Im Morgengrauen durch die Karakum-Wüste

Grenzwertiger Austritt aus Turkmenistan

Nur nicht aufregen

Der nächste Grenzübertritt und somit das vierte Land der Reise stand an diesem Tag auf dem Programm. Als erstes mussten wir das Land der Turkmenen verlassen. Nur eine Schranke trennte uns vom Grenzgebäude und unserer Ausreise. Der junge Soldat schlenderte aus einem kleinen Wachhäuschen zur Schranke herüber, verlangte unsere Pässe und verschwand mit diesen für einige Minuten in seiner kleinen Hütte. Die Sonne brannte erbarmungslos und Patrick wurde bald ein wenig ungehalten. Warum man uns hier so lange in der prallen Sonne warten ließe, die Pässe zu kontrollieren könne doch nicht so lange dauern.

Die stressige Atmosphäre übertrug sich natürlich auf den Grenzbeamten, dessen Laune sich bereits deutlich verschlechtert hatte, als er uns die Pässe zurückgab. Auf dem Weg zum Grenzgebäude bat ich Patrick, die Ruhe zu bewahren, egal was passiere. Wenn ich auf etwas keine Lust hatte, dann waren es angepisste Grenzbeamte.

Die alten Turkmenen

Nach nur sieben Tagen in Turkmenistan standen wir vor dem Grenzgebäude und machten uns daran, das Land der Turkmenen wieder zu verlassen. Doch wer waren diese Turkmenen? Nachdem bereits 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung indo-europäische Völker im Gebiet des heutigen Turkmenistans siedelten und auch Alexander der Große seine Spuren hinterließ, fielen schließlich zuerst die Hunnen und dann die Göktürken in das Gebiet ein, über die wir im nächsten Artikel noch mehr erfahren werden.

Während der anschließenden kurzen Herrschaft der arabischen Umayyaden wurde die Bevölkerung zum Islam konvertiert. Schließlich übernahmen die Stämme der Turkmenen die Sprache der Oghusen, einem Turkvolk, von welchem wiederum der Stamm der Seldschuken bis zum zwölften Jahrhundert ein Reich turkoiranischer Kultur errichtete. Es folgte der Einfall der Mongolen unter Dschingis Khan.

Die neuen Turkmenen?

Wegen der schlechten Quellenlage kann nicht genau gesagt werden, welcher Zusammenhang zwischen den modernen Turkmenen und den oben beschriebenen Turkmenen besteht. Sicher ist jedoch, dass es seit dem sechzehnten Jahrhundert viele Versuche gab, die Völker des heutigen Turkmenistans zu unterwerfen. Aber es würde bis zum späten achtzehnten Jahrhundert dauern, bis es Russland schließlich gelang, die Turkmenen zu zerschlagen.

Doch selbst als 1918 die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Turkestan ins Leben gerufen wurde und Stalin die gesamte turkmenische Führungsschicht ermorden ließ, gelang es nicht, die Stämme zu einer Nation zu formen. Die Turkmenen fühlten sich weiterhin nicht einer Nation zugehörig, sondern ihren Stämmen.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion erlangte das Land 1990 seine Unabhängigkeit, doch auch heute noch ist Turkmenistan kein einheitlicher Nationalstaat, sondern ein politisches Gebilde, in dem viele verschiedene Stämme mit unterschiedlichen Traditionen und eigenen Dialekten zusammenleben. Wer ein wenig über den ersten, leicht extrovertierten Präsidenten Türkmenbaşy erfahren will, der soll doch einen Blick in diesen Artikel werfen.

Ohne Probleme

Wir betraten das Gebäude und füllten, wie schon bei der Einreise, eine Zollerklärung aus. Man warf einen oberflächlichen Blick in eine unserer Packtaschen und bat uns, zum Schalter des Immigrationsbüros weiterzugehen. Die Ausreise schien, genau wie die Einreise, ein Kinderspiel zu werden.

Das hättet ihr wissen müssen!

Der freundliche Mitarbeiter des Immigrationsbüros nahm unsere Reisepässe entgegen, studierte sie eingängig, studierte sie noch einmal, blickte zu uns hinauf und teilte uns mit, dass wir unser Visum überzogen hätten. Ich widersprach und wies ihn darauf hin, dass unser Transitvisum keine fünf, sondern sieben Tage lang gültig sei. Er antwortete, dass er dies gesehen hätte, doch auch ein Sieben-Tage-Visum müsse man nach einer Verweildauer von fünf Tagen verlängern lassen.

