Mirko kämpft mit der Hitze

Erstkontakt mit Turkmenistan

Die Brücke

Mirko, der vollbärtige Italiener mit der voluminösen Bassstimme und dem südländischen Humor, Mia, meine Reisegefährtin, die ich anfangs unbedingt dabei haben wollte und jetzt nicht mehr losbekomme und die ich wie den Iran hasse und liebe, und meine Wenigkeit, Ollo, der ich eigentlich gar nicht so genau weiß, was ich hier überhaupt machte, aber aus Mangel an Optionen und Perspektiven in Deutschland, dafür mit einem Überfluss an Neugierde und Reiselust auf niedrigstem Komfortniveau bestückt, einfach mal weiterfahre, überquerten am Samstag, dem 27. Juni 2015, die Niemandslandbrücke nach Turkmenistan, ein Land mit einem, laut Wikipedia, der repressivsten Regimes unserer Zeit, von dem einige Leute, denen wir von unserer Reiseroute erzählten, nicht einmal wussten, dass es existierte.

Hoş Geldiniz

An der Wachstation auf turkmenischer Seite forderte ein höchstens zwanzig Jahre alter Soldat in grün-gefleckter Militäruniform und mit original Lieutenant-Colonel-Bill-Kilgore-Apocalypse-Now-Hut unsere Pässe. Wir passierten einen weiteren Checkpoint, wo man unsere Pässe abermals sehen wollte und erreichten einen Kilometer weiter das überdimensionale Grenzgebäude. In großen Lettern hieß man uns mit „Hoş Geldiniz“ willkommen. Ich freute mich, endlich wieder etwas der Landessprache zu verstehen.

Die langwierige Grenzabfertigung der Turkmenen war mir bereits aus Reiseberichten anderer Radler bekannt, die von der stundenlangen, akribischen Durchforstung des gesamten Gepäcks berichteten. Wir waren also auf das Schlimmste gefasst. Nachdem ein neunzehnjähriger Soldat am Eingang des Gebäudes wieder abermals unsere Pässe kontrollierte, wies man uns an, die Fahrräder in dem kleinen Vorraum der Station zu parken und in das Büro nebenan zu gehen.

Hielt, Hiels, oder so

Dort fragte uns ein Beamter mehrere Male nach „Hielt, Hielt“. Mehr als verständnislose Blicke erntete er dafür jedoch nicht. Ein anderer Soldat wurde herbeizitiert und versuchte es mit „Hiels, Hiels“. Jetzt dämmerte uns, dass er vermutlich das englische „Health“, Gesundheit, meinte. Wir versicherten ihm, uns bester Gesundheit zu erfreuen, worauf er mit einem Gerät, das einem Barcodescanner ähnelte, unsere Temperatur maß. Alles schien im grünen Bereich zu sein und unsere Daten wurden mit einem Kugelschreiber vom Reisepass in ein dickes Buch geschrieben. Der Beamte gab uns einen kleinen, rosa Zettel in Herzchenform als Bestätigung und schickte uns in die Abfertigungshalle.

Hey Dude, wo ist mein Handy?

Wir schoben gerade unsere Räder durch die Tür, als Mirko fassungslos feststellte, dass sein Handy noch am Ladegerät auf iranischer Seite hing. Ich erklärte den Beamten auf Türkisch das Dilemma und nach einigem Hin und Her und einem Telefongespräch mit der anderen Seite ließ man ihn zurückfahren. Währenddessen kontrollierte man wieder einmal unsere Pässe und übertrug unsere Daten von Hand in ein weiteres dickes Buch. Dann wurden wir zum Tresen des Immigration Office geschickt.

Immigration und Fußball

Nach einem kurzen Plausch über unsere Reise, den deutschen Fußball und das im östlichen Ausland allgegenwärtige Bayern-München sollten wir am Schalter nebenan unsere Gebühr für das Immigrationsprozedere entrichten. Wie alle zuvor, freuten sich auch die Angestellten des Kassenschalters darüber, dass ich halbwegs Türkisch sprach. Wer kommt schon nach Turkmenistan und kann die Landessprache? Mit Erschrecken musste ich feststellen, dass der Schalterbeamte mehr deutsche Fußballspieler kannte, als ich.

