Schlafplatz auf einem Feld bei Bőny

Per Rad durch die Slowakei, Ungarn und Kroatien

Wie, nicht bezahlt?

Karlova Ves — ein Vorort von Bratislava

Karlova Ves — ein Vorort von Bratislava

Mit dunklen Wolken hinter und pittoresken Plattenbauten vor uns rollten wir in die recht kleine slowakische Hauptstadt hinein, die im Gegensatz zu Wien ein gemütliches Flair hatte — dreckig, kaputt und menschlich. Wir checkten im etwas überteuerten Hyde Park Hostel ein, besorgten Bier und erkundeten die kleine von Bars gesäumte Touristenmeile. Nach zwei Stunden kehrten wir zum Hostel zurück weil wir müde waren, konnten aber nicht umhin, die Auseinandersetzung zwischen dem Besitzer der Bar neben unserem Hostel, vier seiner Freunde, zwei Polizisten und dem vermeintlichen Angeklagten zu beobachten. Nachdem wir einige Minuten zugesehen hatten, kam einer der Freunde des Barbesitzers zu uns und erklärte, der Übeltäter hätte absichtlich einen der Glastische zerstört. Nun wolle er ihn nicht bezahlen. Die Polizei zog schließlich mit der Aussage ab, sie könne nichts tun. Wir wurden zu einem Wodka in die Bar eingeladen und hatten uns kaum hingesetzt, als die vier Freunde plötzlich hinausstürmten. Ich fragte den Barkeeper, was jetzt passiert sei. Er antwortete nur, wenn die Polizei nichts tun könne, müssten sie die Sache eben selbst regeln. Kurze Zeit später kamen die vier wieder zurück und erklärten uns, der Kunde hätte dann jetzt bezahlt. Wie man diese Aussage interpretieren will, sei dem Leser selbst überlassen.
Rolandsbrunnen Bratislava bei Nacht

Der Rolandsbrunnen auf dem Hlavné námestie Platz in Bratislava

Čumil der Arbeiter

Čumil der Arbeiter

Nachdem ihm von unachtsamen Autofahrern zweimal der Kopf abgetrennt wurde, entschloss man sich, ein Hinweisschild aufzustellen.


Ungarn und der Plattensee

Auf der Straße nach Ungarn

Auf der Straße nach Ungarn

Und wieder einmal überquerten wir kurz danach aus Versehen illegal die Grenze.

Nach einem kopfwehbedingten Spätstart schafften wir es am Morgen erst gegen halb zwölf, auf unseren Gefährten zu sitzen. Wir verließen den Donauradweg, passierten die Grenze nach Ungarn und landeten nach einigen Verwirrungen zufällig auf der EuroVelo 6, welcher wir bis Györ folgten. Da es schon spät war, versuchten wir, einen geeigneten Schlafplatz zu finden, doch die Siedlungen, die sich direkt an Györ anschlossen, enpuppten sich als eine von Häusern gesäumte Straße, die einfach nicht enden wollte. Es war bereits dunkel, als wir endlich ein Kornfeld für unser Zelt fanden. Dafür wurden wir mit heftigem Wetterleuchten belohnt.

Michi kämpft sich bei Hárskút einen Hügel hinauf

Mia kämpft sich bei Hárskút einen Hügel hinauf

Pferdegespann in Dudar

Pferdegespann in Dudar

Tage, an denen man sich als erste Amtshandlung das heiße Kaffeewasser über die Hand kippt, können nur besser werden. So tranken wir, nachdem ich Michi irgendwann weckte, erst einmal zwei Frühstücksbier. Auf der weiteren Fahrt durch Ungarn kamen wir westlich der Donau durch Neubaugebiete mit noblen Luxusbunkern und Erfolgsmännern mit fescher Modefrisur, welche sich der Ottonormalmagyare vermutlich beide nicht leisten konnte. Östlich des Flusses bestanden die Siedlungen aus halb zerfallenen Bauernhäusern. Die Leute trugen einfache Kleidung und sahen insgesamt bedeutend freundlicher aus, als auf der anderen Seite. Auch an den Autos, die vor den Häusern standen, konnte man den Wohlstand der Bewohner ablesen: Während im Westen hauptsächlich teure VWs und Audis gefahren wurden, waren im Osten eher Trabis, Fiesta 1, Golf 2 und Uraltkadetts angesagt.

