosaiken in der Hagia Sophia

Christliche Mosaiken in der Hagia Sophia

Vor tausend Jahren war dies eine byzantinische Kirche im Herzen von Konstantinopel.

Vor der blauen Moschee

Gruppenfoto vor der blauen Moschee

Poser-Foto

Im Anschluss begaben wir uns noch zur Blauen Moschee. Im Besuchereingang liegen Plastiktüten bereit, in denen man seine Schuhe, die man natürlich ausziehen muss, verstauen kann. Frauen müssen sich außerdem die Haare bedecken. Die Blaue Moschee erinnert schon viel eher an eine Moschee: Teppichböden, große, niedrig hängende Kronleuchter, betende Menschen. Da alle Menschen nasse Socken hatten und sich hier ohne Schuhe herumbewegten, war ein bleibender Eindruck allerdings der Geruch nach Fuß.

Boris und Jani

Boris und Jani

Im Eingangbereich der Moschee muss man sich die Schuhe ausziehen und Frauen bedecken ihre Haare.

Im Innern der Blauen Moschee

Im Innern der Blauen Moschee

Gigantische Kronleuchter tauchen den Raum in ein angenehm schummriges Licht.

Dies war dann bereits das Ende unserer Touri-Tour, und wir begaben uns zurück zum Hostel. Unseren ersten Abend mit Boris und Jani mussten wir natürlich gebührend feiern, und Ollo hatte ja außerdem noch Geburtstag, und so entschieden wir uns an diesem Abend, etwas zu trinken. Da unser Duty Free Wodka aufgebraucht war, besorgten wir uns im Laden unseres Vertrauens einen neuen Wodka und das gute unfiltrierte Bomonti-Bier. Es wurde ein weiterer langer Abend im Hostel, an dem wir viele Leute kennenlernten, wie den verrückten Iraner Ali, zwei eher langweilige Deutsche, einen netten Kanadier, und einen Finnen, der versuchte, mit Jani anzubändeln. Der Abend verlief für unsere Verhältnisse normal: Das Verrückteste, was passierte, war, dass Michi irgendwann in Unterhose da saß, weil Etti ihre Chillout-Hose anprobieren wollte.

Ali, die zwei Deutschen, und Jani

Ali, die zwei Deutschen, und Jani

Ein heiterer Abend im Hostel.

Etti in Michis Hose

Etti in Mias Chillout-Hose

Sieht schon echt kuschelig aus.

Sahlep und andere Köstlichkeiten

Am Samstagmorgen nahmen wir uns vor, an unserem letzten kompletten gemeinsamen Tag mit der Fähre über den Bosporus in den asiatischen Teil Istanbuls zu fahren. An der Rezeption erfuhren wir, dass an der Galatabrücke eine solche Fähre nach Kadıköy, einem Viertel im asiatischen Teil, abfuhr, und wir machten uns auf den Weg. Wir fanden heraus, dass, wenn man von der Hosteltür rechts statt links abbiegt, man auf einer riesigen Einkaufsmeile landet, die vom Taksim-Platz bis zur Galatabrücke quer durch Beyoğlu führt, anstatt dass man sich in kleinen, verschlungenen Gassen wiederfindet.

Auf jener Einkaufsmeile wurden wir Zeugen einer groß angelegten Demonstration von jungen Türkinnen und Türken, die lautstark und mit vollem Engagement die auch heute noch allgegenwärtige Gewalt an Frauen verurteilten. Auslöser war die vor Kurzem versuchte Vergewaltigung und grausame Ermordung der Studentin Özgecan Aslan. In islamisch-konservativen Kreisen wird in dieser Debatte immer wieder hervorgebracht, dass aufreizende Kleidung von Frauen für derartige Gewalttaten mitverantwortlich sei, und selbst Richter zeigen hierfür teilweise Verständnis. Als Antwort auf diese geistig minderbemittelte Einstellung protestierten viele junge Frauen sowie auch Männer, teilweise in Miniröcken. Präsident Erdoğan sagte zu dem Vorfall: „Gott hat die Frauen den Männern anvertraut“ — als wären Frauen eine Sache, auf die man Acht geben müsse. Als Feministinnen diese Aussage kritisierten, entgegnete er ihnen: „Ihr habt doch nichts mit unserer Zivilisation, unserem Glauben, unserer Religion zu tun.“ Einfach nur schockierend. Ein Land voller Widersprüche. Solche beherzten Demonstrationen junger Menschen lassen zumindest ein wenig auf eine bessere und offenere Zukunft hoffen.