Es wäre nett gewesen, wenn man uns dies an irgendeiner Stelle mitgeteilt hätte. Zum Beispiel bei der Ausgabe des Visums, oder bei der Einreise, oder aber in einem der Internetforen, woher viele meiner Informationen stammten. Vielleicht hatte ich es auch einfach überlesen. Der Beamte meinte, wenn man nach Turkmenistan einreise, müsse man die Gesetzeslage im Land kennen und sich danach richten, denn es sei ein Land mit vielen Regeln und Gesetzen.

Strafe oder Deportation

Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich vor der Einreise besser ein turkmenisches Jurastudium absolviert hätte, doch wie dem auch sei, fragte ich den Beamten, was denn nun die Konsequenzen seien. Er meinte, wir müssten eine Strafe zahlen. Rund 400 Dollar pro Person. Ich lachte und teilte ihm mit, dass wir keine 400 Dollar zahlen können. Er dachte kurz nach und sagte dann: „Entweder 400 Dollar Strafe, oder Deportation aus Turkmenistan“. Auf die Frage, was es mit der Deportation auf sich hatte, erwiderte er, wir dürften dann ein Jahr lang nicht mehr nach Turkmenistan einreisen.

Ich bin mir nicht sicher, ob er unser schallendes Gelächter richtig interpretierte, aber ich gehe davon aus, dass es das erste Mal in seiner Karriere als Mitarbeiter des Immigrationsbüros war, dass er zwei übers ganze Gesicht grinsende Touristen vor sich hatte, die ihm freudestrahlend mitteilen: „Ja, alles klar, deportiert uns!“

Da abzusehen war, dass unser Grenzübertritt doch etwas länger dauern würde, verabschiedete sich Patrick an dieser Stelle von uns und wünschte uns eine angenehme Resttour. Wie so oft, würde es nicht das letzte Mal sein, dass wir uns treffen.

Böse Bürokratie

Der Immigrationsbeamte war von unserer Entscheidung nicht begeistert, denn für ihn bedeutete sie eine Menge Papierkram. Trotzdem bat er uns, kurz zu warten, er würde uns dann bei den Formalitäten behilflich sein. Er verschwand für einige Minuten in einem Nebenraum und kehrte mit einer dicken Mappe voller Dokumente zurück. Er blätterte durch den Stapel und zog schließlich ein Blatt mit einem vorgefertigten englischen Text heraus, den wir auf unsere Situation anpassen sollten und anschließend handschriftlich auf zwei Formulare zu übertragen hatten.

Eines der Formulare war ein Brief an den Direktor der Immigrationsbehörde, in dem wir erklärten, wie wahnsinnig toll wir Turkmenistan fanden und wie leid uns die Unannehmlichkeiten taten, die wir der Behörde durch unsere Schludrigkeit bescherten. Wir hätten uns im Datum vertan und bäten vielmals um Entschuldigung. Außerdem hofften wir inständig, dieses schöne Land in der Zukunft noch einmal besuchen zu können.

Desweiteren war ein Schreiben anzufertigen, welches belegte, dass wir auf einen staatlich anerkannten Übersetzer verzichteten, denn der nette Grenzbeamte, der uns in der Zwischenzeit sogar Kaffee gebrachte hatte, übernahm diese Funktion ja kostenlos für uns. In einem weiteren Brief verzichteten wir darauf, einen Anwalt einzuschalten, denn auch diese Rolle übernahm unser Grenzer. In einem letzten Brief bestätigten wir, dass wir Kopien aller Dokumente erhalten hätten, was natürlich nicht der Fall war, aber hätten wir diese haben wollen, hätten wir entweder drei Tage an der Grenze warten, oder die Postgebühren nach Deutschland zahlen müssen.

Erfolgreich Deportiert

Nun mussten wir nur noch auf die Antwort des Immigrationshäuptlings warten, bis wir aus dem Land geworfen würden. Nach einer Stunde war es soweit. Er hatte eingewilligt. Wir mussten keine Strafe zahlen, erhielten einen schmucken, leuchtend-roten Einreiseverweigerungsstempel in unsere Pässe, der uns für ein Jahr des Landes verbannte, und durften schließlich die Grenze ins Niemandsland überqueren.

Um halb vier nachmittags, nach viereinhalb Stunden an der Grenze, hieß es: „Auf Wiedersehen Turkmenistan!“ Ich hoffte, an der usbekischen Grenze würde es keine weiteren Komplikationen geben, denn von Grenzen hatte ich erstmal die Nase voll.

Warum Turkmenistan diesen Namen trägt, wer die Usbeken sind, warum die Kirgisen und die Türken im selben Verein sind, was die Chinesen damit zu tun haben und warum die Tadschiken anders sind, erfahrt im in den nächsten Artikeln. Und wie es uns beim Eintritt ins Usbekenreich erging, ebenfalls.

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