Dank an die Belegschaft des Krankenhauses in Koson

Delirium, Spital und Plov

Wundersame Wundersamen

Schienen, Strommasten und Wüstensand

Schienen, Strommasten und Wüstensand

Außerhalb der Städte war dies oft das einzige, was man zu sehen bekam.

Als ich am Morgen aufwachte, ging es mir immer noch schlecht. Ich war die Nacht über einige Male ins Gebüsch gesprintet und es war keine Besserung in Sicht. Wir fuhren weiter, doch nach einigen Kilometern hielt ich erschöpft am Straßenrand an, stieß mein Bike ins Gebüsch und legte mich in den Schatten. Nichts ging mehr.

Mia versuchte, einen LKW anzuhalten, um ins nächste Krankenhaus zu gelangen, doch niemand blieb stehen. Zwei Arbeiter der Fabrik, vor der ich auf dem Boden lag, kamen zu uns herüber und fragten, ob wir ein Problem hätten. Ich erzählte von meinem Dilemma, woraufhin einer der beiden aufstand und im Gebüsch auf der gegenüberliegenden Straßenseite verschwand.

Er kam mit einer Handvoll kleiner, schwarzer Samen zurück und sagte, ich solle sie schlucken. Er selbst kaute ebenfalls einige, um zu zeigen, dass sie nicht gefährlich seien. Ich aß brav meine Medizin, die glücklicherweise fast geschmacklos war und die beiden Arbeiter schickten uns zu der einige hundert Meter entfernten Tankstelle. Dort würden wir sicher jemanden finden, der uns mitnähme.

Tankstellentrauma

Es handelte sich um eine Tankstelle für gasbetriebene Fahrzeuge und ich bekam bald den Eindruck, die Mitarbeiter seien zu vielen giftigen Dämpfen ausgesetzt gewesen. Nachdem wir zum geschätzt zwanzigsten Mal erklärt hatten, dass wir kein Russisch sprächen, aber einen Doktor suchten, fragte mich der Tankwart, ob es mir gut ginge. Ich verneinte und deutete auf meinen Bauch, worauf er hocherfreut lächelte und etwas auf Russisch sagte. Die Situation schien ausweglos.

Abermals versuchte ich dem Besitzer der Tankstelle zu vermitteln, dass ich einen Doktor brauchte. Ein findiger LKW-Fahrer schien verstanden zu haben, deutete auf eine Tür am anderen Ende des Geländes und sagte: „Toilet! Toilet!“

Nein, nix Toilet. Doktor. Ich schlug Doktor im Russisch-Wörterbuch nach. Es hieß: Doktor. „Doktor, Mann!“ Dieses Mal erklärte er uns, dass man im Tankstellengebäude auch duschen könne. Samuel Beckett hätte die Situation nicht absurder darstellen können. Schließlich schickte man Mia zu einem Fenster, wo uns ein Bediensteter helfen könne.

Unser vermeintlicher Helfer sprach allerdings nur Russisch. Abermals eilte der Besitzer herbei und hielt mir eine Flasche Wasser entgegen. Nett gemeint, aber leider nicht hilfreich. Ich fragte mich, wie es wohl wäre, mit der Belegschaft eine Runde Teekesselchen zu spielen.

Als letzte Amtshandlung führte mich der Chef in sein Büro. Er öffnete ein kleines Schränkchen und zeigte auf ein Sammelsurium verschiedenster Medikamente. Alle unbekannt. Ich solle mir doch etwas aussuchen. Er selbst habe allerdings keine Ahnung, was das alles sei. Ich lehnte dankend ab und verließ das Büro wieder. Der Tankwart eilte herbei und für einen Moment hegte ich einen Funken Hoffnung, dass er verstanden habe.

Er fragte grinsend, ob wir Russisch sprächen. Magen hin, Durchfall her, ich beschloss, dass es an der Zeit war, ein Päckchen Zigaretten zu kaufen. Die freundlichen Usbeken, die neben uns stehend ebenfalls rauchten, wiesen uns darauf hin, dass Rauchen schlecht für die Gesundheit sei. Ich dachte, nichts kann so gesundheitsschädlich sein, als an einer Gastankstelle zu arbeiten.

Als wir die Tanke wieder verließen, fragte einer der Mitarbeiter Mia noch, ob sie nicht doch duschen wolle. Dann war der Spuk vorbei. Es würde eine Weile dauern, meinen Glauben an die Intelligenz der Menschheit wieder zurückzugewinnen, doch im Moment hatte ich wichtigere Probleme. Wir waren einem Krankenhaus nämlich noch keinen Schritt näher gekommen.

