Graffiti unter einer Brücke in Osijek

A Serbian Bike Movie

Vukovar

Landstraße in Kroatien

Landstraße in Kroatien

Wir erhoben uns aus unserem weichen Bett und bekamen von unseren Hunderettern noch ein üppiges Frühstück, bevor es wieder auf den Asphalt ging. Bei meinem Hinterradmantel war an einigen Stellen das Gummi bereits komplett abgefahren, aber ich wollte ausprobieren, wie lange er noch halten würde, bevor er endgültig den Geist aufgab. Meine Kette riss wieder einmal, ich musste zwei weitere Kettenglieder entfernen. Deshalb konnte ich nicht mehr alle Gänge fahren, aber die wichigsten funktionierten noch. Nachdem alles wieder genietet war, fand ich dann auch die Power Links (zum Kette nieten und wieder öffnen ohne Niet-Werkzeug — sehr praktisch!), die ich schon seit der ersten gerissenen Kette gesucht hatte.
Zerstörter Wasserturm in Vukovar

Zerstörter Wasserturm in Vukovar

Viele Gebäude der Stadt wurden als Mahnmal in ihrem zerstörten Zustand erhalten, um an die Schlacht von Vukovar 1991 zu erinnern.

Gegen Abend rollten wir durch Vukovar, eine kroatische Stadt, in der viele Gebäude seit der gleichnamigen Schlacht von Vukovar nicht restauriert wurden. Sie stellen heute ein Mahnmal gegen den Krieg dar. Das wohl bekannteste Bauwerk ist der zerstörte Wasserturm aus roten Ziegelsteinen, dessen Wand durch Granateinschäge teilweise eingerissen war. Kurz hinter der Stadt fanden wir dann doch eine Stelle zum Zelten. Beim Abendessen stellten wir noch fest, dass Thunfisch und süß-saure Soße etwa so gut zusammenpassen wie Nutella und Salami, bevor wir uns von unserer Flasche lieblichem Rotwein über diese Geschmackskakophonie hinwegtrösten ließen.

Betty

Grenzübergang Serbien

Grenzübergang Serbien

Lieblicher Rotwein ist bekannterweise ein hervorragender Kopfschmerzenlieferant und so starteten wir gegen halb elf über eine Straße mit Sägezahnprofil in Richtung Serbien. Der einzige Unterschied zu Kroatien war, abgesehen von der Sprache, dass auf der Hauptstraße, auf der wir uns befanden, sehr eng gefahren wurde. Manchmal blieben kaum zehn Zentimeter zwischen Außenspiegel und Fahrradlenker. Außerdem wurde auf dieser Straße keineswegs langsam gefahren. Ein Wagen mit Anhänger, der uns überholte, scherte direkt nachdem das Auto an Michi vorbei war wieder ein, schien dabei aber vergessen zu haben, dass dem Auto ja noch besagter Anhänger hinterherlief. So schob er sie beinahe von der Straße. Nach zwanzig Minuten hielten wir genervt vom serbischen Fahrstil an einem extrem verdreckten Rastplatz an und beruhigten unsere Nerven mit einer Zigarette.
Efeubewachsener Strommast

Efeubewachsener Strommast

Auf der EuroVelo 6 durch den Begečka Jama Park

Auf der EuroVelo 6 durch den Begečka Jama Park


Gerade als wir dekorativ neben dem von schmatzenden Fliegen umschwärmten Mülleimer standen, bog eine Radfahrerin mit ihrem bepackten Rad auf selbigen Rastplatz ab. Sie hieß Betty, kam aus Frankreich und ihr Plan war, die EuroVelo 6 von Bratislava bis zum Schwarzen Meer zu fahren. In Serbien folgten wir fast genau derselben Strecke, so dass wir beschlossen, eine Weile mit ihr zusammen zu fahren. Der Zustand der Strecke ließ ein wenig zu wünschen übrig. Es ging größtenteils über holprige Treckerwege, die teilweise das Steißbein bis zum Kehlkopf durchschlugen.
Abend am Donauufer

Abend am Donauufer

Jelen Pivo a.k.a. Hirsch-Bier

Jelen Pivo a.k.a. Hirsch-Bier

Die serbischen Biere mussten natürlich auch getestet werden.

Gegen Abend richteten wir unser Lager direkt am Ufer der Donau ein und beendeten den Tag mit einem trockenen Rotwein, der bedeutend besser schmeckte, als die Zuckerplörre vom Vortag.

