Vorsicht, Kamele!

Die Karakum Wüste

Überraschende Begegnung

Sand und Sträucher, überall

Sand und Sträucher, überall

High Noon, das Thermometer zeigt 42 Grad, der Wind bläst uns ins Gesicht und wir haben Durst. Im Wilden Westen würde man jetzt in einen Saloon gehen und einen Whiskey bestellen. In Turkmenistan setzt man sich in einen Truck-Stop und bestellt ein Bier.

Wie schon im Iran, gab es auch in Turkmenistan viele Lokale, wo man im Außenbereich im Schatten unter Bäumen auf kniehohen, kissenbedeckten Plattformen Tee trank oder zu Mittag aß. Wir zweckentfremdeten die Sitzecke für einen ausgedehnten Mittagsschlaf. Das hätte auch wunderbar funktioniert, wenn sich nicht permanent und genau in dem Moment, wo ich kurz vor dem Einschlafen war, eine Fliege auf Arm, Bein oder Gesicht niedergelassen hätte und mich so jäh aus dem Dämmerzustand riss.

Nach zwei Stunden gaben wir den Versuch zu schlafen auf und beschlossen, im Truck-Stop nebenan ebenfalls ein Bier zu ordern, bevor wir weiterfuhren. Die Gesichtszüge des Barkeepers schienen uns überhaupt nicht Turkmenisch. Während er uns uns zwei eiskalte Bier zapfte, stellte sich im Gespräch heraus, dass er ursprünglich aus Georgien kam und nur zeitweise hier arbeitete. Ich fragte, aus welcher Stadt er komme, worauf er antwortete, seine Heimatstadt sei Akhaltsikhe. Er war so erfreut darüber, dass ich bereits zwei Mal durch die Stadt geradelt war und „Prost“ auf Georgisch sagen konnte, dass er uns sogleich eine leere Literflasche Cola mit Bier füllte und als Geschenk überreichte.

Come, Eat, Sleep, No Pay

Gegen Abend erreichten wir einen der vielen Checkpunkte der Verkehrspolizei. Die Beamten machten uns klar, dass sie uns nicht weiterfahren lassen würden. Es werde bald dunkel und wir hätten keine adäquate Beleuchtung am Rad. Außerdem sei es in der Wüste gefährlich. Vor allem nachts. Erst letztlich sei ein LKW-Fahrer mit einem Motorschaden am Straßenrand gestrandet und während er in seinem Gefährt schlafend auf Hilfe wartete, von einem Skorpion gebissen worden und gestorben. Nach kurzer Diskussion und Demonstration unserer Beleuchtung sagten sie, wir könnten zwar weiterfahren, doch direkt hinter dem Checkpoint sei ein Park, in dem wir übernachten könnten, wozu sie uns eindringlich rieten.

Truckstop am Anfang der Karakum Wüste

Truck-Stop am Anfang der Karakum Wüste

Man ließ uns hier kostenlos schlafen und gab uns sogar ein Abendessen.

Ich war mir nicht ganz sicher, was an einem Park in der Wüste sicherer sein sollte, als an der Wüste selbst, aber wir beschlossen, den Park zu begutachten. Besagter Park entpuppte sich als Parkplatz für LKWs mit angeschlossenem Restaurant und Übernachtungsmöglichkeiten. Noch bevor wir unsere Räder abstellen konnten, kam bereits der Besitzer der Anlage herbeigeeilt und rief uns freudig zu: „Ah, Tourist, Tourist, come, come, eat, drink, sleep, no pay, no pay!“ Essen, Trinken, Schlafen, ohne zu bezahlen? Das Angebot war zu gut, um wahr zu sein und natürlich suchte der Deutsche in mir sofort den Haken.

Der Besitzer zeigte uns einen klimatisierten Raum, auf dessen Boden unzählige große Schlafkissen lagen, führte uns zurück zur Feuerstelle, überreichte uns zwei eiskalte Bier, bot uns Zigaretten an und servierte uns etwas später eine deftige Fleischbrühe mit Brot und Salat. Alles ohne Haken. Er erzählte, an seiner Raststätte kämen häufig Fahrradreisende vorbei und er freue sich immer, ihnen Essen und ein Bett anbieten zu können. Stolz zeigte er uns ein Foto der letzten beiden Radtouristen. Ich wollte es kaum glauben, als ich die beiden auf dem Foto als Flo und Minxin erkannte. Die Welt der Radreisenden ist klein.

