Blick von der Burg Dürnstein ins Donautal

Wer plant, misstraut nur seinem Glück

Eine unerwartete Reise

Michi mit bepackten Bikes im Flur

Kurz vor der Abfahrt mit den Bikes im Hausflur

Nervös und übermüdet machten wir uns um 5 Uhr auf den Weg zum Bahnhof.

Wie bereits die 15d6c Tour, kam auch der erste Teil der “Around the World” Tour — Codename ATW ‘11 — auf eher ungewöhnliche Art zustande. Als ich Michi kennenlernte, war sie stolzer Besitzer eines Baumarkt-Fullys. Nachdem wir einige Geländetouren zusammen gemacht hatten beschloss ich, dass es unverantwortlich sei, sie weiter auf diesem Fahrrad gewordenen Stück Altmetall durch die Wälder zu scheuchen. Ich bestellte ihr also ein brauchbares Mountainbike. Einige weitere Touren später schlug ich vor, da sie im Sommer einige Wochen Zeit haben würde, eine längere Radreise zu unternehmen. Sie war sich unschlüssig und schob eine konkrete Aussage bezüglich Reiseziel und -dauer so lange vor sich her, bis ich die Initiative ergriff und hinterrücks einen Flug von Istanbul nach Zweibrücken buchte. Sie wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte, aber die Tatsache, dass wir in den folgenden beiden Jahren ebenfalls gemeinsam tourten und jetzt, in dem Moment wo ich gerade im Zelt sitze und diesen Text schreibe, mit ihr auf ATW ‘15 bin, bestätigt mich in meiner Dreistigkeit.

Wie ebenfalls aus der 15d6c Tour bekannt, war auch diesmal die Planung vorzüglich. So zogen wir am Abend vor der Abfahrt gen Karstadt, um schnell noch eine Regenhose für Michi zu besorgen. Jeder, der schonmal mehrere Stunden im Regen geradelt ist, wird die Relevanz guter Regenkleidung nachvollziehen können. Auf dem Kassenbeleg stand schließlich der Kaufzeitpunkt 19:58. Knapp, aber geschafft. Jetzt mussten wir nur noch packen und Benzin besorgen um meinen Mehrstoffbrenner zu testen, der natürlich nicht funktionierte, so dass wir doch auf den Campingaz Kartuschenbrenner umstiegen. Gegen vier Uhr morgens waren wir endlich mit allem fertig. Bedenkt man, dass um halb fünf der Wecker klingeln sollte, stellt man fest: Schlafen wäre sinnlos. Genau so plant man eine Reise.

Die Qual der Anreise

Mit Bike am Bahnhof Passau

Nach 11 Stunden Zugfahrt endlich in Passau

Wir brachen in aller Herrgottsfrühe zum Bahnhof auf — zuvor warf ich noch meine fehlenden Hartz IV Dokumente bei der Arge ein — und fuhren, wie schon mit Etti im Jahr zuvor, nach Passau. Der Plan war, in 52 Tagen von Deuschland aus durch Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien und Bulgarien in die Türkei zu fahren. Geplant waren rund 3000 Kilometer. Die Zugfahrt verlief ungeheuer unspektakulär. Das Aufregendste war ein Schaffner, der uns von den Überwachungsmethoden der Bahn erzählte. Zum Beispiel von inkognito arbeitenden Bahnangestellten, die überprüften, ob die Schaffner auch ausreichend lächelten. Ein wahrer Traumjob also. Einige Stunden später lagen wir bei rund 30 Grad und einer gefühlten Luftfeuchtigkeit von 99% im Zelt. Das apokalyptische Gewitter, das in dieser Nacht mit ohrenbetäubendem Lärm über uns hinwegzog, verbrachte ich in Angst und Bange um unser Leben, während Michi neben mir eifrig weiterschnarchte. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie ich diese Anreisetage hasse, denn eigentlich passiert die ganze Zeit überhaupt nichts und man wartet nur darauf, dass es endlich losgeht.

