Ein Meer aus Kuppeln

Leidensweg Buchara

Böses Erwachen

Schlafender Usbeke auf einem Eselkarren

Schlafender Usbeke auf einem Eselkarren

Ja, so lässt sichs arbeiten!

An meinem ersten Morgen in Usbekistan wachte ich mit erheblichem Hirnüberdruck und einem anspornenden Darmdrang auf. Ein kurzer Rundumblick eröffnete mir, dass ich auf einem Teppich auf der Veranda geschlafen hatte. Ich eilte im Laufschritt die Stufen zur Toilette hinunter, erspähte aus dem Augenwinkel Mia, die gerade auf der Pritsche eines Dreirad-Transporters schlief, und verrichtete das Unvermeidbare.

Obwohl ich gerade erst aufgewacht war, wusste ich bereits jetzt, dass wir an diesem Tag keine Bäume ausreißen würden, nein, nicht einmal Grashalme. Jede Bewegung glich einem Gewaltakt. So verbrachten wir, teils schlafend, teils TV schauend, den gesamten Tag im abgedunkelten und beinahe kühlen Nebenraum des Lokals.

Rütlidütsch

Irgendwann nachmittags stürmte ein hoch motivierter Reiseradler staubend in unser Katerzimmer, den Kopf in Lawrence von Arabien Tücher gewickelt, und brabbelte etwas Unverständliches daher, das ich nach genauerem Hinhören als Schweizerdeutsch erkannte. Später erinnerte ich mich an kein einziges seiner Worte mehr und so schnell er aufgetaucht war, verschwand er auch wieder im Staub und der Hitze.

Hitchhiking Fehlanzeige

Straße, Sand und Sonne in Usbekistan

Straße, Sand und Sonne in Usbekistan

Der Großteil von Usbekistan, ist genau wie Turkmenistan, unglaublich flach.

Am späten Nachmittag fassten wir den Entschluss, nach Buchara zu trampen. Wir stellten uns in bester Anhalter-Tradition mit einem Pappschild in der Hand an den Straßenrand. Doch die Hänger der türkischen Lastwagen, die am Lokal anhielten, waren vom Zoll verplombt worden, so dass sie keine Räder transportieren konnten. Nach einer Stunde stoppte schließlich ein Usbeke mit seinem Minitransporter und meinte, er führe nach Buchara.

Mit Ach und Krach verstauten wir die Räder und das Gepäck in dem kleinen Gefährt. Nach fünf Kilometern offenbarte uns der nette Fahrer, dass die Fahrt 100 Dollar koste. Wir lachten und versuchten ihm das Konzept des Hitchhikings zu erklären. Ich machte ihm klar, dass wir nichts zahlen würden und er uns bitte wieder aus dem Wagen lassen solle. Er fragte nach 80 Dollar. Dann nach Som. Ich bat ihn, uns aussteigen zu lassen. Er fragte nach 60 Dollar, nach Manat, nach irgendwelchen Dollar.

Schließlich sah er ein, dass er kein Geld bekommen würde. Er bestand trotzdem darauf, uns bis nach Ahlat, dem nächsten Ort, zu bringen, was wir dankend akzeptierten. Immerhin waren wir 40 Kilometer vorwärts gekommen. Einige Kilometer nach Ortsausgang fanden wir eine nette Wiese mit Obstbäumen, wo wir die Nacht verbrachten.

Flach und windig

Flaches Terrain, so weit das Auge blicken kann

Flaches Terrain, so weit das Auge blicken kann

Wie schon in Turkmenistan, blies uns auch am nächsten Tag der Wind die Hitze und den Sand genau von vorne ins Gesicht. Die Landschaft war immer noch flach und auf beiden Seiten der Straße erstreckten sich Felder bis zum Horizont, den hier meist die nächste Baumreihe darstellte. Trotz aller Widrigkeiten war ich guten Mutes, hörte chinesische Kinderlieder und freute mich darauf, in einigen Wochen, wenn Mias Geld ausgehen würde, endlich alleine weiterzufahren.

Unerwartetes Wiedersehen

Die Kommunikation mit den Usbeken beschränkte sich an diesem Tag auf „Откуда“ (Otkuda, Woher) und „Германиа“ (Germania), was mir nur Recht war, denn ich war nicht gerade in Gesprächslaune. Unterwegs hielten zwei Minitransporter neben uns an und eine Schar Radfahrer sprang heraus, um uns zu begrüßen. Sie hatten wegen der Hitze und des Windes ein Taxi von der Grenze nach Buchara genommen. Für 45 Dollar pro Fahrzeug.