Laufende Kuh

Stampede

Die todesmutige Mia schoss dieses Foto der gefährlichen serbischen Fauna.

Die Befreiung

On the road in Serbia

On the road in Serbia

Einige Angler, die sich lautstark unterhielten und ein ohrenbetäubend tief fliegender Doppeldecker weckten mich sehr früh am nächsten Morgen. So konnte ich noch den Sonnenaufgang über der vernebelten Donau genießen, bevor es wieder in den Sattel ging. Nach etwa vierzig Kilometern trieb uns der Hunger dazu, in einem Dorf im serbischen Nirgendwo nach einer Einkaufsmöglichkeit zu suchen. Am Straßenrand verkauften mehrere Stände Spielzeugpistolen und Zuckerwatte und einige Vorkiegskarusselle waren auch aufgestellt. Scheinbar war hier gerade ein Fest im Gange. Kaum hatten wir die Räder abgestellt, hielt uns eine ältere Dame an, wir sollen ihr doch ins Haus folgen, dort sei eine Ausstellung. Eine andere Frau, die halbwegs Englisch sprach, wurde herbeizitiert.

Beim Befreiungsfest in Krčedin

Beim Befreiungsfest in Krčedin

Auf die Frage, von was Krčedin denn befreit wurde, sagte man uns nur: "Na von den Deutschen natürlich!"

Sie führte uns an Bildern aus verschiedenen Epochen des Dorfes vorbei, währen sie uns erklärte, was auf den Bildern gerade zu sehen sei. Meistens waren dies allerdings Gruppenaufnahmen von irgendwelchen Vereinen und Gruppierungen, womit wir als Ortsfremde relativ wenig anfangen konnten. Anschließend führte sie uns in einen spartanisch eingerichteten Raum mit einem Tisch in der Mitte, in dem allerhand Handarbeiten ausgestellt waren. So gab es zum Beispiel altmodische Tischdecken und unglaublich hässliche auf Holztäfelchen gemalte Impressionen des Dorfes, die an Wachskritzeleien aus der Kindergartenzeit erinnerten. Zum Glück hat man als Radreisender immer die Ausrede, man könne nichts kaufen, weil man es ja sonst die gesamte Tour mit herumschleppen müsse. Man gab uns leckeren Kuchen und einen kleinen Becher Cola und freute sich über den Besuch aus dem Ausland. Ich fragte irgendwann, was denn eigentlich gefeiert würde. Man antwortete mir nur: „Na die Befreiung natürlich.“ Etwas verdutzt fragte ich weiter: „Welche Befreiung denn?“ Mit etwas Unverständnis, wie ich nicht wissen könne, von wem das Kuhkaff im Niemandsland nun befreit wurde, erklärte man mir: „Na, von den Deutschen natürlich!“ Zuerst war ich etwas verlegen, doch dann sagte ich scherzend: „Und jetzt sind wir wieder zurück. Und wir haben Fahrräder!“ Alle lachten. So war die etwas peinliche Situation gebannt.

Dann fragte man uns noch, ob wir nicht bis heute Abend bleiben wollen, denn dann wäre im Festzelt Tanz. Gegen neun Uhr, nachdem die Kinder im Bett seien, würde man oft auch ein Bier trinken, bevor um elf das große Abschlussfeuerwerk sei. Wir schafften es, uns geschickt aus der Teilnahme an den dekadenten Partyexzessen des Dorfs im Nirgendwo herauszureden und wollten gerade gehen, als uns eine der Handarbeitskoryphäen eine ihrer Holztäfelchen schenkte und uns eine gute Fahrt wünschte. Eins muss man ihnen lassen. Nett und gastfreundlich waren sie auf jeden Fall, nur das mit dem Malen würde ich noch einmal überdenken.

Belgrad

Plattenbauten in Belgrad

Plattenbauten in Belgrad

Hostelzimmer in Belgrad

Hostelzimmer in Belgrad

Unfreundliches Personal, Zellblockstimmung und hohe Preise. Dieses Hostel gefiel uns nicht.

