Stilleben mit Reisegeiß

Ramadan, Drogenwahn, Tadschikistan

Erwartungen

Satellitenbild Tadschikistan

Satellitenbild Tadschikistan

Schon hier sieht man es: viel Gebirge, wenig Mensch.

Tadschikistan. Der Pamir. Der Wachankorridor. Wilde Natur, menschenleere Weite und Abenteuer pur. Bereits bei der Planung der Reise war Tadschikistan neben dem Hochland von Tibet mein absolutes Highlight gewesen. Und heute sollte es soweit sein. Wir würden die Grenze überqueren und nach dem von Turkvölkern geprägten Turkmenistan und Usbekistan wieder in den Kulturkreis der Perser eintauchen.

Bereits in den letzten beiden Ländern hatte ich mich auf ein gewisses Maß an Korruption eingestellt, auf das gelegentliche Bestechungsgeld und auf willkürlich ausgelegte Gesetze. Zu sagen, dass ich enttäuscht wurde, klänge vermutlich so, als hätte ich mich darauf gefreut. Sagen wir also, dass ich überrascht war, dies dort nicht anzutreffen. Doch wie würde es in Tadschikistan aussehen?

Grenzübertritt, Light

Wir rollten vom usbekischen Grenzgebäude weg und näherten uns seinem tadschikischen Gegenstück. Ich war mir nicht sicher, ob die Tadschiken dies absichtlich gemacht hatten, doch bereits die kurze Anfahrt zur Grenzstation war steil und mühsam. Ein Vorgeschmack auf das, was noch vor uns lag?

An der Schranke begrüßte uns erst ein deutscher Schäferhund, dann deutete uns ein Soldat an, die Fahrräder seitlich abzustellen und zum Zoll zu gehen. Der Zollangestellte schlief gerade. Er saß nach vorne übergebeugt auf seinem Stuhl, den Kopf neben einem dicken Buch auf dem Tisch ruhend. Mit beiläufigem Räuspern und Husten weckten wir ihn auf. Noch im Halbschlaf übertrug er mit überschwänglicher Unlust unsere Daten in besagtes Buch und wünschte uns eine gute Fahrt. In Gedanken ruhte sein Kopf bereits wieder auf dem Tisch.

Anschließend mussten wir im gegenüberliegenden Gebäude nur noch ein Einreiseformular ausfüllen, bevor unsere Visa mit einem schmucken Einreisestempel versehen wurden. Für den Inhalt unserer Packtaschen und Rucksäcke interessierte sich niemand.

Oh, Germany

Nach einer Viertelstunde hatte wir die Grenze ins Abenteuerland erfolgreich überquert. Ich mochte das Land jetzt schon. Der Himmel war wolkenverhangen, die Luft feucht und das Thermometer zeigte 35 Grad an. Es war zweifelsohne an der Zeit, ein erstes tadschikisches Bier zu verköstigen.

Doch bevor wir in den Genuss eines Hopfensaftes kommen würden, schickte man uns zu einem weiteren Gebäude. Was wir dort sollten, war mir nicht so ganz klar, zumal der von Glasfenstern umgebene Raum leer war und ich es für keine gute Idee hielt, einfach ungebeten in die hinteren Räume weiterzugehen. Wir riefen: „Hallo“ und „Mister“, doch es tat sich nichts. Vielleicht war der Herr gerade auf der Toilette.

Nach einigen Minuten rührte sich etwas im Hinterzimmer. Wir riefen abermals: „Hallo“ und tatsächlich bemühte sich nun ein Pornodarsteller in Polizeiuniform, den weiten Weg zu uns zurückzulegen. Mit vollverspiegelter Ganzkörpersonnenbrille und verschwitztem, halb offenem Hemd, das der wallenden Brustbehaarung einen lasziven Unterton verlieh, starrte er uns einige Augenblicke lang an. Dann verlangte er mit verschlafener aber nachdrücklicher Stimme unsere Pässe.

Er begutachtete sie, als sähe er so etwas zum ersten Mal. Einige unverständliche Silben quollen aus seinem Mund, doch die Situation ließ keine Zweifel zu. Weder er, noch ich hatten Interesse an einem ernsthaften Kommunikationsversuch. Er blätterte kurz umher, gurgelte etwas von „Oh, Germany“ und gab uns die Dokumente zurück. Ich wand mich grinsend um und rief „Pivo“ (Bier). Das verstand auch er und deutete grinsend auf einen wenige Schritte entfernten, kleinen Markt.

Das erste Bier

Das erste Bier in Tadschikistan

Das erste Bier in Tadschikistan

Baltika 7 Hopfenplörre und Baltika 9 Dunkelbier. Unser erster Fehlkauf.

Mit Händen und Füßen gelang es uns ein Балтика (Baltika) 7 und 9 zu erwerben. Bereits der erste Schluck offenbarte mir, dass es sich bei meinem 9er um eines der von mir verschmähten Schwarzbiere handelte. Das 7er konnte man trinken, doch einen Geschmacksoffenbarung war es beileibe nicht. Erst später fand ich heraus, dass Baltika gar nicht tadschikisch war, sondern die größte Brauerei Russlands.

