Bikes im Zug

Donauradweg – Von Passau bis Bratislava

Der Biergott erscheint

Feierabendbier

Etti und ich wohnten beide im Studentenwohnheim, als uns eines angeheiterten Abends der Biergott erschien und den Wunsch nach einer Radtour ins Gewissen pflanzte. Die Idee wuchs und gedieh, wurde jedoch in ihrer ersten Inkarnation durch eine Rippenprellung meinerseits zunichte gemacht. Doch im Jahr darauf erschien uns der Biergott erneut. Dieses Mal keimte der Wunsch nach einer 5-tägigen Radreise durch Deutschland, der schnell zu einer 8-tägigen Reise durch mehreren Länder erweitert wurde und durch meine Affinität zu Google Maps nach einigen Planungsstunden auf 14 Tage und 6 Länder angeschwollen war. Wieselflink buchten wir einen Rückflug aus Pula, bevor Ettis Freundin Einwände vorbringen konnte. Er war in den folgenden Tagen zwar allerhand Mordanschlägen mit stumpfen Küchengegenständen ausgesetzt, konnte diese dank seiner Aikidō-Künste jedoch alle geschickt abwehren. Jetzt mussten wir nur noch auf die Abfahrt warten.

Pflichtbewusst wie wir sind, begannen wir bereits am letzten Abend vor der Abfahrt die Gepäckträger zu montieren und unsere Packtaschen zu packen und kamen kurz vor Mitternacht endlich ins Bett. Aber was sind schon 4 Stunden Schlaf, wenn man vor hat, ohne jegliches Training 1300km in 14 Tagen zu fahren?

Ich stellte meinen Wecker auf sportliche 04:30, sprang am nächsten Morgen um 05:12 weniger sportlich, dafür durchaus panisch, aus dem Bett, putzte mir gleichzeitig die Zähne, räumte Essen vom Kühlschrank in meinen Rucksack, bestückte mein Fahrrad mit Packtaschen und stellte mir vor einen Kaffee zu trinken, bis ich nur 18 Minuten später am Saarbrücker Bahnhof ankam, wo Etti bereits nervös auf der Stelle trat. Kurz danach standen unsere Bikes im Zug und wir frühstückten zwischen besoffenen Diskoleichen sitzend.

Die nun folgende, unbeschreiblich spannende, zehnstündige Zugfahrt, die wir zwischen nervenden Fahrradfahrern in überfüllten Waggons verbrachten, dafür aber wenigstens mit Bier aus diversen Bahnhofskneipen, darf sich der gewillte Leser gerne selbst ausmalen.

Regen und Rentner auf dem Donauradweg

Der Donauradweg. Heute: überflutet.

Der Donauradweg. Heute: überflutet.

Direkt bei der Ankunft sahen wir uns der ersten unfreiwilligen Streckenänderung ausgesetzt.

Während der gesamten Zugfahrt war draußen herrliches Radelwetter, aber, wie nicht anders zu erwarten, fing es kurz vor Passau an zu regnen. Da es schon bald dunkel werden würde, besorgten wir uns im Lidl schnell etwas zu essen und fuhren zum Donauradweg. Dieser stand dummerweise gerade gut 20 Zentimeter unter Wasser, wodurch wir nach 500m bereits unsere erste unfreiwillige Streckenänderung machen mussten. Wir radelten einige Kilometer aus Passau heraus und schoben unsere Bikes unter einer Eisenbahnunterführung hindurch und, 2 Meter vorwärts schiebend, 1 Meter zurück rutschend, einen schlammbedeckten, steilen Hang hinauf. Oben konnte man tatsächlich gut campen und so war das Zelt schnell aufgebaut und es gab ein nahrhaftes Abendessen aus Gummibärchen und Bier. Ein Angler erzählte uns noch, wie toll er das Regenwetter fände und nachdem wir beschlossen hatten ihn für diese Aussage nicht zu töten, legten wir uns schlafen.

Frühstücksbier an der Donau

Frühstücksbier

Denn nur mit einem Frühstücksbier startet man gestärkt in den Radtag.

Der nächste Morgen war kühl, aber trocken und nach einem stärkenden Frühstücksbier starteten wir in den ersten richtigen Tourtag. Der Donauradweg erreichte gegen 12 Uhr seine höchste Fahrradrentnerdichte. Anschließend leerte und füllte er sich umgekehrt proportional zur Stärke des gerade fallenden Regens. Meine Regenkleidung verfehlte ihren Zweck, da sie irgendwann außen trocken und innen nass war, aber kurz bevor wir in Linz ankamen schien sogar die Sonne und wir konnten unsere Sachen trocknen. Ursprünglich wollten wir in der Weltstadt Linz unbedingt ein Bier trinken. Leider fanden wir die Stadt so scheußlich, dass uns der Durst schlagartig verging und wir sie sofort wieder verließen. Der weitere Weg führte uns durch Enns, Österreichs älteste und vermutlich auch langweiligste Stadt, bis wir schließlich in Markthausen irgendwo im Gebüsch zelteten.
Donauradweg bei schlechtem Wetter

Donauradweg bei schlechtem Wetter

Der Druck steigt

In dieser Nacht passierte etwas, das uns die gesamte Tour hindurch begleiten sollte und auch auf allen folgenden Touren ein immerwährendes Phänomen sein würde. Unsere Verdauung wechselte nämlich vom „Normalmodus“ ins „Radreise-Programm“, welches den menschlichen Verdauungstrakt befähigt, Unmengen von Teigwaren in Rekordzeit die Nährstoffe zu entziehen und gleichzeitig kubikmeterweise nach Jauchegrube riechende Flatulenzen zu erzeugen.