Mit Felicitá nach Koson

Unsere usbekischen Retter

Unsere usbekischen Retter

Die beiden nahmen uns zu italienischen Schlagern in ihrem LKW mit ins nächste Krankenhaus.

Mia versuchte abermals, einen LKW anzuhalten. Diesmal hielt bereits der Erste an. Im Nu waren unsere Bikes im leeren Laderaum verstaut und wir holperten, mit Bobi und Jakub, zu viert nebeneinander sitzend, zu italienischen Schlagern durch die Mittagssonne Usbekistans. Wir erzählten von unserem Trip und davon, dass wir nur wenig Geld zur Verfügung hatten, worauf einer der beiden fragte, ob er uns Geld geben solle. Wir lehnten dankend ab, denn wir wussten ja, dass die meisten Leute hier selbst kaum genug zum Leben hatten.

Zu Al Bano und Rominas „Felicitá“ rumpelten wir durch eine öde Landschaft, vorbei an Kamelen, stetig auf die nächste Stadt zu. Koson. Hier sollte es angeblich ein Krankenhaus geben. Kurz vor der Stadt nahm sich einer der beiden ein Taxi, da er wusste, dass am Ortseingang eine Polizeikontrolle war und man nicht zu viert auf dem Vordersitz fahren durfte. Mein Glauben an die Menschheit wuchs.

Krankenhaus, die Erste

Flucht vor der Mittagshitze in Koson

Flucht vor der Mittagshitze in Koson

Am Krankenhaus angekommen, brachte uns Jakub zu einem Arzt. Wir verabschiedeten uns dankend von unseren beiden Helfern, doch im Krankenhaus sagte man mir dann, ich sei im falschen Krankenhaus. Man könne mir hier nicht helfen. Mein Glaube an die Menschheit sank. Etwas frustriert und sehr hungrig fuhren wir zu einem wenige Meter entfernten Imbiss und bestellten Samsa, die bereits aus Turkmenistan bekannten Teigtaschen.

Toiletten-Terror

Selbstverständlich musste ich sofort nach dem Essen wieder einmal eine Toilette auftreiben. Der Imbissbesitzer schickte mich zu einem rund hundert Meter entfernten, zerfallenen Gebäude. Mit höchster Konzentration und Körperspannung legte ich den unendlich weiten Weg zurück und fand mich am Eingang eines stillgelegten Hotels wieder.

Ein Polizist öffnete ein Fenster und ich rief ihm „Toilet!“ entgegen. Er deutete auf einen Hühnerverschlag im Garten des Polizeistationhotels. Der Geruch war schwindelerregend, die visuellen Eindrücke nicht minder abstoßend, doch das war jetzt alles egal. Ich ignorierte die Fliegen, Flecken und Fäkalien und ging ans Werk. So abstoßend es auch war, es war unglaublich erleichternd.

Krankenhaus, die Zweite

Zurück am Imbiss begleitete uns der nette Betreiber abermals ins selbe Krankenhaus, denn er war sich sicher, ich würde dort behandelt werden. Dieses Mal bat man mich tatsächlich in ein Untersuchungszimmer. Ich erkläre dem Arzt über „Google Translate“ mein Problem, worauf er mir mitteilte, ich müsse in das andere Krankenhaus wechseln. Mein Glaube an die Menschheit schwand.

Nach kurzen Hin und Her begleitete uns schließlich ein Angestellter im Mini-Krankenwagen zum richtigen Spital.

Krankenhaus, die Dritte

Wir bekamen ein kleines Zweibettzimmer und der Arzt, der leider nur Russisch sprach, untersuchte mich. Dann rief er einen Kollegen an, der halbwegs Englisch konnte. Dieser kannte jedoch den medizinischen Ausdruck für Kot nicht, so dass er mich fragte, was das Problem mit meiner Scheiße sei und wie oft am Tag ich denn so scheiße. Das Gespräch hatte einen etwas bizarren Unterton, doch es erfüllte seinen Zweck.

Die Krankenschwester und ich in Koson

Die Krankenschwester und ich in Koson

Man gab mir ein Antibiotikum gegen die Darmflora, Lactobazillus-Pastillen für die Darmflora, ein Glas Zucker-Kochsalzlösung, ein Mittel gegen Krämpfe, das ich jedoch nicht einnahm, und zwei Infusionen, vermutlich Salz und Glukose. Mein Glaube an die Menschheit stieg.

