Ein Dorf beim Ali Beli Pass

Antalya – Vom Schnee in die Sonne

Warum bitte fahrt ihr hier entlang?

Zelt im Sonnenaufgang

Zelt im Sonnenaufgang

Hier war alles so unglaublich nass und lehmig, dass die Schuhe nach zwanzig Schritten fünf Kilo wogen. Jeder.

Als ich morgens mit meinem Fünf-Kilo-Schuhwerk das Zelt verließ, konnte ich die Hand vor Augen kaum sehen. Leichter Nieselregen und dichter Nebel verschleierten die Sicht. Wir packten unser leicht angeschlammtes Zelt zusammen und machten uns auf den Weg zur asphaltierten Hauptstraße. Der Regen hatte in der Zwischenzeit aufgehört und wir rollten bergab durch kleine Dörfer, in denen lediglich die verteilt herumstehenden Traktoren erahnen ließen, dass wir uns im 21. Jahrhundert befanden. Ein schnurrbärtiger Dorfbewohner in grauem Bauernjackett wünschte uns einen guten Morgen und fragte uns, warum in Herrgottsnamen wir über diese Straße führen und nicht über die Hauptstraße. Ich erklärte, die Hauptstraße sei zwar schneller, der altertümliche Charme der Dörfer jedoch viel attraktiver, als die vorbeirauschenden LKWs. Er grinste verständnisvoll und wünschte uns eine gute Weiterfahrt.

Auf holprigen Wegen durch die Berge

Auf holprigen Wegen durch die Berge

1000 Kilometer

1000 Kilometer

Kurz darauf radelten wir wieder einmal durch eine Ebene. Der starke Seitenwind drückte uns zum Teil einen ganzen Meter zur Seite, während wir auf unsere nächste Gebirgskette zufuhren. Als wir die Hauptstraße in Richtung Pass verließen, hatten wir gerade die ersten 1000 Kilometer der Tour geschafft. Der vor uns liegende Pass war zwar 1530 Meter hoch, der Weg dorthin lief aber zum Glück über eine kaum befahrene, nur leicht ansteigende Straße, so dass man die Steigung kaum bemerkte.
Der 1560m hohe Pass war einer der leichtesten bisher

Der 1560m hohe Pass war einer der leichtesten bisher

Als wir am Sattelpunkt angekommen waren, war das Thermometer auf sechs Grad gefallen. Auf der anderen Seite des Passes rollten wir viele Kilometer lang durch eine Schlucht, die sich immer mehr öffnete, um schließlich in einer kleinen Ebene zu enden. Bei dieser Abfahrt hatte ich die GoPro Kamera auf dem Kopf, so dass es keine Bilder der Schlucht gibt. Eigentlich schade, dachte ich, dass man die Wahl hat, entweder ein Video zu machen, das durch häufige Fotostops unterbrochen wird, um so auch anständige Fotos zu bekommen, oder aber einen fortlaufenden Film, dann aber ohne jegliche Spiegelreflexbilder.

Rohbauten sind toll

Ein weiterer Rohbau als Nachtquartier

Ein weiterer Rohbau als Nachtquartier

In Korkuteli, der kleinen Stadt am Fuße der Abfahrt, deckten wir uns noch mit Lebensmitteln ein, um uns anschließend unseren letzten Schlafplatz vor Antalya zu suchen. Doch die Straße lief hier zwischen Hügeln hindurch, die sich zu beiden Seiten eng an die Straße schmiegten und wo es denn ein wenig flaches Terrain gab, befanden sich entweder Häuser oder eingezäunte Gärten und Äcker. Nach über einer halben Stunde entdeckten wir versteckt in einem Baumhain einen Rohbau. Wir beschlossen, ihn uns anzusehen. Dummerweise trennte uns noch ein zirka fünf Meter breiter Bach von unserem Rohbauglück. Trockenen Fußes durchquerten wir ihn und hatten uns eine halbe Stunde später bereits in unserem Domizil inklusive Balkon, Sitzgelegenheit und separatem Elternschlafzimmer eingerichtet. Nur zum Verrichten der Notdurft musste man noch an die freie Luft.

Hier fand ich auch heraus, warum meine Hinterradbremse fast keinen Druckpunkt mehr hatte, so dass ich den Bremshebel bis zum Griff durchziehen musste, um ausreichend Bremswirkung zu erzielen. Es lag nicht, wie von mir seit drei Tagen vermutet, an einer falschen Positionierung des Bremssattels, sondern daran, dass ich seit drei Tagen sprichwörtlich keine Bremsbeläge mehr hatte und nur noch mit der Trägerplatte bremste. Die Scheibe hatte zum Glück keinen Schaden genommen und nachdem ich die Bremsbeläge gewechselt hatte, war ich wieder zufriedener Besitzer einer Scheibenbremse mit dem Druckpunkt des Todes.

Allgegenwärtiges Plastik

Der Tahtalı Pass

Der Tahtalı Pass

Mit nur 970 Metern keine große Herausforderung. Vor allem nicht, wenn man von oben kommt.

