Eine Bäckerei am Stadtrand von Anzali

Abenteuer Bandar-e Anzali

Do you speak English

Die nächste größere Stadt auf unserer Route war Bandar-e Anzali, oder kurz einfach nur Anzali. Da alle Städte, deren Name mit „Bandar-e“ beginnt am Meer liegen und einen Hafen haben, schlussfolgerte ich, dass Bandar „Hafen“ hieße. Die Aussage, dass dank des guten iranischen Bildungssystems viele Leute etwas Englisch könnten, muss ich jedoch revidieren. Auf der Suche nach einem Internetcafé schickte man uns 15 Minuten lang quer über den Marktplatz, ohne auch nur den Hauch von Internet zu finden.

Da sich bekannterweise alle Probleme von selbst lösen, wenn man aufhört die Lösung zu suchen und eine Zigarette raucht, zündete ich mir eine an. Nach drei Zügen kam ein älterer Herr auf uns zu und fragte in perfektem Englisch, woher wir kämen. Er hieß Khosrow, war in früheren Jahren Englischlehrer gewesen und würde sich freuen, ein wenig mit uns reden zu können. Diese Möglichkeit würden wir ihm bieten. Mehr als ihm lieb war.

Bond, James Bond

Eine Moschee in Bandar-e-Anzali

Eine Moschee in Bandar-e-Anzali

Wir setzten ihn darauf an, ein Cafenet zu finden. Man erklärte ihm den Weg zum nächstgelegenen Café, doch nach einigen Minuten kam er zurück und erklärte uns, wir könnten dort nicht online gehen, da man Angst davor hätte, dass wir Probleme für den Besitzer verursachten. Dies erzählte er auch den beiden Männern, die immer noch neben uns standen. Diese erwiderten nur, der Besitzer hätte absolut richtig gehandelt. Man könne schließlich nicht jeden ans Internet lassen. Was wäre denn, wenn wir deutsche Spione seien und Informationen über den Iran ins Ausland schicken wollten.

Man muss schon eine leicht paranoid angehauchte Psyche haben, um zu denken, deutsche Spione kämen mit dem Fahrrad in den Iran und fragten dort beliebige Passanten nach dem nächsten Internetcafé, um von dort aus geheime Botschaften zum eigenen Geheimdienst zu schicken. Aber Khosrow hatte uns bereits vor den hiesigen Iranern gewarnt. Sie seien sehr nett und gastfreundlich, würden dann aber wie aus dem Nichts heraus anfangen, unsinnige und nervige Probleme zu generieren.

Endlich Internet

Die nächsten zwei Cafenets waren zu dieser Stunde geschlossen, denn wie Khosrow uns erzählte, seien die Menschen in dieser Gegend nicht die fleißigsten. Oft öffneten sie ihre Läden gegen 11 Uhr morgens, schlossen gegen 13 Uhr wieder, um eine Siesta zu schlafen, und hätten dann von 18 bis 22 Uhr wieder geöffnet. Doch schließlich wurden wir fündig und man erlaubte uns sogar, WiFi zu benutzen. Michi kontaktierte Bahman aus Teheran, der uns für unseren gesamten Aufenthalt in der Hauptstadt beherbergen wollte, während ich draußen mit dem ehemaligen Englischlehrer über den Iran redete.

Ultrakurzgeschichte des Irans

Nachdem die CIA Anfang der fünfziger Jahre den amtierenden und demokratisch gewählten Premierminister des Iran in einem Staatsstreich aus dem Amt beförderte, weil er die iranische Ölindustrie verstaatlicht hatte, die bisher fest in der Hand der Anglo-Iranian Oil Company war, die sich später in British Petroleum (BP) umbenennen würde, lag die Verantwortung des Landes beim gerade einmal 32 Jahre alten Shah, der dieses Amt bereits seit 10 Jahren inne hatte.

Von den USA bestärkt, trieb der Shah die „Weiße Revolution“ weiter voran, welche umfassende Reformen im Bereich der Frauenemanzipation und des Bildungssystems vorsah. Ayatollah Ruhollah Khomeini war die Galionsfigur des Widerstandes gegen den Shah. Als in den 70ern der Ölpreis in den Himmel stieg, überredeten die USA den Shah dazu, massiv in Rüstung zu investieren, die das Land eigentlich gar nicht benötigte und die später nutzlos in der Wüste verwittern würde.

Die kurz darauf folgende Rezession ließ den Ölpreis nach unten schnellen. Plötzlich ging dem Iran das Geld aus und viele der ehrgeizigen Reformprojekte mussten gestoppt werden. Allenortes brodelte es. Als der Shah aufkommende Demonstrationen und Aufstände blutig niederschlagen ließ, eskalierte die Situation, bis er schließlich ins Ausland fliehen musste.

Ayatollah Ruhollah Khomeini nutzte das Machtvakuum, um sich selbst an die Spitze des Landes zu stellen und kurz darauf die Islamische Republik Iran auszurufen. Reformen wurden rückgängig gemacht und das Land unterlag ab jetzt den Regeln des Islams. Als Saddam Hussein 1980 versuchte, das Chaos im Land auszunutzen, um die grenznahen Ölquellen zu sichern, stürzte er den Iran damit in ein weiteres Jahrzehnt des Tumultes.