Wir bezahlten die 12$ Immigrationsgebühr und man drückte uns eine bereits vollständig ausgefüllte Zollerklärung in die Hand. Sogar meine Unterschrift hatte der Beamte schon draufgesetzt. Jetzt kam der prekäre Teil, denn nun ging es zur Sicherheitskontrolle.

Zoll ist überbewertet

LKWs an der Grenze zum Iran

LKWs an der Grenze zum Iran

Drei Angestellte, davon zwei in Militäruniform, betrachteten sichtlich unmotiviert unsere Fahrräder und baten jeden von uns, eine Packtasche zu öffnen. Einer der drei warf einen desinteressierten Blick hinein und signalisierte, dass alles in Ordnung sei. Ich überreichte die Zollerklärung, worauf der Beamte fragte, ob wir keine Laptops oder ähnliches dabei hätten. Ich erwiderte, dass ich ein Laptop habe, worauf er einen der Militärs mit dem Zettel zurück zum Kassenschalter schickte.

Zwei Minuten später gab er mir die korrigierte Zollerklärung zurück und wünschte uns einen schönen Aufenthalt in Turkmenistan. Statt der erwarteten zwei bis drei Stunden brauchten wir für die Gepäckkontrolle gerade einmal fünf Minuten. Ich mochte Turkmenistan. In der Zwischenzeit war auch Mirko mitsamt Handy wieder zurückgekehrt und durchlief das Prozedere des Grenzübertritts genauso problemlos und zügig.

In Turkmenistan ist alles flach.

In Turkmenistan ist alles flach

Offenbarung: Bier

Das erste Bier seit 2 Monaten

Das erste Bier seit 2 Monaten

Wir verließen die Grenzstation, fuhren in die einige Kilometer entfernte, turkmenische Grenzstadt Serakhs, das sozusagen die Altstadt des iranischen Sarakhs war, und taten etwas, das in acht Wochen Iran unmöglich war: wir gingen in den Supermarkt und kauften uns Bier. Die Preise waren hier vergleichbar mit denen in Deutschland, nur Zigaretten waren noch teurer. Man erzählte uns, der aktuelle Präsident sei militanter Nichtraucher und habe deshalb den Tabakpreis drastisch angezogen. In zwei Jahren sollen Zigaretten dann komplett vom Markt verschwinden. Ob der Konsum kriminalisiert werden soll, weiß ich allerdings nicht.

Bei sonnigen achtunddreißig Grad genossen wir im Schatten unter Bäumen das erste Bier seit langem und beschlossen, noch ein letztes Mal 6€ in Zigaretten zu investieren, bevor wir mit dem Rauchen aufhören würden. Mal wieder. Die ganze Zeit über wurden wir von einer Horde Kinder belagert, die neugierig alles antatschen und ausprobieren wollten. Trotzdem waren sie nicht nervig und eher interessiert als aufdringlich.

Turkmenische Kids machen auf Gangster

Turkmenische Kids machen auf Gangster

Wir entschieden uns dazu, statt der alten Seidenstraße, die angeblich in einem sehr schlechten Zustand war, den rund 40 Kilometer längeren Umweg über die Hauptstraße zu nehmen. Im Nachhinein hätten wir uns den Umweg sparen können, denn der Belag der sogenannten Hauptstraße war so zerfurcht und mit Schlaglöchern übersät, dass es vermutlich keinen Unterschied gemacht hätte.

Geschmücktes Auto für eine Heirat in Turkmenistan

Geschmücktes Auto für eine Heirat in Turkmenistan

Bewölkung

Gegen drei Uhr nachmittags zog etwas Bewölkung auf und wir hielten es für eine gute Idee weiterzufahren, solange die Sonne nicht mehr so erbarmungslos brannte. Die Siedlungen, an denen wir unterwegs vorbeiholperten, bestanden ausschließlich aus einfachen, kleinen Steingebäuden, zwischen denen nicht asphaltierte Sandpisten verliefen. Die Hauptstraße erstreckte sich ohne jegliche Biegung bis zum Horizont. Zu beiden Seiten der Straße sah man nichts außer Sand und knochigen, halb verdorrten Büschen.

Raststätte

Nach einigen Kilometern stellten wir fest, dass die Bewölkung die erdrückende Intensität der Hitze kaum minderte und machten an einer LKW-Raststätte halt, um im Schatten etwas zu trinken. Hier probierte ich zum ersten Mal das turkmenische Pendant zum türkischen Ayran und dem iranischen Dugh, an dessen Namen ich mich allerdings nicht mehr erinnere und den auch Google nicht ausfindig machen konnte. Es schmeckte nicht schlecht, war aber bedeutend saurer als Ayran, weniger salzig und ziemlich dickflüssig.