Apokalypse: Teil 1

Blick von der Brücke beim Kraftwerk Ottensheim-Wilhering auf Dürnberg

Blick von der Brücke beim Kraftwerk Ottensheim-Wilhering auf Dürnberg

Auf dem Rodlgelände von Dürnberg

Auf dem Rodlgelände von Dürnberg

Hier war glücklicherweise gerade ein Fest (auch wenn niemand so genau wusste, welches) und so konnten wir offiziell und kostenlos campen.

Am nächsten Tag landeten wir nach 71 etwas zähen Kilometern entlang des mir bereits bekannten Teils der Donau in einem kleinen Dorf. Dort war gerade eine Art Dorffest mit freiem Camping im Gange, dem wir uns sofort anschlossen. So hatten wir in der ersten Nacht eine Toilette und eine Dusche zur Verfügung. Luxus pur also. Dummerweise hatten wir vergessen, dass es Sonntag war und unsere Essensvorräte aufgebraucht waren. Der lokale Campingplatz verkaufte ebenfalls keine Lebensmittel, aber in einer der Kisten hinter dem Supermarkt fanden wir zwei top Paprika, aus denen wir mit zwei Instant-Suppen und dem kläglichen Rest unserer Spaghetti ein schmackhaftes Abendmahl zauberten.

Bei einem kleinen Spaziergang sahen wir noch eine Filmcrew, die einem vermeintlichen Brahmanen in traditionellem Betttuch-Gewand einen Hügel runter hinterherlief. Vermutlich drehten sie gerade die österreichische Version von Ghandi oder dem Mahabharata. Uns war kaum aufgefallen, dass nach und nach der Wind immer mehr auffrischte, doch die tiefschwarzen Gewitterwolken, die nun bereits fast über uns waren, und der auf einen Schlag zum Sturm anschwellende Wind trieb uns in Richtung unseres Zeltes. Wenn das gestrige Gewitter die Apokalypse war, dann fühlte es sich heute an, als würden wir in ein schwarzes Loch gesogen. Michi saß im Zelt, ich versuchte dieses schnell mit ein paar weiteren Heringen zu befestigen und abzuspannen. Einige Sekunden später stürzte ich pitschnass ebenfalls in unsere Plastikburg. Das Gestänge bog sich bedrohlich, an allen Nähten drang Wasser ins Zelt. Von oben, von unten, einfach von überall. Nach 10 Minuten war der Spuk vorbei. Wir wurden nicht zur Singularität zerquetscht und schafften es etwas später sogar, trotz des recht nassen Zeltes, zu schlafen.

Grein mit Schloss Greinburg

Grein mit Schloss Greinburg

Am Badesee

Badesee Waldhausen in Schloßberg

Badesee Waldhausen in Schloßberg

Wunderbar zum Campen und sogar eine Dusche gab's.

Auch der folgende Tag war nicht ohne Überraschungen. So hatte ich zum Beispiel noch nie eine beschilderte Umleitung für Fahrradfahrer gesehen. Der R1, der meistbefahrene Radweg in Europa, war gesperrt, weshalb man mit einigen Kilometern Umweg durch angrenzende Dörfer geleitet wurde. Am späten Nachmittag fiel uns ein Wegweiser ins Auge, auf dem “Badesee” stand. Diesem konnten wir natürlich nicht widerstehen. Wir verließen also die geplante Route. Was nicht dabei stand war, dass uns noch 300 Höhenmeter und einige Kilometer vom See trennten. Doch der Umweg hatte sich gelohnt. Das kleine Gewässer lag idyllisch zwischen Hügeln und der Ort hatte seinen eigenen Alpen-Charme, auch wenn wir gar nicht in den Alpen waren. Es schien auch niemanden zu interessieren, dass wir direkt neben dem See unser Zelt aufschlugen. Ein unglaublich sauberes Toilettengebäude und eine Dusche, die meinem Körpergefühl nach ihr Wasser direkt aus der Arktis zu beziehen schien, gehörten ebenfalls zur Ausstattung des Badesees. Bisher fühlte sich die Tour nicht nach der stinkenden und unzivilisierten Radreise an, die ich erwartet hatte. Aber das sollte sich noch ändern.