Auf der Fähre an der Galatabrücke

Auf der Fähre an der Galatabrücke

Eine Seefahrt, die ist lustig, Eine Seefahrt, die ist schön, ...

Nach der Demonstration gelangten wir, der Einkaufsmeile folgend, in kürzester Zeit an die Galatabrücke und fanden die Fähre. Die Überfahrt dauert wohl nur eine Viertelstunde, ist aber ziemlich spektakulär. Auf beiden Seiten des Bosporus erstreckt sich diese gigantische Stadt, die soviele Einwohner fasst wie Berlin, Paris und London zusammengenommen.

Auf der Fähre nach Kadıköy

Auf der Fähre nach Kadıköy

Die Möwen flogen uns in der Hoffnung auf etwas zu essen hinterher.

Eine frische Brise wehte uns an der Reling durchs Gesicht, und ein Schwarm von Möwen folgte uns in der Hoffnung, ein paar Brotkrumen zu ergattern. Etti, der König des schlechten Witzes, machte sich den Spaß, die Möwen zu verarschen, indem er so tat, als würde er ihnen welche zuwerfen, und beobachtete, wie die Möwen in Richtung Wasseroberfläche stürzten, um die vermeintlichen Brotkrumen herauszufischen. Böser Etti…

Spaziergang durch Kadıköy

Spaziergang durch Kadıköy

Wir liefen durch eine große Einkaufsmeile im asiatischen Teil Istanbuls.

In Kadıköy angelangt, liefen wir erst einmal ziemlich planlos herum. Wir latschten durch eine große Einkaufsmeile, aber unsere Einkaufslust hielt sich in Grenzen. Auf dem Weg sahen wir auffällig viele Sixpacks und Wasserwerfer, und die Straße war naß — offenbar war die Polizei hier kürzlich gegen Demonstranten vorgegangen…

Wir hatten Hunger und wollten an diesem Tag einmal Dürüm, Lahmacun, Döner oder ähnliches in der Türkei essen. Irgendwie landeten wir bei einer Art Fast Food – Dönermann. Aufgemacht wie ein McDonalds, verkaufte aber türkische Gerichte. Jani, Etti, Boris und ich entschieden uns für einen Rindfleisch-Dürüm, während Ollo und Michi sich dagegen entschieden, hier etwas zu essen. Dies erwies sich offenbar als gutes Gespür, denn von dem Dürüm, den wir bekamen, wurde Etti und Jani schlecht. Michi probierte auch einmal und musste sich fast übergeben. Fürwahr, es war kein kulinarischer Orgasmus, aber Boris und ich fanden den Dürüm ok…

In Üsküdar

In Üsküdar

Am Rande des Bosporus genießen wir einen wunderschönen Blick auf die europäische Seite.

In Üsküdar

In Üsküdar

Natürlich kamen wir hier nicht auf die Idee, unsinnige Fotos zu machen.

Anschließend fuhren wir mit der Metro nach Üsküdar. Hier verläuft eine wunderschöne Promenade am Rande des Bosporus, und es herrscht ein geschäftiges Treiben. Menschen sitzen am Uferrand, Verkäufer laufen mit Brezeln oder Tee herum. Der Blick auf die europäische Seite ist atemberaubend.

Sahlep

Sahlep

Etti meinte nur, wenn Sperma so schmecken würde, würde er lernen, sich selbst einen zu blasen.