Induktionsanfang: Ein Bier ist kein Bier

Tadschike auf Mias Fahrrad

Tadschike auf Mias Fahrrad

Die Flaschen waren schnell geleert, doch es verlangte uns nach mehr. Das nächste Dorf war nicht weit entfernt, doch der erste Markt verkaufte kein Bier. Auch im zweiten und dritten blieb unsere Suche erfolglos. Am Rande der Verzweiflung konnte ich mit Händen und Füßen herausfinden, dass wir der Straße etwa einen Kilometer weit folgen mussten, um Bier zu finden. Tatsächlich war dort einen kleiner Laden, der das erfrischende Malzgebräu verkaufte. Und das, im Gegensatz zum Markt an der Grenze, sogar zu verkraftbaren Preisen.

Vor dem Laden saßen einige Tadschiken und verfolgten neugierig jeden unserer Schritte. Wir gesellten uns zu ihnen, tranken, rauchten und kommunizierten so gut es eben ging. Außer uns trank erstaunlicherweise niemand etwas und auch unsere Snacks wurden abgelehnt. Erst jetzt fiel mir ein, dass ja gerade Ramadan war und Tadschikistan überwiegend muslimisch war.

Persische Gastfreundschaft

Nach einer Weile lud uns einer der Anwesenden dazu ein, bei ihm zu Hause zu übernachten Es bestand kein Zweifel, wir waren wieder unter Persern. Völlig t‘aarof-frei nahmen wir das Angebot erst an, lehnten aber einige Momente später doch ab, da ich es unhöflich fand, sich zu Ramadan im Haus seines Gastgebers zu betrinken.

Die Sonne war kaum untergegangen, als schlagartig alle Anwesenden verschwanden, um sich ausgehungert am lang erwarteten Abendessen zu laben. Und natürlich brachte man auch uns Brot, Wurst und Obst nach draußen, denn bei Persern wird Gastfreundschaft groß geschrieben. Und im Islam ebenfalls. Und in der deutschen Sprache auch. Wie es bei islamischen Persern ist, die auf Deutsche treffen, kann man sich dann vorstellen.

Induktionsschritt: Das nächste Bier ist wie das davor

Im Verlaufe des Abends verloren wir jegliches Zeitgefühl, bis wir auf einmal die einzigen waren, die noch vor dem Laden saßen. Die Besitzerin bot uns an, in ihrem kleinen Gebetsraum zu schlafen, was wir dankend annahmen. Im Laufe der Nacht bemerkte ich dann, dass wir nicht alleine waren. Scharen von Moskitos hatten sich hinterhältig in den dunklen Nischen des Raumes versteckt, in dem ein saunaähnliches Klima herrschte. Sich die Rüssel reibend, warteten sie regungslos ab, bis wir schliefen, um dann bestialisch über unsere schwitzenden Körper herzufallen.

Hopfens Rache

Schwüle und Industrie auf dem Weg nach Tadschikistan

Schwüle und Industrie auf dem Weg nach Duschanbe

So wachten wir am nächsten Morgen nicht nur mit unerträglichem Kater auf, sondern auch übersät mit juckenden Beulen. Es war noch nicht einmal 7 Uhr, doch bereits jetzt war es nicht nur warm, sondern auch unerträglich feucht. Ich hatte mir das Klima von Tadschikistan anders vorgestellt. Wie wir später erfahren würden, war dieses Wetter auch alles andere als normal.

Was ein Glück, dass heute nur 60 Kilometer zu fahren waren. „Sobald wir in Duschanbe sind, suchen wir schnellstmöglich ein Hostel. Dort lege ich mich ins Bett und werde mich den Rest des Tages keinen Millimeter mehr bewegen.“ Das waren die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, als ich mich nach 10 Kilometern in den Straßengraben übergab. Ich schwor mir – wer kennt es nicht – nie wieder Alkohol zu trinken.

Patrick

Auf dem Weg nach Duschanbe trafen wir auf Patrick, einen Deutschen, der mit gesponsorter High-Tech-Ausrüstung gerade in entgegengesetzter Richtung unterwegs war. Er hatte mit seinem Fully (vollgefedertes Fahrrad) den Pamir durchquert und war nun auf dem Weg nach Westen. Innerhalb von acht Jahren hatte er 127 Länder bereist und wollte, bis er die zehn Jahre voll hatte, alle Länder der Erde betreten, um dann mit seiner Reisegeschichte eine Karriere zu starten. Sein nächstes Vorhaben war, die rund 500 Kilometer durch Turkmenistan an einem einzigen Tag zu fahren.

So spannend und abenteuerlich das alles klingen mag, war unser persönlicher Eindruck von Patrick, dass er etwa so aufregend war, wie ein Vortrag über die baugeschichtliche Entwicklung spätantiker Säulenarchitektur. Zum Abschluss fragte er uns noch, ob wir denn auch bei Véro übernachten würden. „Véro? Wer zum Geier ist Véro?“

Fahrt doch zu Véro

Véro schien so etwas wie der Radfahrer-Robin-Hood des Pamirs zu sein, der Zweirad-Samariter Tadschikistans. Patrick markierte ihr Haus auf meiner (digitalen) Landkarte und sagte, wir sollen einfach klopfen. Es seien derzeit noch 14 (in Worten: vierzehn) weitere Radfahrer da.