Es gesellten sich zwei weitere Turkmenen hinzu, die erzählten, dass sie ihre Regierung, gelinde gesagt, hassten. Ihr Präsident sei ein Diktator und das Land habe ernsthafte Probleme. Ein anwesender Polizist stimmte zu. Es gab also auch andere Meinungen als jene, die Maks vertrat.

Die Bikes im Lampenschein

Die Bikes im Lampenschein

Nachtfahrt

Am nächsten Tag wollten wir eigentlich um halb vier morgens aufstehen und sofort auf die Bikes steigen, da die Hitze tagsüber unerträglich geworden war und der Gegenwind die verbleibende Motivation vollends zermürbte. Aber leider verschlief ich und wurde erst um viertel nach fünf wach. Ich weckte Mia auf, die jedoch keine Lust hatte, jetzt loszufahren. Sie behauptete, wir hätten abgemacht, nachts zu fahren und tagsüber zu schlafen. Ich konnte mich zwar nicht an die Abmachung erinnern, aber eigentlich fand ich die Idee gar nicht so schlecht.

Gegen halb elf nachts fuhren wir schließlich los. Der Wind war auf ein erträgliches Maß gesunken und die Temperatur lag bei wohligen 39 Grad. Weil ich es im Gegensatz zu Mia nicht geschafft hatte, den kompletten Tag über zu schlafen, war ich jetzt todmüde. Die Nacht war sternenklar und der Mond war voll. Es war so hell, dass man problemlos ohne Beleuchtung fahren konnte. Es herrschte fast kein Verkehr und ich muss zugeben, dass es ein ganz besonderes Erlebnis war, bei Nacht durch die Wüste zu fahren.

Im Mondlicht der Karakum-Wüste

Im Mondlicht der Karakum-Wüste

Im Umkreis von dutzenden Kilometern um uns herum gab es nichts außer Sand, Dünen und kleinen Büschen mit knochigen Ästen. Das Mondlicht tauchte die Landschaft in ein surreal-silbriges Licht, das alle Farben in einen Fluss aus Schwarz und Weiß, Silber und Grau verschwimmen ließ. Das Rauschen des Windes, der gelegentlich vorbeifahrende LKW, dessen Scheinwerfer bereits aus vielen Kilometern Entfernung sichtbar waren und unser eigener Atem waren die einzigen wahrnehmbaren Geräusche.

Nachtbar im Nichts

Getränkestand mitten im Nirgendwo

Getränkestand mitten im Nirgendwo

Gegen zwei Uhr morgens erreichten wir ein scheinbar ins Nichts gepflanztes Hotel, dessen Minishop um diese Uhrzeit leider geschlossen war. Doch ein Stück weiter erspähten wir ein Licht am Straßenrand, das sich als kleine Holzbaracke entpuppte, aus der zwei junge Turkmeninnen Cola und fermentierte Gorgonzolasuppe an Fernfahrer verkauften. Wir gönnten uns eine Cola. Wir wussten, dies würde die letzte Trinkstation für viele Kilometer sein.

Samsa - turkmenische Teigtaschen

Samsa - turkmenische Teigtaschen

Fast so lecker wie georgische Chinkali.

Der Morgen begrüßte uns mit einer schier endlosen Dämmerung, die in einen bombastischen Sonnenaufgang über der Wüste überging. Um sieben Uhr erreichten wir den nächsten Truck-Stop. Zum Erstaunen der Angestellten bestellten wir zu dieser ungewöhnlichen Uhrzeit zwei Bier und einige Samsa – das turkmenische Pendant zu russischen Pierogge, georgischen Chinkali und deutschen Maultaschen. Wir fragen die Angestellten, ob wir hier schlafen könnten. Wie nicht anders zu erwarten, war es kein Problem und wir machten uns auf einem der Sitzpodeste vor der Klimaanlage breit.

Vor dem klimatisierten Keyik Kafesi

Vor dem klimatisierten Keyik Kafesi

Truck-Stops dienten uns zwei Tage lang als Schlafplätze.