Blick über die Felder

Blick über die Felder

Im Tal im Hintergrund liegt bereits der Balaton.

An der Nordwestseite des Balaton

An der Nordwestseite des Balaton

Am neunten Tag schaffte es Michi dann tatsächlich zum ersten Mal, mit mir zusammen aufzustehen, so dass wir gemeinsam frühstücken konnten. Wir rollten gemütlich bis zum Balaton und ließen uns auf einem der vielen Campingplätze nieder. Nach dem Essen lernten wir zwei Polen kennen, die gerade auf Motorradtour waren. Wir verbrachten den Abend mit ihnen, tranken Bier und diskutierten über die EU, Grenzen, Feminismus und den Sinn des Lebens. Der eine Pole sagte irgendwann, er habe sich noch etwas für einen besonderen Moment aufgehoben und brachte eine erstklassig gerollte Lunte zum Vorschein, dank welcher die Diskussionsrunde gar kein Ende mehr nehmen wollte. Etwas angetrunken fielen wir spät in der Nacht ins Zelt und ich nahm mir vor, ab jetzt weniger Alkohol zu mir zu nehmen, da sich dieser nicht sonderlich gut mit Sport verträgt. Ein relativ sinnloses Unterfangen, wenn man durch Osteuropa fährt. Der nächste Tag würde hart werden. Sowohl für meinen Kopf wie auch für Michis Hinterteil.

Ostseite des Balaton

Ostseite des Balaton

Der tragische Tod einer Thermarest

Pump-Brunnen in Ungarn

Pump-Brunnen in Ungarn

Solche Brunnen gibt's in vielen ungarischen Dörfern. Ungemein praktisch.

Sonnenblumen so weit das Auge reicht.

Sonnenblumen so weit das Auge reicht.

Was wir noch nicht wussten war, dass der Tag auch materialmordend werden würde. Wir kämpften uns abends eine sehr steile Straße hoch, als uns plötzlich einige Ungarn etwas hinterherriefen. Dummerweise auf Ungarisch. Doch nicht lange danach verstanden wir, was sie uns sagen wollten: Diese Straße ist eine Sackgasse, fahrt dort nicht hinauf. Also rollten wir wieder hinunter, als uns ein anderer Ungar “Gummi” hinterherrief. Michis Expander hatte sich gelöst und schleifte böse am Hinterrad. Was ein Glück, dass er sich nicht in den Speichen verfangen hatte. Der Alternativhügel war nicht weniger steil als die Sackgasse. Außerdem sah es stark nach Regen aus. Deshalb beschlossen wir, unsere Plastikhütte am erstbesten Platz aufzustellen, den wir finden konnten. Wir schafften es gerade noch, Nudeln zu kochen, bevor der Regen losging. Da mir keine weiteren Synonyme für Apokalypse einfallen, nenne ich ihn einfach mal “heftigen Regen”. Doch wie sich am nächsten Morgen herausstellte, war der Regen unser kleinstes Problem. Wir hatten das Zelt so hastig aufgebaut, dass wir vergessen hatten den Boden nach spitzen Steinen, Metallstücken und dornigen Pflanzen — von uns liebevoll “Arschlochpflanzen” getauft — abzusuchen. Das Ergebnis waren 42 kleine Löcher in Zeltboden und Michis Thermarest. Ich dachte immer, 42 sei die Lösung aller Probleme, aber in unserem Fall traf das wohl nicht ganz zu.

Traumjob: Schrankenwärter

Ein ganz normales Dorf in Ungarn

Ein ganz normales Dorf in Ungarn

Fluchend packten wir zusammen und rollten vorbei an Rehen und anderem Ungeziefer ins Tal. Plötzlich versperrte eine scheinbar sinnlos in die Prärie gebaute Schranke den Weg. Noch während wir uns fragten, wie wir da jetzt durchkämen, eilte aus einem kleinen Häuschen am Rand der Straße ein freundlicher Ungar herbei, öffnete die Schranke und schloss sie hinter uns wieder. Traumjob Schrankenwart. Ich musste unweigerlich an die Brückenzölle im Mittelalter denken, welche irgendwann soweit pervertiert wurden, dass man Brücken an Stellen baute, wo gar keine gebraucht wurden, nur um dort den Zoll zu erheben.