Nach dem Tod Khomeinis, der heute als Imam Khomeini verehrt wird und als Heiliger gilt, ging das Amt des Höchsten Anführers wieder an seinen Vorgänger zurück, während Rafsanjani, der angeblich reichste und korrupteste Mann im Iran, Präsident wurde. Er bekämpfte aktiv die Bevölkerungsexplosion mit Verhütungsmitteln, brachte Strom, Wasser und Straßen auch in entlegene Dörfer und verbesserte die Infrastruktur merklich.

International hatte der Iran immer noch ein schlechtes Image und 1995 verhingen die USA schließlich ein Handelsembargo gegen das Land. In den folgenden Jahren führte mit Khatami ein für den Iran eher liberaler Kandidat die Präsidentschaft. Sein Ziel war es, viele der strengen islamischen Gesetze zu lockern und das Land zu öffnen, doch die meisten seiner Reformvorschläge wurden vom „Guardian Council“ (Wachkonzil) mit einem Veto abgelehnt.

Das Regierungssystem des Iran ist einzigartig, denn eigentlich besteht es aus zwei Regierungen. Es gibt eine gewählte Regierung mit einem Präsidenten, der Regierungsoberhaupt ist, und den in anderen Ländern üblichen Ämtern. Das ist der Teil der Regierung, über den in westlichen Medien berichtet wird.

Doch darüber hinaus gibt es den Guardian Council, dessen Oberhaupt der Oberste Anführer ist. Seine Machtausübung unterliegt keinerlei Beschränkungen. Das Wachkonzil besteht aus 12 Männern und entscheidet unter anderem, wer sich zur Präsidentschaftswahl aufstellen lassen kann, und wer nicht. Über diesen mächtigen Teil der Regierung hört man im Fernsehen nichts, liest man nichts in den Zeitungen. Er zieht hinter den Kulissen die Fäden und erfreut sich seines Reichtums.

Auch die Wahl des Außenseiters Ahmadinejad kann als Hilferuf eines Volkes verstanden werden, das versucht, sich gegen ihre religiös-elitäre Führung zu emanzipieren, ohne dabei einen Bürgerkrieg anzuzetteln. Ahmadinejad hatte gute Ideen, er wollte Reformen, war aber ein unfähiger Politiker. Vermutlich hätte man ihn sonst nie zur Wahl zugelassen.

Doch genug des geschichtlichen Abstechers und zurück zu dem, was Khosrow erzählte.

Khosrows Meinung

Khosrow und ich vor dem Cafenet in Anzali

Khosrow und ich vor dem Cafenet in Anzali

Khosrow meinte, zur Zeit der Islamischen Revolution habe es eine recht kleine Elite von rund zwei Millionen Menschen gegeben, die die Mullahs unterstützten und neben den Briten und Franzosen den Shah stürzen wollten. Das sei vor etwa 40 Jahren gewesen. Heute sei es immer noch eine Elite von rund zwei Millionen Menschen, obwohl sich die Einwohnerzahl des Landes fast verdoppelt hätte. Und diese Minderheit sei eine sehr mächtige und grausame Minderheit, die ihren Willen mit uneingeschränkter Gewalt durchsetze.

Zur Demographie des Landes erklärte er mir, im Westen des Landes lebten überwiegend Kurden, von denen viele bereits ermordet wurden. Denn auch hier sind die Kurden ein Volk ohne eigenes Land. Im Süden lebten Araber und dort sei auch das Öl zu finden. Im Osten gäbe es überwiegend Afghanen und der Rest des Landes sei persisch. Und jede einzelne dieser Gruppen habe ihre eigenen Forderungen, ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Probleme.

Leaving Anzali

Mehr Reisfelder am Kaspischen Meer

Mehr Reisfelder am Kaspischen Meer

Nach nur 45 Minuten hatte es Michi endlich geschafft, illegal eine Nachricht über Facebook zu verschicken. Wir verließen Anzali und fuhren, wie schon seit dutzenden Kilometern, zwischen Läden, Werkstätten und Restaurants hindurch. In der Zwischenzeit hatten wir auch festgestellt, dass der Iran generell noch zugemüllter ist, als die Türkei. Überall, wo es Menschen gibt, liegt hier Plastik.

Tom Jones

Doch damit nicht genug. Wir wollten gerade anfangen, einen Schlafplatz zu suchen, als wir in eine Megabaustelle für den neuen Freihandelshafen einfuhren. Hier entstand auf einem riesigen Areal ein gigantischer Hafen- und Handelskomplex. Wir waren etwas entmutigt, als am Straßenrand vor uns ein gelbes Taxi anhielt und Tom Jones heraussprang. Krause Locken, eng stehende Augen, kleine Wampe, es war ohne Zweifel der iranische Tom Jones.

In akzeptablem Englisch rief er: „Please stop! I want to talk to you.“ Klang mir ein bisschen nach Zeugen Jehovas. Doch wir blieben stehen und lauschten seinen Worten. Er stellte sich zu unserer Enttäuschung nicht als Tom Jones, sondern als Ali Reza vor. Er bot uns sofort an, bei ihm zu schlafen. Es sei nur zehn Kilometer entfernt und seine Familie würde sich unheimlich über ausländische Gäste freuen. Nach kurzem Hin und Her willigten wir ein und vereinbarten, uns in einer halben Stunde 10km die Straße entlang wieder zu treffen.

Ob Ali Reza heute Abend Sex Bomb zum Besten geben oder ob unsere Abendunterhaltung eher bescheiden iranisch ausfallen würde, könnt ihr im nächsten Nils Holgersson lesen.

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3 Gedanken zu „Abenteuer Bandar-e Anzali“

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