An der Galatabrücke

Around the World: Start in Istanbul

Pläne zur Eroberung Istanbuls

Am 18. Februar 2015 war es endlich soweit: Ollo und Michi brachen auf zu ihrer Weltreise. Der Plan: In Istanbul starten und mit dem Fahrrad in 14 Monaten durch Länder wie die Türkei, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, China, Laos, Kambodscha bis runter nach Singapur fahren. Und danach, wer weiß… vielleicht Australien. Früher sind Ollo und Michi in ihrer Around the World ’11 Tour bereits von Passau bis nach Istanbul gefahren — bestimmt wird Ollo eines Tages hier davon erzählen (Anm. d. Red: Wird er). Irgendwann enstand unter uns Freunden die Idee, die beiden nach Istanbul zu begleiten, und dort gebührend zu verabschieden. So kam es, dass wir, sprich Ollo, Michi, Etti (der König des schlechten Witzes, bekannt aus früheren Artikeln), Jani, Boris, und ich (Malte) alle an diesem Mittwoch in Richtung Flughafen und nach Istanbul aufbrachen. Es wurde ein denkwürdiger Trip, und da Ollo und Michi nun ihre Weltreise begonnen haben, regte Ollo an, dass ich hier einen Gastbeitrag schreibe, um vom Beginn der Reise zu berichten.

Ein Start mit Hindernissen

Frühstücksbier

Frühstücksbier

Im Zug nach Köln machten wir morgens um 7 Uhr ein erstes Bier auf.

Los ging es für Ollo, Michi, Etti und mich früh morgens am Saarbrücker Bahnhof, von wo aus wir zum Kölner Flughafen fuhren. Jani und Boris flogen aus Berlin. Als ich die anderen traf, wirkten Ollo und Michi eher etwas gestresst, was nicht weiter verwunderlich war, bedenkt man doch, dass die beiden in der Nacht noch Ollos altes WG-Zimmer ausgeräumt, gestrichen und nebenbei die Fahrräder auseinandergebaut und zusammen mit allen anderen Dingen, die man für eine lange Weltreise so braucht, gepackt hatten. Insgesamt hatten sie wohl etwa eine halbe Stunde Schlaf. Aber mit dem ersten Bier, das wir uns im Zug erstmal genehmigten, hellte die Stimmung schnell auf.

Als wir am Flughafen ankamen, erreichte uns von Jani und Boris aus Berlin die Nachricht, ihr Flug sei gecancelt worden — in Istanbul wüte ein Blizzard, es schneie heftig, der Flughafen könne nicht sicher angeflogen werden. In Berlin stünden sie Schlange, um zu erfahren, wie es weiterginge. Wir begaben uns also mit einem unguten Bauchgefühl zum Check-In. Dort aber wurden wir normal eingecheckt, und es sah so aus, als würden wir fliegen. Erst kurz vorm Boarding erreichte uns die Nachricht: der Flug wird um eine Stunde verschoben.

Bier am Flughafen

Bier am Flughafen

Am Kölner Flughafen folgten noch ein paar weitere Biere.

So setzen wir uns in eine Kneipe im Sicherheitsbereich, und nahmen einige weitere Hopfenblütentees zu uns. Nach einer Stunde kam die Nachricht, der Flug sei auf unbestimmte Zeit verschoben und wir verließen den Sicherheitsbereich, um draußen vor dem Flughafen weiterzusau…warten. Team Berlin informierte uns, sie würden erst am Donnerstag fliegen, seien dafür aber in die Business Class aufgestockt worden. Wir erfuhren, unser Flug sei um weitere vier Stunden verschoben, aber würde fliegen. Und tatsächlich: Wir bordeten um 18 Uhr. Der Flug dauerte knappe drei Stunden, und es gibt eine Stunde Zeitverschiebung, so dass es nun bereits 22 Uhr abends war, 5 Stunden später als unsere geplante Ankunft. Draußen war es kalt, zugeschneit und glatt. Der ursprüngliche Plan sah vor, dass Ollo die Fahrräder am Flughafen zusammenbaut, und mit Michi runter nach Istanbul und zu unserem Hostel fährt, während Etti und ich den Shuttle-Bus nehmen. Unter den gegebenen Bedingungen entschieden die beiden sich aber dann doch, im Shuttle-Bus mitzukommen, und die Fahrräder im Hostel zusammzubauen. Glücklicherweise sind diese Busse für schweres Gepäck ausgelegt.