So kletterten wir früh morgens etwas benebelt aus unserem Zelt und blickten glücklich furzend über die nebelbedeckte Wiese in den Sonnenaufgang. Schon bald wieder unterwegs auf dem Donauradweg bemerkte ich, dass in dieser Gegend unheimlich viele Spanier unterwegs waren. Vermutlich ist die Donau für Spanier das gleiche, wie die Loreley und Neuschwanstein für Japaner. Als wir an einer Kreuzung anhielten um einen Blick aufs GPS zu werfen, näherte sich uns ein freundlicher Ureinwohner Österreichs und begann gestikulierend mit uns zu sprechen. Leider verstanden wir kein Wort und Etti sagte entschuldigend: „Es tut mir Leid, aber wir sprechen ihre Sprache nicht.“ Halb murrend, halb lachend, entfernte sich der bärtige Mann wieder, aber was soll man machen, wenn einfach keine Kommunikation möglich ist?

Bahnhof Schild Spitz an der Donau

Bahnhof: Spitz an der Donau

Herr Ettinger, auch hier, in seinem Element

Wir fanden den richtigen Weg und fuhren durch Orte mit tollen Namen wie „Albern“ und „Spitz an der Donau“. Natürlich konnte Etti nicht umhin, sich mit ausufernder Gestik vor den entsprechenden Schildern fotografieren zu lassen.
Ortsschild Albern

Albern bei Albern

Herr Ettinger in seinem Element

Dorfansicht: Spitz an der Donau

Dorfansicht: Spitz an der Donau

Der beschwerliche Weg zur Burg Dürnstein

Blick über die Donau auf Dürnstein.

Ort und Burgruine Dürnstein

Eigentlich wollten wir an diesem Tag bis Krems an der Donau kommen, doch plötzlich sahen wir auf einem Hügel am Rande der Donau eine Burgruine und uns beiden war sofort klar, dass dies unser Nachtquartier werden sollte. Durch den Ort Dürnstein kamen wir zu einer schmalen und steilen Straße die bald in einen noch schmaleren und noch viel steileren Fußweg übergehen würde. Schwitzend und nicht ohne Verluste quälten wir uns mit den Bikes bis zur Burgruine hinauf, bis wir oben bemerkten, dass sich nicht nur die Sohle von Ettis Fahrradschuhen abgelöst hatte, sondern wir auch vergessen hatten, im Ort Wasser zu besorgen.

Burg Dürnstein

Chillen auf Burg Dürnstein

Der Weg zur Burg war abartig steil, weshalb hier oben kaum Touristen anzutreffen waren.

Etti opferte sich, nochmal hinunter zu fahren und unten ein Hotel zu suchen um nach Wasser zu fragen, während ich oben das Zelt aufbaute. Gegen Abend beschlossen wir, dass die Zeit für etwas Körperhygiene gekommen sei, füllten unsere beiden Kochtöpfe mit Wasser – einen für Seifenwasser, einen für sauberes – und begannen uns zu waschen. Aufgrund eines Synchronisationsfehlers im Algorithmus der beiden sich waschenden Parteien tauchte Etti irgendwann seinen Waschlappen in genau den Wassertopf, in dem ich einige Momente zuvor meinen eigenen ausgewrungen hatte. Was ich damit sauber gemacht hatte, kann sich der aufgeweckte Leser bestimmt denken. Doch als ich den Fauxpas bemerkte, war es bereits zu spät und Etti wischte sich mit dem Waschlappen genüsslich durchs Gesicht. Plötzlich hielt er inne, blickte mich einige Augenblicke lang entsetzt an und fragte ängstlich: „Ich hab‘ da nicht gerade …?“ Ich grinste nur und begann mich abzutrocknen, während er Laute von sich gab, für die jeder Splatterfilm-Regisseur dankbar gewesen wäre.

Vienna calling

Donauradweg im Flachland bei Grafenwörth

Donauradweg im Flachland bei Grafenwörth

Hier entfaltet der Donauradweg sein volles Potenzial 🙂 Aber wenigstens musste man sich hier nicht durch Horden von anderen Radfahrern drängeln.