Ich erkannte sofort unseren gestrigen Taxifahrer wieder, der uns zwar angrinste, aber nichts sagte. Die anderen Radfahrer waren zwei Paare aus der Schweiz und Patrick aus Neuseeland. Sie wollten auch nach Buchara, wussten aber noch nicht, in welches Hostel. Nach drei Minuten hüpften sie wieder in ihre Taxis und verschwanden im Gegenwind.

Ein wenig Gemaule

Ein usbekischer Junge und ich kurz vor Buchara

Ein usbekischer Junge und ich kurz vor Buchara

Die nette Familie rettete uns und ließ uns ihr luxuriöses Sitzklo benutzen.

So langsam begann mir der Wind mächtig auf die Nüsse zu gehen. Seit Tagen dieser konstant von vorne kommende Zug. Die flache, monotone Landschaft. Mia war schuld. Es musste so sein. Und die hupenden Autofahrer waren auch schuld. Und überhaupt waren einfach alle schuld. Immer mehr meiner Sprachaufzeichnungen thematisierten den Gegenwind und die Schuldfrage.

Ist man einmal im Geisteszustand des stillen aber akuten Nörgelns angelangt, fällt einem plötzlich auf, was doch alles scheiße an dem Land ist, durch das man gerade fährt, oder auch am Radfahren im Allgemeinen. Die Usbeken trennen beispielsweise die beiden Fahrstreifen größerer Straßen mit einer Betonmauer, die man oft kilometerlang nicht überqueren kann. Der einzige Laden ist dann natürlich auf der Gegenseite. Das war’s dann mit der guten Laune.

Buchara

Stadteinfahrt Buchara

Stadteinfahrt Buchara

Buchara fing unspektakulär an, brachte mich dann aber mit seiner Architektur zum Staunen.

Als wir das Ortsschild Bucharas passierten, besserte sich mein Gemütszustand schlagartig. Bereits vor der eigentlichen Altstadt kamen wir an beeindruckenden Festungen und Moscheen vorbei, steinerne Monster, erbaut vor mehr als fünfhundert Jahren. Buchara war ein wichtiger Knotenpunkt der Seidenstraße, wodurch es zu einem Zentrum des Handels, der Wissenschaft, der Kultur und der Religion wurde.

Turkvölker, Araber, Seldschuken, Dschingis Kahn, alle hatten sie die Stadt einst erobert, und nun fuhr ich selbst in das UNESCO-Weltkulturerbe hinein, ein Freilichtmuseum mit über 140 erhaltenen historischen Gebäuden, dem, laut Wikipedia, „vollständigste[n] und unberührteste[n] Beispiel einer mittelalterlichen zentralasiatischen Stadt“. UNESCO-Malte wäre stolz gewesen.

Noch ein Wiedersehen

Rustam & Zukhra Hostel in Buchara

Rustam & Zukhra Hostel in Buchara

Und plötzlich war alles voller Radfahrer.

Als wir am ersten Hostel der Altstadt vorbeirollten, erspähte Mia die Radfahrer aus dem Taxi, die wir einige Stunden zuvor getroffen hatten. Für stattliche 15 Dollar checkten wir ebenfalls im Rustam & Zukhra ein. Wir lernten Patrick den Neuseeländer kennen, Eric und Charlotte aus Frankreich und zwei weitere, radreisende Schweizer Pärchen. Im Laufe des Tages kam auch Mischa an, der staubige Schweizer, der uns nahe der Grenze im Alkoholdelirium angetroffen hatte, und auch Patrick, den wir bereits aus Turkmenistan kannten, marschierte bald durch die Eingangstür.

Insgesamt waren elf Radfahrer im Hostel. So abenteuerlich und abwegig schien eine solche Radreise dann ja doch nicht zu sein. In Zentralasien gibt es nur wenige mögliche Routen, auf denen man vom Iran nach China gelangen kann, so dass sich an Knotenpunkten wie Turkmenistan, Buchara, Duschanbe und dem Wachankorridor alles traf.

Wer hier kein Fahrrad fuhr, war mit dem Motorrad unterwegs, wie Carl, der Australier, der Mia den Floh ins Ohr setzte, ihr an der Sunshine Coast surfen beizubringen.

Heldentum

Es stellte sich heraus, dass wir bisher die einzigen waren, die den gesamten Weg ausschließlich auf dem Fahrrad zurückgelegt hatten, sieht man von den Fähren in Yalova und Van ab. Ich fühlte so etwas wie Stolz in mir aufsteigen, selbst wenn dieser nur kurze Zeit verweilen würde.