Fahrradkartons im Schnee

Fahrradkartons im Schnee

Diese Kartons durch den Schnee zu schleppen, ohne sie abzustellen, macht gar nicht so viel Spaß.

In Istanbul angekommen, ergab sich nun aber noch das Problem, dass wir die schweren Kartons mit den Fahrrädern und all dem anderen Gepäck zum Hostel transportieren mussten. Vorzugsweise, ohne die Kartons auf dem verschneiten Boden abzustellen, damit sie nicht durchweichen und ihren Inhalt auf der Straße verteilen. Ein Taxi-Fahrer, der unsere Not erkannte, kam auf uns zu und versuchte uns davon zu überzeugen, dass er die beiden Fahrradkartons, uns Vier sowie unser normales Gepäck in seinem PKW unterzubringen vermochte. Sei es nur, um zu sehen, wie er dies anstellen würde, ließen wir ihn gewähren. Und tatsächlich: Irgendwie verstaute er die beiden Kartons im offenen Kofferraum, und jeder nahm mit seinem Gepäck auf dem Schoß im Auto Platz. Mit Vollgas ging es durch die engen, glatten, verschneiten Straßen, bei einem chaotischen Verkehr, aber irgendwie schafften wir es tatsächlich bis zum Hostel. Der Spaß kostete uns für die 2-3 Kilometer nur 60 Lira (gut 20 Euro) — ein spezieller Rabatt von den ursprünglich angedachten 70 Lira (25 Euro). Davon ließen wir uns unsere Laune aber nicht verderben: Endlich konnten wir uns bei einem verdienten Feierabendbierchen und einer halben Flasche Wodka aus dem Duty Free Shop im gemütlichen Gemeinschaftsraum des Chillout Hostel im Herzen Beyoğlus von den Strapazen des Tages entspannen.

Mit dem Taxi zum Hostel

Mit dem Taxi zum Hostel

In diesem normalen PKW kamen irgendwie vier Leute mit Gepäck und zwei Fahrradkartons unter.

Im Chillout-Hostel

Im Chillout-Hostel

Nach vielen Strapazen genehmigten wir uns endlich ein wohlverdientes Feierabendbierchen im Gemeinschaftraum unseres Hostels.

Balık Ekmek akbar

Istanbul liegt mitten auf der Grenze zwischen Europa und Asien, an den Flanken des Bosporus, einer Meerenge, die das Schwarze Meer mit dem Marmarameer (einem Binnenmeer des Mittelmeers) verbindet. Es gibt also einen europäischen und einen asiatischen Teil. Der europäische Teil wird außerdem durch das Goldene Horn, eine langgezogene Bucht des Bosporus, in einen nördlichen und einen südlichen Teil getrennt. Unser Hostel lag in Beyoğlu, nördlich des Goldenen Horns, und die touristische Gegend mit den bekanntesten Sehenswürdigkeiten befindet sich im südlichen Teil, in Eminönü. Über das Goldene Horn führt unter anderem die Galatabrücke, welche die beiden Teile mit dem größten Treiben miteinander verbindet.

Schneeballschlacht in Istanbul

Schneeballschlacht in Istanbul

Auf der Suche nach Fischbrötchen lieferten wir uns eine lange Schneeballschlacht mit einigen Kindern.

Unser Ziel an diesem Donnerstagmorgen war es, uns an die Galatabrücke zu begeben. Dort gibt es wunderbar frische Fischbrötchen (Balık Ekmek) direkt aus dem Bosporus. Eine leckere Spezialität, die wir uns zum Frühstück einzuverleiben gedachten. Zwar hatten wir Smartphones mit GPS und OpenStreetMap, aber wozu auf die Karte gucken, wenn man doch auf Ollos Orientierungssinn vertrauen kann. Es schneite wieder und wir machten uns durch die weißen Straßen auf, in Richtung Goldenes Horn zu laufen. Wir fragten auch einige Male, wo es denn zur Brücke ginge, doch fanden nach einer Stunde immer noch weder Brücke noch wenigstens Gewässer. Erstaunlich, wenn man sich vor Augen hält, dass unser Hostel eigentlich nur 10 Minuten zu Fuß von der Brücke entfernt liegen sollte. Dafür lauerten uns von einer Mauer einige Kinder auf, die plötzlich anfingen, uns mit Schneebällen zu bewerfen. Wir verteidigten uns lange und erbittert, doch die Kinder waren uns von ihrem erhöhten Standpunkt aus einfach überlegen. Schließlich flohen wir, und fanden einige Zeit darauf auch sogar das Goldene Horn — und in der Ferne sahen wir eine Brücke. Wir machten uns auf, diese Brücke alsbald zu erreichen, um endlich Balık Ekmek genießen zu können. Doch als wir schließlich ankamen, stellten wir fest, dass es sich um eine Autobahnbrücke handelte und wir uns auch überhaupt in einem Industriegebiet befanden.