Feuersbrunst

Erholung im Truckstop

Erholung im Truck-Stop

Viele Stunden später wachte ich mit kräftigem Harndrang auf. Mia meinte, die Toilette sei einige Meter hinter dem Gebäude. Es sei das kleine Steinkabuff links hinter dem Esel. Sie habe bei ihrem letzten Toilettengang auf’s Thermometer geschaut und satte 48 Grad abgelesen. Ich trat durch die Eingangstür ins Freie und dachte bei mir: „Ach, so schlimm ist die Hitze ja gar nicht.“ Genau in diesem Moment frischte der Wind auf und blies mir eine Feuersbrunst an die Backe, als sei ich aus Versehen kopfüber in einen Fluss aus Lava gestolpert. Ich erwartete, dass meine vertrocknete Haut sich von den Wangen löste und im Wind verglühte, noch bevor sie den Boden erreichte, so wie man es aus Hollywoodfilmen kannte, wenn die Hitzewelle einer Atombombe auf die überraschten Menschen traf. Zum Glück trat dieser Fall nicht ein.

Vorsicht, übercool!

Vorsicht, übercool!

Fährt man im Sommer durch Turkmenistan, kann man kaum glauben, dass hier die Temperaturen im Winter auf minus vierzig Grad fallen können. Doch im Moment war ich froh, nur wenige Meter von einer Klimaanlage entfernt, bis zum Einbruch der Dunkelheit weiterschlafen zu können. Um halb elf abends traten wir, nach der obligatorischen Portion Spaghetti, bei angenehmen 37 Grad die zweite Wüstenetappe an.

Das Ende der Wüste

Einige Stunden vor Tagesanbruch tauchten hinter einer kleinen Anhöhe die grellen Lichter von Türkmenabat auf. Nachdem wir zwei Tage lang durch menschenleere Ödnis gefahren waren, stachen die blendenden Lichter des monströsen Basars fünfzehn Kilometer vor der Stadt in unsere Augen. Hier hatte man einen Konsumtempel der Superlative aus dem Boden gestampft, umgeben von einer abendländischen Fassade und vollgestopft mit westlicher Mode und Technologie. Beides „Made in Fernost“.

Noch im Dämmerlicht erreichten wir den Stadtrand von Türkmenabat. Unsere Kehlen waren so vertrocknet, dass sogar sprechen schwer fiel. Doch zufällig tauchte gerade in diesem Moment ein Getränkeverkäufer am Straßenrand auf. Ich fragte, ob er kalte Fanta oder Cola habe, worauf der junge Mann kurz verschwand, um mit zwei Flaschen des köstlichen Erfrischungsgetränks zurückzukehren. Ich fragte nach dem Preis, doch er antwortete immer wieder mit unverständlichem Gebrabbel oder tat so, als verstünde er mich nicht.

Beschiss!

Was soll’s! Ich riss den Deckel der Cola auf und saugte gierig an der Flasche. Von kalt keine Spur! Morgenmittelstrahlwarm war sie! Aber egal. Hauptsache süß und flüssig. Wir erwarben noch zwei Zigaretten von unserem Nachthändler und wollten dann bezahlen. Umgerechnet fast 8 Euro sollte der Spaß kosten. Es folgte eine hitzige Diskussion, an deren Ende wir immer noch fast fünf Euro für 2 Liter Limo und zwei Zigaretten bezahlt hatten. Wenigstens konnte ich beim Verlassen des Grundstücks mein gesamtes, wenn auch kleines, Repertoire türkischer Beleidigungen zum Besten geben.

Türkmenabat

Idyllischer Schlafplatz in Türkmenabat

Idyllischer Schlafplatz in Türkmenabat

Türkmenabat war die bisher hässlichste Stadt, die wir besucht hatten.

Türkmenabat belegt auf meiner Liste der hässlichsten Städte zweifelsfrei einen der oberen Plätze. Auch wenn es sich um einen wichtigen Knotenpunkt der alten Seidenstraße handelte, an dem die Wege nach Buchara, Merw und Xiva zusammenliefen, konnte ich der Viertelmillionenstadt nichts abgewinnen. Sie bestand aus drei unendlich langen Parallelstraßen, die hie und da durch Querstraßen verbunden waren. Die Straße war gesäumt von unzähligen Regierungsgebäuden in feinster Sowjet-Architektur, lieblosen Wohnblöcken, verkommenen Lebensmittelgeschäften und hässlichen Frauen. Zugegeben, zwei Tage in der Wüste und die Tatsache, dass ich todmüde war, mögen meine Wahrnehmung ein wenig getrübt haben, doch eine Perle architektonischer Schönheit war die Stadt definitiv nicht.