Man könnte meinen, eine kleine Pause im Schatten sei erholsam und mobilisiere die Kräfte, doch bei mittlerweile 41 Grad brachte der beste Schatten keine Erholung. Wir fragten, ob es an der Raststätte vielleicht einen Raum gäbe, in dem wir uns ausruhen könnten. Man geleitete uns in ein kleines, klimatisiertes Zimmer und deutete uns an, dass wir hier ein wenig schlafen könnten. Kostenlos.

Drei Stunden später wachten wir, immer noch erschöpft, wieder auf, kauften uns abermals Getränke und machten uns zur Weiterfahrt bereit. Ich fragte den Angestellten der Raststätte, ob hier viele Radfahrer vorbeikämen, worauf er versicherte, dass er derzeit täglich Radreisende sehe, die in die eine oder andere Richtung unterwegs seien. Dies war nicht verwunderlich, denn während es in der Türkei und dem Iran noch viele verschiedene Möglichkeiten gab, das Land zu durchqueren, so war man in Turkmenistan, bedingt durch das kurze Fünf-Tage-Visum, auf eine einzige, rund 500 Kilometer lange Strecke beschränkt.

Hier sind Ihre Schlüssel

Das Ende des ersten Tages in Turkmenistan

Das Ende des ersten Tages in Turkmenistan

Direkt nach Sonnenuntergang war es immer noch weit über 40 Grad.

Eigentlich wollten wir an diesem Tag mindestens 80 Kilometer machen, doch wegen der schlechten Straße, dem aufkommenden Gegenwind und der einsetzenden Dämmerung machten wir nach nur 45 Kilometern an einer kleinen Baustelle am Straßenrand Schluss. Vermutlich sollte das Gebäude mal ein kleiner Markt oder ein Restaurant werden, doch bisher war es nicht mehr als ein leerer Raum mit einer einzigen, grellen Glühbirne und einer kleinen Veranda.

Ich kochte gerade unser Abendessen auf der Veranda, als der Besitzer des Baus mit seinem Wagen vorfuhr und uns nicht etwa des Grundstücks verwies, sondern den Schlüssel anbot, so dass wir drinnen schlafen könnten. Wir lehnten jedoch ab, da wir bereits um 5 Uhr wieder auf den Rädern sein wollten, um der gleißenden Hitze und dem meist am späten Vormittag aufkommenden Gegenwind zu entgehen.

Wüstenschiff

Während des Abendessens sahen wir etwas, das in dieser Gegend vermutlich nichts Besonderes war und das aufgeschlossene, informierte Reisende wie uns nicht überraschen sollte. Trotzdem staunte ich nicht schlecht, als im Dämmerlicht plötzlich drei Kamele neben unserer Veranda vorbeigeführt wurden. Keine Dromedare, sondern richtige, zweihöckrige Kamele. Wir waren wirklich in der Wüste angekommen.

Keine Frühaufsteher

Meine Begeisterung fürs Radfahren hielt sich stark in Grenzen, als um vier Uhr morgens der Wecker klingelte. Die Tatsache, dass die beiden anderen erst um fünf aufstanden, trug ebenfalls nicht zu meiner Motivation bei. Um kurz vor sechs saßen wir endlich in den Sätteln. Zum Glück war es zu dieser Uhrzeit mit 26 Grad noch angenehm kühl.

Ein Blick nach rechts offenbarte einige Büsche, viel Sand und eine rubinrote Sonne über dem Horizont. Der Blick nach links zeigte einige Büsche, viel Sand, allerdings ohne Sonne. Nach vorne durchschnitt ein dunkelgrauer Asphaltstreifen das Gemisch aus Sand und Büschen. Nach hinten konnte ich neben Büschen, Sand und Asphalt noch zwei Radfahrer sehen. Mir war klar: Turkmenistan würde kein Land der landschaftlichen Superlative werden.

Wie wir uns durch die Hitze kämpften und uns der echten Wüste näherten, erfahrt ihr dann im nächsten Artikel.

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2 Gedanken zu „Erstkontakt mit Turkmenistan“

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