Geldspritze

Da Mias Finanzen langsam dem Ende zugingen, versuchte sie auf verschiedenen Wegen, an Geld zu kommen. Doch Versuche bei Familie und Freunden blieben erfolglos, bis ihr schließlich ein alter Bekannter genug lieh, um noch einige Monate weiterfahren zu können. In Australien angekommen, wollte sie sich einen Job suchen, um das Geld zurückzuzahlen.

Kuppel einer Moschee vor strahlend blauem Himmel

Kuppel einer Moschee vor strahlend blauem Himmel

Türkis und sandfarben ist in Buchara die vorherrschende Kombination.

Fotosafari

Muslimische Architektur in Buchara

Muslimische Architektur in Buchara

Torbogen mit Mosaiken in Buchara

Torbogen mit Mosaiken in Buchara

Einige Bauwerke erschlugen allein durch ihre gewaltige Größe.

Am zweiten Pausetag schnappte ich mir endlich meine Kamera und machte eine Fototour durch Buchara. Während sich die meisten Urlauber von ihrem Reiseführer zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt leiten ließen, spazierte ich einfach drauf los, bog ab, wenn mir eine Straße gefiel und machte Fotos, ohne zu wissen, was ich überhaupt gerade fotografierte.

Reflektion auf Holztür in Buchara

Reflektion auf Holztür in Buchara

Im Licht der Nachmittagssonne strahlte der Himmel blau über den türkisfarbenen Kuppeldächern der Moscheen und Basare. Gelber Sandstein, tiefbraune, hölzerne Türen, mit Mosaiken verzierte, meterhohe Torbögen und kamerabehangene Touristen dominierten das Stadtbild.

Müllentsorgung in Usbekistan

Müllentsorgung in Usbekistan

Wie fast überall, wird der Müll auch hier einfach in die Natur geworfen.

Torbogen in der Altstadt von Buchara

Torbogen in der Altstadt von Buchara

Gasse in Buchara, abseits der Prunkbauten

Gasse in Buchara, abseits der Prunkbauten

Entfernte man sich durch die schmalen Gassen etwas vom Zentrum, entdeckte man die andere Seite der Stadt. Hier begegnete man statt Monumentalbauten eher kleinen Backsteinhäusern mit Blechdächern, versteckten Moscheen und spielenden Kindern.

Tee statt Sprachbarriere

Zum Tee bei Usbeken in Buchara

Zum Tee bei Usbeken in Buchara

Die nette Familie lud mich in einer Nebenstraße abseits des Tourismus zum Tee ein.

An einer Straßenecke sprach mich ein lächelnder Usbeke an und lud mich nach einigen Sätzen zu einem Tee ein. Wir betraten sein weiß verputztes, 700 Jahre altes Haus, das sein Urgroßvater vor langer Zeit gekauft hatte. Im Wohnzimmer saßen wir auf dem Boden und tranken Tee, während er mir seine Familie vorstellte. Ich tauschte meine E-Mail-Adresse mit seinem Sohn aus, um ihm einige Fotos schicken zu können, bevor ich mich wieder verabschiedete.

Mein Magen, der schon seit einigen Tagen etwas unruhig war, machte mir immer mehr zu schaffen, mein Rücken schmerzte und mein usbekischer Teespender fragte mich, ob zwischen den Beinen noch alles ganz wäre. Ich versicherte ihm, mich dort bester Gesundheit zu erfreuen und trat den Rückweg zum Hostel an.

Toiletten retten

In der Zwischenzeit bereitete mir nicht nur mein Magen Probleme, sondern mein gesamter Verdauungstrakt schien zu rebellieren. Ich schaffte es gerade noch zur Toilette des Hostels, bevor das Unglück seinen Lauf nahm. Ich fühlte mich körperlich zwar gut, rannte aber jede Viertelstunde erneut zum Klo. Sehr nervig.

Grenzen schaffen Konflikte

Ein kurzer Blick auf die Karte offenbarte mir: Wer die Grenzen in Zentralasien gezogen hatte, war entweder total besoffen, oder hatte gezielt versucht, ethnisch verwandte Gruppen zu trennen und verfeindete zu vereinen. Wahrscheinlich lag ich sogar mit beiden Vermutungen richtig, denn Stalin hatte nicht umsonst die meisten Grenzen in Zentralasien persönlich gekritzelt. Unruhen und Konflikte waren somit vorprogrammiert.

Aufbruch

Schnurgerade Straße durch Usbekistan

Schnurgerade Straße durch Usbekistan

Nicht ganz so heiß wie Turkmenistan, doch mit fast 40°C immer noch niederschlagend.