Die Analyse der Stuhlprobe am nächsten Tag blieb ohne Befund. Ich war auch seit gestern Mittag nicht mehr auf der Toilette gewesen. Mir ging es sogar ausgesprochen gut. Lediglich ausgelaugt fühlte ich mich immer noch. Sollten die Samen tatsächlich geholfen haben? Oder hatte ich es einfach ausgestanden? Es war mir schon fast peinlich, gesund im Krankenhaus zu liegen.

Nostalgie-Spital

Das Gebäude selbst glich einem Relikt aus den 60ern, in dem seit dieser Zeit nichts mehr erneuert worden war. Es war sauber, aber alt. Mia weigerte sich, Zigaretten und Wasser kaufen zu gehen, weil ihr der Weg zu weit war. Das Essen schmeckte ihr nicht, sie ärgerte sich darüber, dass die Krankenschwester ihr Nutellaglas immer vom Boden neben dem Bett auf den kleinen Schrank stellte und auch sonst hätte sie in Deutschland ja einen Tisch am Bett und hier nicht. Ich rechnete kurz nach, wie lange ihr Geld noch reichen würde.

Die Toilette des Spitals war leider defekt, so dass man zum Verrichten des Geschäfts auf das nebenan gelegene Plumpsklo musste. Da es den sanitären Einrichtungen der Polizeistation um nichts nachstand, erspare ich dem sowieso schon strapazierten Leser eine bildmalerische Beschreibung.

Qualitätssicherung

Am Mittag erschien eine dicke und scheinbar wichtige Frau. Sie stellte mir alle möglichen Fragen: an welchem Tag ich wo gegessen hatte, ob meiner Meinung nach im Krankenhaus alles richtig gemacht worden war, was ich über Usbekistan dachte. Es stellte sich heraus, dass sie zum Qualitätsmanagement gehörte und scheinbar die Gelegenheit nutzen wollte, einen Ausländer zu interviewen.

Bitte wiederholen

Im Krankenhaus schaffte ich es, ein wenig an radwild.de-Artikeln zu arbeiten. Dabei fiel mir auf, dass ich im Delirium innerhalb weniger Stunden drei Mal die gleiche Sprachaufnahme gemacht hatte, mit lediglich kosmetischen Unterschieden. Ich glaube, mir ging es wirklich nicht gut. Auf einer der Aufnahmen brüllte mir ein besoffener Usbeke schräg von der Seite ein „Salam Aleikum“ ins Mikrofon. Ein erheiternder Augenblick inmitten meines Trübsals.

Plov-Power

Plov im Krankenhaus in Koson, Usbekistan

Plov im Krankenhaus in Koson, Usbekistan

Zum Abschied überraschte man uns mit selbstgemachtem Plov.

Am dritten Tag entließ man mich schließlich aus der Obhut der Weißkittel. Doch bevor wir losziehen durften, lud man uns zu einer Riesenportion Plov ein (auch Pilav oder Palov genannt), einem Reisgericht mit Zwiebeln, Brühe, Rosinen und Fleisch. Eine der Schwestern hatte es für uns zubereitet. Mit gesunder Verdauung und vollen Mägen verließen wir Koson und fuhren in Richtung Osten weiter.

Sonnenaufgang bei Qarshi

Sonnenaufgang bei Qarshi

Qarshi, die erste größere Stadt seit langem, hielt eine Überraschung für uns bereit. Einen richtigen Supermarkt, mit Fruchtsäften, Eis, Milch und fast allem, was das Herz begehrte. Außer Baguette und gutem Käse, versteht sich. Doch nach Wochen des Einkaufens in kleinen Dorfläden, die alle das gleiche, mickrige Sortiment führten, war es ein unerwartetes Stück Luxus.

Wie wir uns durch das usbekische Bergland kämpften, bei 40 Grad in der Ebene brüteten und schließlich gesund und munter die tadschikische Grenze erreichten, könnt ihr im nächsten Artikel lesen.

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Ein Gedanke zu „Delirium, Spital und Plov“

  1. Grandiose Erzählung. Auch wenn s für dich zu dem Augenblick im wahrsten Sinne des Wortes beschissen war hat s mich gerade sehr gut unterhalten… gute Weiterfahrt. Cheers Ricky Waschbär 😉

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