Unser Weg führte uns nach Belgrad, wo wir nach einigem Suchen in einem eher ungemütlichen und etwas dreckigen Hostel eincheckten. In Anbetracht dessen, dass es schon wieder in Strömen regnete, gaben wir uns damit zufrieden und machten das Beste aus dem Abend. Wie immer schlenderten wir etwas planlos durch die Stadt. Diesmal tranken wir wirklich nur ein einziges Bier, bevor wir wieder zurück zum Hostel liefen. Erschöpft, dafür aber in einem richtigen Bett, schliefen wir ein.

Graffitiwand in Belgrad

Graffitiwand in Belgrad

Wetterleuchten für Fortgeschrittene

Wir begleiteten Betty noch ein Stück weiter, bevor wir uns in Pančevo von ihr trennten. Es ging durch eine weite, endlos scheinende Ebene, in der sich der Horizont, wo er nicht durch Baumreihen unterbrochen wurde, im Dunst der Ferne verlor, bis wir beinahe von unserem alten Bekannten, der bösen, dunklen Gewitterfront, eingeholt wurden. In diesem flachen Terrain konnte man wunderbar beobachten, wie der Regen sich über die Äcker schob und immer näher kam. Keine Sekunde zu spät entschieden wir uns, schnell in einen kleinen Feldweg einzubiegen und an der erstbesten Stelle unser Polyesterschloss aufzustellen. Wir schafften es nicht einmal, die Luftmatratzen und Schlafsäcke ins Zelt zu werfen, bevor der Platzregen losging. So saßen wir auf dem nackten Zeltboden und warteten, bis der Spuk, wie gewohnt, eine Viertelstunde später vorüber war. Den Rest der Nacht tobten überall um uns herum heftige Gewitter. Es blitzte wie auf der Oskarverleihung, aber aus irgendeinem Grund zogen alle Gewitter um uns herum, während wir das Schauspiel im Trockenen beobachteten.

Gewitter in der Ebene

Gewitter in der Ebene

Während um uns herum die Welt unterging, saßen wir im Trockenen und schauten zu.

Illegale Einwanderung

Fuchs im Feld

Fuchs

Als wir am Morgen darauf aus dem Zelt krochen, bekamen wir noch einen kurzen Besuch von einem neugierigen Fuchs und schoben nach dem Zusammenpacken die Räder durch den über Nacht versumpften Feldweg zurück auf die Straße. 35 Kilometer später erreichten wir die Stelle, an der ich die Grenze nach Rumänien überqueren wollte. Unglücklicherweise war hier aber gar kein Grenzübergang. Eine ältere Frau, mit der wir uns mit Händen und Füßen verständigten, machte uns klar, dass man dort schon über die Grenze komme. Es sei ungefähr ein Kilometer über den Acker.
Grenztürme an der Serbisch-Rumänischen Grenze

Grenztürme an der Serbisch-Rumänischen Grenze

Mein erster Schnitzer in der Routenplanung: Es gab leider keinen Grenzübergang und wir mussten einen 40km Umweg fahren.

Obwohl mir die Idee ziemlich dumm vorkam, radelten wir bis zu den zwei verlassenen Wachtürmen auf serbischer Seite. Wir stiegen hinauf, um uns ein Bild von der Lage zu machen. Da war ein breiter Acker, hinter dem ein Dorf zu sehen war, welches bereits auf der rumänischen Seite liegen musste. Aber gut fand ich die Idee immer noch nicht. Wir waren gerade wieder von unserem Ausguck hinabgestiegen, als sich uns ein Polizeiwagen näherte. Einer der Beamten sprach etwas Englisch und erklärte uns, ihnen sei es vollkommen egal, ob wir da rübergehen oder nicht. Er würde es allerdings nicht empfehlen, denn auf der andere Seite gäbe es Rumänen, die das nicht so witzig fänden. Er untermauerte seine Aussage, indem er seine Arme an den Handgelenken überkreuzte und den Kopf schüttelte. Das war dann wohl mein erster grober Schnitzer bei der Routenplanung. Wir sahen uns gezwungen, die 45 Kilometer Umweg zur offiziellen Grenze in Kauf zu nehmen, um zu dem einen Kilometer vor uns liegenden Dorf zu gelangen. Mich würde immer noch interessieren, was passiert wäre, wenn wir einfach über den Acker geschoben hätten. Aber auf eine vergitterte Zelle mit Vollpension hatten wir beide keine Lust. Nicht bei dem rumänischen Essen. Doch dazu mehr im nächsten Artikel.

Grenzübertritt Rumänien

Grenzübertritt Rumänien


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