Am dritten Morgen verabschiedeten wir uns von Patrick aus Neuseeland, der mit dem Bus zum Aralsee fuhr, und von den Schweizern Mischa und Patrick, die über Samarkand nach Tadschikistan fahren wollten, während wir den direkten Weg nach Osten einschlugen. Auch alle anderen wollten an diesem Tag weiterfahren.

Es war bereits sehr warm, als wir Buchara verließen. In unserer Richtung ging die Stadt nahtlos in eine flache, trockene Wüstenlandschaft über. Trotz meines in der Zwischenzeit komplett flüssigen Durchfalls legten wir an diesem Tag eine beachtliche Strecke zurück, bis mich kurz vor Sonnenuntergang meine Kräfte verließen.

Zwischenstopp in Muborak

Zwischenstopp in Muborak

Es gibt hier keine festgelegte Orthographie, so dass es oft verschiedene Schreibweisen für die selben Orte gibt.

Mein Kreislauf zirkulierte auf Sparflamme, ich musste wieder einmal schleunigst ein stilles Örtchen finden, was gerade innerhalb besiedelter Gebiete nicht immer einfach war und ich beschloss, dass wir einen Zeltplatz brauchten, bevor ich vom Rad fallen würde. Vermutlich hatte ich mir zu allem Übel auch noch einen Sonnenstich geholt.

Diarrhö-Diskussionen

Mancher Leser fragt sich bestimmt, warum ich alle Krankheiten, allen voran den Durchfall, so ausgiebig thematisiere. Bei dieser Art des Reisens, sei es mit dem Rad, zu Fuß, auf dem Esel oder mit dem Rollator, ist man ständig seiner Umwelt ausgesetzt. Man isst, was die Einheimischen essen, man benutzt das gleiche Besteck, die gleichen Gläser und trinkt das gleiche Wasser.

Unser steriles, europäisches Immunsystem ist dem Keim- und Erregerbombardement von Ländern mit niedrigeren bis nicht vorhandenen Hygienestandards oft nicht gewachsen. So wird Krankheit und Durchfall unter Reisenden zu einem häufig diskutierten Thema. Es gibt Tage, an denen man über nichts anderes nachdenkt, als die Proliferation von Salmonellen und Giardia Lamblia im eigenen Körper. So traf ich bisher erst einen einzigen Radfahrer, der sich nach einem Jahr im Sattel das „Magen-aus-Stahl“-Siegel verdient hatte.

Ich hoffe, der koprophobe und hypochondrische Teil meiner Leserschaft möge mir meine gesundheitsbezogenen Äußerungen verzeihen. Doch nun zurück zur Zeltplatzsuche in der usbekischen Wüste.

Von ***pflanzen und ***spinnen

Da Mia nicht imstande war, eigenständig eine Zeltstelle auszuwählen, gelang es mir im Halbdunkel und Halbdelirium schließlich, eine „geeignete“ Stelle in der Wüste zu finden. Lediglich hunderte stacheliger Arschlochpflanzensamen mussten entfernt werden, bevor wir das Zelt aufbauen konnten. Ich bat Mia, Spaghetti zu kochen, da ich trotz meines Zustandes etwas essen wollte, mich aber nicht imstande fühlte, dieses selbst zuzubereiten. Leider verweigerte sie, so dass ich hungrig schlafen gehen musste. Wäre ich doch bloß alleine gefahren. Dann hätte ich mich zu meinem Durchfall nicht noch aufregen müssen. Aber ich wollte es ja so.

Rennspinne

Rennspinne

Diese gut 5cm großen Spinnen rasen kreuz und quer durch die Wüste, bis sie gegen etwas stoßen, das sie mit ihrem Gift betäuben können.

Während des Zeltaufbaus begegneten wir einer äußerst garstigen Spinnenart. Einer Rennspinne. Diese intelligenten Tiere bauen keine Netze, sondern sprinten in erschreckendem Tempo kreuz und quer durch die Wüste, in der Hoffnung, mit ihrem Abendessen zu kollidieren, das sie dann mit ihrem Gift lähmen. Gut, dass wir nicht ohne Zelt geschlafen hatten.

Unsere Bikes in einer Baracke mitten im Nichts

Unsere Bikes in einer Baracke mitten im Nichts

Die vermeintliche Siedlung bestand aus einem Gebäude und drei Verkaufsständen für Getränke.

Wie sich mein Zustand weiter entwickelt, könnt ihr dann im nächsten Artikel lesen.

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