Der Weg nach Antalya war ein Kinderspiel. Über eine leicht abschüssige Straße ging es fast fünfzig Kilometer lang durch nicht enden wollende, eingezäunte Wälder, welche hie und da von Naherholungsanlagen unterbrochen wurden. Diese Einrichtungen finden sich in der Türkei häufig in der Nähe größerer Städte. Meist bestehen sie aus einem mehr oder minder gepflegten Toilettenhäuschen, zehn, zwanzig, manchmal fünfzig kleinen Holzpavillons mit Tisch und zwei Bänken und der dazugehörigen Feuerstelle. Das alles ist durchzogen und umgeben mit Unmengen an Plastiktüten, -flaschen und -verpackungen, an denen sich die Einheimischen jedoch nicht zu stören scheinen. Das Umweltbewusstsein und der Umgang mit Müll, der uns in Deutschland über Jahrzehnte hinweg antrainiert wurde, ist hier noch nicht vorhanden, genau wie in den meisten der östlichen Länder, die ich bisher bereist habe. Doch gibt es bereits Campagnen dafür, und so wird der allerorts herumliegende Verpackungsmüll unserer Plastikgesellschaft vielleicht auch hier in einigen Jahrzehnten der Vergangenheit angehören.

Ich vor den Bergen von Antalya

Ich vor den Bergen von Antalya

Atatürk Monument vor Antalya

Atatürk Monument vor Antalya

Am Stadtrand erreichten wir eine Parkbucht, von der aus sich ein atemberaubender Blick über die gesamte Metropole bot. Im Hintergrund das Meer, blickte man zur Rechten auf 2000 Meter hohe Berge, die bis ans Meer hinunterreichten und deren Gipfel noch immer etwas Schnee trugen, während zur Linken eine fast schon lächerlich große Skulptur Atatürks die Felswand schmückte, dessen Konterfei in der Türkei mindestens genauso allgegenwärtig ist, wie Plastikmüll am Straßenrand. Richtete man den Blick geradeaus, sah man unter einer leichten Dunstglocke ein Sammelsurium drei-, vier- oder fünfstöckiger Wohnblöcke, welche an der Küste von brachialen Pauschaltourismustempeln abgelöst wurden. Nachdem wir unsere Poserfotos gemacht hatten, rollten wir zur Küste, in der Hoffnung, im Touristengebiet schnell ein Internetcafé finden zu können.

Beläge, freies Netz und Furten

SDS Bisiklet

SDS Bisiklet

Hier kauften wir Ersatzbremsbeläge zu Internetpreisen. Sehr hilfsbereite Mitarbeiter.

Die Altstadt Antalyas liegt etwas über dem Meeresspiegel und wird vom Wasser durch eine zerklüftete Felswand getrennt, so dass es hier nur einige wenige Stellen gibt, an denen man ungehindert ans Meer gelangt. Ein Internetcafé war schnell gefunden und ich schrieb etwa 10 Mitglieder von Warmshowers sowie 20 Couchsurfer an, in der Hoffnung kurzfristig noch eine Bleibe zu finden. In den engen Gassen der Altstadt, wo sich Restaurants und Ramschläden die Hand gaben und fast alle Aushänge auf Deutsch waren, begaben wir uns auf die Suche nach einem Radladen, um einen neuen Ersatzbremsbelag zu besorgen. Kurz darauf gelangten wir schließlich zu SDS Bisiklet. Das freundliche Personal hatte noch einen Belag vorrätig, den wir dort zu Internetpreisen kauften, und der Cousin einer der Besitzer, der eigentlich in Deutschland lebt, aber zurzeit im Bikeladen aushalf, bot uns an, eine Bleibe für uns zu finden, sollte sich über das Internet gar nichts ergeben. Wieder einmal waren wir überrascht, wie hilfsbereit und zuvorkommend die Türken waren.

Touristenkahn im Meer bei Antalya

Touristenkahn im Meer bei Antalya

Sonnenuntergang über dem Meer in Antalya

Sonnenuntergang über dem Meer in Antalya

Wir aßen an einer Parkbank in der Nähe des Meeres Brot, Wurst und Salat, als ich einfach mal das Tablet herausnahm, um zu schauen, ob es hier nicht vielleicht Internet gäbe. Und siehe da – tatsächlich gab es ein offenes Netz und kurz vor Einbruch der Dunkelheit antwortete uns Mehmet über Warmshowers. Er sagte, er habe bereits zwei Gäste im Haus, aber wenn es uns nichts ausmache auf der Dachterrasse zu schlafen, seien wir willkommen. Wir nahmen dieses Angebot gerne an. Just in diesem Moment gesellten sich vier ältere Engländer zu uns, mit denen wir ein wenig plauderten, bevor wir uns in der Dunkelheit aufmachten, das Haus unseres Hosts zu finden, welches außerhalb des Zentrums in der Nähe der Universität lag. So chaotisch und wüst der Durchschnittseuropäer den Verkehr in unzivilisierten Ländern wie der Türkei auch finden mag – als Fahrradfahrer ohne jegliche Beleuchtung im Dunkeln fühlten wir uns hier bedeutend sicherer, als dies in deutschen Städten der Fall gewesen wäre, wo man vermutlich bereits an der zweiten Kreuzung über den Haufen gefahren würde, mit der Begründung: „Der hatte kein Licht am Fahrrad“, um anschließend noch den Schaden von 3000€ wegen des verkratzten Lacks der Stoßstange zu begleichen. Lackierte Stoßstange. Das ist für meinen Verstand bereits ein Widerspruch in sich. Oder versteht jemand von Euch, warum man sich Hochglanzlack auf einen Gegenstand kleistert, der dazu dienen soll, gegen andere Gegenstände zu stoßen – wie der Name ja schon sagt. Aber gut, zurück zu unserer Nachtfahrt und Mehmet.