Die weitere Fahrt bis Wien war genauso unspektakulär wie der Donauradweg flach. Nachdem wir bisher zwischen bewaldeten Hügeln und durch alte Dörfer gefahren waren, wichen diese nun einer flachen Landschaft mit Feldern und Industrie. Das Highlight des Tages war vermutlich die Konversation zwischen mir und einer Supermarktverkäuferin mit Dialektscheuklappen:
Sie auf tiefstem Österreichisch: „Des mocht zwäh drrraiuntzwonnzick.“
Ich auf tiefstem Saarländisch: „Wahtnse, aich loun moll ob aich Klähngält hann.“
Sie verdutzt: „Bitt’äh?“
Ich mit Nachdruck und erhobenen Augenbrauen: „Klääääähngält!“
Ignorant wartete sie nicht und gab mir schweigend mein Wechselgeld zurück. Ich nahm mir vor ab sofort bei jedem Auslandsaufenthalt die Landessprache wenigstens rudimentär zu erlernen.

Schild Donau Kanalradweg in Wien

Donau analradweg in Wien (nein, ich habe mich nicht vertippt)

Bei Sonnenuntergang erreichten wir einen Zeltplatz einige Kilometer vor Wien, fuhren dort noch zweimal im Kreis, damit unser Tacho die schöne, runde Zahl 120km zeigen würde und bauten unser Zelt auf. Etwas später rollten wir ins Zentrum von Wien, radelten bei Dunkelheit ein wenig durch die Stadt und kamen zu dem Schluss, dass Wien zwar recht hübsch und sauber war, aber auch sehr touristisch und versnobt. Da wir allerdings beide keine wirklichen Stadtfans sind und ich mir vorstellen kann, dass Wien auch seinen ganz eigenen Charme hat, wenn man sich genügend Zeit lässt, die Stadt zu erkunden, ist unsere Bewertung wohl nicht zu ernst zu nehmen. Etwas enttäuscht pedalierten wir schließlich wieder zurück zum Campingplatz.

Mit Bier verirrt in Bratislava

Karlova Ves - ein Vorort von Bratislava

Karlova Ves — ein Vorort von Bratislava

Mit klirrendem Schädel wachten wir später als gewollt auf und versuchten, möglichst ohne unsere schmerzenden Köpfe nach unten zu halten, das Zelt abzubauen und die Packtaschen zu packen. Wir hätten sogar geschafft um 9 Uhr auf den Fahrrädern zu sitzen, wenn sich durch das unglaublich transusige Campingplatzpersonal nicht alles in die Länge gezogen hätte. Des Pestoessens überdrüssig, kauften wir im nächsten Hofer Wiener Würstchen und ein Bataillon Brötchen und vertrieben frühstückend unsere Kopfschmerzen. Über die Donauinsel, auf der Campen problemlos möglich gewesen wäre, und vorbei am FKK-Bereich des Wiener Abschnitts des Donauradwegs, erreichten wir einen Überflutungsdamm. Dies war eine langweilige und fast kurvenfreie Strecke durch ein Naturschutzgebiet, auf der wir für die nächsten 35 Kilometer bleiben würden.

Säule irgendwo in Bratislava.

Eine Säule irgendwo in Bratislava.

Auf der Flucht vor dunklen Gewitterwolken verließen wir über Feldwege Österreich und steuerten, vorbei an malerischen Plattensiedlungsvororten, auf Bratislava zu. Dort angekommen fanden wir nach nur einem Fehlversuch ein Hostel für 35€ pro Zimmer. Relativ teuer, denn in Bahnhofsnähe gäbe es angeblich auch Zimmer für unter 10€ pro Person, aber da wir nur eine Nacht bleiben wollten und nicht vorhatten, den halben Abend mit der Suche nach einem billigeren Zimmer zu verbringen, nahmen wir das Zimmer.
Dingel Dongel Apparat

Dingel Dongel Apparat

Erst fand ich es doof, dann wollte ich nicht mehr runter. Das Ding konnte aber kein Opeth.

Wir duschten, kühlten unsere verpackten Lebensmittel im mit Wasser gefüllten Waschbecken, erwarben ein buntes Sortiment lokaler Biersorten und begannen durch die Stadt zu laufen. Uns gefiel Bratislavas östlich angehauchtes Kleinstadt-Flair bedeutend besser als die weißen Wiener Prunkbauten. Bier trinkend schlenderten wir einige Stunden planlos durch die Innenstadt. Nachdem wir einige Male im Kreis gelaufen waren, entschieden wir uns, zurück zum Hostel zu gehen. Leichter gesagt als getan, wie sich herausstellen sollte, denn vorbei an Spaniern, die sich im Schaufenster Flüge nach Spanien anschauten und Bürgersteigen, die hier bereits um Mitternacht hochgeklappt wurden, liefen wir noch einige weitere Male im Kreis, bevor wir feststellten, dass wir bereits drei oder vier Mal ganz knapp an unserem Hostel vorbeigelaufen waren ohne es zu bemerken. Im Nachhinein kann ich Bratislava nur empfehlen. Einfach ein Hostel suchen, ein paar Bier kaufen und der Stadtbesichtigung freien Lauf lassen.
Etti vor Graffitiwand bei einer unserer Lieblingsbeschäftigungen: Bier trinken.

Etti vor Graffitiwand bei einer unserer Lieblingsbeschäftigungen: Bier trinken.

Nach 5 Tagen und einem Zwischenstand von 463km verlassen wir nun den Donauradweg und fahren im nächsten Teil der Radreise vorbei am Plattensee in Ungarn bis nach Zagreb in Kroatien.

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