„Vierzehn?“, dachte ich entsetzt. Ich hoffte mich verhört zu haben. Ich hoffte insgeheim, er hätte so etwas wie „Bierzelt“ oder „Fürzchen“ oder so gesagt. Er fügte noch hinzu, dass es bis zum Zentrum von Duschanbe nur noch ein Katzensprung sei. Etwa fünfzig Kilometer, alles flach. Er selbst sei auch erst vor zwei Stunden losgefahren. Ich blickte mich um und stellte fest, dass Welten zwischen meiner und seiner Vorstellung von Katzensprung, flach und hoffentlich auch von „14“ liegen mussten.

Duschanbe in Technicolor

Duschanbe in Technicolor

Duschanbe

Mein erster Eindruck von Duschanbe war der einer verschlafenen Provinzhauptstadt, wo die Uhren etwas langsamer tickten, wo Drogengelder viele brandneue Markenautos auf die Straßen gezaubert hatten und wo man den Führerschein beim Erwerb einer Flasche Wodka gratis dazu erhielt.

Ich erfuhr, dass ein nicht unerheblicher Anteil der aus Afghanistan kommenden Drogen tatsächlich in Duschanbe umgeschlagen wird, weshalb die Stadt öfters mal von einem Geld-Tsunami überschwemmt wird. Der Rest würde über Turkmenistan laufen. Außerdem spüle der Handel so viel Geld in die Kapitale, dass die gedruckten Scheine im Land nicht ausreichten. Deshalb zahle man hier statt in Cash gerne auch mal in Neuwagen.

Radfahrerschwemme

Reiseräder in Véros Garten

Reiseräder in Véros Garten

Wir rollten durch einige kleine Gassen nahe des Zentrums der tadschikischen Zwergmetropole, bis wir an einem Metalltor ankamen, hinter dem angeblich Véro wohnte. Ich drückte die Klingel, ein Einheimischer öffnete und blickte uns mit wenig überraschten Augen an. Ein „Ah, schon wieder Radfahrer“ stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben.

Véros Kühlschrank

Véros Kühlschrank

Der Garten von Véros Grundstück glich einem kleinen Campingplatz. Entlang der Mauer, die das Grundstück umgab, reihte sich ein Drahtesel an den nächsten und auf der Veranda tummelte sich eine internationale Horde brabbelnder Radreisender.

Abendessen mit der Biker-Crew bei Véro

Abendessen mit der Biker-Crew bei Véro

Was wollten die alle hier, verdammt. Das hier war mein Abenteuer, meine Bear Grylls Erfahrung, mein Vorstoß in die geheimnisvolle, unberührte, und vor allen Dingen verlassene Bergwelt Tadschikistans. Wenn ich mein unvergleichliches Abenteuer mit dutzenden Gleichgesinnten teilte, wo war dann noch das Abenteuer? Na, Leute, versteht ihr? Also, bitte jetzt, nehmt alle euer Fahrrad und fahrt woanders hin! Zum Donauradweg oder ins schöne Sachsen.

Anselms Reiserad-Deko

Anselms Reiserad-Deko

Es ist erstaunlich, wie Radfahrer ihre Geiß schmücken.

Von unseren Erfahrungen in Duschanbe und dem ersten Vorstoß in die tadschikische Bergwelt erzähle ich dann im nächsten Artikel.

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6 Gedanken zu „Ramadan, Drogenwahn, Tadschikistan“

  1. Hallo lese gerade ihren Bericht in der SZ von heute Morgen.Sehr interessant! Hoffe sie kommen irgendwann wieder gesund zu Hause an. Viel Spass auf ihrer Tour die noch vor ihnen liegt.
    MFG
    Walter Leinen, Reimsbach

    1. Hallo!
      Vielen Dank. Ich versuche mein Bestes.

      Grüße von einer thailändischen Tankstelle, denn Tankstellen sind der Freund des Internet-Suchenden 🙂

  2. Hey Ollo,

    habe gerade den Bericht in der SZ gesehen.
    Absoluter Respekt… Allzeit gute Fahrt!!! 🚵
    Grüße aus der Heimat…

    Dan, Wallerfangen-Düren

  3. Hey Ollo, hab auch den Bericht in SZ gelesen, bin faziniert. Find ich echt mutig, mein voller Respekt. Find ich echt klasse. Stefan aus Tholey

    1. Hi Stefan.

      Ja, ich höre öfters von Leuten, wie mutig sie das finden und dass sie das nicht könnten.

      Nach 10 Minuten Gespräch sind wir dann meistens an dem Punkt, dass einige europäische Städte eigentlich gefährlicher als meine Route sind und dass sie es wohl doch könnten, aber ihre vermeintlich sichere Komfortblase nicht verlassen wollen.

      Ist im Endeffekt also alles relativ.

      Aber danke für deine Worte und Grüße von der burmesischen Grenze!

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