Wir liefen bis zum Mädchenturm (oder Leanderturm), einem Leuchtturm aus dem 18. Jahrhundert, der in der Nähe des asiatischen Ufers auf einer kleinen Insel inmitten des Bosporus liegt. Hier gibt es gepolsterte Sitzbänke, und wir machten es uns auf einer solchen bequem und bewunderten im Sonneruntergang den Blick auf die Insel, den Turm und das gegenüberliegende Ufer. Wir kauften uns dazu Sahlep, das ist ein typisches, warmes Getränk, das aussieht wie heißes Sperma (mit Zimt) und schmeckt wie Milchreis. Hört sich vielleicht nicht so an, ist aber sehr, sehr lecker.

Panorama am Bosporus

Panorama am Bosporus

Hier hatten wir im Sonneruntergang einen wunderschönen Blick auf den Mädchenturm und die europäische Seite.

Schließlich war es wieder an der Zeit, zurück nach Beyoğlu und in unser Hostel zu fahren. Vorbei an vögelnden Katzen begaben wir uns an den Fährhafen in Üsküdar, um wieder auf die europäische Seite überzusetzen. Von hier aus landeten wir nicht an der Galatabrücke, sondern weiter nördlich, in der Nähe des Taksim-Platzes. Auf dem Rückweg ließen wir uns diesmal in einem heruntergekommenen, aber gemütlichen Dönerschuppen nieder, und bestellten uns Adana-Kebab aus Lamm und Hähnchenspieß (Tavuk Şiş) zum Abendessen. Diesmal schmeckte es wirklich allen hervorragend. Die kleinen, abgefuckten Läden können einfach doch viel mehr als die großen Ketten.

Auf der Fähre nach Beyoğlu

Auf der Fähre nach Beyoğlu

Abends ging es mit der Fähre wieder zurück in den europäischen Teil Istanbuls.

In einem gemütlichen Dönerladen

In einem gemütlichen Dönerladen

In Beyoğlu genehmigten wir uns endlich ein leckeres türkisches Essen.

Es versteht sich, dass wir an unserem letzten Abend miteinander natürlich ordentlich einen bechern wollten. Wir waren auch stark unterhopft und so besuchten wir wieder unseren Lieblingsladen, um isotonischen Gerstentrunk und den leckeren Istanblue-Wodka käuflich zu erwerben. Es wurde noch eine lange, lange Nacht im Hostel, an dem wir weitere coole Leute kennenlernten und bis spät in die Nacht feierten. Ich kam um halb fünf ins Bett und war damit nach Boris der Zweite. Etti feierte bis halb sieben, was ihm am Sonntagmorgen nicht zugute kam. Zusammenfassend denke ich, das Hostel war bestimmt froh, dass wir da waren und Stimmung machten, aber sie waren bestimmt auch froh, als wir wieder gingen und ruhigere Zeiten einkehrten.

Vor dem guten Ozen Efes Shop

Vor dem guten Ozen Efes Shop

An unserem letzten Abend besorgten wir uns in unserem Stammladen etwas zu trinken.

Der letzte Abend

Der letzte Abend

Der Gemeinschaftsraum des Hostels war einfach viel gemütlicher als jede Kneipe und fühlte sich inzwischen an wie zu Hause.

An diesem Sonntag gingen Ettis und mein, sowie Boris und Janis‘ Flieger, und so nahmen wir um 12 Uhr Abschied und wünschten Ollo und Michi eine wundervolle Weltreise. Sie blieben noch ein paar Tage im Hostel, während sie die Fahrräder zusammenbauten, ihre Siebensachen packten und sich für die ihnen bevorstehende Reise rüsteten. Am Donnerstag, den 26. Februar 2015, brachen sie auf, um quer durch die Türkei und in Richtung Iran zu fahren. Ich freue mich auf hoffentlich viele spannende Artikel, in denen Ollo von seiner Reise mit Michi erzählen wird.

Ollo am Sonntagmorgen

Ollo am Sonntagmorgen

Nach einer durchkämpften Nacht verabschiedeten wir uns von Ollo um 12 Uhr in seinem Bett.

Michi am Sonntagmorgen

Mia am Sonntagmorgen

Mia war schon am Frühstücken, würde später aber noch 31 Stunden durchschlafen.

Alles Gute Euch beiden!

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