Wiener Apokalypse

Campingplatz am Kelet-Mecsek Park

Campingplatz am Kelet-Mecsek Park

Auf der Flucht vor ziemlich schwarzen Wolken entschlossen wir uns wieselflink auf einem Campingplatz aufzubauen. Als der Wolkenbruch losging wussten wir, dass es eine schlaue Entscheidung war.

Dunkle Wolken und Gewitter begannen langsam eine Konstante der Tour zu werden. So auch an diesem Tag. Doch zum Glück hatte ein findiger Holländer eben an der Stelle, an der wir anfingen, uns Sorgen um eine Zeltstelle zu machen, einen Campingplatz eröffnet. Wir checkten ein, stellten das Zelt auf und waren kaum im campingplatzeigenen Restaurant angekommen, als draußen der Apokalypse dritter Teil ins Rollen kam. Es gab kurze Stromausfälle. Auch einige der anderen Restaurantbesucher schienen um die Stabilität des Gebäudes besorgt, welches im orkanartigen Wind knarzte wie ein Sargdeckel im Draculafilm. Wieder einmal war das Gewitter bald vorüber. Man stellte unser bestelltes Essen auf den Tisch. Zwei Portionen Wiener mit Kartoffelsalat. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob Holländer andere Vorstellungen davon haben, was eine Portion Wiener ist, oder ob wir so ausgehungert aussahen, dass man Mitleid mit uns hatte. Auf jeden Fall befanden sich auf unserem Tisch mindestens 12 Wiener Würstchen und eine Mittelgebirgskette an leckerem Kartoffelsalat.

Autofriedhof

Autofriedhof

Kroatien

Schild Grenzübergang Kroatien

Grenzübergang Kroatien

Nachdem ich schon die 15d6c Tour mit meinem Salewa Micra bestritten hatte, fand ich an Tag 12 dieser Tour endlich heraus, wie man das Zelt so aufbaut, dass bei Regen die breite Zeltwand nicht am Innenzelt klebt und so unangenehm viel Wasser durch die Innenzeltwand dringt. Über matschige und mit Schlaglöchern übersäte, enge Straßen radelten wir durch die letzten ungarischen Siedlungen vor der Regenfront her, die uns schon seit Tagen verfolgte, bevor wir schließlich die Grenze nach Kroatien überquerten. Nach einer kurzen Passkontrolle — wurden die nicht irgendwann innerhalb der EU abgeschafft? — waren wir in Hrvatska. Kroatien ist neben Tschechien und Georgien das Land mit den unaussprechbarsten Konsonantenverbindungen, das ich kenne.

Hunderettungsstaffel im Einsatz

Zu Hause bei einer kroatischen Familie.

Zu Hause bei einer kroatischen Familie.

Wir hatten den Grenzübergang nur wenige Kilometer hinter uns gelassen, als wir im Straßengraben fünf kleine Hundewelpen entdeckten, die sich im Gebüsch vor dem Regen versteckten. Wir hielten ein Auto an und fragten, ob man da nicht was machen könne. Der Fahrer hatte scheinbar auch Mitleid mit den kleinen Kläffern. Er war gerade am Überlegen, als ein Polizeiwagen anhielt. Der Beamte fragte, was los sei. Man tauschte sich kurz aus, bis der Polizist schließlich meinte, das passiere hier ständig. Da könne man nichts machen. Der Fahrer, den wir angehalten hatten, packte zwei der Welpen in sein Auto. Die anderen drei waren zu weit im Gebüsch versteckt. Sie ließen sich trotz all unserer Bemühungen nicht herauslocken. Er sagte uns, er bringe sie erstmal in sein Haus. Wir sollen doch auch mitkommen und bei ihm und seiner Familie schlafen. Das Angebot ließen wir uns nicht entgehen. Währen die zwei Schlappohrhunde die ganze Terasse zupinkelten und an den Schuhen kauten, aßen wir drinnen die besten Spaghetti Carbonara, die ich seit langem gegessen hatte. Man versicherte uns noch, ein Freund, der Förster sei, würde sich der Hunde annehmen, da er sowieso gerade einen Hund suche. Zwei Stunden und zwei Bier später schlummerten wir seit langem wieder friedlich in einem richtigen Bett. Danke Melita und Dražen.

Zwei Hundewelpen, die wir aus dem Straßengraben retteten

Zwei Hundewelpen, die wir aus dem Straßengraben retteten

Eine kroatische Familie brachte die beiden zu sich nach Hause und bot uns auch noch an bei ihnen im Haus zu schlafen.

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