Schließlich machten wir die Karte auf stellten fest, dass wir uns an einer ganz anderen, viel weiter westlichen Brücke befanden, der Haliç-Brücke. Wir freundeten uns bereits mit dem Gedanken an, die fünf Kilometer bis zur Galatabrücke durch den Schnee zu stapfen, alldieweil unser Verlangen nach Balık Ekmek wuchs. Wir nahmen uns vor, zwei Fischbrötchen zu essen. Just in diesem Moment jedoch hielt ein Bus vor unserer Nase, und scharfsinnig nutzten wir die Gelegenheit, zu erfragen, ob er denn zur Galatabrücke führe. Ja. Der Busfahrer fragte uns noch, ob wir denn auch eine Istanbul Card hätten. Nein, hatten wir nicht. Dann steigt halt umsonst ein, so der Busfahrer. Fantastisch. Es lohnt sich, keine Istanbul-Karte zu haben.

Beim Fischbrötchenmann

Beim Fischbrötchenmann

Endlich konnten wir ein Balık Ekmek genießen.

Wir waren im Nu bei der richtigen Brücke und machten uns gleich auf einen Fischmarkt, der direkt angrenzend an die Brücke am Wasser liegt, und fanden schließlich, um 16 Uhr, unser lang ersehntes Frühstücks-Fischbrötchen.

An der Galatabrücke

An der Galatabrücke

Von der Galatabrücke aus hat man einen wunderschönen Blick auf Eminönü.

Aus Berlin erfuhren wir, dass Janis und Boris‘ Flieger, der an diesem Nachmittag fliegen sollte, nun auf spät abends verlegt wurde, und sie somit erst in der Nacht ankommen würden. Wir entschieden uns, ohne die beiden heute kein Touristen-Sightseeing zu machen, und im Hostel auf sie zu warten, während wir in Ollos Geburtstag reinfeierten.

Honigwaben

Honigwaben

Ganze Honigwaben ließen sich am Markt in Eminönü kaufen.

Zuvor begaben wir uns jedoch noch über die Brücke, auf der sich Hunderte Fischer befinden mussten, auf die malerische andere Seite. Hier schlenderten wir ein wenig durch die Märkte in Eminönü, und deckten uns mit Käse und Sucuk und Honig ein.

Der Galataturm

Der Galataturm

Dieser gut sichtbare Turm lag in der Nähe unseres Hostels und half, uns zu orientieren.

Schließlich machten wir uns auf den Rückweg ins Hostel, holten zu den zweieinhalb Flaschen feinsten Russian Standard Platinum Wodka, den wir noch aus dem Duty Free Shop hatten, etwas Gerstensaft, machten es uns im Gemeinschaftsraum des Chillout Hostels gemütlich, und begonnen, in Ollos Geburtstag hineinzufeiern.

Barfuß im Schnee

Barfuß im Schnee

Immer die festen Winterschuhe zu schnüren, um den anderen draußen beim Rauchen Gesellschaft zu leisten, ist auf Dauer einfach zu anstrengend.

Wir legten ein ordentliches Tempo vor, und meine Erinnerungen an diesen Abend sind eher schwammig. Wir haben auf jeden Fall viel getrunken und verschiedene Leute kennengelernt. Ich habe versucht, eine Holländerin davon zu überzeugen, uns Gras zu besorgen. Etti war irgendwann eine ganze Weile weg — als er zurückkam, berichtete er uns, dass er gerade abgerippt wurde. Bei einem Spaziergang draußen wurde er von einem netten Einheimischen zu einem Bier eingeladen, und begleitete diesen in einen ominösen Table Dance-Schuppen, in dem allerdings niemand tanzte. Dort tranken die beiden ein Bier, und kurz darauf folgte die Rechnung: über 1200 Lira, d.h. über 400 Euro. Natürlich protestierte Etti vehement und wiederholte mehrfach, sie könnten auch die Polizei rufen, aber die Leute waren ein eingespieltes Team. Ettis „Freund“ war der, der Etti vermeintlich unterstützte und ihm natürlich anbot, die Rechnung zu teilen. „Look, I’m helping you out.“ Als Etti sich noch immer weigerte zu zahlen, wurden die Besitzer aggressiv und wollten sogar sein Portemonnaie sehen. Schließlich wand sich Etti mit „nur“ 100 Euro aus der Affäre. An Ollos Geburtstag um Mitternacht oder an Janis und Boris‘ Ankunft irgendwann um 3 Uhr morgens erinnere ich mich nicht.