Bis zur Grenze verblieben nur noch rund zwei Stunden Fahrzeit, doch um 6 Uhr morgens würde der Übergang noch geschlossen sein, so dass wir uns in einem der hässlichen Hinterhöfe Türkmenabats hinter einer Ansammlung schmuckloser Reihenhäuser noch drei Stunden schlafen legten.

Pontonbrücke in Türkmenabat

Pontonbrücke in Türkmenabat

Der Weg aus Türkmenabat heraus verlief erst durch ein riesiges, stinkendes Industriegebiet, bis wir schließlich eine provisorisch eingerichtete Pontonbrücke überquerten – die neue Brücke war gerade im Bau – und uns plötzlich zwischen Kühen und Feldern wiederfanden. Wir näherten uns der Grenzstadt Farap, von der aus noch rund 20 Kilometer bis zur Grenze verblieben.

Patrick

Äcker und Vieh bei Farap

Äcker und Vieh bei Farap

Ich hatte mich die gesamte Strecke durch Turkmenistan lang gewundert, keinen einzigen Radfahrer getroffen zu haben, war dies doch die einzige machbare Route vom Iran nach Usbekistan. Entweder fuhren alle exakt die gleiche Geschwindigkeit, oder aber es waren nicht so viele Radler unterwegs wie erwartet. Oder aber, die anderen fuhren alle tagsüber. Auf jeden Fall sollte es heute endlich so weit sein. Wir rollten gerade an der Tankstelle am Ortseingang von Farap vorbei, als wir dort einen Reiseradler entdeckten. Schwarzes Bike und rote Ortlieb Packtaschen, er selbst in stylisches Rot-Schwarz gekleidet, teure Sonnenbrille, eine dem Deutschen ähnliche Sprache sprechend; es musste sich um einen Schweizer handeln.

Patrick aus der Schweiz

Patrick aus der Schweiz

Auf dem Weg zur usbekischen Grenze lernten wir Patrick kennen, der von der Schweiz nach Ostasien radelt.

Unser neuer Mitreisender stellte sich als Patrick aus der Schweiz vor. Nachdem er nun längere Zeit alleine geradelt war, schloss er sich uns mit Vergnügen an. An einem Laden deckten wir uns mit Süßigkeiten und Getränken ein, denn unter Umständen konnte sich ein Grenzübertritt beliebig in die Länge ziehen. Schon im Laden schien mir Patrick nicht gerade die Ruhe in Person zu sein. Ich hatte den Eindruck, er rege sich leicht auf und teilte seinem Gegenüber dann frei heraus seine Meinung mit.

Zur Grenze

Wasser und Wüstensand

Wasser und Wüstensand

Meine Motivation, mit einem weiteren Choleriker unterwegs zu sein, hielt sich stark in Grenzen, doch es würde sich herausstellen, dass der erste Eindruck nicht immer der richtige war. Gegen einen mörderischen Gegenwind fuhren wir gemeinsam bis zur Grenzstation. Patrick erzählte, er habe vor der Reise im sozialen Bereich gearbeitet. Um genau zu sein, habe er ein Gefängnis geleitet. Man lernt ja so allerhand Leute kennen, doch einen fahrradweltreisenden Gefängnisdirektor hatte ich bisher noch nicht getroffen.

Einige hundert Meter vor der Grenze trafen wir auf die berüchtigten Geldwechsler. Wir wussten, dass wir in Usbekistan auf keinen Fall an einem Automaten Geld ziehen oder in einer Bank wechseln durften, da der Kurs dort mit ca 2500 Som pro Dollar denkbar schlecht war. An der Grenze bot man uns 4000 pro Dollar. Das entsprach in etwa dem, was ich gelesen hatte. Ich tauschte 200$ gegen einen dicken Stapel 1000 Som Scheine ein und wir rollten zum Tor der Grenzstation.

Wie es uns bei der Ausreise erging, erfahrt ihr allerdings erst im nächsten Nils Artikelsson.

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