Auf dem Weg zu unserem Gastgeber verlief plötzlich ein fast ein Meter tiefer Graben quer über die Straße und hinderte uns am Weiterkommen. Doch der Baggerfahrer machte uns Platz und die freundlichen Bauarbeiter legten uns einen Metallrost über die Furt, so dass wir unsere Bikes auf die andere Seite schieben konnten und nicht wieder die ganze Straße zurückfahren mussten.

Mehmet und Mustafa

Hätten wir kein GPS gehabt, hätten wird Mehmets Haus vermutlich nie gefunden, da hier fast alle Gebäude gleich aussahen und auch die rechtwinklig angelegten Straßen sich kaum unterschieden. Doch als wir an der Straßenecke neben seiner Wohnung standen, kam er uns bereits entgegengelaufen. Mehmet ist 19, Student und hat vor, nach seinem Studium eine Fahrradweltreise zu machen. Wie er so davon erzählte, schien er zwar sehr motiviert zu sein, hatte aber bisher keinerlei Erfahrung mit dieser Art des Reisens gesammelt, so dass viele seiner Ideen etwas weit hergeholt klangen. Aber schließlich haben alle Reisenden bloß mit einer Idee im Kopf und unrealistischen Plänen angefangen.

Die anderen Warmshowers-Gäste in Mehmets WG waren Stefan Meurisch und Nastaran. Stefan war vor drei Jahren in Deutschland losgelaufen, mit dem Ziel Spenden zu sammeln, währen er zu Fuß nach Tibet läuft. Den ersten Versuch musste er in Indien abbrechen, weil er kein Langzeitvisum bekam und ist deshalb wieder zurück in Richtung Westen gezogen. Im Iran lernte er Nastaran kennen. Da sie die Möglichkeit hatte, ein Jahr Auszeit von der Uni zu nehmen, beschloss sie, den zweiten Anlauf mit ihm zusammen zu starten. Ich wünsche den beiden viel Glück, und dass es dieses Mal klappt. Für Interessierte, hier der Link zu Stefans Facebook Seite: „Long Trail to Tibet“.

Mehmet, Stefan, Nastaran und wir zwei beim Frühstück in Antalya

Mehmet, Stefan, Nastaran und wir zwei beim Frühstück in Antalya

Beim gemeinsamen Frühstück auf der Dachterrasse, die eine super Aussicht auf die umliegenden Berge bot, stellte sich im Gespräch heraus, dass Mehmet unseren Warmshowers-Host aus Izmir, Sencer, bei einem Fahrrad-Event kennengelernt hatte. Die Welt ist eben doch ein Dorf. An diesem Abend kam noch Onur vorbei, ein Freund von Mehmet, den ich ebenfalls über Couchsurfing angeschrieben hatte. Die beiden befanden sich gerade im Wettkampf, wer mehr Gäste in einer bestimmten Zeit bekommen würde. Das waren in unserem Fall also zwei Punkte für Mehmet, würde ich sagen. Zu späterer Stunde kam auch noch Mehmets Mitbewohner und eine Freundin dazu, und wir trommelten gemeinsam auf Handtrommel und Djembé. Sasha, eine Übersetzerin aus Russland, die seit einiger Zeit in Málaga wohnte, war ebenfalls mit von der Partie. Die gesellige Runde dauerte bis spät in die Nacht und größere Mengen Bier später schlummerten wir schließlich wieder allein auf unserer Terrasse.

Gruppenfoto bei unserem Warmshowers-Host Mehmet in Antalya

Gruppenfoto bei unserem Warmshowers-Host Mehmet in Antalya

Wir belagerten drei Tage lang seine Dachterrasse.

Statt der geplanten zwei Nächte blieben wir ganze vier, bevor wir schließlich unser Gerümpel zurück in die acht Ortliebs stopften und die Reise fortsetzten. Eine Freundin von Mehmets Mitbewohner schenkte uns noch einen neuen Reisegefährten, Mustafa Ibrahim, der uns ab jetzt auf unserem Weg nach Singapur begleiten würde. Nach einem kurzen Zwischenstopp im Bauhaus war das nächste Ziel die Gesteinsformationen von Kappadokien, von mir liebevoll „Steinschwänze“ getauft. Doch dazu mehr im nächsten Artikel. (Anm.: Irgendwie erinnern mich die letzten Sätze des Artikels immer an „Nils Holgersson“ :))

Unterwegs in die Berge bei Tefenni

Unterwegs in die Berge bei Tefenni

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