Please, don’t shit in my kitchen

Ich wachte am Freitagmorgen in unserem Hostelzimmer auf. Ich lag in Ettis Bett, und Boris in meinem — und Etti in dem bisher unbesetzten (wir hatten zwei 3-Bett-Zimmer gebucht.) Es war alles konfus. Es roch nach Erbrochenem. Einen Kater hatte ich — dank gutem Wodka — eigentlich nicht, aber meine Erinnerungen an den gestrigen Abend waren ausgelöscht. Ich ging erst einmal duschen und begab mich dann in Ollos, Michis und nun auch Janis Zimmer, wo auch schon Boris und Etti angekommen waren und frühstückten. Etti hatte in der Nacht ins Bett gereihert und Michi fragte gerade, ob denn in der Nacht sonst noch jemand gekotzt hätte. Die Frage wurde von einem allgemeinen Nein begrüßt, während ich genüßlich von einem Sucuk-Brötchen abbieß. Plötzlich überkam mich Übelkeit und ich rannte geschwind zum Klo, wo ich mich nun auch übergab. Zurück im Zimmer grüßte ich meine Freunde mit einem „So, jetzt habe ich gekotzt.“

Russian Standard Platinum Wodka

Russian Standard Platinum Wodka

Diese und andere Flaschen haben unsere Erinnerungen an diesen Abend verschleiert.

Reinfeiern in Ollos Geburtstag

Reinfeiern in Ollos Geburtstag

Dies ist eines der wenigen Fotos, das von diesem Abend übrig ist.

Wir frühstückten gemütlich weiter und versuchten, die Erlebnisse des gestrigen Abends zu rekonstruieren. Viel blieb nicht mehr übrig. Als Jani und Boris in der Nacht ankamen, fanden sie Michi und Etti schlafend auf den Bänken des Gemeinschaftsraumes vor, während Ollo und ich tief und fest in unseren Zimmern schliefen. Sie versuchten vergeblich, uns zu wecken. Irgendwie schafften sie es, Michi und Etti ins Bett zu bringen, genehmigten sich auch ein Bier, und gingen schlafen. Selbstverständlich hatten auch die beiden im Laufe des Tages in der Business Lounge des Flughafens Berlin-Tegel erklecklich dem Alkohol gefrönt.

Auf dem Rückweg stellten Etti, Boris und ich fest, dass wir uns aus unserem Zimmer ausgeschlossen hatten, und Etti eilte zur Rezeption, um Hilfe herbeizuholen. Als er mit dem Typ von der Rezeption zurückkehrte, blickte dieser mich erschrocken an. „You’re the crazy German from last night, aren’t you?“ (Du bist doch der verrückte Deutsche von letzter Nacht.) Keiner wusste, was genau gemeint war, und es stellte sich heraus, dass ich gestern Abend, schwer betrunken, offenbar versucht hatte, in der Gemeinschaftsküche des Hostels ein Ei zu legen. Jene Küche befindet sich dummerweise direkt im Sichtfeld des Rezeptionisten, und so dachte ich im Suff scharfsinnigerweise noch daran, eine Mülltone als Sichtschutz dazwischen zu schieben. Dennoch hinderte mich der Rezeptionist an meinem Vorhaben mit den freundlichen Worten „Please, don’t shit in my kitchen!“ Ollo kam kurz darauf aus einem Hostel-Zimmer zurück, wo er gerade mit einem Rasta-Typen einen durchgezogen hatte, und brachte mich ins Bett. Erinnern kann er sich daran allerdings auch nicht.

Glücklicherweise, gleichwohl zum Bedauern meiner Freunde, gab es von der Aktion keine Videoaufnahmen mehr — diese werden vom Hostel-Computer aus Speicherplatzgründen nur wenige Stunden aufbewahrt. Man muss dazu sagen, das solche Aktionen total untypisch für mich sind, und ich kann heute noch kaum daran glauben. Nunja. C’est la vie.

Wie es uns in den nächsten Tagen mit den nun endlich eingetroffenen Jani und Boris erging, von wirren Touri-Trips, Schifffahrten und eigentümlichen Milchreisgetränken, davon erzähle ich im nächsten Artikel.

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