Marvellous Burg Dürnstein

Holzpfad an der Donaustraße

Holzpfad an der Donaustraße

Stift Melk

Stift Melk

Wir machten uns früh auf zur Burg Dürnstein zu radeln, wo ich auch schon mit Etti genächtigt hatte. Michi hatte in der Zwischenzeit Probleme mit Knien, Ellenbogen, Arsch, Insekten und sogar mit ihren Kopfhörern, die nicht im Ohr bleiben wollten. Gegen Mittag verließen wir den Fluß und fuhren durch einige der angrenzenden Ortschaften, deren enge Gassen und außerirdische Supermarktpreise Abgeschiedenheit suggerierten. Ein etwas schräg angehauchter Jugendlicher zeigte uns seine Sammlung von unscharf fotografierten Hirschgeweihen. Ein paar Kilometer später dann der erste Defekt: Meine Kette riss. Seit jenem Tag werde ich jedesmal, wenn es um die Zuverlässigkeit technischer Geräte geht, mit meiner eigenen Aussage “Ach, Ketten reißen nicht!” und dem dazugehörigen schäbigen Grinsen konfrontiert. Gegen Abend quälten wir uns mit den Rädern die fast vertikale Gasse zur Burg Dürnstein hoch und genossen den Ausblick. Ein paar US-Amerikaner waren ebenfalls auf der Burg. Diese waren problemlos anhand der “Oooh, marvellous!” und “Amazing!” Ausrufe als solche zu identifizieren.

Blick von Burg Dürnstein ins Donautal.

Morgens auf Burg Dürnstein beim täglichen Logbuchschreiben.

Vienna calling, again

Biene auf Bierdose

Ein "Rüssler" nuckelt an unserem Schwechater Bier

Bier-Zapfsäule

Bier-Zapfsäule

Und genauso wurden wir am darauffolgenden Tag auch geweckt. Von einer Horde Amis, die mit dem Kamerasucher vorm Gesicht im Stechschritt die Burg besichtigten und sich dabei gegenseitig in ihren Lobpreisungen von der Schönheit der Ruine überboten. Nach dem alltäglichen Morgenritual — zu spät aufstehen, packen, frühstücken, losfahren — fuhren wir, teils am Fluß entlang, teils durch angrenzende Ortschaften, auf Wien zu, bis wir schließlich auf einem Campingplatz kurz vor der österreichischen Hauptstadt eincheckten. Dank der aufziehenden Gewitter waren wir diesmal dazu verdonnert, im Vorzelt zu kochen. Je nach Zeltgröße ist dies nicht zur Nachahmung empfohlen, da sich Zeltplanen in Sekundenbruchteilen in einen leise rieselnden, schwarzen Partikelregen verwandeln können.

Stephansdom in Wien

Stephansdom in Wien

Autosegnung der Stadtpfarrkirche in Hainburg

Die Stadtpfarrkirche in Hainburg segnet auch Autos

Da am Vorabend niemand mehr anzutreffen war, dem wir unsere Ankunft auf dem Platz hätten mitteilen können, beschlossen wir, uns ohne große Abschiedsrituale wie Auschecken oder Bezahlen vom Acker zu machen. Auch nach meinem zweiten Besuch in Wien verbesserte sich mein Eindruck nicht. Nach wie vor kam die Stadt mir stressig, schnöselig und teuer vor. Von den Horden Nikon-behangener Japaner ganz abgesehen. Nach einer Stunde Wien hatten wir beide genug. Wir setzten uns mit unseren gerade erworbenen Bier zu einem ebenfalls Gerstensaft trinkenden österreichischen Sozialarbeiter, der in der Drogenberatung arbeitete und mit dem wir uns über Gott, die Welt und seinen letzten Amsterdambesuch unterhielten. Schließlich machten wir uns auf den Weg nach Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei, und dem dritten Land dieser Tour — wenn man Deutschland mitzählt, durch das wir ja nur ein paar Kilometer gefahren waren.

Bikes inmitten von Fußgängern in Wien

Mia mit den Bikes inmitten von Fußgängern

Man beachte den freudigen Blick 😉

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